buñuelos y natilla

Mein November ging weiter mit dem Konzert Altavoz: ein kostenloses Kultur-Projekt der Stadt Medellin, bei dem man drei Tage lang alle möglichen Musikrichtungen live erleben konnte. Dazu gab es einige Essensstände, weshalb es mich an das ZMF aus Freiburg erinnerte…nur deutlich größer. Unteranderem war ich dort auf dem Konzert der Rap-Gruppe Peligroso, die mir später wieder im MAMM (Museo Arte Moderno Medellin) im Rahmen einer Ausstellung über erfolgreiche Künstler und Künstlerinnen aus Medellin begegnete.

Zudem nahmen die Weihnachtsdekorationen im November bereits volle Fahrt auf. Meine Nachbar*innen hatten bereits am 01.11. ihre gesamte Tür mit Plastik-Tannenzweigen in Kombination mit bunten Weihnachtskugeln und Lichterketten umrahmt. Das brachte mich immer wieder zum Schmunzeln, als ich das Haus betrat oder verließ. Es ist wirklich auffällig, wie viel, intensiv und farbenfroh hier dekoriert wird. Verschiedenfarbig blinkende Lichter sind dabei besonders beliebt. Das ist am lustigsten in Hochhäusern, bei denen aus jedem Fenster ein anderes Licht glitzert, blinkt oder die Dekoration des Balkons anstrahlt.

In dieser Zeit arbeitete ich verstärkt im Café Ruda, wodurch ich mehr mit meiner Arbeitskollegin ins Gespräch kam. Wir redeten viel über Belangloses, doch auch über unsere Kindheit, kulturelle Unterschiede und Zukunftsperspektiven. Sie ist ein Jahr älter als ich, studiert, jobbt  und wohnt in einer Wohngemeinschaft. Soweit alles “normal”. Doch wenn wir dann etwas mehr über unsere Vergangenheit reden, merkten wir schnell, dass wir alles andere als unter gleichen Bedingungen aufgewachsen sind.

Sie erzählte mir von der Situation in dem Dorf, in welchem sie zur Welt kam. Ein Dorf in Antioquien, wo Morde der Guerillas oder des Paramilitärs das Leben der Menschen bestimmt. Opfer dieser Morde sind vor allem Kinder und Jugendliche. Sie erzählte mir, wie sie mit sehr jungen Jahren tote Körper im Fluss treiben sah oder wie letztens ein Video von einem getöteten Mädchen, mit welchem sie zur Schule ging, in den sozialen Medien viral ging. Auch erzählte sie, dass die meisten Jugendlichen, die immer noch in dem Dorf leben, eine Karriere in einer kriminellen Gruppe erstreben.

Auf dieses Thema kamen wir, da die Situation in Robledo Aures, ein Viertel in meiner Nähe, in welchem zudem Freunde von mir wohnen, sehr angespannt ist. Grund dafür ist ein interner Streit und Kampf zwischen verschiedenen Gangs, die das Viertel kontrollieren. Daraus resultierten zehn Morde in einer Nacht, vier weitere am Tag darauf und eine, von den Gangs verhängte, Ausgangssperre ab 21 Uhr. Ab und zu musste ich an unsere Ausgangssperre in Deutschland während der Pandemie denken und wie viele Menschen in Folge dessen auf die Straße gingen, um für ihre Menschenrechte zu protestieren. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie so eine Aktion hier enden würde.

Mich betrifft diese Ausgangssperre nicht, da ich in Robledo Altamira wohne und somit in einem anderen Barrio des Distrikts. Meine Arbeitskollegin sagte dazu, dass das in vielen Dörfern Antioquiens und Kolumbiens sehr häufig vorkommt. Die Sperre läuft bisher bereits seit circa einem Monat und es ist noch kein Ende in Sicht.

Danach sprachen wir über unsere Bilder auf Instagram. Sie fragte mich wo eines meiner Bilder entstand. Ich überlegte kurz und sagte dann: “ich glaube in Portugal”. Sie schaute mich neidisch an und sagte: “wie cool es sein muss, in einem first-world-country geboren zu sein”. Mehr als ein stilles Nicken hatte ich als Antwort nicht parat, dennoch fühlte ich mich so, als müsste ich mich erklären. Doch inzwischen weiß ich, dass genau das der falsche Weg wäre, denn auch wenn ich in Deutschland ein gut-bürgerliches Leben lebe, bin ich hier reich.

