Lose. Ganz viele Lose.
Kinder, wie die Zeit vergeht… Heute ist der 10.04. und ich bin somit schon seit sieben Monaten und einer Woche hier. Mir bleiben noch drei Monate und zwei Wochen. Dementsprechend sind mehr als 2/3 der Zeit, die mir hier geschenkt wurde, schon vorbei. Das ist eine Realisation, die bei mir nur langsam einsetzt und mit der ich aktuell noch Probleme habe – denn ich bin sehr gerne hier. Ich habe hier neue Menschen kennengelernt und lieb gewonnen, habe mich eingefunden, und mir einen Alltag aufgebaut, und auch wenn der sich in der Zeit seit dem letzten Blog teilweise ziemlich verändert hat, gibt das doch so etwas wie Routine und ein vertrautes Gefühl.
Gleichzeitig gibt es natürlich auch Dinge, die ich an Deutschland vermisse, allen voran das Gefühl von Sicherheit und die Bewegungsfreiheit, die ich in Berlin hatte – und natürlich Familie und Freunde.
In meiner bisherigen Zeit hier durfte ich schon viel lernen. Natürlich vor allem viel im Taller, was eher Handwerkliches angeht, aber gerade auch in den letzten Wochen, wo sich mein Aufgabenbereich etwas verändert hat: Der Verkauf von Losen für die Tombola de bendiciones, zu Deutsch Segenstombola, hat begonnen. Diese ist, gemeinsam mit Mozos Famosos (wovon ich ja bereits berichtet hatte), eine riesige Veranstaltung, um Spenden für die Schule zu sammeln. Jede*r Mitarbeiter*in bekommt eine (je nach Arbeitsbereich unterschiedliche) Anzahl an Talonarios (Losblöcke), die er oder sie verkaufen soll. Jeder Block beinhaltet 50 Lose à 200 DOP, umgerechnet ungefähr 3 €, und dann heißt es: Käufer finden. Dafür fragen die meisten meiner Kolleg*innen vor allem im Familien- und Freundeskreis nach, um ihre Losblöcke zu verkaufen. Allerdings, und darin besteht auch meine neue Aufgabe, gibt es auch noch sogenannte Operativos, also quasi Einsätze außerhalb der Schule. Dafür stellen sich die Mitarbeiter aus dem Verwaltungs- und Fundraisingbereich (und ich) fast jedes Wochenende von Anfang März bis Ende Mai in Malls und Supermärkte, die Sponsoren der Tombola sind (und teilweise auch zu den Preisen beisteuern), um dort den Einkaufenden die Fundación vorzustellen und sie um eine Spende, meistens in Form vom Kaufen eines Loses, zu bitten. Damit bin ich aktuell viele Wochenenden verplant.
Auf diese Aufgabe schaue ich, um ehrlich zu sein, etwas gespalten. Zum einen ist es enorm wichtig und wertvoll, für die Kinder und Jugendlichen dieser Schule Gelder zu sammeln. Die Einnahmen der Tombola sind notwendig, um laufende Kosten der Schule zu decken, Anschaffungen zu machen und seit ein paar Jahren besteht der Wunsch das Gelände neben der Schule zu kaufen, um den Kindern mehr Platz zu geben und in Zukunft mehr Schüler*innen aufnehmen zu können – denn die Warteliste ist lang. Und auch wenn es anfangs wirklich schwierig war, auf mir fremde Menschen zuzugehen, in einer Sprache mit der ich zwar immer vertrauter werde, dir mir aber in Teilen natürlich trotzdem noch Schwierigkeiten bereitet diesen dann als weiße Europäerin zu erklären, wofür sie spenden sollten… Das ist schon ein merkwürdiges Gefühl.
