Die Milestones

Es ist schon fast anderthalb Jahre her, dass ich den Beschreibungstext meiner Einsatzstelle auf der Website der Sternsinger gelesen habe. Ziemlich planlos darüber, wie mein Leben nach dem Abi weitergehen sollte, suchte ich in einer meiner Freistunden, noch lange vorm Abitur, auf meinem Handy nach Ideen. Ich weiß noch genau, wie es sich fast unehrlich anfühlte, mir die verschiedenen Weltwärts-Projekte durchzulesen: als ob ich das wirklich machen würde. Ein ganzes Jahr wegzuziehen. Und dann auch direkt noch so weit weg.
Als ich mir dann aber den Text über den Milestones-Kindergarten bei Bethesda durchlas, dachte ich mir zum ersten Mal:
Vielleicht mache ich das ja doch.

Das Milestones-Development-Programm gibt es seit 2009 und zielt darauf ab, Entwicklungsverzögerungen bei Kindern aus schwierigen Lebensverhältnissen vorzubeugen. Diese umfassen unter anderem Krankheiten (insbesondere HIV), Traumata, Vernachlässigung, starke Armut, Behinderungen, bereits bestehende Entwicklungsverzögerungen oder das Leben im Kinderheim. Damals war nämlich festgestellt worden, dass über 50% der Kinder, die wegen der oben genannten Umstände mit Bethesda in Kontakt waren, solche Verzögerungen bzw. Störungen infolge ihrer Situation entwickelt hatten. Durch die gezielte Schulung motorischer und kognitiver Fähigkeiten in kleinen, altersgerechten Gruppen sowie durch einen freien, sicheren Raum zum Spielen soll erreicht werden, dass die Kinder im Alter von sechs Jahren eine normale Schule besuchen können und dort Anschluss finden. Es geht also darum, den Schaden der jeweiligen Benachteiligung des Kindes so klein wie möglich zu halten und die Chancengleichheit so zu verbessern.

Als ich damals von den Milestones gelesen hatte und mir dachte: „Vielleicht mache ich das ja wirklich“, lag das daran, dass ich dieses Projekt schon beim ersten Lesen so toll und sinnvoll fand. Den Gedanken, dass diesen Kindern eine echte Chance gegeben wird, die ihnen sonst nur wegen Unglücks nicht offen gestanden hätte, fand ich sehr berührend.
Ich wusste zwar, dass ich mir das Projekt nicht aussuchen können würde – trotzdem war es aber diese konkrete Stellenbeschreibung, die mich damals dazu motiviert hat, ein FIJ zu machen.

Als ich dann tatsächlich meine Wunschstelle bekommen hatte, wuchs mit meiner Vorfreude aber auch der Respekt. Ich war ja sowieso schon nicht dazu ausgebildet, um mit Kindern zu arbeiten – aber dann auch noch Kinder in solch schwierigen Lebenssituationen zu begleiten? Ich hatte keine Ahnung, wie ich auf all die Probleme angemessen und kindgerecht reagieren könnte – ganz besonders in einer anderen Kultur auf einer anderen Sprache. Denn irgendwie erwartete ich damals, dass die schwierigen Lebensumstände der Kinder dauerhaft präsent wären. Dass so gesagt ein konstanter Ausnahmezustand herrschen würde, in dem Spielen und Spaß in den Hintergrund rückten, bis die akuten Belastungen bewältigt worden waren.

Und dann kam ich an.