Anhand des Reisens ist das gut erklärbar. Für uns ist es bestimmt eine sehr große Sache für einen Urlaub nach Thailand, Marokko oder Kolumbien zu fliegen, dennoch werden die Flüge und die Unterkunft unser größter Kostenpunkt sein, da das Leben vor Ort für uns sehr billig ist.

In Kolumbien herrscht ein Mindestlohn von 5.000 Pesos pro Stunde, das ist aktuell circa ein Euro. Natürlich ist das Leben vor Ort auch dementsprechend günstig, jedoch zahlen wir alle das Gleiche für internationale Flüge in der Währung des Euros oder Dollars. Dadurch ist es deutlich aufwändiger eine Süd-Nord Reise zu finanzieren, als anders herum. Auch deshalb arbeiten hier sehr viele Europäer oder Amerikaner remote, um so den Euro oder USD zu verdienen, aber den Peso auszugeben.

Nun zur Arbeit in meinem Projekt: im Mittelpunkt stand die Planung und Durchführung der Aktion zum 25.11., dem internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen. Im Rahmen dessen produzierte ich ein Video und Beitrag für die Organisation weltwärts über meinen Freiwilligendienst. Falls ihr euch dafür interessiert, findet ihr dieses hier.

https://www.weltwaerts.de/de/nachricht-freiwillige/Freiwilligenarbeit-Frauennetzwerk-Kolumbien.html

Das RFA (Red Feminista Antimilitarista) plante für diesen Tag zusammen mit andren feministischen Organisationen eine informative, öffentliche Ausstellung. Teil davon waren künstlerische Arbeiten, Workshops, Vorträge und Auftritte verschiedener Künstlerinnen, wie unter anderem der Escuela de Rap des RFA. An diesem Tag begleitete ich die Mädchen meiner Englischklasse zusammen mit einer Arbeitskollegin.

Für uns Deutsche ist der Dezember vielleicht ein ganz normaler Monat- klar freuen wir uns auf die Feiertage, Neujahr und mit viel Glück auf Schnee, aber mehr auch nicht. Hier in Kolumbien sieht das ganz anders aus. Sehr stark wurde mir verdeutlicht, dass der ganze Dezember Weihnachten ist und somit nur aus Festen besteht.

Los ging es mit der Feier vom 30.11. auf den 01.12., welche ich mit meinen Arbeitskolleginnen im Cafe Ruda verbrachte. Den ganzen Abend wurde viel getrunken, getanzt und auch gekocht, denn es gab Natilla mit Buñuelos (frittierte Teigkugel), eine sehr typische Weihnachtssüßigkeit Kolumbiens. Natilla ist ein Milchpudding mit Zimt. Sehr wichtig bei der Zubereitung ist es, dass die ganze Zeit im Topf gerührt wird, denn nur so ändert sich die Konsistenz von flüssig zu fest. Danach wird die Natilla auf Tellern portioniert und sobald sie kalt ist, gegessen. Diese wurde auf einem freien Feuer auf der Straße in einem großen Metalltopf hergestellt, während ich das Ganze beobachtete und natürlich erstmal den Brandschutz infrage stellte. Die Natilla wurden gemeinschaftlich für alle Besucher*innen der Straße hergestellt und auch an viele Obdachlose verteilt.

Als es dann soweit war, dass die Uhren von 11:59 auf 00:00 sprang, wünschten sich alle frohe Weihnachten und fielen sich in die Arme. Zudem hörte man laute Böller. Dieses Geräusch sollte mich noch den ganzen Dezember begleiten, da es eine Tradition in Medellin ist, den ganzen Dezember lautstark mit Feuerwerk, Böllern und Pyrotechnik zu feiern. Die Hintergründe dieser Tradition sind jedoch weniger feierlich, denn sie wurde 2003 von einem narco-paramilitärischen Mafioso ins Leben gerufen. Oft waren die Böller so laut, dass ich nachts aufwachte und wenn sie mir besonders nah und in bestimmten Rhythmen vorkamen, zweifelte ich, ob es sich wirklich noch um Böller handelte.

Ein paar Tage zuvor erreichte mich ein Paket aus Deutschland von meiner Familie. Darin war ein Adventskalender mit einer Lichterkette, Zimtsterne, Lebkuchen, Glühweingewürz und meine Lieblingsjeans, die ich zuhause vergessen hatte. Die Süßigkeiten lösten in mir Nostalgie aus- sie erinnerten mich an die schönen Festtage mit meinen Eltern und Schwestern, das gemeinsame Kochen, Schmücken des Baumes oder das Besorgen der Weihnachtsgeschenke in der Stadt. Für etwas Ablenkung lief ich in das Zimmer nebenan zu meiner Mitbewohnerin, teilte die Süßigkeiten mit ihr und sprach etwas über Weihnachten.