Als Ausländerin aus den reicheren Ländern genießt man in der dominikanischen Republik einen gewissen Vertrauensvorschuss was die Rechtschaffenheit betrifft. Ein paar meiner Kolleginnen die ich dazu befragt habe, schilderten mir dass sie sowohl den eigenen Landsleuten als auch ihren haitianischen Mitbürgern in dieser Hinsicht ein «gesundes Misstrauen» entgegenbringen. Das ist insofern nicht weiter verwunderlich, denn wie in vielen Entwicklungsländern gibt es auch in der DomRep deutliche Schwächen bei der Korruptionskontrolle. Auch die Gleichbehandlung vor dem Gesetz, die Einhaltung grundlegender (rechts)staatlicher Strukturen sowie öffentliche Ordnung und Sicherheit sind große Herausforderungen, die das Vertrauen in öffentliche Einrichtungen, aber auch private, gemeinnützigen Stiftungen schwächen. Ein Satz den ich hier gehört habe der bei mir irgendwie hängengeblieben ist lautet in etwa „Hier sichert sich fast jeder die Fenster und Türen mit Gittern ab – mit dem Effekt, dass die Kriminellen frei rumlaufen, und die «guten» Bürger dahinter sitzen.“
Das beschreibt meine Wahrnehmung irgendwie ganz gut. Wenn man sich auf den Straßen nicht sicher fühlen kann, weiß man erst zu schätzen und wirklich zu begreifen, wie wertvoll ein funktionierender Rechtsstaat ist.
Auf jeden Fall haben wohl viele Dominikaner schon Situationen erlebt oder zumindest Dinge gehört, die in ihnen ein Misstrauen gegenüber ihren Landsleuten hervorruft. Sei das Diebstahl, Betrug oder auch schlimmeres. Weiße haben dabei, so wie ich das jetzt verstanden habe, einen gewissen Vertrauensvorschuss, der beim Verkauf der Lose für mich durchaus spürbar ist. Mir sind schon Kommentare begegnet, in denen man mir ganz klar sagt, dass man mir nur Lose abkauft, weil man meinen Aussagen (impliziert: im Gegensatz zu den eigenen Landsleuten) glaubt. Das nimmt mich teilweise ziemlich mit. Und es kommt auch nicht nur von Einheimischen, bei weitem nicht: Ich habe schon von mehreren Expats (Personen, die von ihrem Unternehmen oder auf eigene Initiative für einen längeren Zeitraum in einem anderen Land arbeiten oder leben, ohne dort dauerhaft eingebürgert zu sein) Kommentare beim Kaufen in eine ähnliche Richtung gehört und versuche dann immer klar zu machen, dass die Stiftung von einer Einheimischen gegründet wurde, die die ersten Mitarbeiter vor 38 Jahren von ihrem eigenen Gehalt bezahlt, es quasi mit ihnen geteilt hat, und es sich bis heute um eine rein dominikanische Initiative handelt. Auch wenn ich teilweise nachvollziehen kann woher es kommt, finde ich es total schade, dass diese Mentalität so besteht. Über 80 Prozent der Spenden, welche die Schule bekommt, kommen aus der DomRep. Die Schulen sind für die laufenden Kosten und Anschaffungen auf diese Spenden angewiesen. Die Skepsis, die mir da begegnet, tut mir natürlich weh, nicht zuletzt, weil ich meine Kolleg*innen hier wirklich ins Herz geschlossen habe und dieses Misstrauen ja diese Menschen, die mir wirklich lieb geworden sind, angreift und ihnen ja in gewisser Weise Spendenunterschlagung vorwirft. Mehr als in der Situation mein Bestes zu geben zu erklären, dass es eben in der Stiftung der Kleinen Schulen Sonnenstrahl anders zugeht und man dieser dominikanischen Organisation, in der ich «nur» einen Freiwilligendienst absolviere, vertrauen kann, kann ich aber auch nicht unbedingt tun.
