Der letzte/erste Tag
Eigentlich hatte ich vor, meinen ersten Blogeintrag im Flugzeug zu schreiben. Doch das war wohl doch etwas optimistisch – die meiste Zeit von Madrid nach Quito habe ich schlafend verbracht, und die letzten Stunden immer aufgeregter auf die Karte vor mir geschaut, auf der sich das kleine Flugzeug langsam aber sicher – und am Ende dann plötzlich doch ganz schnell – von Europa aus übers Meer dem blauen Punkt mit der Aufschrift „Quito“ näherte. „Das gibt´s doch gar nicht“, habe ich gedacht, „das soll ich sein, die sich da gerade auf die andere Seite der Welt bewegt?“ Denn so surreal es in der „Schutzhülle“ des Fliegers auch schien, wurde mir auf diese Weise doch immer wieder vor Augen geführt, dass ich wirklich WIRKLICH auf dem Weg nach Ecuador war, weg von Zuhause, rein in mein neues Leben.
Bevor ich aber meine ersten Eindrücke von diesem neuen Leben mit euch teile, möchte ich auch das Davor ein bisschen beleuchten – denn die emotionale und praktische Vorbereitung gehört natürlich genauso zu einem solchen Jahr dazu wie das tatsächliche Erleben.
Und bis vor ein paar Monaten bestand das FIJ für mich auch einfach nur aus dieser Vorbereitung.
Drei Seminare, in denen ich nicht nur wundervolle Begleiter für dieses Jahr, sondern auch neue Freunde kennenlernen durfte. In denen ich reichlich mit allen möglichen Infos und wichtigen organisatorischen Inhalten versorgt wurde. In denen ich mich mit kulturellen, politischen, länderspezifischen und globalen Themen beschäftigen konnte, mit denen ich hier früher oder später konfrontiert werden könnte. Ich konnte mich weiterbilden, aber genauso persönlich damit auseinandersetzen, was alles auf mich zukommen wird.
Die Seminare haben mir nicht nur so viel Sicherheit gegeben wie im Voraus möglich, sie haben bereits meinen Horizont so sehr erweitert und natürlich die Vorfreude immens gesteigert! (Kleine Schleichwerbung 😉 – nächstes Jahr schon was vor? 😄)

Doch auch außerhalb dieser intensiven Aachen-Kurztrips ging die Vorbereitung natürlich weiter. Parallel zum Voranschreiten des Jahres nahmen auch die vielen Stunden, die ich in mein Visum investiert habe, zu, und je näher der Monat August rückte, desto häufiger wurden auch meine Impftermine (Irgendwann ein neckender Witz meiner Freundinnen zu den Fragen, was ich vorhätte oder gemacht hatte). Emails und Telefonwarteschlangen, das Herunterladen von und Registrieren bei verschiedenen Apps, Online-Formulare diverser Ämter (neue Erkenntnis: Bürokratie ist doof) und sonstiger Papierkram – auch das gehört dazu. Und hat mich vermutlich auch schon selbstständiger werden und dazulernen lassen.

