Eine kulturelle Fülle – Inti Raymi Killa
Es ist nicht mehr viel Zeit, die mir hier bleibt. Zu dem Zeitpunkt, an dem ich diesen Eintrag schreibe, sind es, um genau zu sein, noch elf Tage bis zu meinem Abflug. Und trotzdem möchte ich diesen Eintrag noch nicht als den letzten betiteln. Denn im Juni, einem wirklich ganz besonderen Monat, ist einfach viel zu viel passiert. All das lässt sich nicht zusammen mit den Abschiedsgedanken, die bereits in meinem Kopf herumschwirren, in einen einzigen Eintrag packen. Vielleicht war es auch weniger die Menge dessen, was im vergangenen Monat passiert ist, sondern vielmehr die Bedeutung, die vieles davon hatte und die den Juni so besonders erfüllt wirken ließ.
Zum einen ist die Trockenzeit nun endgültig im Valle Sagrado angekommen. Das bedeutet, dass die Tage meist sonnig und warm sind, während die Nächte von sternenklaren Himmeln und eisiger Kälte geprägt werden. Es ist der immer wiederkehrende Zyklus dieser Region, in der sich Regen- und Trockenzeit jedes Jahr abwechseln. Und genau in diesem sonnigen Monat wird jedes Jahr das „Inti Raymi“ gefeiert. Es ist das traditionelle Inkafest zu Ehren des Sonnengottes Inti und findet am 24. Juni in Cusco, der ehemaligen Hauptstadt des Inkareiches, statt. Es steht in Verbindung mit der Wintersonnenwende und dem Beginn eines neuen landwirtschaftlichen Zyklus. Interessant ist dabei, dass das Inti Raymi während der spanischen Kolonialherrschaft für mehrere Jahrhunderte verboten war und 1572 zum letzten Mal in seiner ursprünglichen Form gefeiert wurde. Erst 1944 wurde es als historische Inszenierung wiederbelebt. Heute ist es eines der größten kulturellen Ereignisse Perus. Nicht nur viele Peruanerinnen und Peruaner, sondern auch zahlreiche Touristen reisen an diesem Tag nach Cusco, um das Spektakel mitzuerleben. Und Spektakel trifft es eigentlich ganz gut. Die Straßen sind voller Menschen, und an manchen Stellen gibt es praktisch kein Durchkommen mehr. Das Fest beginnt am Qorikancha, dem ehemaligen Sonnentempel der Inka. Von dort zieht eine große Prozession durch Cusco, über die Plaza de Armas und schließlich hinauf nach Sacsayhuamán. Begleitet wird sie von Musik, Tänzen, farbenfrohen Gewändern und Zeremonien in Quechua. Ich selbst habe schnell gemerkt, dass es dabei nicht einfach nur um eine große touristische Veranstaltung geht. Natürlich ist Cusco an diesem Tag voller Besucher, Kameras und Verkaufsstände. Gleichzeitig ist das Fest aber auch tief mit der Geschichte und der Identität der Region verbunden. Für viele Menschen wird hier etwas sichtbar und gefeiert, das über Jahrhunderte unterdrückt wurde.