Eine Woche später, am 07.12., stand der nächste Feiertag an, die Noche de las Velitas. Bei diesem Lichterfest werden überall in den Straßen, Fenstern und Wohnungen Kerzen angezündet. Für jede Kerze, die man anzündet, hat man einen Wunsch frei. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich viele der Kolumbianer*innen an diesem Tag nur eine Sache wünschten: ein Sieg Medellins im Fußball-Liga-Finale gegen Pereira. Dieser Wunsch ging leider nicht in Erfüllung, denn Pereira besiegte Medellin in einem dramatischen Elfmeterschießen.

Wenige Tage später folgte die nächste Aktion: casa abierta (Tag der offenen Tür) des RFA. Dort wurden die Projekte, Workshops und Ergebnisse der Arbeiten der letzten drei Jahre ausgestellt. Zudem wurde erneut Natilla zubereitet, wieder über offenem Feuer direkt neben einer stark befahrenen Straße und wieder ohne Brandschutzvorkehrungen. Neben Buñuelos gab es dieses Mal ein weiteres Gebäck dazu, dessen Namen ich leider vergaß. Geschmacklich ist es mit unseren Scherben von Fastnacht vergleichbar. Am Abend trat die Escuela de Rap und eine andere Sängerin auf, was das ganze Haus zum Salsa und Bachata tanzen brachte. Nur in irgendeiner Ecke schliefen zwei Kleinkinder, denen die Lautstärke nichts auszumachen schien.

Etwas verspätet (aber besser spät als nie) machte auch ich mich auf die Suche nach Weihnachtsgeschenken für meine Familie in Deutschland. Dafür entschied ich mich ins Zentrum zu gehen, was in einer kompletten Reizüberflutung endete. Jedoch durchblickte ich schnell das System und die Verkaufsstrategie, die im Zentrum herrscht:

  1. Man spricht irgendeinen Verkäufer oder eine Verkäuferin an und sagt was man sucht, beispielsweise einen Rucksack.
  2. Man bekommt eine Wegbeschreibung zu einer Straße oder einem Einkaufszentrum, in der nur Rucksäcke verkauft werden. Dort angekommen findet man von Gucci bis zu Jack Wolfskin alles (natürlich nicht Original aber dafür sehr preiswert).
  3. Am besten zeigt man dann ein Bild von dem gewünschten Modell. Ist es jedoch nicht vorhanden, läuft der Verkäufer oder die Verkäuferin los, um dir genau dieses Modell zu suchen. Kurze Zeit später hat man dann den gesuchten Rucksack in den Händen. Die kommenden Sekunden sind entscheiden über den späteren Preis.
  4. Ganz wichtig ist, sich erstmal skeptisch zu zeigen. Dann inspiziert man den Rucksack ein bisschen und fragt, wie viel er kostet. Auf die Antwort muss prinzipiell erschrocken reagiert werden und mit dem Satz: „oh, das ist aber sehr teuer.“ Dann wird immer ein günstigerer Preis geboten, man selbst unterbietet erneut und trifft sich dann in der Mitte.
  5. Beide sind glücklich und man fand genau den Rucksack, den man wollte.

Nach zwei Stunden im Zentrum fühlte ich mich jedoch so erschöpft, dass ich den Heimweg mit der Metro antrat. Auf meine Metrokarte bin ich sehr stolz, denn es brauchte wirklich einige Anläufe und viel Zeit bis ich sie endlich hatte. Das lag vor allem daran, dass die Menschenmassen und resultierenden Warteschlangen in einer Großstadt wie Medellin oftmals endlos sind.

Am 14.12. hatte ich meine letzte Englischstunde mit den Mädchen im RFA, da ab dem 15.12. die Weihnachtsferien des Projekts begannen. Ich entschied mich dazu, einen Weihnachtsfilm auf Englisch zu schauen, worüber sich alle sehr freuten.

Der Abschluss des Arbeits-Jahres wurde mit einem 3-tägigen Ausflug in einer Finca im Norden Medellins gefeiert. Die erste Tat nach der Ankunft in der Finca, war das WM Finale Argentinien gegen Frankreich zu schauen, was für alle Frauen (und mich) eine wirklich sehr emotionale Angelegenheit war. Schnell wurde deutlich, dass Argentinien sinnbildlich für ganz Lateinamerika und somit für alle von Europäern kolonialisierten und unterdrückten Ländern steht. Der dramatische Sieg Argentiniens im Elfmeterschießen mündete daher in Tränen und lauter Freudenschreie meiner Arbeitskolleginnen (und mir). Das Wochenende war neben viel Entspannen und Feiern jedoch auch dazu da, das Jahr zu reflektieren und Zukunftswünsche für das Red Femninista Antimilitarista zu formulieren.

