SOY SUPER ESPECIAL!

Nun sind schon drei Monate um und ich habe einerseits das Gefühl grade erst gelandet zu sein und andererseits alles schon ewig zu kennen. Mit meiner Gastfamilie versteh ich mich super und habe nicht das Gefühl erst drei Monate hier zu wohnen. Auch meinen Weg zur Arbeit kenn ich mittlerweile in und auswendig und weiß genau wo zu welcher Tageszeit welche Stände mit Essen, Klamotten, Elektronik und vielem mehr stehen. Einige Verkäufer und Kellner, die vor den Restaurants stehen, sehe ich täglich und wir grüßen uns mittlerweile schon mit Namen. Das ich noch gar nicht so lange hier bin merke ich dann, wenn ich neuen Dingen, Gewohnheiten und Traditionen begegne, die mir bislang unbekannt waren und natürlich, wenn ich mal mit meinem Spanisch an meine Grenzen stoße.
Da seit meines letzten Blogeintrags einiges passiert ist und ich in meinem Alltags- und Freizeitstress ganz vergessen habe mal wieder etwas zu berichten, möchte ich euch genau dazu, nämlich zu meinem Alltag einen kleinen Überblick geben.

Im September sollte ich nur vormittags arbeiten, um mehr Zeit zum Spanisch lernen zu haben. Diese habe ich natürlich genutzt und unzählige Vokabellisten, Karteikarten und Grammatikzettel erstellt und mit Paco immer wieder geübt Unterhaltungen zu führen. Mittlerweile ist mein Spanisch so gut, dass ich vieles verstehe (nur wenn es kompliziert wird ist das manchmal noch etwas schwierig) und mich auch ganz gut verständigen kann. Meine Grammatik ist jedoch noch sehr verbesserungsbedürftig und mein Wortschatz ausbaufähig, dennoch konnte ich schon einige nette Gespräche mit Mitarbeitern und Eltern im Projekt führen.

Im Oktober begann dann endlich der richtige Arbeitsalltag, zunächst aber einmal ein paar genauere Infos zu meiner Einsatzstelle „Yancana Huasy“.

"Yancana Husar" 
heißt so viel wie "Haus der Arbeit" und ist ein Projekt für Kinder und Jugendliche mit Behinderung.
Ziel ist es diese Kinder und Jugendlichen zu fördern und in die Gesellschaft zu integrieren, um dies zu erreichen arbeitet das Projekt sehr vielseitig. Zum einen gibt es die unterschiedlichsten Therapien (viele Kinder und auch einige Erwachsene kommen auch nur ein oder zwei Mal in der Woche zur Therapie und sind ansonsten nicht im Projekt), wie zum Beispiel Sprach-, Physio-, Ergo- und Psychotherapie. Neben der Therapie kommen viele Kinder den Vormittag oder den Nachmittag über und arbeiten in kleinen Gruppen. Dort wird dann dem Alter entsprechend unterrichtet.
Zudem arbeiten Jugendliche und junge Erwachsene in verschiedenen Werkstätten im Projekt und lernen dort Fähigkeiten in Bereichen wie Kochen, Nähen, dem Herstellen von Postkarten und vielem mehr.
Neben all diesen Arbeiten im Projekt besuchen die Mitarbeiter auch die Familien der Kinder regelmäßig um sich Wohnsituation und Lebensbedingungen anzuschauen und gehen in Regelschulen in welchen Kinder mit Behinderung integriert worden sind, um sich die Arbeit dort anzuschauen und gegeben falls die Lehrer zu beraten.

Mein Tag beginnt um halb sieben, denn um acht ist Arbeitsbeginn. Fertig gemacht und gestärkt vom Frühstück geht es ab zum Projekt. Zwanzig Minuten Fußweg liegen vor mir und dann erreiche ich endlich den Markt auf welchem zwischen all den Ständen und Sonnenschirmen der Eingang von "Yancana Huasy" liegt.

