Mit zwei Beinen in einer Welt
Seit 4 Wochen bin ich nun schon hier in Ecuador – wow, das klingt jetzt doch viel länger, als es sich anfühlt. Obwohl ich irgendwie auch schon „lang“ hier bin und sich langsam Alltag einstellt, ist der erste Monat jetzt doch wie im Flug vergangen.
Aber von vorn:
Ich wurde sehr herzlich von meiner Gastfamilie (heißt Gastmutter Luly und Gastschwesterchen Eileen) und unserer Mentorin früh morgens am Flughafen in Empfang genommen – mit Blumen, Luftballon, selbstgemaltem Willkommensplakat und allem drum und dran.

Das erste, was ich gesehen habe, als ich aus dem Gebäude getreten bin und ecuadorianische Luft geschnuppert habe, waren die Berge. Sie begleiten mich auch jetzt noch täglich auf dem Weg zur Metro und versetzen mich regelmäßig in Staunen.
Quito liegt mitten in den Anden, wie in einer Art Kessel, umgeben vom Bergpanorama. Die Berge will ich auf jeden Fall hier noch besser kennenlernen! Panecillo, Pichincha, Cotopaxi – immer mehr kann ich auf der „Gesehen“-Liste abhaken. Mal schauen, wann ich auch hochkraxeln und die Aussicht von oben genießen kann.

Ansonsten steht auf meiner Bucket-List für hier noch, einen Lama-Wollpulli auf dem Markt von Otavalo zu kaufen, ecuadorianische Paccari-Schokolade zu probieren und einen „Nett-Hier“-Sticker zu finden! Bisher habe ich noch keinen erspäht, aber zur größten Not muss ich eben selbst einen hinkleben.
Der erste kleine „Kulturschock“ folgte sofort auf der Fahrt „nach Hause“: Wie, es gibt hinten keine Anschnallgurte? Jep, Anschnallen ist in Quito vor allem auf der Rückbank eher unüblich.
Direkt am 1. Abend durfte ich auch schon einen Teil der Großfamilie kennenlernen – bei der kleinen Feier, zu der wir uns zu Ehren des 10-monatigen Geburtstags meiner kleinen „neuen Cousine“ Rebeca getroffen haben. Ich sollte schnell herausfinden, dass die Großfamilien-Zusammenkünfte und -Abendessen einen großen Teil meines neuen Lebens hier einnehmen werden.
Zu den verschiedensten großen und kleinen Anlässen wird sich hier gegenseitig eingeladen – Willkommensfrühstück für Annika, neue Wohnung des Onkels oder eben „cumplemes“ der Cousine (diese Woche feiern wir schon den nächsten!). Und gibt es gerade mal keinen Anlass, na dann denken wir uns eben einen aus. Oder treffen uns einfach so.
Die sonntäglichen Mittagessen bei „Oma Celia“ gehören schon jetzt zu meinen Lieblingsmomenten der Woche – bald bin ich mit Nachtisch dran, leider auch beim Spülplan. Spülmaschinen habe ich hier bisher nämlich noch keine einzige gesehen.


Nachdem Valentina und ich unseren Chefinnen vorgestellt wurden und wir gemeinsam ganz viel organisatorischen Papierkram durchgesprochen und unterschrieben haben, ging es zwei Tage später für uns auch schon los und wir haben unsere Einsatzstellen kennengelernt. Für mich ist das das „Centro de Adulto Mayor“ (Seniorenzentrum) und das „Centro Infantil“ (eine Art Kindergarten) der „Fundación Tierra Nueva“, der Partnerorganisation der Sternsinger.
Davon möchte ich aber ein andermal mehr erzählen.