In dieser Zeit bekam ich eine Einladung meiner Arbeitskollegin Gloria mit ihrer Familie Weihnachten zu feiern, worüber ich mich sehr freute. Als Dankeschön für die Einladung entschied ich mich Apfelstrudel mit Vanilleeis mitzubringen, was zwar nicht ganz deutsch, aber zumindest deutschsprachig ist. Einen Tag Arbeit, zwei FaceTime Anrufe meiner Mutter und drei Apfelstrudel später war ich bereit für den Abend.

Mittags fuhr ich mit einer anderen Arbeitskollegin zu Glorias Tante, in dem neben uns vieren, ihre Zwillingsschwester inklusive Mann, Kind, Cousin in meinem Alter und anderen Familienmitgliedern feierten. Zuerst nahm mich meine Kollegin mit in ihr Barrio, wo am frühen Abend die Weihnachtsgeschichte für die Kinder vorgelesen wurde. Dazu war für jedes Kind ein Geschenk vorbereitet. Danach verbrachten wir etwas Zeit bei der Familie ihres Freundes. Es wurde gegrillt und für mich gab es unteranderem grünen Spargel, worüber ich mich sehr freute. Wenig später wurde ich von dem Cousin meiner anderen Arbeitskollegin abgeholt, um den restlichen Abend bei ihnen zu verbringen und natürlich auch meinen Apfelstrudel zu servieren. Schon von weitem hörte die laute Musik aus der Wohnung schallen. Drinnen wurde wild getanzt und ich, mit meinen null Salsa-Kenntnissen, war plötzlich mitten drin. Trotzdem hatte ich sehr viel Spaß und mein Apfelstrudel kam super an. Nach 12 Uhr neigte sich die Feier dem Ende zu. Eine Bescherung beobachtete ich nicht, obwohl mir gesagt wurde, dass in Kolumbien um 12 Uhr Geschenke verteilt werden. Zudem wurde mir erklärt, dass das Familienfest an Weihnachten um diese Uhrzeit zu Ende ist und die Jugendlichen den restlichen Abend mit ihren Freund*innen verbringen. So geschah es auch um mich, denn der Cousin bat mir an, mich mit zu seinen Freunden zu nehmen. Zusammen fuhren wir in eine Kneipe, die Tische auf der Straße aufgestellt hatte, denn der Großteil des Nachtlebens findet en la Calle statt. Alle zusammen fuhren wir dann auf einen Mirador(Aussichtplattform) um die Feuerwerke über Medellin zu beobachten. Wenig später packte mich jedoch die Müdigkeit und ich trat den Heimweg an. Alles in allem ein sehr aufregendes, abwechslungsreiches, langes und anderes Weihnachtsfest.

Den 25.12. verbrachte ich mit etwas Kopfweh im Bett. Gegen Nachmittag erledigte ich Haushalt, räumte auf und putzte. Als ich am Abend dann im Bett lag, erwischte mich das Heimweh. Das erste Mal, während meiner Zeit hier, wünschte ich mir wirklich zuhause zu sein. Das Zimmer, in dem ich mich inzwischen so heimisch fühle, wirkte wieder fremd und die Wohnung, ohne das Dasein meiner Mittbewohnerin so groß und leer. In Deutschland würde ich jetzt wahrscheinlich mit meinen Schwestern auf dem Sofa liegen, im Ofen würde Feuer flackern, die eine Weihnachts-Pop CD würde wie jedes Jahr laufen, meine Eltern würden in der Küche super leckeres Essen zubereiten und bestimmt wäre auch mein Freund zu Besuch. Ich überlegte mir, was ich jetzt machen sollte. Als erstes aß ich alle Plätzchen, die mir meine Mutter geschickt hatte, dann schaute ich auf die Uhr und rechnete sechs Stunden dazu. Es war auf jeden Fall zu spät meine Familie anzurufen, aber einen Freund in Deutschland habe ich, der zu diesen Zeiten immer noch wach ist. Nach einer kurzen Nachricht rief er mich direkt an und wir redeten über alles Mögliche. Nach ein, zwei Stunden Telefonat schlief ich irgendwann ohne einen Gedanken an zuhause ein. Die erste (und hoffentlich letzte) Heimweh-Welle war überstanden.

