Ein Teil meines Herzens ist in Cajamarca geblieben

Hola ihr Lieben,
nach knapp zwei Jahren nehme ich euch mit auf eine kleine Reise zurück nach Peru. Ich bin Linda Sapia, 25 Jahre alt, und habe meinen Freiwilligendienst von August 2023 bis August 2024 bei MICANTO JOSÉ OBRERO in Cajamarca, Peru verbracht. Ein Jahr, was von dieser Zeit geblieben ist? Kommt mit – ich erzähle es euch.

„Und, was ist von Peru geblieben?“

Diese Frage wird mir immer wieder gestellt. Oft erwarten die Menschen dann Antworten wie: die Sprache, die Erinnerungen, vielleicht ein paar Rezepte. Und natürlich stimmt das alles. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr merke ich, dass die eigentliche Antwort viel größer ist.

Von Peru ist nicht nur etwas geblieben. Peru ist ein Teil meines Alltags geworden.

Manchmal fällt mir das ganz plötzlich auf. Ich sitze in Deutschland an meinem Esstisch, trinke meinen Kaffee und mein Blick fällt auf die peruanische Tischdecke, die dort liegt. Daneben stehen kleine Geschenke von Kindern aus MICANTO, Fotos und Erinnerungsstücke aus Cajamarca. Dann reicht oft ein einziger Moment und meine Gedanken sind tausende Kilometer entfernt.

Plötzlich bin ich wieder dort.

Ich höre die Stimmen auf der Straße, das Hupen der Mototaxis, die Musik aus den kleinen Geschäften. Ich sehe die Berge rund um Cajamarca und die Menschen, die ihren Alltag leben.

Manchmal fühlt sich die Erinnerung so lebendig an, dass ich fast glaube, nur kurz weg gewesen zu sein.

Besonders oft passiert das beim Essen.

Ich koche immer noch regelmäßig peruanische Gerichte. Wenn ich Papa a la Huancaína zubereite oder andere Rezepte aus Peru ausprobiere, kommen sofort Erinnerungen zurück. An gemeinsame Mahlzeiten, an Gespräche in der Küche, an Familienfeste und an die vielen Momente, in denen Essen mehr war als nur Essen.

Und trotzdem fehlt etwas.

Jedes Mal, wenn ich in Deutschland Erdbeeren kaufe, denke ich an die Erdbeeren in Cajamarca. Sie schmecken einfach anders. Süßer. Intensiver. Dasselbe gilt für Mangos, Maracujas oder viele andere Früchte. Vielleicht liegt es daran, dass ich sie inzwischen mit den Märkten in Peru verbinde.

Wie oft habe ich dort Obst gekauft?

Ich denke an die Marktstände voller Farben. Berge von Mangos, Avocados, Papayas und Früchten, deren Namen ich vorher noch nie gehört hatte. An das Gedränge zwischen den Menschen, an die Stimmen der Verkäuferinnen und Verkäufer und an die besondere Freundlichkeit, die mir dort begegnet ist.

Ich erinnere mich an eine Obsthändlerin, bei der ich regelmäßig einkaufte. Oft legte sie einfach noch etwas zusätzlich in meine Tüte. Eine Banane, eine Mandarine oder ein Stück Obst zum Probieren. Nicht weil sie musste, sondern einfach aus Freundlichkeit.

Diese kleinen Gesten vermisse ich manchmal.

Genauso wie die Mototaxi-Fahrer, die einen nach einiger Zeit wiedererkannten und freundlich grüßten. Oder den frischen Ananassaft auf der Straße. Oder das Mittagsmenü um die Ecke, bei dem man wusste, dass man satt und zufrieden nach Hause gehen würde.

Es sind nicht die großen Sehenswürdigkeiten, die ich am meisten vermisse.

Es sind die kleinen Dinge des Alltags.

Die Dinge, die man oft erst vermisst, wenn sie nicht mehr da sind.

Besonders vermisse ich die Menschen.

Als ich nach Cajamarca kam, war ich zunächst die Freiwillige aus Deutschland. Doch mit der Zeit wurde ich viel mehr als das.