Inzwischen finde ich mich von Tag zu Tag hier besser ein und langsam entwickelt sich auch Routine.
Der Haustürschlüssel dreht sich mit jedem Mal leichter im Schloss (beim 1. Mal habe ich nämlich mehrere Minuten gebraucht, und das nicht, weil man zum Aufschließen quasi zuschließt und andersrum). Das Jetlag hat sich verzogen (obwohl es auch ganz nett war, als es noch so leicht war, morgens früh aufzustehen). Gewohnheiten fangen an, sich zu entwickeln:
Meine morgendliche Gebetszeit führe ich hier wie in Deutschland weiter, und komme täglich gespannt die Treppe runter, um zu sehen, was heute in dem Turm aus Vesperdöschen auf mich wartet. Meine Gastmutter gibt mir jeden Tag das Frühstück und Mittagessen mit – liebevoll hergerichtet, extra für mich vegetarisch gekocht.
Auch wenn ich mein Veggie-Dasein hier nicht ganz so ernst nehmen wollte, komme ich bisher ziemlich gut so durch (nur Pollo (Hühnchen) ist ab und zu unvermeidbar, aber „das ist ja schließlich auch kein Fleisch“). Luly gibt sich größte Mühe, sich immer wieder neue Käse- und Gemüsealternativen zu überlegen.


Also: Dosen in meinen Rucksack stopfen, das abgekochte Wasser in meine Trinkflasche füllen, Sonnencreme ins Gesicht (auch eine ganz neue Angewohnheit, aber dringend notwendig – ich habe beschlossen, meinen Eincremhass wohl oder übel hinter mir zu lassen), Käppi auf, und ab geht’s. Alles inzwischen wie selbstverständlich.
Ich muss nicht mehr jedes Mal überlegen, wo ich jetzt welche Metro in welche Richtung nehmen muss (okay, es gibt auch nur zwei – sehr fremdenfreundlich – aber trotzdem). Inzwischen ist es richtiger Automatismus, dass ich meinen Rucksack nach vorne nehme, wenn ich die Treppen zur Station hinunterlaufe.
Alltag stellt sich ein, und obwohl immer noch vieles neu ist und mein Leben hier aus lauter „Erstes-Mal-dies“ und „-das“ besteht, fange ich an, mich einzugewöhnen und tatsächlich anzukommen.
Nun muss ich aber noch verraten, wohin mein Ausflug von letztem Mal ging.
Ich bin mit Valentina, meiner Gasttante und ihrem Mann zur „Mitad del Mundo“ („Mitte der Welt“) gefahren, einem Äquatormonument hier ganz in der Nähe. Wir haben natürlich die typischen Fotos gemacht, hatten das riesige Glück, zufällig einer Tanzgruppe bei einer indigenen Choreographie zusehen zu können, und haben uns die kleinen Museen drum herum angeschaut.

Danach waren wir bei Freunden von meinem Gastonkel zum Essen eingeladen. Die Familie wohnt nur ein paar Minuten vom Denkmal entfernt und hat uns herzlich bei sich zu Hause aufgenommen. Sie sind Künstler von Beruf und bemalen vor allem Motorradhelme und Autos von Hand, je nachdem, was gerade der Auftrag ist. Aber auch sehr viele lokale Denkmäler und ein Großteil der von uns kurz zuvor bestaunten Sachen, wie beispielsweise diese Buchstaben, stammen von ihnen.

Auch mein Gastonkel erhält immer wieder Künstleraufträge und hat die Hilfe seines Freundes für das aktuelle Projekt benötigt. Es war wahnsinnig spannend, ihnen bei der Arbeit zuzusehen und uns all die tollen Arbeiten zeigen zu lassen, die in diesem Haus angefertigt wurden!