Tja, und dann kommt natürlich noch der emotionale Prozess dazu, der solch einem Abenteuer vorausgeht und mindestens genauso herausfordernde und einnehmende Vorbereitung ist.
Ich werde hier die vergangenen Monate einmal kurz für euch Revue passieren lassen:
- Okt. 25: Puh, ein Jahr ist soo lang – aber es wär auch echt cool!! Einfach mal bewerben…
- 21.11.25 (Auswahlgespräch): Alle so nett und wow alles so toll und ich hätte soo Lust – aber ich werde bestimmt nicht angenommen.
- 25.11.25: Ich bin angenommen!! Juhuuuu!
- 06.-09.02.26 (1. Seminar): (Bis dahin noch alles ganz weit weg) Ooh, die sind alle so nett und ah so ein Jahr ist nicht immer einfach aha – los geht´s, ich will das sowas von auch!
- Irgendwann zwischendrin: Ein Jahr ist so lang, ich kann das nicht, ich werde alle so sehr vermissen.
- 20.-23.03.26: Woow, ich hab so viel gelernt und ich will die Welt noch mehr verstehen und ich bin ja so privilegiert, einen Freiwilligendienst zu machen!
- Irgendwann zwischendrin: Blödes Visum!
- Mai: Okay, ein Jahr weg, das schaffe ich. Aber was ist danach? Mein Leben wird nie wieder so sein wie jetzt und vielleicht ziehe ich für immer aus und Hilfe, ich werde erwachsen. Was, wenn sich alles verändert? Und vor allem: Wenn ich mich verändere?
- Irgendwann zwischendrin: Blödes Visum!
- Juni: Achso, meine Freunde machen nächstes Jahr jetzt auch alle andere Sachen, irgendwo. Und mein Zuhause wird auch danach noch mein Zuhause sein, und sich wahrscheinlich eher erstaunlich wenig verändern.
- Irgendwann zwischendurch: (außer: Blödes Visum!) Hach, ich lieb doch mein Zuhause und alle so und hier ist es doch so schön, warum will ich denn weg? Aber (schlauer Spruch von Papa): Manchmal muss man sein Zuhause verlassen, um es schätzen zu können. Außerdem komme ich ja wieder.
- 12.-17.07.26 (3. Seminar): Jetzt geht’s tatsächlich los! Wow, jetzt beginnt es schon mit den Abschieden! Aber jetzt darf es auch langsam losgehen! Ab ans Packen!
- Danach: Huch, schon so bald! Alles geht so schnell. Ein wenig Herzschmerz beim Verabschieden – aber auch so viel Dankbarkeit. Ein wenig Sentimentalität beim Sachen unternehmen – aber auch so viel bewussteres Genießen und Wahrnehmen. Ein wenig Überwältigungs – und Überforderunsgefühl – aber auch Vorfreude und Abenteuerlust. Natürlich ab und zu Aufregung – aber auch ganz oft einfach kein wirkliches Realisieren.
- Anfang August: Aah, Krise, Visum!
- 11.08.26: Der letzte Tag. Morgen geht´s los.
- 12.08.26: Haha Spaß, doch nicht. (Ich sag´s ja: Blödes Visum.) Manno, mir werden 4 Wochen dort genommen. Wow, mir werden hier nochmal 4 Wochen geschenkt. Was mache ich hier denn nochmal 4 Wochen lang?
- 4 Wochen später: Huch, sind die 4 Wochen schnell verflogen! (Irgendwann kurz davor: AAAH, mein Visum ist da, juhuuu! Hatte schon nicht mehr daran geglaubt…) Jetzt geht´s tatsächlich los. Ach, jetzt sind´s auch nur noch 10 Monate.
Ja, ihr habt richtig herausgelesen: Die erste Lektion in Flexibilität und Geduld haben meine Mitfreiwillige Valentina und ich schon in Deutschland bekommen. Da es Komplikationen mit unseren Visa gab, haben wir letztendlich wenige Stunden vor unserem geplanten Abflug diesen verschoben. Ein seltsames Gefühl, nicht zu wissen, was sein wird, keine Kontrolle und Gewissheit zu haben, und dann letztendlich doch alle Pläne noch einmal umzuwerfen.
Aber da ich sowieso nichts ändern konnte, habe ich einfach beschlossen, das Beste daraus zu machen – und habe diese zusätzliche Zeit wirklich als Geschenk wahrgenommen. Nicht nur, um doch noch die letzten und allerletzten Kleinigkeiten fertig zu organisieren, sondern vor allem, um nochmal völlig in Gemeinschaft einzutauchen. Und wer weiß, wozu es am Ende gut war – wohl wenigstens dazu, dass ich mit so viel mehr Gelassenheit gemerkt habe: Doch, ich will wirklich dieses Jahr erleben. Ich freue mich, gehen zu können. Und auch wenn sie mir alle fehlen werden – der Abschied war dann nach dem zweiten und dritten und letztendlich allerallerletzten Mal auch nicht mehr ganz so hart.
Und so bin ich am 07.09.2026 voller freudiger Aufregung aufgewacht, und habe gedacht: „Dies ist der Tag!“ 🙃 In meinem Tagebuch steht, wie ich gerade schmunzelnd festgestellt habe, an diesem Morgen tatsächlich: „Und bitte gib, dass ich kein Meerschweinchen essen muss.“ Wenn das also eine der größten Sorgen war, an die ich Gedanken verschwendet habe, dann hielt sich zwar nicht die Aufregung, aber die Panik und Nervosität doch sehr in Grenzen.
Nachdem ich mich schweren Herzens von meiner Familie verabschiedet und ein bisschen Zeit am Münchner Flughafen abgesessen hatte, haben Valentina und ich dann auch schon bald Deutschen Boden verlassen und uns auf in die Lüfte und ins nächste Lebenskapitel geschwungen.


