neue Traditionen kennenlernen – alte hinterfragen: Ostern
Die letzten Maerzwochen sind wie im Flug vergangen und immer wieder muss ich an genau diese Zeit vor einem Jahr denken: Denn vor einem Jahr hat für mich die letzte Phase meiner Schulzeit begonnen, mit Mottowoche, Abiprüfungen, Zeugnisverleihung und auch dem Abschiednehmen. Damals war alles irgendwie surreal. Die Vorstellung, dass ich nur wenige Monate später im Flugzeug nach Peru sitzen und hier ein eigenes Leben führen würde, war schwer greifbar. Und ehrlich gesagt wollte ich diese Zeit damals gar nicht so richtig zu Ende gehen lassen – vieles hat mir eher Angst gemacht als Vorfreude.
Und jetzt merke ich, dass sich diese Gefühle auf eine andere Art wiederholen. Es sind noch knapp dreieinhalb Monate hier, und der Gedanke, irgendwann wieder in Deutschland zu sein und dort zu leben, fühlt sich noch genauso unwirklich an. Ganz schnell und leise ist das hier – mein Leben in Peru- zu meiner neuen Normalität und meinem Alltag geworden. Und vielleicht ist genau das auch der Grund, warum ich in letzter Zeit viel darüber nachdenke, was mich in Deutschland eigentlich erwartet. Nicht nur im Sinne von Alltag, Studium oder neuen Menschen, sondern auch kulturell. Dinge, die mir dort immer ganz selbstverständlich erschienen sind, wirken aus der Distanz plötzlich gar nicht mehr so selbstverständlich – oder zumindest erklärungsbedürftig. Manchmal braucht es Abstand, um das Eigene wirklich wahrzunehmen. Und vielleicht auch, um es zum ersten Mal bewusst zu hinterfragen. Gerade jetzt, rund um Ostern, ist mir das besonders aufgefallen.
Dieses Jahr hatte ich die Chance, etwas am peruanischen Ostern teilzunehmen und die Traditionen und Bräuche hier kennenzulernen. Eine davon sind beispielsweise die doce platos: An Gründonnerstag oder Karfreitag werden im Kreis der Familie oder mit Freunden zwölf Gerichte gegessen. Diese zwölf stehen sinnbildlich für die zwölf Apostel und erinnern auch an das letzte Abendmahl. Die Kinder sind über die Feiertage (die hier nur von Donnerstag bis Sonntag sind) zu ihren Familien gefahren und ich wurde für den Donnerstag von der ganzen Familie, die das Hogar leitet, zur „zwölffachen Verspeisung“ eingeladen. Auf dem Menü standen: Kartoffel- und Maissuppe, Pollo con leche, Arroz chaufa, Pasta, Kartoffeln und Süßkartoffeln als Beilage. Und zum Nachtisch Milchreis, Kuchen und Empanadas – ein typisches Ostergebäck für Peru, das man hier schon seit einigen Wochen auf den Märkten sieht und das nicht mit den gefüllten, herzhaften Teigtaschen zu verwechseln ist. Dazu wurde noch gekochte „Sachatomate“ serviert, eine andinische Frucht mit einem süß-bitterlichen Geschmack, der sich (wie ich finde) perfekt zu den Desserts ergänzt hat.
Auch ich durfte etwas zum Essen beisteuern und habe mich für mir vertraute polnische Gerichte entschieden: Pierogi ruskie, also Teigtaschen mit Kartoffel-Zwiebel-Füllung, und Chałka, ein polnischer Hefezopf. Es war eine kleine kulinarische Herausforderung ohne alle Zutaten vor Ort, aber so wurden es Pierogi mit leicht peruanischem Touch. Ich war aber doch sehr aufgeregt, wie es allen schmecken wird. Nicht nur, weil die Messlatte des peruanischen Essens so hoch ist, sondern auch, weil es ein sehr spezifischer Geschmack ist, den ich seit meiner Kindheit kenne, der hier aber vielleicht für einige ungewohnt sein könnte. Im Endeffekt hat es aber, glaube ich, allen geschmeckt.

So kommt man also auf zwölf Gerichte und obwohl ich gefühlt schon nach den Suppen voll war, habe ich doch immer und immer weitergegessen. Denn schließlich musste ich auf die „heilige Zahl“ kommen und habe mir auch immer wieder gesagt, dass das alles Teil meiner Peru-Erfahrung ist. Ein ganz besonderes Ostern.
Für viele katholische Gläubige im Land stehen vor allem der Besuch von sieben Kirchen an einem einzigen Tag und die vielen Prozessionen in der Karwoche im Zentrum. Auch wenn man nicht einmal spezifisch nach einer sucht, landet man doch früher oder später auf einer, weil die Stadt nur so davon wimmelt. Ziel ist es, sich an die Kreuzigung und Auferstehung Jesu zu erinnern, sich zu besinnen und zur Ruhe zu kommen. Denn anders als in Deutschland, wo Stille und Ruhe in diesen Tagen ja sogar gesetzlich festgehalten sind, erlebt man hier in Peru eher etwas anderes: Als ich an Karfreitag durch Cusco geschlendert bin, sind mir vor allem die vielen Märkte aufgefallen, die gefühlt an jeder Ecke aufgebaut wurden. Dort wurde das für Ostern typische Essen angeboten, wie die eben schon erwähnten Empanadas oder vor allem ganz viel Fisch, da Fleisch an diesem Tag nicht gegessen wird. Es lag etwas Gemeinschaftliches in der Luft, ein Miteinander, das sich nicht nur ruhig und besinnlich, sondern auch lebendig und hörbar gezeigt hat. Die Stadt war in Vorbereitung, geschmückt und voller Erwartung.