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Am Raum der Gruppe, in welcher ich an dem Tag arbeite, warte ich dann auf die Mitarbeiterin.
Zurzeit arbeite ich mit Kindern im Kindergarten- und Vorschulalter. Da die Gruppen, wie bereits erwähnt am Mittag wechseln arbeite ich jeden Tag in zwei unterschiedlichen Gruppen, welche jeweils aus bis zu neun Kindern bestehen (je nachdem ob Kinder aus der Gruppe Therapie haben oder krank sind, sind mehr oder weniger Kinder da). Zudem bin ich je nach Wochentag in einer anderen Gruppe, sodass ich zurzeit in vier Gruppen mit vier unterschiedlichen Lehrerinnen arbeite.
Die Struktur des Unterrichts ist in allen Gruppen ziemlich ähnlich. Zunächst wird jeden Tag das Wetter, der Wochentag und die Namen aller Anwesenden besprochen, wobei es für alles Lieder gibt (und selten nicht nur eines, sodass ich noch viel zu lernen habe). Anschließend wird immer etwas anderes gemacht. Mal wird gebastelt oder gemalt, mal massiert, etwas für die Sensorik gemacht oder einfach getobt. Jeden Mittwoch treffen sich zudem alle Gruppen, die Zeit haben, im Innenhof des Projekts und tanzen gemeinsam.
Ich unterstütze bei den Aktivitäten, denn meist benötigt jedes Kind jemanden, der ihm hilft, passe auf, dass kein Blödsinn veranstaltet wird und beschäftige die Kinder, wenn sie mal warten müssen. Zudem bleiben oft ein oder zwei Mütter die gesamten Zeit über dort und helfen zusätzlich.
Zwischen den Aktivitäten gibt es dann noch eine Essenspause, in der das zweite Frühstück bzw. der Nachmittagssnack gegessen werden und ich auch etwas esse und alle fünf Minuten Verschnaufpause haben (denn das ist meist der einzige Moment, in welchem mal alle Kinder auf ihrem Platz sitzen und ruhig und zufrieden sind).

Wenn es für mich nach der Hälfte des Tages dann zum Mittagessen nach Hause geht bin ich meist schon ziemlich geschafft und abends erstrecht, sodass ich am Abend meist nur noch mit ein wenig mit meiner Gastfamilie fernsehe oder UNO spiele und dann müde in mein Bett falle.
Ich bin zwar immer sehr geschafft und müde, dennoch macht mir die Arbeit mit den Kindern riesen Spaß und ich habe alle schon sehr liebgewonnen.

Neben meinem normalen Arbeitsalltag durfte ich auch schon einen Einblick in ein paar andere Arbeitsbereiche bekommen und einige besondere Ereignisse im Projekt miterleben.

Einen Vormittag durfte ich in einer Werkstatt mithelfen, in welcher Postkarten hergestellt werden. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen welche dort arbeiten, zeigten mir was zu tun war und ich half die Einzelteile der Postkarten zurechtschneiden und zusammenkleben, was sich aufgrund der vielen Kleinteile komplizierter gestaltete als gedacht. Zum Glück waren die Jugendlichen geduldig mit mir und erklärten mir alles genau.
Zudem durfte ich einen Morgen eine Mitarbeiterin zu Hausbesuchen begleiten. Wir fuhren mit dem Bus zu drei Familien und schauten uns die Häuser an und sie stellte Fragen zur familiären Situation, zu den Wohnverhältnissen und vielem mehr.

Besondere Aktivitäten und Feste wurden zudem auch schon veranstaltet. Um auch hierein einen kleinen Einblick zu bekommen möchte ich euch von zwei berichten.

Zum einen ging es am 05. Oktober für alle Mitarbeiter, Eltern und Kinder des Projekts raus aus dem Verkehrschaos und Lärm auf einen Ausflug nach Chaclacayo, einem Stadtviertel am Rand von Lima. Für den Ausflug trafen sich alle um acht nahe des Projektes an bestellten Bussen. Dort mussten dann zunächst alle Rollstühle Platz in den Gepäckräumen der Busse und die Gruppen den ihnen zugeteilten Bus finden. Nachdem Rollstühle, Kinder, Eltern und Mitarbeiter ihren Platz gefunden hatten kamen wir nach eineinhalb Stunden Fahrt am Rand von Lima in einem riesigen Park mit Wiesen, Spielplätzen und einem kleinen Freibad an.
Wir frühstückten auf einer großen Wiese, machten kleine Spiele in denen Kinder mit ihren Eltern gegeneinander antraten und nach einem weiteren Picknick zum Mittag ging es dann endlich ins kühle Nass.
Ja es war wirklich noch recht kalt und zunächst eine kleine Überwindung ins Wasser zu gehen, sodass viele den Nachmittag auch lieber auf den Spielplätzen verbrachten oder uns beim Frieren zuschauten.
Trotz der Kälte hat das Schwimmen großen Spaß gemacht und als es an der Zeit war zu gehen, wollten einige Kinder das Wasser gar nicht mehr verlassen.
Die Zeit verging einfach zu schnell und so ging es viel zu früh wieder auf den Heimweg.

