zwischen Alltag und Abschied
Als ich in Peru angekommen bin, habe ich auf den letzten Seiten meines Tagebuchs eine „Bucket List“ gemacht. Also eine Liste mit all den Dingen, die ich in Peru versuchen möchte zu sehen, zu schmecken und zu erfahren. Auf der Liste befinden sich ganz offensichtliche Dinge, wie den Machu Picchu zu besuchen, den Rainbow Mountain zu besteigen, Ceviche zu probieren … Aber auch scheinbar einfache Dinge, wie 15 Wörter Quechua zu lernen oder ein spanisches Sprichwort frei zu verwenden.
Nun fehlen fast genau nur noch 50 Tage, bis ich zurück in Deutschland bin. 50 von insgesamt 342 Tagen hier in Peru. Wie sieht die Liste nun aus, wo sich das Jahr langsam dem Ende zuneigt?
Na ja, erst einmal kann man festhalten, dass die großen Dinge irgendwie doch schneller erledigt sind als die scheinbar kleineren. Auf meiner Liste sieht man, dass Machu Picchu und Ceviche abgehakt sind. Stattdessen arbeite ich noch immer kläglich daran, mir wenigstens zwei Wörter Quechua zu merken. Die Kinder des Hogars sind dabei aber auch strenge Lehrer, und nicht selten kommt ein Lacher zurück, wenn ich versuche, einzelne Wörter oder Laute auszusprechen. Und auch die spanischen Sprichwörter sitzen noch nicht ganz. Denn im Kontrast zu den Sehenswürdigkeiten oder peruanischen Köstlichkeiten geschehen diese Dinge nicht einfach durch Planung, sondern eher natürlich. Und dieses Natürliche braucht eben Zeit. Zeit, die mir so langsam fehlt. Ich merke aber auch, wie einiges mit der Zeit schon natürlich geworden ist. Spanische Füllwörter wie „ya“, „ahorita“ oder der ganz einfache Ausruf „ay“, wenn etwas passiert. Es wird mir bewusst, wenn ich mit meinen deutschen Freunden spreche und plötzlich ein „ay“ dazwischen schiebe. Das Gefühl, mich langsam an die Abläufe Perus angepasst zu haben, ist schön, wenn ich an die erste Zeit in und auch noch vor Peru zurückdenke.
Denn ich weiß noch genau, wie ich im August angekommen bin und mir überhaupt nicht ausmalen konnte, wie Peru wirklich ist und wie die „Maja“ in Peru sein wird, wie ihr Lebensrhythmus hier aussieht. Oft wurde uns als Freiwilligenjahrgang gesagt, dass wir ein ganz besonders vorsichtiger Jahrgang seien. Und ich weiß noch selbst, wie ich bei den Vorbereitungsseminaren saß und von so vielen Fragen, Unsicherheiten und Ängsten erfüllt war. Wie ich mir überhaupt nicht vorstellen konnte, wie das Leben und der Alltag in Peru aussehen würden, weil es so fern von der mir bekannten Realität war.
Es ist irgendwie lustig, weil ich jetzt an einem ähnlichen Punkt stehe. Obwohl ich mein ganzes Leben in Deutschland gelebt habe, weiß ich nach fast einem Jahr in Peru nicht mehr so ganz, wie das denn dort nochmal aussieht. Es hört sich komisch an und macht rational keinen Sinn: achtzehn Jahre Deutschland und dagegen nur 342 Tage Peru.
Aber es liegt irgendwie auch etwas Schönes darin, weil es zeigt, wie schnell wir Menschen uns anpassen und an Neues gewöhnen. Das Neue und Unbekannte, das uns und besonders mir so viel Angst eingejagt hat, ist nun „normal“ geworden und ich habe mich daran gewöhnt sowie auch angepasst. Zu dieser peruanischen Normalität gehört für mich auch, dass Feiertage hier nicht einfach nur freie Tage sind. Sie werden nicht nur im Kalender markiert, sondern wirklich gelebt. Besonders in diesem Monat ist mir noch einmal aufgefallen, wie sehr Peru Momente des Feierns nutzt; nicht losgelöst vom Alltag, sondern mitten in ihm. Damit will ich überhaupt nicht andeuten, dass ich hier nur „das Feiern“ erlebe. Ganz im Gegenteil: Gerade im Hogar, aber auch bei den Eltern der Kinder, sehe ich immer wieder eine unglaubliche Arbeitskraft, Ausdauer und ein Pflichtbewusstsein, von dem ich selbst sehr viel lernen kann. Viele Eltern arbeiten hart, oft in der Landwirtschaft, und nehmen trotzdem weite Wege aus ihren Comunidades oder vom Campo auf sich, um für ihre Kinder da zu sein und ihre Familien zu unterstützen. Das beeindruckt mich sehr.
