Bienvenidos a Cajamarca!

50 Tage – so lange lebe ich mittlerweile schon in Cajamarca. Das sind sechseinhalb Wochen – ich lebe also ungefähr seit einmal Sommerferien in Cajamarca.
Meine „Mitfreiwillige“ Hannah und ich diskutieren manchmal darüber, wieviel gefühlte Zeit seit unserer Ankunft hier vergangen ist. Stehen wir noch am Anfang unserer Reise? Oder müsste die Eingewöhnungsphase langsam vorbei sein? Sind es erst oder schon eineinhalb Monate? Denn obwohl ich das Gefühl habe, die Zeit seit meiner Ankunft in Peru rase nur so dahin, fühlt sich mein Leben in Deutschland trotzdem unfassbar weit weg an.
Das liegt zum einen bestimmt daran, dass mein Alltag hier ein komplett anderer ist: morgens von 9 bis12 Uhr und nachmittags von 15 bis 18 Uhr bin ich in der Einsatzstelle tätig, zwischendrin verbringe ich Zeit mit meiner Gastfamilie oder erkunde ein wenig die Umgebung. Und zu erkunden gibt es hier auf jeden Fall viel: kleine Gassen und große Märkte, Straßen, die plötzlich einfach aufhören, und Autoschlangen im Straßenverkehr, die schier endlos scheinen, alte Inka-Artefakte und moderne Einkaufsmalls, tausend kleine Bodegas und eine ganze Menge Straßenhunde.

Cajamarca ist unglaublich charmant und gleichzeitig sehr chaotisch. Die ersten Tage hat mich die Stadt komplett überfordert: Das Highlight meiner ersten Woche beispielsweise war, als ich es nach mehreren erfolglosen Versuchen endlich geschafft habe, allein Bargeld abheben zu gehen, um mir anschließend eine große Flasche Wasser zu kaufen. Als ich anschließend stolz mit meiner Trophäe zum Haus zurückgekehrt bin, musste ich feststellen, dass meine Gastfamilie mich völlig verzweifelt gesucht hat. Ich hatte vergessen, Bescheid zu sagen, dass ich ausgehe – und wie ich später erfahren habe, hat meine Gastmutter in ihrer Sorge fast zwanzig Mal versucht, meine Vorgesetzte anzurufen, und mehrere verzweifelte Nachrichten hinterlassen.

Zum anderen lässt mir die Eingewöhnung in eine neue Sprache und ein neues soziales Umfeld auch gar keine Energie übrig, um mir Sorgen um mein Leben in Deutschland zu machen. Neu zu sein ist anstrengend! Auch wenn sich meine Spanischkenntnisse von Tag zu Tag ein klein wenig verbessern, bin ich noch weit davon entfernt, Konversationen problemlos zu verstehen und spanische Sätze locker von der Hand zu schütteln. Das erschwert es mir auch, Leute in meinem Alter näher kennenzulernen. In dem Wissen, dass ich auf Deutsch und Englisch oft problemlos aus Fremdem Freunde mache, finde ich es wahnsinnig frustrierend, wenn mir im Spanischen mal wieder die Worte für ein interessantes Gespräch fehlen.
Umso dankbarer bin ich für die Herzlichkeit und Geduld, mit der mir die Kinder und Erwachsenen von MICANTO und meine Gastfamilie Tag für Tag begegnen. Auch nach dem fünften „Puedes repetir, por favor?“ (Kannst du das bitte wiederholen?) helfen mir alle geduldig dabei, die für mich noch fremde Sprache zu entschlüsseln – ohne Augenrollen und (meist) ohne genervtes Aufstöhnen.

Als ich bei MICANTO Mitte August angekommen bin, wurde eine kleine Willkommensrede von zwei ehemaligen Kindern der Organisation
gehalten. Sie meinten „MICANTO ist eine Familie!“. Und je mehr Zeit ich in der Organisation verbringen darf, desto bewusster wird mir die Bedeutung dieser Worte. MICANTO unterstützt die Kinder nicht nur mit Schulaufgaben und in ihrer persönlichen Entwicklung, sondern bietet ihnen vor allem einen sicheren Platz und Menschen, denen sie vertrauen können. Jede und jeder wird mit offenen Armen empfangen und das gemeinsame Miteinander steht klar im Vordergrund. Die verschiedensten Aktivitäten und Workshops bei MICANTO (die Gesundheitskampagne, der Lesezirkel, der Umweltworkshop, die Spieleolympiade usw. usw.) werden mit viel Liebe vorbereiten und mit viel Freude erlebt. Sie sorgen dafür, dass den Kindern und mir nie langweilig wird.

