Poco a poco – mein Leben in Cajamarca!

„Johanna, ¿Ya te has acostumbrado a Cajamarca?“ ist eine Frage, die mich in meinen letzten zweieinhalb Monaten begleitet. Als Gesprächsbeginn und als liebe Nachfrage: „Na, Johanna, hast du dich schon in Cajamarca eingewöhnt?“. Ich weiß nie ganz, wie ich darauf antworten soll. Kenne ich die Stadt mittlerweile ein bisschen? Klar, ich finde mich zurecht. Aber bis ich Cajamarca wie meine Westentasche kenne, wird es wohl noch ein bisschen brauchen. Habe ich mich an all die kleinen Unterschiede gewöhnt, die meinen Alltag hier in Cajamarca im Vergleich zu Berlin ausmachen? Ich denke schon – auch wenn ich ab und an immer noch überrascht werde. Trotzdem sind das für mich ungenügende Antworten auf die gestellte Frage. Wichtig dafür, dass ich mich wohl und angekommen an einem Ort fühle, sind für mich die Menschen – die Gemeinschaft. Und da muss ich dann doch immer ein bisschen nachdenken…

Grundsätzlich hat Gemeinschaft für mich hier in Peru eine ganz neue Bedeutung entwickelt und das nicht nur in MICANTO. Ich komme aus Berlin, einer Großstadt, und natürlich habe ich auch in Berlin meine Gemeinschaft, meine Freunde und Verwandten, meinen Handballverein, die Ensemblegruppe… Aber gleichzeitig ist es einfach in der Anonymität der Menschenmasse zu verschwinden. Die Stadt ist groß, die Menschen sind viele. Zudem schätzen die meisten Berliner/innen ihre Unabhängigkeit: es ist üblich, nach dem Abi von zu Hause auszuziehen, und wenn der Nachbar mal wieder zu viel wissen möchte, wird das meistens eher als übergriffig wahrgenommen. In Cajamarca nehme ich das anders wahr.

Ich wohne in der Nähe von MICANTO, einem Stadtteil namens Mollepampa, und hier kennt jeder jeden oder zumindest kennt jeder MICANTO. Wenn ich unterwegs bin, wird mir oft quer über die Straße ein „Hola Missita“ hinterhergebrüllt und wenn ich mich umdrehe, strahlt mich ein vertrautes Kindergesicht an. Man grüßt sich, man kennt sich. Ich dachte immer, dass es Gespräche, die mit „Nein, das ist der Sohn von der jungen Mutter, die nebenan arbeitet – du weißt schon, dem die Angela Unterricht gegeben hat…“ anfangen, nur auf dem Dorf bei Gilmore Girls gibt. Von meiner Gastfamilie wurde ich eines Besseren belehrt. Aber Achtung: das hat nichts mit Lästern oder gar Dorfklatsch zu tun – man kümmert sich eben.

Und genauso kümmert man sich auch um mich. Ich wurde sehr schnell und sehr liebevoll in die Gemeinschaft aufgenommen. Ich kriege Rat von allen Seiten, mir wird Cajamarca mit Begeisterung gezeigt und die Schwester meine Gastmutter backt mir stets Plätzchen mit. Soweit weg von zuhause schätze ich das sehr. Gleichzeitig bedeutet das aber auch, dass ich weniger unabhängig bin als in Deutschland. Meine Entscheidungen betreffen eben nicht nur mich, sondern auch meine Gastfamilie und MICANTO sondern. Das bedeutet für mich mehr Koordination der unterschiedlichen Bedürfnisse, mehr Kommunikation und mehr Erwartungen an mich, als ich es gewohnt bin. Wo kann ich meine eigenen Grenzen setzen, ohne unhöflich rüberzukommen? Was wird wertgeschätzt und wo komme ich vielleicht doch nervig oder aufdringlich rüber? Mir immer und immer wieder Gedanken über diese Fragen zu machen, kann manchmal auch echt anstrengend sein.

Die Beziehungen, die ich hier in Cajamarca aufbaue, sind selbstverständlich auch davon geprägt, dass ich einen Atlantik entfernt von zuhause lebe. In Deutschland habe ich ein langjährig aufgebautes Sicherheitsnetz, das mich unterstützt. Das ist hier nicht der Fall und die Menschen, die ich kennenlerne, wissen das auch. Ich merke, wie sich sehr schnell ein sehr tiefes Gefühl der gegenseitigen Verantwortung und Loyalität entwickelt. Mir ist es wichtig, dass meine neuen Freunde und Bekannten wissen, dass sie sich auf mich verlassen können, und umgekehrt werde ich von ihnen unter die Fittiche genommen.

