Ankommen in einem neuen Land
Mitte August landete ich mit meinem Flieger mitten in den Anden auf dem Rollfeld Cuscos. Einer meiner ersten Gedanken war: „Jetzt bin ich also in Peru angekommen – in dem Land, in dem ich in der Stadt Urubamba ein Jahr lang leben werde.“
Doch was bedeutet eigentlich „Ankommen“ und wie sieht das aus?
In den folgenden Zeilen möchte ich euch mitnehmen und euch zeigen, wie mein Ankommen hier aussieht. Ich lade euch ein, für ein paar Minuten nach Peru abzutauchen.
Landen in Cusco
Kurz nach 10:00 Uhr Ortszeit startet der Pilot den Landeanflug auf Cusco. Und das Erste, was mir auffällt: überall Berge!
Es ist ein kleiner Flughafen mit zwei oder drei Gates. Meinen Koffer finde ich kurz nach meiner Ankunft in der Empfangshalle auf dem Fließband. Und durch die nächste Tür stehe ich auch schon vor dem Flughafen. Jetzt heißt es: orientieren und meine Mentorin finden, die mich abholen soll.
Entlang des Ausgangs stehen viele Menschen mit Schildern und Taxifahrer, die ihre Dienste anbieten – und ich. Ich versuche irgendwo meinen Namen zu entdecken und gleichzeitig Gabi (meine Mentorin) zu beschreiben, wo ich bin. Während mein Kopf noch arbeitet, höre ich plötzlich: „Elaine!“ Ich bin gefunden – auch ohne meine Ortsangabe. Denn mir ist noch nicht einmal auf Deutsch eingefallen, wie man beschreibt, wo beim Ausgang ich stehe.

Die erste Fahrt – Ab nach Urubamba
Ein weiterer Schritt des Ankommens sind die ganzen ersten Male.
Das erste Mal Taxi fahren. Dabei missachte ich direkt einmal alle Sicherheitsregeln aus den Vorbereitungsseminaren und vertraue auf Gabis Ortskenntnisse. (Alleine werde ich mich natürlich daran halten!)
Auf der Fahrt durch Cusco versuche ich, alle Eindrücke in mich aufzunehmen. Die Sonne strahlt fast senkrecht von oben auf uns herab, so ist es warm, schon fast heiß. Wir fahren durch breite, etwas holprige und staubige Straßen. Am Straßenrand reiht sich ein beiges Haus an das nächste, dazwischen hängen große, bunte Werbeposter.
Die erste Fahrt bedeutet auch die erste Begegnung mit dem Verkehr hier. Der ist noch einmal eine ganz eigene Geschichte. Aber mit Hupen, Durchwurschteln und „schnell durch“ kommt man auch ans Ziel. So werden aus eigentlich zwei Fahrstreifen auch mal drei oder vier.
Dann heißt es Umsteigen in den Bus, der uns nach Urubamba bringt. Meine Koffer werden im Kofferraum des Combis verstaut, in dem sogar noch Plätze frei sind, als wir uns auf den Weg durch die Anden machen.
An diesem Moment würde ich euch gerne einmal kurz hierherbeamen, damit ihr nur einen Blick auf die Anden werfen könntet.
Mir fehlen die Worte, um sie zu beschreiben. Sie sind groß, überall, vor allem grün und wunderschön. Das Besondere ist, dass jeder Berg einzigartig ist. Durch die unterschiedliche Vegetation, das verschiedenste Gestein, das mal mehr und mal weniger sichtbar ist, mit und ohne Häuser – und bei einigen erkennt man ganz oben sogar eine Schneedecke.
Was mir auf dem Weg – außer der wunderschönen Schöpfung Gottes – noch auffällt, sind Plastiktüten. Damit meine ich nicht den Müll, der hier auch viel am Straßenrand liegt, sondern meist Frauen und Kinder, die in regelmäßigen Abständen mit roten oder weißen Plastiktüten wedeln. Teilweise sind die Tüten auch an langen Holzstäben an Hauswänden befestigt. Wie mir später erklärt wird, handelt es sich dabei um ein Erkennungsmerkmal für Autofahrer: Hier gibt es „Chicha“ und/oder „pan“ zu kaufen. „Chicha“ ist ein traditionelles, meist aus Mais hergestelltes Getränk. Unter „pan“ versteht man eine Art flaches Brötchen, das hier täglich gegessen wird.
Nach zwei Stunden Fahrt voller Entdeckungen und Staunen fahren wir um den letzten Berg – und vor uns erscheint das „Valle Sagrado de los Incas“, das „Heilige Tal der Inka“, und mit ihm die Stadt Urubamba.
Viele kleine Häuschen tauchen auf, die immer größer und dichter werden, bis wir mitten in der Stadt ankommen. Nachdem meine Koffer wieder aus dem Kofferraum ausgeladen wurden, stehen wir nun auf der belebten Straße und ein Fahrzeug nach dem nächsten fährt hupend an uns vorbei.