Die kommende Woche verbrachte ich mit Arbeit im Cafe Ruda. Meine Arbeitsstunden änderten sich, weshalb ich nun drei Mal die Woche circa sieben Stunden abends arbeite. Da das Projekt jedoch Weihnachtsferien hat, hatte ich trotzdem viel Zeit für Weihnachtsshopping, um etwas verspätet (aber besser spät als nie) ein Paket an meine Familie zu schicken. Ich entschied mich für Cafe aus dem Cafe Ruda, Schmuck und Kleidung von Künstlerinnen und einer Backmischung für Natilla.

Für Silvester wurde ich von einer anderen Arbeitskollegin in die Finca ihrer Familie eingeladen, was ich natürlich nicht verneinte. Ich entschied mich entschieden gegen einen weiteren Apfelstrudel für 20 Personen und packte ein paar Gastgeschenke ein, die ich in Deutschland auf Reserve gekauft hatte. Am 31.12. wurde ich mittags von ihrer Schwester, die ich bereits kannte, ihren Eltern und ihrem Bruder abgeholt. Der erste Stop war ein Supermarkt, um uns für die nächsten Tage mit Essen einzudecken, der Zweite ein Restaurant fürs Mittagessen, und der Dritte, nach einer einstündigen Fahrt und gefühlten 700 Höhenmetern, die Finca des Bruders meiner Arbeitskollegin Carol. Sie lag nördlich von Medellin, sehr ländlich und bat einen wunderschönen Blick auf die Berge und die winzige Millionenstadt in der Ferne. Der Bruder hatte das Land vor etwa drei Jahren gekauft und zusammen mit Familienmitgliedern ein kleines Haus mit drei Schlafzimmern, zwei Bädern, einer Küche und Wohnzimmer gebaut. Zudem gab es auf dem Grundstück eine kleine Bar mit Terrasse, die wirklich sehr herzlich gestaltet wurde und einen überdachten Essbereich.

Nach und nach traf zudem die Familie des Bruders ein. Dazu gehörten die Schwiegereltern der Ehefrau und seine Schwägerin mit ihrem Baby. Wie das später mit den 12 Personen und drei Schlafzimmern aufgehen sollte, war mir bis dahin ein Rätsel. Abends gab es ein sehr klassisches Essen mit einer Besonderheit: der Reis wurde statt in Wasser in CocaCola gekocht. Klingt im ersten Moment vielleicht nicht so genießbar, aber mit Mandeln, Salat und Spiegelei war der Reis super lecker. Danach setzten wir uns zusammen in die Bar und wenig später wurde der tragbare Beamer ausgepackt und Musikvideos kolumbianischer Klassiker mit Untertiteln an die Hauswand projiziert, um Karaoke zu singen. Um kurz vor 12 Uhr bereiteten wir dann einige Traditionen vor, die um Punkt 12 Uhr, nachdem sich alle umarmt hatten, durchgeführt wurden.

 

Die erste heißt Munjeca. Das ist eine Strohpuppe, die auf kleinen Zetteln liegt, auf welchen man zuvor alle sein Sorgen des vergangenen Jahres schrieb, die man nicht mit in das neue Jahr nehmen möchte. Um Mitternacht verbrannten wir die Strohpuppe, um alles Schlechte in dem Jahr 2022 zu lassen und gut in das neue Jahr zu starten.

Für den zweiten Brauch bekamen wir eine Hand voll roher Linsen, die wir in unsere Hosen-und Jackentaschen steckten. Das soll finanzielle Sorgen im kommenden Jahr vorbeugen und man soll dadurch immer genug zu Essen haben.

Als letztes schnappten wir uns alle unsere Taschen und Rucksäcke, um mit diesen einmal ums Haus zu rennen. Diese Tradition soll bewirken, dass man im nächsten Jahr viele Reisen unternehmen wird.

Auch wenn ich kein abergläubischer Mensch bin, hoffe ich sehr, dass alle dieser Bräuche ihre Wirkung zeigen.

Der Blick über Medellin war wunderschön und wir sahen sogar einige Feuerwerke am Horizont. Danach feierten wir einige Zeit weiter, jedoch waren viele (unteranderem ich) bereits sehr müde, da die Silvesterfeier ja schon seit mittags lief. Als ich mich Richtung Bett begab, löste sich auch meine Frage zu der Schlafsituation. Wir schliefen einfach alle zusammen (Carol, ihre zwei Geschwister, ihre Eltern und ich) auf Matratzen in einem Zimmer.

