Die Edelsteinprovinz in den Bergen

Wenn von Kambodscha die Rede ist, denken die meisten Menschen zuallererst an Angkor Wat. Die wenigsten wissen aber, dass im Nordosten Kambodschas mehr als 20 indigene Volksgruppen leben, die bis heute ihre eigenen Sprachen und Traditionen bewahrt haben.

In meinen letzten Blogbeiträgen habe ich immer mal wieder die indigenen Schüler erwähnt, die hier in Don Bosco einen nicht gerade kleinen Anteil der Internatsschüler ausmachen. Zu Beginn meiner Zeit war mir gar nicht bewusst, dass es wirklich etwas Besonderes ist, hier in Kep mit so vielen Kindern und Jugendlichen der verschiedenen Stämme zusammenleben zu dürfen. Vielleicht wisst ihr, dass Kep ganz im Süden von Kambodscha liegt, also am genau anderen Ende des Landes. Trotzdem leben hier sehr viele Schüler aus verschiedenen Volksgruppen, da Don Bosco Kep insbesondere Jugendliche aus ländlichen Gegenden sowie aus indigenen Gemeinschaften fördert.

Bei den unzähligen cultural nights, den verschiedenen Festen und unterschiedlichsten Anlässen, habe ich deshalb schon oft die Kultur der indigenen Schüler durch ihre Tänze und traditionelle Kleidung kennenlernen dürfen. 
Die Kinder haben großen Spaß daran, mir neben Khmer auch einige Floskeln ihrer Muttersprache beizubringen. Die wichtigsten Sätze wie „Gugu“ – „Hallo“ auf Jarai oder „Äm packa ai“ „Ich liebe dich“ auf Tampoung habe ich mittlerweile drauf : ) 
Auch wenn die Kulturen der verschiedenen Gruppen oft große Ähnlichkeiten haben, sind die Sprachen hingegen grundverschieden. Es gibt mittlerweile immer mehr Projekte, die sich dafür einsetzten, diese einzigartigen Sprachen zu bewahren, damit sie nicht in Vergessenheit geraten und aussterben. Ein wichtiger Teil dieser Arbeit ist unter anderem die Entwicklung einer Schrift für die indigenen Sprachen in Kambodscha, die auf dem Khmer-Alphabet beruht. Bei diesen Sprachen handelt es sich nämlich ausschließlich um gesprochene Sprachen, wodurch der Erhalt erschwert wird. Auch das Konzept von multilingualen Schulen wird gefördert, in denen die indigenen Schüler sowohl in ihrer Muttersprache unterrichtet werden, als auch Khmer erlernen, welches für gute Berufschancen eine wichtige Voraussetzung ist.
In Don Bosco werden die Traditionen und die Kulturen der verschiedenen Gruppen besonders gefördert und am Leben erhalten. Anfang des Monats hat hier beispielsweise der fünftägiger „Media Workshop for Indigenous Youth“ stattgefunden. Im Rahmen dieses Projekts haben die indigenen Schüler von den Ältesten verschiedener Stämme mehr über ihre Kultur, Geschichte und traditionelle Rezepte gelernt. Diese Tage haben die Schüler mit der Kamera begleitet, um das neugewonnene Wissen festzuhalten und später der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Wenn ihr vorab schon mal einen kleinen Einblick erhalten wollt, schaut euch doch gerne das nächste Video an – dieses zeigt eine Zusammenfassung des ersten Tages. 

 

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Mich hat es von Anfang an fasziniert, dass viele der Kinder und Jugendlichen aus indigenen Gemeinschaften stammen. Deshalb habe ich mich umso mehr gefreut, dass ich Ende Mai die Möglichkeit bekommen habe, an einem Seminar für Freiwillige in Ratanakiri teilzunehmen. 

Die Provinz Ratanakiri gilt als eine der kulturell vielfältigsten Regionen Kambodschas mit einem hohen Anteil indigener Einwohner. Schätzungen zufolge gehören dort über die Hälfte der Bevölkerung zu indigenen Volksgruppen wie den Tampoung, Jarai, Kreung und Kuy. Der Name Ratanakiri bedeutet soviel wie Edelsteinberg, da es dort früher ein großes Edelsteinvorkommen gab. Heute ist die Region aber eher für die Natur und seine Bewohner bekannt. 