Aber zurück zum Verkaufen: Ein weiterer Aspekt daran, der mich irgendwie mit ambivalenten Gefühlen zurücklässt, ist, wenn Menschen ihre letzten 5, 10 oder 50 Pesos spenden. Eine Frau, die mir erzählt, dass sie wirklich gerne spenden würde, aber gerade echt das Geld dafür nicht hat, weil sie die Medikamente für ihren Sohn kaufen muss und jetzt Sorgen hat, wo am Ende des Monats das Essen herkommt, nachfragt, ob sie auch mit Münzgeld unterstützen kann und dann alles was sie in der Tasche findet in die Spendendose wirft. Jugendliche, die all das Kleingeld, das sie dabei haben, zusammensuchen, um zu unterstützen. Ein Vater, der mir erzählt, dass er mit dem letzten Geld des Monats zum letzten Einkaufen des Monats gekommen ist und mir nach der Kasse das Rückgeld gibt. Ein Kind, dass zuhört wie ich jemandem anderen von der Tombola erzähle, zu seiner Mutter läuft und sie fragt, ob sie ihr Taschengeld nutzen darf, um ein Los zu kaufen. Eine Taxifahrerin, die interessiert nachfragt was wir hier verkaufen und die mir, als sie für den Feierabend nach Hause geht, 100 Pesos einfach als Spende in die Hand drück, während ich mit jemand anderem rede.
Das sind natürlich nicht alle Begegnungen, die ich beim Verkaufen hatte, aber ein paar, die mir in Kopf und Herzen geblieben sind. Das sind Menschen, die vielleicht gerade so das notwendige Geld für ihre Familie verdienen, die aber ein so großes Herz haben, um Kindern, die sie nicht kennen, ihr letztes Geld zu geben. Menschen, die selbst nicht viel haben, aber andere trotzdem unterstützen möchten.
Ich bin den Menschen gleichzeitig unsagbar dankbar, dass sie unterstützen, und fühle mich in gewisser Weise schlecht, nicht selber mehr zu spenden, als ich es tue. Es ist irgendwie schwer zu beschreiben, natürlich ist es ihre Entscheidung zu spenden und diese Entscheidung ist super wertvoll, gleichzeitig komme ich um den Gedanken nicht herum, ob sie mit dieser Spende noch genug Essen haben, sich die notwendigen Medikamente noch leisten können oder sonst etwas.
Natürlich gibt es auch Personen, die 5 oder 10 Lose auf einmal kaufen – oder sogar noch mehr. Aber… das ist irgendwie ein wirklich komplett anderes Gefühl. Ich kann das wie gesagt nicht gut beschreiben und dieser Blog ist auch wirklich einer, an dem ich lange sitze und versuche, meine Gedanken aufs Papier zu bringen, in einer Art und Weise, die dem gerecht wird, was ich damit aussagen möchte. Und ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob es mir wirklich gelungen ist. Aber es war ein Versuch. Und ganz ehrlich, irgendwie ist mir dieser Blogeintrag, der so anders ist als die bisherigen, der bisher wichtigste.
Ich stelle immer wieder fest, dass wir alle in Deutschland irgendwie in einer ziemlich begrenzten Bubble leben, in die von außen nicht so viel hineinkommt. Dieses Jahr hat mich bisher in Teilen ziemlich stark aus meiner Bubble herausgedrängt und lässt mich über Dinge nachdenken, über die ich es vorher nicht so getan habe. Ich denke, viele von uns fühlen sich gut, wenn sie irgendwo monetär unterstützen – ob in der Kollekte in der Kirche, beim alljährlichen Misereor Aufruf, bei den Sternsingern im Januar oder auch zu anderen Anlässen. Für meinen Teil werde ich dabei aber in Zukunft immer an die Menschen, die mir hier im Verkauf begegnen, denken. Die Menschen, die wirklich ihr letztes Geld geben, um anderen zu helfen. Und ich glaube, diese Menschen, die mir hier begegnen, sind weitaus bessere Menschen als ich, von denen ich noch echt viel lernen kann – und in den 3 Monaten die mir hier noch bleiben auch darf.
… und übrigens, wer auch von Euch auch mal die Erfahrung machen möchte etwas so Verrücktes wie seinen letzten Cent vom Taschengeld zu spenden: Ich hätte da noch ein paar Lose …