Am nächsten Morgen wachte ich mit einem etwas komischen Gefühl auf. Heute war der erste Tag von dem neuen Jahr 2023. Ich stand auf, wünschte allen, die schon wach waren einen guten Morgen und setzte mich im Schlafanzug mit einer Tasse schwarzem Kaffee auf die Terrasse. Es war ein wunderschöner Tag, die Sonne schien bereits stark, aber da wir so hoch in den Bergen waren, war die Temperatur sehr angenehm und vor mir bat sich der unglaublich schöne Blick auf Medellin und die Berge. Ich kann auf jeden Fall sehr gut verstehen, warum meine Arbeitskolleginnen so gerne Tagesausflüge in die Natur Antioquiens machen. Kurz ging ich in mich und dachte über mein vergangenes Jahr nach. 2022 war ganz bestimmt eines meiner schönsten Jahre bis jetzt. Zwar arbeitete ich viel, um mir eine Reise in die USA zu und mit meinem Freund zu finanzieren, jedoch war das mein erster Schritt in die Unabhängigkeit von meinen Eltern. Ich dachte natürlich auch viel an mein vergangenes Jahr mit den Sternsingern zurück. Es war ein wirklich langer Weg bis zu dem Punkt, an dem ich nun sitze und meinen Kaffe trinke. Dennoch kommt es mir fast wie letzte Woche vor, als ich die Mail der Sternsinger bekam, dass sie einen Platz für mich in ihrem Freiwilligenprogramm haben, wie ich auf das erster Seminar fuhr und direkt beeindruckt von meinen Mitfreiwilligen war, wie ich auf der Arbeit die Nachricht bekam meinen Freiwilligendienst bei der Organisation Red Feminista Antimilitarista in Medellin machen zu können, wie mich das Vorbereitungsseminar zum Nachdenken und Umdenken brachte und wie wir uns letztlich alle fest bei der Verabschiedung am Bahnhof nach unserem letzten gemeinsamen Abschiedsseminar drückten.Ich dachte auch zurück an die Reaktionen von Familie und Freunden, die sich sehr für mich freuten, aber mir auch immer wieder bewusst machten, dass ein großes Jahr auf mich zukommen wird. Und dann kam auch schon der Abflug. Meinen Freund verabschiedete ich bereits im August, da seine Semesterferien vorbei waren und er zurück in die USA musste. Auch wenn wir uns inzwischen an die vielen Abschiede gewöhnt hatten, war dieser besonders schwierig, da wir nicht wussten, wann wir uns wieder sehen würden. Meine Familie drückte ich ganz fest am Bahnhof in Freiburg und denke heute noch ab und zu daran, wie mein Vater dem abfahrenden Zug noch winkend und lachend hinterher rannte. Am Flughafen in Frankfurt traf ich dann noch meine älteste Schwester, die 2015 auch einen Freiwilligendienst in Südafrika mit den Sternsinger machte, weshalb es für uns beide ein besonderer Moment war. Als ich endlich am Gate saß fühlte ich mich sehr gut. Ich hatte das Gefühl, dass ich nun genau da bin, wo ich solange sein wollte und für was ich so viel Energie aufgewendet hatte. Genau dieses Gefühl überkam mich wieder, als ich am 01.01.2023 auf der Terrasse der Finca meinen Kaffee trank.

Meine gute Laune wurde nur noch besser, als es ans Frühstück zubereiten ging. Es gab frische Buñuelos, Panela und heiße Schokolade in Wasser aufgelöst, Arepas mit Chorizo (für mich wie immer mit Spiegeleiern) und frische Früchte. Nach dem Frühstück kochten wir direkt weiter für das Mittagessen. Als Erstes wurde Natilla zubereitet, als „Snack” zwischen Frühstück und Mittagessen. Dieses Mal machte ich mir keine Gedanken mehr zu Brandschutzvorkehrungen. Wir schälten viel Gemüse wie Kartoffeln, Mais, Karotte, Kochbanane für den klassischen kolumbianischen Eintopf Sancoche, der circa drei Stunden auf offenem Feuer köchelte. Nach dem sehr leckeren Mittagessen traten Carol und ich den Heimweg an.

Ich bin wirklich dankbar ein so kolumbianisches Silvester und Weihnachten erlebt zu haben und blicke mit großer Freude dem Jahr 2023 entgegen. Vor allem freute ich mich auf die kommenden zwei Wochen, denn am nächsten Tag holte ich meine Freundin aus Deutschland vom Flughafen in Medellin ab, um mit ihr meine nächsten zwei Wochen Urlaub zu verbringen.