Auf denselben Tag fällt außerdem der „Día del Campesino“, also der Tag der Bäuerinnen und Bauern. Für das Hogar hat dieser Tag eine besonders persönliche Bedeutung, weil fast alle Eltern der Kinder in der Landwirtschaft im Andenhochland arbeiten. Viele von ihnen bewirtschaften ihre Felder unter schwierigen Bedingungen und leisten täglich körperlich sehr harte Arbeit. Einige leben in abgelegenen Comunidades, die nur wenig an Urubamba oder andere größere Orte angebunden sind. Oft nehmen sie lange Wege auf sich, um ihre Kinder zu besuchen, an Gesprächen im Hogar teilzunehmen, ihre Ernte zu verkaufen oder Dinge des täglichen Lebens zu erledigen. Gleichzeitig wurden gerade die indigene Landbevölkerung und die Campesinos in der Geschichte Perus lange ausgegrenzt, ausgebeutet und gesellschaftlich abgewertet. Ihre Lebensweise, ihre Sprache und auch ihr Wissen über die Landwirtschaft wurden häufig als rückständig angesehen, obwohl genau diese Menschen einen grundlegenden Teil des Landes tragen. Deshalb ist es so wichtig, dass ihre Arbeit an diesem Tag bewusst sichtbar gemacht und gewürdigt wird. Es geht nicht nur um die Kartoffeln, den Mais oder die anderen Produkte, die später auf den Märkten verkauft werden, sondern auch um die Ausdauer, das Wissen und die Verantwortung, die hinter dieser Arbeit stehen. Einige Kinder besuchen außerdem eine landwirtschaftlich ausgerichtete Schule. Dort lernen sie neben den normalen Unterrichtsfächern auch praktisch, wie man Pflanzen anbaut, mit der Erde arbeitet und landwirtschaftliche Traditionen weiterführt. Zum Día del Campesino wurde dort eine „Huatia“ zubereitet, eine traditionelle andine Art, Kartoffeln direkt in der Erde zu garen. Dafür wird zunächst aus festen Erdklumpen ein kleiner kuppelförmiger Ofen gebaut. In seinem Inneren wird ein Feuer entzündet, bis die Erdklumpen stark erhitzt sind. Danach werden die Kartoffeln hineingelegt und der Ofen wird vorsichtig zum Einstürzen gebracht, sodass die heiße Erde die Kartoffeln vollständig bedeckt. Anschließend wird alles noch einmal mit Erde verschlossen, damit möglichst wenig Wärme entweicht. Nach einiger Zeit werden die Kartoffeln wieder ausgegraben, von der Erde befreit und gemeinsam gegessen. Auch wir durften die Huatia anschließend zusammen probieren. Die Kartoffeln waren noch warm, leicht rauchig und schmeckten tatsächlich deutlich „erdiger“ als normal gekochte Kartoffeln, aber unglaublich lecker. Vor allem war es aber schön, diese Tradition gemeinsam zu erleben und dabei noch einmal ganz konkret zu sehen, wie eng der Día del Campesino mit dem Leben der Kinder, ihren Familien und ihrer Herkunft verbunden ist.
Der Juni war also vor allem kulturell und historisch ein ganz wichtiger Monat. Er steht für die Erinnerung an die Vorfahren, für Widerstandskraft und für die Bewahrung von Traditionen, die trotz Kolonialisierung und Unterdrückung weiterleben. Gleichzeitig richtet der Día del Campesino den Blick auf die Menschen, deren tägliche Arbeit das Land ernährt und deren Wissen über Böden, Pflanzen und Ernten über Generationen hinweg weitergegeben wird.
Obwohl ich nun schon fast ein Jahr hier bin, hat mich dieser Monat aufs Neue überrascht und mich noch einmal sehr viel lernen lassen. Ich weiß noch, wie ich in meinem zweiten Blogeintrag von der „Brille des Neulings“ geschrieben habe. Ich glaube, unbewusst habe ich mir diese Brille in den letzten Monaten immer mehr abgesetzt und bin manchmal mit der Einstellung herumgelaufen, inzwischen schon ziemlich viel zu wissen. Als gäbe es nichts wirklich Neues mehr und als hätte ich schon alles gesehen. Was für ein Fehlschluss – und, ehrlich gesagt, auch ein bisschen überheblich. Wahrscheinlich steckt darin eine gewisse Form von Stolz und auch einem kleinen Zugehörigkeitsgefühl. Der Stolz darauf, sich an einen fremden Ort angepasst zu haben, dazuzugehören und manche Dinge inzwischen schon im Voraus zu verstehen. Und ja, natürlich habe ich in diesem Jahr sehr viel gelernt. Trotzdem muss ich mir immer wieder bewusst machen, dass ein Jahr sich für mich zwar unglaublich lang anfühlt, besonders weil ich vorher noch nie länger als einen Monat von zu Hause entfernt war, in Wirklichkeit aber nur einen sehr kleinen Ausschnitt eines Lebens darstellt. Und erst recht nur einen winzigen Ausschnitt Perus. Ein Jahr reicht nicht aus, um die Neugier auf die peruanische Kultur abzulegen. Dafür gibt es viel zu viel zu lernen, zu hören und zu verstehen. Und genau das durfte ich in diesem Monat noch einmal besonders merken.