Vielleicht ist es gerade deshalb so besonders, wie hier gefeiert wird. Nicht, weil der Alltag leicht wäre oder weil es immer etwas zu feiern gäbe, sondern weil diese Momente bewusst genutzt werden. Zwischen Arbeit, Verantwortung und den vielen alltäglichen Aufgaben bekommen Gemeinschaft, Dankbarkeit und Freude trotzdem ihren Platz. Dieses Feiern „zwischendrin“, also mitten im Alltag, ist mir im Mai gleich mehrmals begegnet. Zum Beispiel am ersten Mai, dem Tag der Arbeit. So haben sich morgens erst einmal alle „Colaboradores“, also Mitarbeitenden des Hogars, die vor Ort waren, gratuliert. „Feliz Día del Trabajo“ wurde einem während der Umarmung gesagt. Aus Deutschland kenne ich den Tag eher als festen Ruhetag: geschlossene Geschäfte und leere Straßen, höchstens die Maibäume, die auf eine gewisse Lebendigkeit hinweisen. Es klingt kalt, aber so erscheint es mir nun, nachdem ich den Tag auf peruanische Weise kennenlernen durfte. Auf den Straßen wurden Zelte aufgebaut, die Menschen saßen zusammen, aßen zusammen und lachten zusammen. Und genauso spazierte man am Muttertag über einen bunt geschmückten Plaza de Armas, also den Hauptplatz, stets begleitet von Hintergrundmusik auf Spanisch und Quechua. An solchen Tagen spürt man den tiefen Gemeinschaftssinn Urubambas besonders. Anstatt für sich zu sein, wird auf den Straßen gefeiert und zusammengesessen.
Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem ich Urubamba in den letzten Monaten immer besser verstanden habe. Es ist nicht nur ein Ort, an dem Menschen nebeneinander leben, sondern ein Ort, an dem Gemeinschaft sehr sichtbar wird. Als mich Anfang des Jahres meine Mitfreiwilligen Tobi und Frida besuchten, meinte ich zu ihnen, dass das Hogar „Semillas de Jesús“ für mich so eine Wärme und Geborgenheit ausstrahlt. Das gilt aber nicht nur für das Hogar, sondern auch für Urubamba als Ort selbst. Es liegt eine unglaubliche Familiarität auf den Straßen und ein starker Gemeinschaftssinn. Läuft man über die Straßen, so begegnet und begrüßt man immer mindestens eine bekannte Person freudig. Jeder ist Teil der Gemeinschaft und trägt dadurch auch eine gewisse Verantwortung. Und ich glaube, dadurch sind ein solches Gemeinschaftsleben und die Austragung der Feste überhaupt erst möglich.
Besonders sichtbar wurde dieses Gemeinschaftsgefühl bei dem Fest, auf das Urubamba scheinbar schon seit Monaten hingearbeitet hatte. Schon seit einiger Zeit ist mir immer wieder ein Name begegnet: „Señor de Torrechayoc“. Es ist das größte und wohl auch wichtigste Fest Urubambas. Als es einige Tage zuvor so weit war, wurde ich schon vorgewarnt, dass die Busse aus Cusco besonders voll sein würden, Straßen gesperrt werden würden und die Stadt voller Menschen sein würde. Der Señor de Torrechayoc ist eine Christusfigur am Kreuz, die in Urubamba besonders verehrt wird und als Schutzpatron der Provinz gilt. Seine Geschichte ist eng mit den Wegen zwischen Urubamba und einem Ort namens Lares verbunden. Im 19. Jahrhundert wurde dort, am höchsten Punkt eines neu gebauten Weges, ein Kreuz als Zeichen des Glaubens und des Schutzes aufgestellt. Deshalb gilt der Señor de Torrechayoc auch als eine Art „Christus der Wege“: als Beschützer für Reisende, Händler, Bauern und alle, die unterwegs sind. Gleichzeitig ist das Fest aber mehr als nur eine katholische Feier. In ihm verbinden sich christlicher Glaube, andine Traditionen, Musik, Tanz und die tiefe Verbundenheit der Menschen mit ihrem Ort. Heute ist das Fest nicht nur religiös, sondern auch kulturell und gemeinschaftlich sehr bedeutend. Über den ganzen Monat hinweg gibt es Messen, Prozessionen, traditionelle Tänze, Musik, Feuerwerk und Essen. Die Straßen füllen sich mit Menschen, Bruderschaften, Tanzgruppen und Familien. In diesen Tagen fühlte es sich so an, als würde ein ganzer Ort gemeinsam etwas tragen. Am Höhepunkt des Festes wurde ein ganzes Wochenende lang, Tänze aufgeführt, die wie Paraden durch die Straßen zogen. Getanzt haben die Bewohner selbst, die sich zusammengeschlossen und in den Wochen davor intensiv trainiert hatten.