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Ein weiterer besonderer Anlass, war am 06. Oktober der Tag der Menschen mit Behinderung, welcher natürlich im Projekt groß gefeiert wurde. Und nicht nur an diesem Tag, sondern die ganze Woche über gab es besondere Aktivitäten.
Dienstags nachmittags und donnerstags morgens machten wir uns mit Schildern, Ballons und vielem mehr auf und liefen mit allen Kindern über den Markt, welcher sich rund um das Projekt erstreckt. Auf unserem Weg sangen wir, riefen wer wir seien und was wir machen und erregten Aufsehen mit all den bunt geschmückten Rollstühlen und Plakaten. Wir informierten also ein wenig über das Projekt und machten auf die Arbeit dort aufmerksam.
Zudem trugen die Kinder Kronen mit ihrem Namen, einem Foto und der Aussage „Soy súper especial!“, was so viel heißt, wie „Ich bin super speziell!“.
Außerdem wurde fast jeden Tag mit allen Kindern im Innenhof des Projekts getanzt und in den Gruppen viel für die Umzüge über den Markt gebastelt.
Freitags gab es zum Abschluss der Woche dann noch eine Olympiade, bei welcher die Kinder in drei Teams aufgeteilt gegeneinander im Wettrennen bzw. die Rollstuhlfahrer im Wettkrabbeln und ähnlichem gegeneinander antraten. Ich war im blauen Team, welches am Ende sogar gewonnen hat.
Alle Kinder hatten einen riesen Spaß und freuten sich als am Ende jeder eine Medaille bekam.
Die Woche war sehr schön und ich fand es super, dass auf die Arbeit im Projekt aufmerksam gemacht wurde und somit auch die Einstellung der Menschen zu Personen mit Behinderung beeinflusst wird.

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Ich hoffe ich konnte euch einen guten Überblick über das Projekt geben und hoffe, dass trotz meines Alltagstrotts der nächste Blogeintrag nicht so lange auf sich warten lässt.

Annette


Ich versteh nur Bahnhof!

Am 08. August begann meine Reise nach Peru. Nach einem traurigen Abschied ging es ab ins Flugzeug nach Madrid und von dort aus dann weiter nach Lima.

Blick über Madrid

Trotz ein wenig Nervosität war mir noch nicht bewusst, dass ich Deutschland, meine Freunde und Familie und all das Bekannte nun für ein Jahr gegen ein mir unbekanntes Land auf der anderen Seite der Erde tauschen würde. All das realisierte ich erst so richtig als ich in Lima landete, doch um traurig zu sein war dort gar keine Zeit, denn mich erwartete direkt die erste unangenehme Überraschung. Am Ausgang des Flughafens, in den Unmengen an wartenden Menschen mit Schildern, war mein Name nicht zu entdecken. Trotz einer Stunde Warten und ständigem auf und ab gehen der Menschenmenge war nichts zu sehen. Schließlich nahm ich die Hilfe eines Taxifahrers an, denn diese fragten mich immer wieder ob ich Hilfe bräuchte. Der Mann konnte zum Glück ein wenig Englisch, sodass die Verständigung einigermaßen klappte und er für mich den Projektleiter anrief. So erfuhr ich dann, dass alle dachten ich würde erst einen Tag später in Lima ankommen, Projektleiter, dessen Sohn und der Fahrer des Projekts sich jedoch sofort auf den Weg zum Flughafen machen würden. Nach weiteren zwei Stunden Warten und unzähligen Momenten, in denen mir die Augen zu fielen wurde ich abgeholt und konnte auf dem Weg zu meiner Gastfamilie dann schon direkt erleben wie der Verkehr hier so abläuft. Jeder fährt scheinbar irgendwie und hubt dabei so oft wie möglich.