„Der letzte Tag“ war es in meinem Kopf die ganze Zeit. Bis zu diesem Datum war mein Leben in meinem Kopf vorausgedacht und geplant, der Abreisetag als dessen „letzter Tag“ tituliert. „Seltsam eigentlich“, dachte ich irgendwann. „Denn eigentlich ist es ja viel eher der ERSTE Tag. Der erste Tag dieses neuen Lebens, das ich jetzt beginne.“ Der erste, der letzte Tag. Hier, dort. Deutsch, Spanisch. 3 Uhr. 5 Uhr. Oder… noch 22 Uhr? Schon der 08. September? Noch der 07.?
Auf dieser Reise begann alles, sich zu vermischen, durcheinander geworfen zu werden. Vergangenheit und Zukunft schienen sich buchstäblich zu überschneiden, mein Kopf sprang hin und her zwischen Erinnerungen an Deutschland und Grübeleien über Ecuador. Beim Umstieg in Madrid schwappte nicht nur die erste Welle Spanisch über uns – auch begegneten wir unseren ersten Ecuadorianern, die mit uns ins Flugzeug stiegen, und Stück für Stück drang die Erkenntnis schließlich so langsam durch. Während meine Gedanken anfangs erst noch um das Zurückgelassene kreisten, die Abschiede und all die organisatorischen Sachen, die ich die letzten Tage im Hinterkopf hatte, drängten sich mir nach und nach immer mehr Fragen auf, wie: „Wie sieht es wohl aus, wenn ich aus diesem Flugzeug wieder aussteige? Wer wird alles dort sein, um mich abzuholen? Wie ist das Wetter? Was werde ich heute noch alles erleben?“ Und ich stellte fest: Ich bin so unfassbar viel aufgeregter vor dem Ankommen als vor dem Abfliegen. Mit diesem Gedanken hatte ich mich noch nie auseinander gesetzt, für mich war bis dahin das Verlassen meiner Heimat das Problem, alles drehte sich ums Gehen. Dass das ja erst der Anfang des Jahres ist und ich doch eigentlich nur gehe, um an einen anderen Ort zu kommen, soweit war ich trotz monatelangen Wappnens in dem Moment irgendwie doch noch nicht. Der erste Tag. Der Anfang.
Und da sind wir wieder bei dem kleinen Flugzeug, das plötzlich nicht mehr über dem Blauen schwebte, sondern schon fast über dem kleinen Punkt mit der Aufschrift „Quito“ stand. Das schließlich, 10 Stunden nachdem wir nachts um zwei hineingestiegen waren, morgens um 5 Uhr in Ecuador landete. Und wir mit ihm.

Altes loslassen. Neues zulassen. Sich auf Neues einlassen. Das ist die Bedeutung der drei Knoten der Kordelkette mit dem franziskanischen Tau-Kreuz, das meine Firmpatin mir zum Abschied schenkte. Es steht für Neubeginne und wird heute stark mit anstehenden Lebensveränderungen verknüpft – und begleitet nun auch mich hierher. Es ist ein Prozess-Symbol. Und so war auch das Verabschieden ein Prozess, ebenso wie jetzt das Ankommen hier.
Vieles musste ich hinter mir lassen. Aber dadurch mache ich auch Platz für Neues. Und ich will offen dafür sein, will Mut haben, entdecken, erleben, ausprobieren, kennenlernen, gestalten, will empfangen und geben. Mich einlassen auf dieses Jahr, was es auch bereit halten möge.

So, jetzt bin ich in diesem Blogeintrag doch nicht mehr dazugekommen, den eigentlichen Anfang meiner Zeit hier zu schildern und all die neuen Eindrücke mit euch zu teilen. Dafür gibt es dann ganz bald den nächsten, versprochen! Ich hoffe aber, auch das hier war interessant für euch und ihr könnt nun ein bisschen besser nachvollziehen, wie sich das Davor für mich angefühlt hat. Für den Einblick ins Jetzt müsst ihr euch nun aber noch ein klein wenig gedulden, denn jetzt schlüpf ich erst einmal unter meine 7 Decken-Schichten ins Bettchen, denn morgen (Samstag) muss ich ausgeschlafen sein. Wohin es geht, wird noch nicht verraten, so viel Spannung muss schließlich sein. Dann also „Buenas noches“ und für euch bald schon wieder „Guten Morgen“! So oder so aber ganz liebe Grüße aus Ecuador und meinem neuen Leben! 🇪🇨

Liebe Anni, danke für den tollen, lustigen und emotionalen Einblick in die Zeit und deine Gedankenwelt, hatte sooo viel Freude beim Lesen und bin natürlich schon ganz gespannt auf den nächsten Blogeintrag