Wen meine ich? Zum einen gibt es da die Menschen in MICANTO. MICANTO ist so viel mehr als nur „meine Einsatzstelle“, MICANTO ist meine Anlaufstelle für alles. Wenn ich etwas brauche, wenn es mir mal nicht gut geht oder wenn ich etwas nicht verstehe, bei MICANTO finde ich immer ein offenes Ohr. Bei MICANTO gibt es nicht einfach nette Kolleginnen und Kollegen, sondern es besteht unter den Mitarbeitenden eine fast familiäre Atmosphäre und Vertrautheit. Und natürlich gibt es bei MICANTO die Kinder, die ich schon vollkommen in mein Herz geschlossen habe.

 

Dann gibt es die anderen deutschen Freiwilligen in Cajamarca, zu denen ich schon eine sehr enge Verbindung aufgebaut habe. Wir erleben alle ähnliches und es ist hilft mir wahnsinnig, mich ab und zu in meiner Muttersprache über all die „Wunderlichkeiten“ auszutauschen, die mein Leben hier für mich bereithalten. Ungefähr einmal die Woche kochen wir gemeinsam und während Nena und Cro aus den Boxen schallen, schwebt dann der Geruch von Pfannkuchen, Semmelknödeln oder Süßkartoffelsuppe durch die Wohnung.

Auch mit einigen der peruanischen Freiwilligen, die bei MICANTO arbeiten, verstehe ich mich sehr gut. Es ist immer wieder lustig, wenn die spanische Sprache für mich auf Kleinkindniveau „heruntergedummt“ werden muss, damit ich etwas verstehe, und ich bin tief beeindruckt von der Geduld, die mir entgegengebracht wird. Zudem werde ich trotz meiner Sprachschwierigkeiten sehr lieb immer wieder zu Veranstaltungen oder Treffen miteingeladen. Das lässt mich darüber nachdenken, ob ich in Deutschland auch so offen auf Menschen zugehe, mit denen die Verständigung schwieriger ist.

Letzte Woche zum Beispiel ging es für mich auf die Feier zum 35. Geburtstag des Instituts, an dem eine Mitfreiwillige studiert. Es war ein großes Fest mit einem riesigen Sporttunier. Jede Abteilung stellte eine Mannschaft für Fußball, Männerfußball und eine gemischte Volleyballmannschaft. Alle anderen feuerten lautstark an – die Cheerleader aus Highschool-Filmen hätten im Vergleich zu uns einpacken können. Es wurde gejubelt, gepfiffen und geschrien und war ein riesiger Spaß. Zwischendurch gab es Essen für alle: Papas a la huancaina – eines meiner Lieblingsgerichte in Peru. Die Kartoffeln mit Soße und Ei erinnern mich ein wenig an Senfeier zuhause.

In der Tunierpause konnte ich mich schließlich auch ein wenig sportlich betätigen. Ich wurde zu einem kleinen Volleyball- Freundschaftsspiel eingeladen. Volleyball ist in Cajamarca als Sportart sehr beliebt und ich musste mich ziemlich anstrengen, um mit den anderen mitzuhalten und nicht wie eine inkompetente Vollidiotin dazustehen.

 

Apropos Sport: montags und freitags nimmt eine Freundin mich und meine deutsche Mitfreiwillige Hannah jetzt mit zu ihrem Tanzkurs, wo wir peruanischen Folklore und Walzer lernen. Es ist eine wunderbare Gelegenheit neue Leute kennenzulernen, ein bisschen mehr in die cajamarquinische Kultur einzutauchen und meine Ausdauer wieder aufzubessern. Nach zwei Stunden Sport bin ich komplett k.o., aber stets sehr glücklich.

Wenn mich Menschen also fragen „Na, Johanna – hast du dich schon eingelebt?“, dann antworte ich meistens „Ahh..mas o menos. Ein bisschen“. Ich glaube, ich bin dabei Freundschaften zu schließen, meine Leute zu finden und mich in die Gemeinschaft in Cajamarca einzuleben. Aber trotzdem gibt es so viel Dinge, die ich noch nicht verstehe, und Momente, in denen ich mich einfach verloren fühle. In solchen Momenten denke ich immer an den Lieblingssatz meiner Gastmutter in Bezug auf mein Leben in Cajamarca: „poco a poco, Johanna, poco a poco.“

Hasta pronto!

Eure Johanna