Ich hoffe ihr hatte auch einen schönen Start in das neue Jahr und freue mich, dass ihr nach so langer Pause wieder den Weg zu meinem Blog gefunden habt.

Bis bald,

Nika


Mein erster Monat in der Stadt des ewigen Frühlings

Am 06.09.22 startete mein Flug von Frankfurt nach Bogota. Die Reise gestaltete sich leider schwieriger als geplant, da ich aufgrund der dreistündigen Verspätung des Fluges sowohl meinen Anschlussflug nach Medellin als auch dessen am selben Tag noch mögliche Alternative verpasste. So musste ich meine erste Nacht in Kolumbien am Flughafen von Bogota verbringen. Als ich am folgenden Tag in Medellin ankam und von meiner Mitbewohnerin und Arbeitskollegin Sandra abgeholt wurde, waren die Strapazen der Anreise jedoch schon vergessen. Der Weg vom Flughafen zu unsere Wohnung führte lange am Hang eines Berges entlang, (von denen es hier sehr viele, sehr steile gibt) was mir einen wunderschönen Blick auf die noch im Nebel liegende, unfassbar große Stadt bot, die für das nächste Jahr mein zuhause sein wird.

Angekommen ging es durch ein bewachtes Gate zu mehreren hohen Wohnblocks, die durch schmale Fußwege zwischen Bäumen, Palmen und Bananenpflanzen verbunden sind. Im Zentrum der Wohnanlage gibt es zudem einen großen Park, viele Parkplätze, einen Spielplatz, verschiedene Sportgeräte und viele Läden wie beispielsweise einen Frisör, einen Supermarkt und eine Bäckerei. Das sind deutlich mehr Läden als in meinem Dorf in Deutschland…und das nur für die Menschen die in der Wohnanlage wohnen!

Den ersten Tag verbrachte ich nur im Bett. Trotzdem sollte es noch eine ganze Weile dauern, bis ich meinen Wach-Schlaf-Rhythmus vollständig an die siebenstündige Zeitverschiebung anpassen konnte. In den folgenden Tagen musste ich mich erst einmal akklimatisieren und bürokratischen Hürden bewältigen, bei denen mir Sandra und ihre Freundin Carmen, welche für eine Woche aus Santa Marca zu Besuch war, eine große Hilfe waren. Die Wohnung teile ich mir zudem noch mit Sandras zwei Katzen „Venus“ (welche meiner Katze in Deutschland erstaunlich ähnlich sieht) und „Noche”.

Dann lernte ich meine Kolleginnen und mein Projekt „Red Feminista Antimilitarista“ kennen, was eine deutlich komplexere Aufgabe war, als ich dachte. Ich versuche euch „kurz“ die verschiedenen Stränge meines Projekts zu beschreiben :

Der erste Strang ist die Information und Aufklärung zu den Themen Feminismus, Antimilitarisierung, Rassismus und Kapitalismus. Das erfolgt beispielsweise durch die Vorstellung des Projekts und dessen Arbeit für Studentengruppen oder bei mittwochabendlichen Diskussionsrunden zu dem Thema Sexualität mit allen, die der öffentlichen Einladung folgen, sowie vielen weiteren Aktionen.

Darunter fällt auch die Planung und Durchführung von politischen Kampagnen zur Aufdeckung sozialer und politischer Missstände, beispielsweise durch Demonstrationen.

Der zweite Strang ist die Bewusstseinsbildung und akademische Unterstützung von Mädchen. Es gibt einen Rap-Chor, Kleingruppen, die über altersgerechte Themen wie Liebe oder Sexualität reden, eine Theater-und Bastelklasse und seit neustem donnerstags und samstags zwei von mir unterrichtete Englischklassen. Das hat den schönen Nebeneffekt, dass auch ich durch ein Kleidungsstück-Memory lerne was Socke auf spanisch heißt. Als ich die Mädchen zudem einmal fragte, welche Kleidungsstücke man denn so für die kalten Jahreszeiten brauche, lachten sie und sagten: „Nika, hier gibt es keinen Winter!”

Das „Observatorio Feminicidos Colombia“ (= „Beobachtungsstelle für Feminizide in Kolumbien“) ist ein weiterer Bestandteil der Arbeit des Projekts.