Und vielleicht sind genau solche Momente auch Teil dieser „Bucket List“, obwohl sie vorher nie darauf standen. Diese Art, Anlässe nicht einfach vorbeiziehen zu lassen, sondern sie gemeinsam zu nutzen. Das sind keine Dinge, die man vorher wirklich planen oder abhaken kann oder im Reiseführer liest, sondern gehören zum Alltag der Bewohner. Sie passieren für mich eher unvorhergesehen und trotzdem bleiben sie oft besonders hängen. Ich glaube, so lernt man ein Land noch einmal anders kennen. Oder jedenfalls tue ich das hier in Peru. Nicht nur, indem man bekannte Orte besucht oder typische Gerichte probiert, sondern indem man langsam in den Alltag hineinrutscht. In Abläufe, die einem am Anfang fremd vorkommen und irgendwann normal werden. In Worte, Gesten, Wege und Situationen, die man nicht mehr jedes Mal hinterfragt, sondern einfach mitmacht, weil sie nun dazugehören. Gleichzeitig glaube ich, dass ich diese Natürlichkeit, von der ich am Anfang gesprochen habe, nie ganz erreichen werde. Nicht traurig gemeint, sondern eher realistisch. Ich bin für eine begrenzte Zeit hier und komme von außen dazu. Es gibt Dinge, die man wahrscheinlich nur ganz versteht, wenn man mit ihnen aufgewachsen ist. Und so merke und lerne auch ich hier, meine eigene gewohnte Sichtweise nicht mehr für die einzig normale zu halten. Aber vielleicht macht mich genau das auch dankbar dafür, dass ich so viel kennenlernen darf. Dass Menschen mich mit hineinnehmen, mir Dinge erklären, mich mitfeiern lassen oder mich korrigieren, wenn ich Wörter falsch ausspreche, und mir immer wieder das Gefühl geben, willkommen zu sein. An vieles musste ich mich gewöhnen, und genauso wird es auch Dinge geben, an die ich mich in Deutschland zurückgewöhnen muss. Das Schöne ist aber, dass ich manches mitnehmen und in mein Leben dort eingliedern kann: zum Beispiel dieses Gemeinschaftsgefühl, die Herzlichkeit und vieles mehr.
Ich weiß, dass dieser Eintrag vielleicht mehr wie ein „Tagebucheintrag“ wirkt als wie ein klassischer Einblick in die Abläufe oder Besonderheiten des Landes. Aber genau das geht mir gerade durch den Kopf, und ich hoffe, dass ihr trotzdem auch mehr von dem erfahren habt, was ich als „Peru“ erlebe. Es ist gerade eine komische Phase, in der der Abschied und die Rückkehr immer mehr in den Vordergrund rücken und gleichzeitig noch Zeit übrig bleibt. Und genau da möchte ich mich eben von diesem „Abhaken“ lösen. Das Jahr kam mir am Anfang so lang vor, aber ich merke immer mehr, dass ein Jahr nie reichen wird, um wirklich alles zu sehen, zu schmecken oder zu lernen. Und vor allem jetzt, in den circa zwei Monaten, die mir noch bleiben, möchte ich mich nicht von den offenen Punkten auf einer Liste abhängig machen, sondern unvorhergesehene Erfahrungen leben und mich auf die Zeit mit den Menschen hier, den Kindern und dieser beschriebenen Gemeinschaft fokussieren. Denn das ist für mich nicht nur eine viel wertvollere und authentischere Möglichkeit, die Kultur kennenzulernen, sondern auch eine Art, Peru nicht nur zu besuchen, sondern wirklich ein Stück mitzuleben.