Wir sind noch ziemlich lange bei ihnen geblieben, haben Traditionen aus Deutschland und Ecuador ausgetauscht und uns gegenseitig von den Bräuchen unserer Heimatstädte erzählt. Valentina und ich haben jede Menge spannende Videos von Ecuadors Landschaften gezeigt bekommen und uns die besten Reisetipps und Must-Sees geben lassen.
Die Ecuadorianer waren total begeistert davon, dass wir Maschinen haben, in denen wir unseren Sprudel produzieren (es lebe SodaStream!) – und wir erst recht völlig geflasht davon, dass der Sprudel, den sie hier aus der Flasche kaufen, einer natürlichen Sprudelquelle entspringt! Einfach Sprudelwasser aus der Quelle – Ecuador ist immer für eine Überraschung gut. So haben wir kulturelle Bräuche und Anekdoten ausgetauscht und viel geredet und gelacht!
Auf der Heimfahrt haben wir noch etwas sehr Trauriges erlebt. Schon am Morgen hatten wir die riesigen Rauchwolken des Waldbrandes auf einem Hügel in der Nähe gesehen, jetzt im Dunkeln ganz deutlich die vielen Flammen, die den Häusern am Fuß des Berges jetzt schon erschreckend nah waren. Das war bereits der dritte Tag, an dem es gebrannt hat, aufgrund der erfolglosen Versuche, es zu löschen. Und während es am Morgen noch 100 Hektar waren, die brannten, waren es am Abend 150.
Inzwischen ist das Feuer natürlich Gott sei Dank längst gelöscht, aber solche Brände sind zur Zeit recht häufig und immer wieder sieht man schwarz abgebrannte Landschaftsstücke. Das Schlimme ist: Sie sind nicht einfach nur eine Folge der Trockenheit, sondern werden absichtlich angezündet, als politische Provokation und um Forderungen in Bezug auf die Regional- und Lokalwahlen in Quito im November zu stellen. Ich hoffe, das hat sich jetzt mit der einsetzenden Regenzeit erledigt.
Insgesamt war es aber ein total toller und erlebnisreicher Tag – und so symbolisch irgendwie. Gleichzeitig auf der Nord- und der Südhalbkugel zu stehen. In zwei Welten.
Bisher habe ich mein Leben auf der nördlichen Seite der Erde verbracht, jetzt lebe ich im Süden. Mit beiden Beinen gleichzeitig auf beiden Seiten, hier und dort, zu stehen, hat meinen aktuellen Lebenszustand eigentlich total gut beschrieben.
Während sich beim Ankommen hier anfangs noch alles in meinem Kopf um „Zuhause“ gedreht hat – die Telefonate mit Familie und Freunden, die Gewohnheiten von dort, das Rückkehren nach einem Jahr – merke ich, wie ich Stück für Stück immer mehr hier wirklich ankomme und sich mein Leben hier rüber verlagert.
Noch stehe ich mit einem Bein halb in meinem Leben in Deutschland, mit dem anderen in Quito – und das wird auch so bleiben. Diese Spannung, aber auch Brücke, ist normal und ja auch etwas Schönes. Aber immer mehr wird Quito zu meinem neuen, derzeitigen Leben.
Ich habe inzwischen meinen Namen in die Reihe der Vorfreiwilligen auf meine Zimmertür geklebt und bin somit offiziell eingezogen. Ich habe meine „Cédula“, meinen ecuadorianischen Personalausweis, abgeholt. Ich lerne mehr und mehr, wie die Dinge auf der Arbeit laufen, und fange an, meinen Alltag zu gestalten, Dinge zu unternehmen, mir vor Ort Beschäftigungen zu suchen, Pläne zu machen, ein Leben aufzubauen.

Gleichzeitig in zwei Welten – aber eigentlich ist es ja doch die eine Welt, eine Erdkugel.
So stand ich links und rechts des gelben Strichs, der so scheinbar dramatisch die Welt in zwei Hälften teilt. Und sich eigentlich ziemlich unspektakulär überqueren lässt. Beide Seiten sind doch ganz schön nah beieinander und treffen an dieser Stelle aufeinander, an der ich mich befand. Balancierend zwischen meinem Zuhause in Deutschland und meinem Zuhause hier.
Dass der eigentliche Äquator dabei ein paar hundert Meter weiter drüben verläuft, braucht ja niemand zu wissen. 😉 War trotzdem sehr poetisch, und auch wenn es geographisch betrachtet leider fake war, umso echter ist das Gefühl, dass dieser gelbe Strich in mir auslöste.
Das wars dann auch wieder von mir. Herzlichen Glückwunsch an alle, die es bis hierher geschafft haben und die sich tatsächlich die Zeit genommen haben, all das zu lesen, ohne aufzugeben. Danke für eure große Anteilnahme und wie sehr ihr Interesse zeigt an all dem, was ich hier erlebe.
Damit sage ich dann: Bis zum nächsten Mal. Ihr hört von mir!
Macht´s gut,
Anni


Danke für den tollen Bericht und deine Gedanken. Super, wie du gerade „das Beste“ aus beiden Welten, die ja nur eine ist, verbindest.