Die fünf leitenden Frauen der Beobachtungsstelle betreiben investigativen Journalismus zur Dokumentation und Analyse von Feminiziden und Tötungen an Trans-Frauen in Medellin und ganz Kolumbien. Ihre Arbeit veröffentlichen sie auf ihrer Internetseite (http://www.observatoriofeminicidioscolombia.org/) und in diversen Artikeln oder Büchern wie beispielsweise „Paaren la Guerra contra las mujeres“ (= „Stoppt den Krieg gegen Frauen”).

Um eine breitere Masse an Menschen zu erreichen, übersetze ich verschiedene dieser Artikel ins englische, wobei ich oft die verwendeten Fachbegriffe auf deutsch erst einmal googeln muss, um sie ganz zu verstehen.

Zu ihrem Aufgabenbereich gehört zudem der regelmäßige Austausch sowie die Organisation von Anwälten und einem „Círculo de Protection“ für 14 Frauen, welche momentan gefährdet sind Opfer von Feminiziden durch ihr Ex-Partner, Freunde oder Ehemänner zu werden. Der „Circulo de Protection“ bedeutet auf deutsch „schützender Kreis“ und besteht aus Freundinnen, Bekannten oder Nachbarn der gefährdeten Frau. Diese sollen Vorfälle beobachten und melden und bei einem ernsthaften Zwischenfall direkt vor Ort sein.

Zuletzt gibt es noch die Verwaltung und die sogenannte „Economica Feminista” (die finanzielle Unabhängigkeit des Projekts). Diese besteht vor allem aus dem „Café Ruda“, welches das Café der Organisation in der Innenstadt Medellins ist. Hier arbeite ich zweimal die Woche als Bedienung. Jedoch verbringe ich sehr viel mehr Zeit dort, da es zusätzlich ein Arbeitsplatz und Treffpunkt für meine Arbeitskolleginnen und mich ist.

Wandbemalung und Straße des Cafés, Vorbereitungen für den Unterricht der Mädchen und der Innenhof des Projekt-Hauses

Vielleicht ist euch aufgefallen, dass ich die ganze Zeit von „Feminiziden“ und nicht „Femiziden“ spreche. Diesen Unterschied möchte ich euch kurz erläutern, da er wichtig für den Kontext meiner Arbeit ist:

Femizid beschreibt die Tötung einer Frau durch einen Mann, da sie eine Frau ist. Gründe dafür sind oftmals Hass, Verachtung, Eifersucht oder der Anspruch eine Frau zu besitzen. Viele Lateinamerikanische Feministinnen fordern jedoch in der Analyse von Frauenmorden die vorherrschenden Machtstrukturen und die (Mit-) Verantwortung des Staates zu berücksichtigen. Denn männliche Dominanz und machistische Strukturen sind oft gesellschaftlich so stark akzeptiert, dass Täter nicht selten ungestraft davonkommen. Dafür steht das “ni” in dem Wort Feminizid.

Neben meiner Arbeit sind das Joggen in einem Stadion, welches eher an ein Sportcampus erinnert, das Probieren von lokalen Früchten wie Papaya, die in den ersten Tagen zu meinem Hauptnahrungsmittel wurde, die turbulenten Busfahrten zur Arbeit, welche aufgrund der sehr bergigen Landschaft Medellins und freien Interpretation des Tempolimits eher an Achterbahnfahrten erinnern und der Blick auf die an den Berghängen liegenden Stadtteile, dessen Lichter die Stadt nachts wie ein Ringnetz aus Sterne umgeben, weitere Highlights.

Aguacate (Avocado) und viel Papaya

“Lowlights” begleiten mich jedoch auch. Vor allem die Sprachbarriere spielt dabei eine große Rolle. Dazu kommt, dass ich erstmals selbstständig wohne und lernen muss, mit der Leere, welche ein Familienleben normalerweise füllt, umzugehen.

Die 17 Frauen (+ich), welche in dem Projekt arbeiten, sind jedoch mehr als Arbeitskolleginnen, weshalb wir gelegentlich abends zusammen im Café (…das abends zur Bar wird) sitzen, ins Kino gehen, Geburtstage und Feste feiern oder an einem Sonntag in das etwas außerhalb liegende, wunderschöne Barbosa fahren, was mir diese Umstellung erleichtert.

Tagesausflug mit dem Projekt in die Natur Barbosas

Ich hoffe ihr konntet mit meinem ersten Blog-Eintrag einen Einblick in die aufregende Anfangszeit und das besondere Projekt hier in Medellin bekommen und freue mich schon, euch in kommenden Wochen einen neuen Zwischenstand durchzugeben.

¡Hasta Luego!

Nika