Anfang Juni durfte ich meine Mentorin Gabi zu einem Treffen mit Vertreterinnen und Vertretern von acht weiteren Einrichtungen hier im Valle Sagrado begleiten. Dieses Treffen bot den Teilnehmenden die Möglichkeit, sich auszutauschen, voneinander zu lernen und mehr über die Arbeit der jeweils anderen Hogares zu erfahren. Was all diesen Einrichtungen besonders am Herzen liegt, ist die Weitergabe des kulturellen Reichtums an die Kinder. Dazu gehört auch, ihnen eine Wertschätzung und Verbundenheit mit ihren eigenen Wurzeln mitzugeben. Vor allem die indigene Bevölkerung Perus und die Menschen aus den ländlichen Regionen, dem „Campo“, mussten seit der Kolonialisierung sehr viel Leid ertragen. Ausbeutung, Diskriminierung und kulturelle Unterdrückung zogen sich über Jahrhunderte hinweg und wirkten auch im 20. Jahrhundert noch stark nach. Und bis heute sind diese Unterschiede spürbar. Wie mir bei dem Treffen erklärt wurde, zeigt sich das unter anderem im Verhältnis zwischen Stadt- und Landbevölkerung. Besonders in Lima sehen Lebensbedingungen, soziale Möglichkeiten und auch gesellschaftliches Ansehen oft deutlich anders aus als in den ländlichen Andenregionen. Natürlich möchte ich das nicht verallgemeinern. Peru ist viel zu groß und vielfältig, um solche Unterschiede in ein paar Sätzen zusammenzufassen. Trotzdem begegnet einem immer wieder ein starkes Gefälle zwischen der Hauptstadt und vielen ländlichen Regionen. Das zeigt sich auch an der Sprache. Quechua wird heute vor allem noch in den ländlichen Andengebieten gesprochen. Lange Zeit wurde es mit Armut, fehlender Bildung und einem niedrigen gesellschaftlichen Stand verbunden. Spanisch galt dagegen als Sprache der Städte, der Bildung und des sozialen Aufstiegs. Auch das ist eine Folge der kolonialen Geschichte. In Cusco wird Quechua jedoch gleichzeitig mit einem starken regionalen Selbstbewusstsein verbunden. Die Geschichte der Inka, ihre Sprache und ihre Symbole sind hier sehr präsent und werden besonders in einem Monat wie dem Juni überall sichtbar. Auch hier kann ich natürlich nur von dem erzählen, was mir Menschen erklärt haben und was ich selbst im Alltag beobachte. Aber immer wieder erlebe ich auf den Straßen, Märkten oder im Hogar, mit wie viel Freude Menschen von ihrer Herkunft, ihren Comunidades oder ihrer ersten Sprache erzählen. Besonders berührt hat mich deshalb in diesem Monat der Eifer, mit dem ein zehnjähriges Mädchen aus dem Hogar beschloss, mir Quechua beizubringen. Normalerweise tauschen wir beim Abendessen manchmal nebenher einzelne Wörter auf Quechua, Deutsch oder Englisch aus. Dieses Mal war es aber anders. Nach der Hausaufgabenzeit erklärte sie einfach, dass sie nun meine „Profesora de Quechua“ sei. Und das meinte sie nicht nur so. Sie holte Zettel, schrieb mir Aufgaben auf und erklärte mir, dass meine Hausaufgabe bis zur nächsten Woche darin bestehe, alle Farben auf Quechua zu lernen. Dabei musste ich sie allerdings etwas bremsen, weil sie meine sprachlichen Fähigkeiten deutlich überschätzt hatte. Also schlug ich vor, zunächst mit einer kleineren Auswahl anzufangen:
puka = rot
q’illu = gelb