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In der Gastfamilie wurde ich dann herzlich empfangen und ganz lieb aufgenommen. Dank der Englischkenntnisse von Paco (dem Sohn des Projektleiters) und meiner Gastschwester klappte die Kommunikation auch ganz gut, denn ansonsten verstand ich trotz eines Spanischsprachkurses in Deutschland nur Bahnhof.
Nach der Langen und nervenaufreibenden Anreise ging es für mich dann erstmal direkt ins Bett etwas Schlaf nachholen.

Meine Gastfamilie und ich

Die ersten Tage in der neuen Umgebung waren trotz der wenigen Aktivitäten sehr anstrengend, denn nicht nur der Jetlag machte mir zu schaffen, auch die unzähligen spanischen Wörter, die nur so auf mich einprasselten machten mich ziemlich müde. Zudem war die Umstellung vom heißen Sommer Deutschlands zum Winter in Peru etwas ungewohnt (auch wenn man sich gefreut hat endlich mal nicht die ganze Zeit zu schwitzen). Und trotz des im Vergleich zu Deutschland sehr milden Winters (meistens waren es jetzt hier so zwischen 15 und 18 Grad) habe ich doch einige Male gefroren und mir etwas von der Hitze zurückgewünscht.

In meinen ersten eineinhalb Wochen hier hatten die Kinder im Projekt noch Ferien, weshalb nur vereinzelt Kinder zur Therapie dort waren und es für mich nicht viel zutun gab. Die Ruhe im Projekt nutzte meine Mentorin Ana um mir alle Mitarbeiter vorzustellen, von welchen ich mir auf die Schnelle leider nur sehr wenige mit Namen merken konnte. Sonst war ich in dieser Zeit nur noch zwei weitere Male dort und half aufräumen.
Die ganze freie Zeit nutzte ich sinnvoll und lernte Unmengen an Vokabeln (von denen ich das Gefühl habe, sie am nächsten Tag schon wieder vergessen zu haben). Zudem durfte ich bereits zwei Mal Paco nach Lima Zentrum begleiten, wo sich die Touristen aufhalten und ihn bei seinen "Free Walking Touren" mit Touristen begleiten. So kam ich in den Genuss schon mal ein paar interessante Sehenswürdigkeiten zu betrachten, etwas über die Geschichte zu erfahren und Pisco Sour und viele weitere Varianten von Pisco zu probieren und natürlich Ceviche (das Nationalgericht Perus) zu essen.

Auch in meiner Gastfamilie werde ich mit sehr gutem und sehr viel Essen versorg. Zusätzlich werde ich von jedem gefragt ob ich schon dies oder jenes probiert hätte und wenn ich verneine bekomme ich dies angeboten. All das Essen hier schmeckt mir sehr gut, auch wenn ich von Einigem nicht geglaubt hätte es zu mögen und meine Familie nie gedacht hätte, dass ich es essen würde (zum Beispiel Rinderlunge, die gibt es immer sonntags nach der Messe in einer Art Eintopf zum Frühstück). Auf jeden Fall liebe ich schon jetzt die peruanische Küche und das leckere Obst und Gemüse (,sodass ich befürchten muss in einem Jahr nach Hause rollen zu können).

Um noch einmal zur Arbeit zurück zu kommen. Nach der ganzen freien Zeit ging es für mich dann auch endlich richtig los. Zunächst war ich zwei Tage im Büro um mein Spanisch ein bisschen zu verbessern, denn wie gesagt, manchmal versteh ich nur Bahnhof (obwohl ich mittlerweile schon einiges verstehen kann und die Sprachkenntnisse immer besser werden). Die anderen Tage habe ich bis jetzt vormittags mal hier und mal dort geholfen, zum Beispiel durfte ich einmal in einer Werkstatt jungen Erwachsenen helfen Karten zu basteln. Nachmittags war ich dann bei einer Gruppe von Kleinkindern. Was zu tun war verstand ich trotz der Sprachbarriere schnell. Aufpassen, dass keines der Kinder wegrennt und gegebenenfalls wieder "einfangen" und darauf achten das niemand sonst irgendwelchen Blödsinn anstellt. Auch die nächsten Wochen helfe ich in Gruppen, in welchen die Kinder unter fünf Jahre alt sind. Mal wird gebastelt und gemalt und mal eine Art Hindernislauf gemacht. Die Arbeit macht mir sehr viel Spaß auch wenn ich anschließend manchmal sehr erschöpft bin.

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Ich werde euch berichten, wenn es was Neuen gibt!

Hasta pronto! (bis bald) - Annette