Besonders eindrücklich war für mich eine Szene am Abend: Menschen knieten auf den Straßen und legten mit unglaublicher Präzision und Hingabe kunstvolle Muster aus Blüten. Als ich nachfragte, wofür sie das machen, bekam ich die schlichte Antwort: für die Prozession. Im ersten Moment erschien mir das fast widersprüchlich, all diese Mühe, obwohl die Blüten schon nach wenigen Minuten von den Schritten der Menschen zerstört werden würden. Doch als die Prozession schließlich kam – vorne die Darstellung des Leibes Jesu im Sarg, dahinter die Menschenmenge, begleitet von Musik – hat sich mein Blick darauf verändert. Die Stimmung war tief andächtig, getragen von Ernst und Ehrfurcht. Es ging nicht darum, etwas Dauerhaftes zu schaffen, sondern darum, für diesen einen Moment etwas Schönes hinzugeben. Diese vergängliche Kunst auf der Straße wurde zu einer Form von Anbetung, ein Ausdruck von Hingabe, von innerer Haltung.
Ostersonntag und -montag war die Stimmung dann anders – freudig und lauter. Vor allem der Montag ist hier in Cusco einzigartig und es vermischen sich katholische wie indigene Bräuche. Gefeiert wird der „Señor de los Temblores“, übersetzt: der Herr der Erdbeben. Der „Señor de los Temblores“ ist eine Christusfigur und Schutzpatron von Cusco. Sie entstand in der Kolonialzeit, als die Spanier den christlichen Glauben durchsetzen wollten. Die Figur wurde ursprünglich mit einem eher kupferfarbenen Hautton und lokalen Gesichtszügen gestaltet, um für die Bevölkerung anschlussfähig zu sein. Die Bedeutung des Festtags geht auf das Jahr 1650 zurück: Nach einem schweren Erdbeben wurde die Figur in einer Prozession durch die Stadt getragen, und laut Überlieferung hörten die Erdstöße daraufhin auf. Seitdem gilt sie als Schutzsymbol und wird jedes Jahr am Montag nach Ostern durch Cusco getragen. Tausende Menschen begleiten die Figur durch die Straßen, beten, schauen zu oder gehen ein Stück mit. Über die Jahrhunderte hat sich auch ihr Aussehen verändert – durch den Rauch von Kerzen und Weihrauch ist sie deutlich dunkler geworden und wirkt heute fast schwarz. Auffällig sind vor allem die roten Ñuqchu-Blüten, die auf die Figur geworfen werden und sie schmücken, eine Pflanze, die schon lange vor der Kolonialzeit für rituelle Opfergaben verwendet wurde. Ein ganz besonderes Ereignis, das man so nur in Peru findet.

Das Osterfest dieses Jahr hat nochmal die Bedeutung des Festes wirklich stärker in den Mittelpunkt gestellt, was ich persönlich in Deutschland immer weniger erlebe. Vor allem war es von festen Ritualen und Bräuchen geprägt. Jeden Tag in dieser heiligen Woche gab es Dinge, die man gemeinsam unternimmt und feiert. Es war schön, die Menschen darin zu begleiten und alles ganz genau zu beobachten. Traditionen sind etwas Schönes und vor allem hier in Peru haben sie, wie gesagt, einen hohen Stellenwert. Man merkt, wie sie Momente des Zusammenkommens schaffen und Teil von Identität werden. Aus einem „Ich“ wird ein „Wir“ – und genau das schafft Zugehörigkeit. Dadurch komme ich immer wieder selbst, oder auch durch Rückfragen, zum Nachdenken und frage mich, was in Deutschland oder in meiner Familie eigentlich „Brauch“ ist. In dieser Zeit bin ich zum Beispiel öfter in Gespräche über „deutsches Ostern“ gekommen. Erst einmal dachte ich, dass es da gar nichts Besonderes gibt. Aber als ich dann auf unseren Gabentisch mit den zwölf Speisen blickte, ist mir aufgefallen, dass mir zum Beispiel die bunten Ostereier fehlen.
Auf Rückfragen konnte ich die Eier noch ganz gut erklären: Neuanfang, Auferstehung, Fruchtbarkeit. Aber dann kam das Mysterium des Osterhasen, und das war schon schwieriger. Beziehungsweise: es gelang mir überhaupt nicht. Ich habe mich, glaube ich, zum ersten Mal wirklich gefragt: Warum bringt eigentlich ein Hase die Eier?
Und vielleicht ist genau dieser Moment des Nicht-Erklärens das Spannende daran. Dieser kleine Bruch in etwas, das man eigentlich immer einfach hingenommen hat. Das zeigt für mich das Besondere an dieser Erfahrung im Ausland: Man hat nicht nur die Chance, neue Bräuche und peruanische Traditionen kennenzulernen und vielleicht auch die ein oder andere mit nach Hause zu nehmen, sondern beginnt auch, die eigenen bewusster wahrzunehmen. Dinge, die früher einfach da waren, werden plötzlich erklärungsbedürftig – und genau dadurch irgendwie wertvoller. Ich merke, dass ich vieles erst hier, mit Abstand, wirklich sehe. Nicht, weil es sich verändert hat – sondern weil mein Blick darauf ein anderer geworden ist. Und vielleicht ist genau das eines der größten Geschenke dieser Zeit.