Während unserer Seminartage wurden wir von unserem Guide Khendra begleitet. Er hat dafür gesorgt, dass wir einen guten Überblick über die Vielfältigkeit von Ratanakiri bekommen. 

Dazu gehört unter anderem das traditionelle Essen. Nicht nur der Reis sondern auch die Beilagen unterscheiden sich im Geschmack vom Khmer Essen, das ich bisher kennengelernt habe. An einem Mittag waren wir zu Besuch in einem Dorf der Kreung. In einem großen Bambusrohr wurde über dem Feuer das sogenannte Samlor brong zubereitet. Dabei handelt es sich um eine Suppe aus Aubergine, Zitronengras, Chili und vielen anderen Kräutern und Zutaten, die ich leider nicht alle identifizieren konnte…  
Auch der traditionelle Reiswein durfte an einem Abend natürlich nicht fehlen. Dieser wird immer zu zweit mit Bambushalmen direkt aus einem großen Tonkrug getrunken, in dem der fermentierte Klebreis immer wieder mit Wasser aufgefüllt wird. Der Reiswein hat zwar nichts mit dem Wein wie wir ihn kennen gemeinsam, aber es war auf alle Fälle eine interessante geschmackliche Erfahrung : )

Während des Seminars habe ich viele Menschen kennengelernt, die sich in NGOs für den Naturschutz ihrer Gebiete einsetzten. Da die Völker sehr naturverbunden leben, hat der Schutz ihrer Umwelt direkten Einfluss auf ihre Kultur und das Weiterbestehen ihrer Traditionen. 
Ein wichtiges Projekt in Kambodscha sind die sogenannten Community Protected Areas (CPAs). Dabei handelt es sich um Schutzgebiete in Wäldern und Nationalparks, die gemeinsam von lokalen Gemeinschaften und dem Umweltministerium verwaltet werden. 
Sauid ist der Vorsitzende des CPA von dem Dorf Kok Lak. Mit dem Schutzgebietsgesetz von 2008 wurde die wichtige Rolle der lokalen Bevölkerung beim Schutz der natürlichen Ressourcen offiziell anerkannt.
In einem CPA dürfen die Bewohner nun bestimmte Waldprodukte wie Holz für den Eigenbedarf, Bambus, Honig, Früchte oder Pilze offiziell nutzen. Gleichzeitig überwachen sie die Gebiete, um Wilderei und illegale Abholzung zu verhindern. Dieser Schutz ist von großer Bedeutung, denn Kambodscha gehörte lange Zeit zu den Ländern mit den höchsten Abholzungsraten weltweit.

Trotz ihrer Erfolge sind die CPAs jedoch keine perfekte Lösung. Die Mitarbeit der lokalen und indigenen Gemeinschaften basiert größtenteils auf Freiwilligenarbeit, und viele Gruppen sind auf die finanzielle und technische Unterstützung von NGOs angewiesen. Zudem stehen die Schutzgebiete aufgrund wirtschaftlicher Interessen oft unter Druck. Können die Anforderungen eines CPAs nicht mehr erfüllt werden und geht der Status verloren, verlieren die Gemeinschaften häufig ihr Mitspracherecht bei der Nutzung des Landes. Nicht selten werden die Flächen anschließend für Konzerne und Firmen freigegeben. 
Auf dem Weg durch Ratanakiri sind wir durch scheinbar endlose Kautschukplantagen gefahren und immer wieder an abgeholzten oder verbrannten Waldflächen vorbeigekommen. Natürlich war mir das Problem der Abholzung und der großflächigen Monokulturen schon vorher bewusst, doch mit Menschen zu sprechen, die die Folgen direkt erleben, und die Veränderungen der Landschaft mit eigenen Augen zu sehen, hat mir die Dimension des Problems erst wirklich vor Augen geführt.

Zurück in Kep bin ich sehr froh, es gegen Ende meiner Zeit in Kambodscha doch noch nach Ratanakiri geschafft zu haben. Durch meinen dortigen Besuch und die täglichen Begegnungen mit den indigenen Schülern hat sich für mich ein schönes und spannendes Bild über diesen Teil des Landes ergeben.
Je länger ich hier bin, desto bewusster wird mir, wie vielfältig Kambodscha ist und wie viel es hier noch zu entdecken und zu lernen gibt.