Und dann ging es eigentlich die ganze Zeit nur um Schaukeln, Fangen spielen, unseren bevorstehenden Ausflug zur Erdbeerfarm und den Weihnachtsmann, der bald kommen würde. Und um meine Haare, die jeden Tag zu einem bestimmten Zeitpunkt von mindestens vier Kindern gleichzeitig geflochten wurden. Nicht, dass die erschwerten Umstände der Kinder folgenlos sind oder nie sichtbar geworden wären. Besonders nach einiger Zeit, nachdem ich die Sprache besser verstehen und dem Unterricht mehr folgen konnte, war bemerkbar, wie manche Kinder überproportional viele Probleme mit bestimmten Aufgaben hatten. Zum Beispiel, weil sie Alkoholsyndrom haben und sich das auf ihre kognitiven Fähigkeiten auswirkt.
Und natürlich gab es auch ein paar schwerere Momente, in denen die Schicksale der Kinder Thema waren.
Ein Moment, der mir sehr lange im Kopf geblieben ist, ist der, als meine Mitfreiwillige Alva und ich uns an Weihnachten von einem der Kinder, die im Krankenhaus wohnen, verabschiedet haben. Das fünfjährige Kind hatte zu dem Zeitpunkt seit über drei Jahren dort gewohnt, weil es bei seiner Geburt von seiner Mutter nicht genommen worden war und seitdem viel Hin und Her mit Pflegeeltern erlebt hatte, mit denen es letztlich bis dahin nie funktioniert hatte. Über Weihnachten war es das einzige Kind gewesen, das auf der Krankenstation blieb – alle anderen Kindern waren über die Feiertage mit ihren Familien. Bei unserem Abschied hatte das Kind dann eine Melancholie, die ich von Kindern bisher nicht gekannt hatte: es war ganz still und undramatisch, aber die Stille war irgendwie so laut, und das Einsamkeitsgefühl des Kindes sehr spürbar. Rückblickend habe ich bereut, damals nicht mehr gemacht zu haben. Vielleicht hätten wir es über Weihnachten besuchen können, obwohl Bethesda eigentlich geschlossen war.
Ein anderes Schicksal, das mich immer wieder beschäftigt hat, ist das von einem sechsjährigen Kind, dessen ADHS wegen der Nachlässigkeit der Eltern nicht mehr richtig behandelt wird. Wegen den damit verbundenen Schwierigkeiten, sich emotional selbst zu regulieren, bekommt das Kind immer wieder Wutausbrüche und kann Grenzen schwer akzeptieren. Das Traurige an der Situation ist, dass sich das Kind oft selbst mit der Rolle des „Übeltäters“ identifiziert. Ich habe den Eindruck, dass es immer mehr Teil seines Selbstbilds wird, dass er eine gewisse Art Boshaftigkeit an sich hat. Gleichzeitig merkt man auch so sehr, wie sehr er sich über positive Aufmerksamkeit, also Lob und Anerkennung, freut und wie oft er gerne eigentlich in einer positiveren und beliebteren Rolle stecken würde.
Und manchmal sind es auch einfach Kinder, die im Kindergartenalter schon viel zu viel über Alkoholismus und Drogen wissen.
Trotzdem sind solche Momente die Ausnahme und man merkt es den Kindern die meiste Zeit im Alltag nicht an, welche Probleme sie haben. Trotz ihrer Schicksale bleiben sie eben Kinder: sie wollen spielen, Quatsch machen, Aufmerksamkeit bekommen, Grenzen austesten und sich austoben.

Ich glaube, das, was ich daraus gelernt hab, ist, dass Leid bei Kindern manchmal anders funktioniert als bei Erwachsenen.
Erstens verstehen Kinder oft noch gar nicht, dass die Dinge, die ihnen passiert sind, nicht „normal“ sind. Wenn sie ihr ganzes Leben mit einer Benachteiligung erlebt haben, wird diese Realität eben oft zum Maßstab. Sie können die Ungerechtigkeit dann schwer begreifen und suchen den Fehler, wenn überhaupt, eher bei sich.
Zweitens haben Kinder im Vergleich zu Erwachsenen noch viel mehr die Fähigkeit, im Alltag vollkommen im Moment aufzugehen. Während man das ja oft bei Erwachsenen erlebt, dass schwierige Erfahrungen oder Krisen den gesamten Alltag einnehmen und auch viel vom Selbstbild ausmachen können, wirkt die Identität von den Kindern auf mich noch gegenwartsbezogener. Sie erleben eher den konkreten Moment: sie wollen spielen, Spaß haben, finden etwas lustig, wollen Aufmerksamkeit oder erleben eben auch Angst oder Frustration.

Das hat es für mich am Anfang manchmal schwer gemacht, die Situationen richtig einzuordnen. Aber trotzdem liegt darin auch etwas Hoffnungsvolles: Dass schwierige Lebensumstände ein Kind beeinflussen können, ohne sein gesamtes Wesen zu verschlingen. Und deshalb sind solche Förderprogramme auch so wichtig – weil noch so viel Lebendigkeit, Neugierde und Lebensfreude da ist, die geschützt werden kann. Und es ist schön, dass Bethesda ein Ort ist, an dem all das zum Vorschein kommt: die Milestones sind ein sicherer Ort, an dem die Kinder einfach Kind sein dürfen.