Dafür sorgt auch meine Gastfamilie, die mich zu allen möglichen Familienfeiern und Familienveranstaltungen mitschleift – und bei insgesamt 16 Tanten und Onkeln sind das einige! Bis jetzt war ich auf einer Baby-Shower, einem Kindergeburtstag und dem 50sten Geburtstag meiner Gastmutter und ich kann berichten: die Peruaner wissen, wie man feiert! Die extravaganten Partys hier in Peru würde ich fast als meinen größten „Kulturschock“ bezeichnen. So ist es zum Beispiel üblich, Entertainer zu engagieren, die für Stimmung sorgen und gemeinsame Spiele anleiten. „My time to shine“ kam bei der Frage, welches Team den höchsten Eimerturm des Abends bauen kann. Als mit Abstand Größte im Raum verhalf ich meiner Mannschaft mit Leichtigkeit zum Sieg. Selbstverständlich dürfen laute Musik und ausladende Dekorationen bei einem guten Fest nicht fehlen. Bis spät in die Nacht wird getanzt und am Ende jeder Feier klingeln meine Ohren. Sperrstunde oder Ruhestörung gibt es hier nicht. Zudem ist ein Mikrofon Grundausstattung eines jeden guten Haushalts und wird mit Freude hervorgeholt. Ob bei 8 oder 80 Menschen: Hauptsache die Ohren bleiben noch dran und alle haben Spaß!
In meiner Mission, Cajamarca mitsamt Bewohner*innen kennenzulernen, dürften die zahlreichen Touristenattraktionen der Stadt selbstverständlich nicht fehlen. Ich bin Santa Polona, den Aussichtsberg in Cajamarca, hochgeklettert (gut – den Aussichtshügel hochspaziert), habe mich im Inka-Museum weitergebildet, Kirchen und Kathedralen besucht und sogar „El Cuarto del Rescate“ – das Gefängnis des letzten Inka – besichtigt. Cajamarcas Geschichte finde ich superspannend. Wusstet ihr zum Beispiel, dass Atahualpa, der letzte Inka-König, versprach eben jenes Lösegeldzimmer zweimal mit Silber und einmal mit Gold vollzufüllen im Gegenzug für seine Freilassung? Spoiler: er wurde trotzdem hingerichtet.

Heute ging es im Rahmen dieses Erkundungsprogrammes für mich und Hannah zur „Laguna San Nicolas“, einem großen See ungefähr eine Stunde Fahrtzeit von Cajamarca entfernt. Als wir ankamen, empfing uns statt dem erwartete Touristentrubel ein verlassener See mit keiner Menschenseele weit und breit. Während wir die Stille bei unserem Seespaziergang und Picknick sehr genossen und fröhlich mit lauten Gesprächen und Gelächter füllten, entpuppte sie sich später als trügerischer Freund. Auf einmal streiften uns die letzten Sonnenstrahlen des Tages, die kühle Abendbrise zog auf und wir beide saßen am Rand eines Sees irgendwo im Nirgendwo ohne eine Rückfahrmöglichkeit in Sicht, unsere App funktionierte nicht, unsere Anrufe wurden ignoriert und kein Taxi oder Bus kreuzte unseren Weg. Langsam wurden wir nervös.

Doch bevor unser leicht hysterisches Lachen in ernsthafte Verzweiflung umschlagen konnte, eilte Hilfe herbei. Ein peruanisches Mädchen rief uns ein Mototaxi, sie schien glücklicherweise einen direkten Draht in die Industrie zu haben, und so kamen wir schließlich sicher und wohlbehalten, aber um einiges später als geplant wieder zu Hause an. Und besuchen möchten wir la Laguna San Nicolas unbedingt nochmal. Vielleicht nächstes Mal dann ein bisschen früher und mit Plan.
In Peru bin ich für noch etwa 290 weitere Tage. Das sind noch ungefähr sechseinhalbmal Sommerferien. Und ich bin entschlossen, dafür zu sorgen, dass die nächsten zehneinhalb Monate genauso spannend bleiben, wie meine letzten eineinhalb. 20.715 km von zu Hause entfernt zu wohnen ist nicht immer einfach. Aber es ist auf jeden Fall eine unglaubliche Erfahrung. Eine Erfahrung, die ich definitiv weiter mit euch teilen möchte.
In diesem Sinne: Hasta pronto!
Eure Johanna