anqas = blau
q’umir = grün
Es war eine unglaublich schöne Situation. Nicht nur, weil sie mir mit so viel Freude ihre Sprache beibringen wollte, sondern auch, weil sich darin noch einmal sehr schön gezeigt hat, worum es bei einem Freiwilligen Internationalen Jahr eigentlich geht: um Begegnung, interkulturellen Austausch und darum, voneinander zu lernen. So wie ich ihr vielleicht manchmal bei ihren Englischhausaufgaben helfe oder mit ihr bastle, nahm sie dieses Mal mich an die Hand. Voller Freude zeigte sie mir etwas von sich, ihrer Sprache und ihrer Kultur. Dazu gehörte dann allerdings auch eine kleine Standpauke nach zwei Wochen, als die Farben leider immer noch nicht richtig saßen. Und genau darin lag irgendwie etwas besonders Schönes. Für einen Moment waren die Rollen vertauscht. Nicht ich half oder erklärte etwas, sondern sie war die Lehrerin. Sehr motiviert, geduldig und gleichzeitig auch ziemlich streng mit ihrer Schülerin.
Der Juni, auf Quechua auch „Inti Raymi Killa“, also der Monat des Sonnenfestes, war für mich deshalb wirklich etwas ganz Besonderes. Schon am 1. Juni wurden auf der Plaza de Armas in Cusco die bunten Flaggen der Stadt gehisst, die dort den ganzen Monat über wehten. Überall wurde getanzt, musiziert und gefeiert. Was mich dabei am meisten beeindruckt hat, war nicht nur die Größe der Feierlichkeiten, sondern vor allem die Freude, mit der das kulturelle Erbe sichtbar gemacht und weitergetragen wurde. In den Kleidern, den Tänzen, den Liedern, den Sprachen und den Geschichten. Ich glaube, dass Kultur genau dadurch lebendig bleibt. Nicht, indem sie nur in Museen oder Geschichtsbüchern aufbewahrt wird, sondern indem Menschen sie kennen, feiern, weitergeben und mit ihr leben.
Umso surrealer fühlt es sich für mich an, dass meine eigene Zeit hier nun tatsächlich zu Ende geht. Fast ein Jahr lang war Peru mein Alltag, und trotzdem gibt es noch so vieles, das ich nicht kenne, nicht verstehe und gerne noch lernen würde. Genau diese Neugier möchte ich mir auch über meine Rückkehr hinaus bewahren. Ich bin sehr dankbar, dass gerade einer meiner letzten Monate hier so stark von kulturellem Erbe, Geschichte und der bewussten Feier all dessen geprägt war. Im Juni wurde für mich noch einmal besonders sichtbar, mit wie viel Stolz, Freude und Verbundenheit viele Menschen hier ihre Herkunft, ihre Sprache und ihre Traditionen weitertragen. Das nicht nur von außen zu beobachten, sondern ein Stück weit miterleben zu dürfen, war etwas ganz Besonderes. Vielleicht war dieser Monat deshalb noch einmal eine passende Erinnerung daran, dass ich Peru nach einem Jahr nicht einfach „kenne“. Aber ich durfte zuhören, lernen, mitfeiern und mich immer wieder überraschen lassen. Und genau diese Haltung möchte ich mitnehmen: nicht zu glauben, schon alles verstanden zu haben, sondern offen und neugierig zu bleiben für das, was Menschen, Orte und Kulturen einem noch zeigen können. Und vielleicht das ein oder andere Mal die Rollen zu tauschen und die Standpauke von einer Zehnjährigen über sich ergehen zu lassen. 🙂
Schnappschüsse aus den vergangenen Wochen:


