Und damit lerne ich noch das letzte Transportmittel kennen: das „Moto“. Eigentlich heißt es „Mototaxi“, aber das ist natürlich viel zu lang. Die dreirädrigen, meist roten oder blauen Fahrzeuge haben vorne einen Platz für den Fahrer. Hinten passen – etwas gestapelt – bis zu fünf Personen hinein, wobei mindestens zwei davon Kinder sein sollten. Oder aber Gabi, ich und mein Gepäck.
Die zwei Stunden im Combi waren zwar schon holprig, aber nichts im Vergleich zu der Fahrt im Moto. Dazu kommt noch der laute Motor, ähnlich wie bei einem Motorrad.
Die kurze Fahrt über die staubigen Straßen Urubambas endet an einer grünen Tür.
Ankunft im Hogar
„Hogar“ bedeutet so viel wie „Heim“ oder „Zuhause“. Hier steht es für das „Hogar Semillas de Jesus“ – meine Einsatzstelle. Was genau sich dahinter verbirgt und was ich dort mache, erzähle ich euch aber beim nächsten Mal genauer.
Gabi schließt also die grüne Tür auf und Rosi, die Leiterin, steht mit vielleicht acht oder neun Kindern im Innenhof. Die Kinder halten bunte Wedel in den Händen und vor lauter Überraschung bekomme ich gar nicht mit, was ihre Worte der Begrüßung sind. Auf jeden Fall umarmt mich zuerst Rosi und anschließend auch die Kinder ganz herzlich.
Danach heißt es: Zimmer kennenlernen. Denn ich wohne mit hier auf dem Gelände in einer kleinen eigenen Wohnung. Rosi zeigt mir alles – bis hin dazu, wie die Dusche funktioniert – und nimmt mich anschließend zum Mittagessen mit.
Also: das erste Mal peruanisches Essen! Es gibt: Nudeln mit Kartoffeln, Ei und Erdnusssoße.
Ja, auch ich staune erst einmal darüber, dass man Nudeln mit Kartoffeln isst. Aber Kartoffeln zählen hier als Gemüse, ähnlich wie Möhren. (Ach ja – und dass die Soße aus Erdnüssen besteht, erfahre ich übrigens erst einen Monat später beim Schälen dieser.)
Nach dem Essen heißt es dann erst einmal: ausruhen und schlafen. Schlafen. Schlafen.
Das wirkliche Ankommen
Seit meiner Ankunft vor nun 1,5 Monaten lerne ich die Abläufe im Hogar, meine Aufgaben in der Einsatzstelle, das peruanische Spanisch, das Essen und generell das Leben hier jeden Tag ein bisschen mehr kennen.
Einiges, wie der tägliche Konsum von Kartoffeln und das fast tägliche Essen von Reis, ist schon normal geworden und kaum noch wegzudenken.
Bei anderen Dingen staune ich jedes Mal aufs Neue, wenn ich sie sehe: die großartigen Berge, die Schneide- und Kochkünste der Köchin oder die schweren Lasten, die die Frauen hier nur mithilfe eines Tuches auf dem Rücken tragen.
Und anderes lerne ich immer noch neu kennen. Zum Beispiel, was man alles aus Papaya machen kann beziehungsweise wie man sie verarbeitet, wie die peruanischen Gerichte heißen – und auch da kommen immer wieder neue dazu – oder welche Klatschspiele es gibt.
Heute merke ich, dass der Satz aus dem Flugzeug „Jetzt bin ich also in Peru angekommen“, viel mehr bedeutet, als ich damals dachte. Ankommen bedeutet, jeden Tag ein bisschen mehr: mehr Verstehen, mehr Vertrautheit, mehr Sicherheit. Sich an ungewohnte Dinge zu gewöhnen und trotzdem immer wieder über Neues zu staunen.
Ich glaube, Ankommen ist ein Prozess. Ob ein Jahr reicht, um diesen Prozess abzuschließen, weiß ich nicht. Vielleicht gibt es diesen einen Moment, in dem man sagen kann: „Jetzt bin ich wirklich angekommen“, auch gar nicht.
Aber für jetzt bin ich hier. Ich lerne jeden Tag ein bisschen mehr, entdecke Neues, gewöhne mich an das, was anfangs ungewohnt war, und fühle mich dabei immer ein kleines Stück mehr zu Hause.
Und vielleicht ist genau das Ankommen.
Für heute dürft ihr aber langsam wieder auftauchen. Danke, dass ihr für ein paar Minuten gedanklich zu mir nach Peru gereist seid.
Chau und bis zur nächsten gemeinsamen Reise!







Liebe Elaine,
danke dass ich durch deinen Erzählungen eintauchen durfte in dein Leben in Peru. Du hast alles sooo schön und bildlich beschrieben, dass ich fast das Gefühl hatte mit in den Momenten dabei gewesen zu sein. Bin schon gespannt wie es weitergeht!
Liebe Elaine, auch wir haben sehr gespannt deinen Bericht gelesen. Liebe Grüße Oswin, Johann und Oma