Meine Gastfamilie nahm mich auf, als wäre ich ein Familienmitglied. Ich lebte mit meinen Gasteltern und meinen vier Gastgeschwistern zusammen. Direkt gegenüber wohnten Tanten und Onkel, nebenan die Oma. Eigentlich war nie jemand weit entfernt.

Und irgendwann hatte ich das Gefühl, dass nicht nur die Familie, sondern die ganze Straße wusste, wer ich war.

Wenn ich unterwegs war, wurde ich gegrüßt. Wenn ich später nach Hause kam, fragten Menschen nach mir. Wenn es mir nicht gut ging, sorgten sie sich.

Dieses Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein, hat mich tief geprägt.

In Deutschland leben wir oft viel unabhängiger und manchmal auch anonymer. In Cajamarca hatte ich das Gefühl, dass Menschen füreinander Verantwortung übernehmen. Dass man aufeinander achtet. Dass niemand ganz allein ist.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum sich Cajamarca für mich irgendwann nicht mehr wie ein fremder Ort angefühlt hat.

Es wurde zu einem Zuhause.

Eine Erinnerung begleitet mich bis heute besonders.

Kurz bevor ich nach Deutschland zurückkehrte, bekam ich von einem kleinen Mädchen ein Geschenk.

Es war kein teures Geschenk. Kein großes Geschenk.

Es war ein kleiner Stoffhase.

Eigentlich war er schon ziemlich kaputt. Mehrmals genäht, an einigen Stellen abgenutzt und voller Spuren eines langen Kinderlebens. Man konnte sehen, wie wichtig dieser Hase für sie gewesen sein musste.

Und genau deshalb hat mich dieses Geschenk so berührt.

Sie drückte ihn mir in die Hand und sagte, dass er mich beschützen soll und immer bei mir bleiben soll.

Bis heute bekomme ich Gänsehaut, wenn ich daran denke.

Denn Kinder verschenken nicht einfach ihre wichtigsten Schätze.

Sie schenken sie nur Menschen, die ihnen etwas bedeuten.

Dieser kleine Hase steht heute noch bei mir in Deutschland.

Für andere sieht er vielleicht aus wie ein altes Stofftier.

Für mich ist er unbezahlbar.

Er erinnert mich daran, wie viel Vertrauen mir entgegengebracht wurde. Wie viele Beziehungen in diesem Jahr entstanden sind. Und wie sehr Menschen ihr Herz öffnen können.

Wenn ich ihn anschaue, denke ich nicht an ein Stofftier.

Ich denke an ein Kind, das mir etwas von sich selbst mitgegeben hat.

Etwas, das mich bis heute begleitet.

Vielleicht ist das überhaupt das Wertvollste, das ich aus Peru mitgenommen habe.

Nicht die Souvenirs.

Nicht die Fotos.

Nicht die Rezepte.

Sondern die Menschen.

Die Gespräche. Die Umarmungen. Die Freundschaften. Das Gefühl von Zugehörigkeit.

Peru hat mich verändert.

Ich bin gelassener geworden. Ich habe gelernt, dass nicht alles perfekt geplant sein muss. Dass manchmal ein Gespräch wichtiger ist als ein Termin. Dass Gemeinschaft etwas ist, das man aktiv lebt.

Auch die Herzlichkeit der Menschen versuche ich bis heute mitzunehmen. Ich nehme mir mehr Zeit für Begegnungen. Ich frage häufiger nach, wie es anderen geht. Und manchmal rutschen mir sogar noch spanische Ausdrücke heraus, die mich sofort an meine Zeit dort erinnern.

Es gibt Tage, an denen die Erinnerungen nur leise im Hintergrund sind.

Und dann gibt es Tage, an denen ich plötzlich an Cajamarca denken muss.

Wenn ich eine bestimmte Musik höre.

Wenn ich eine Mango sehe.

Wenn ich Fotos von Peru entdecke.

Oder wenn ich einfach aus dem Fenster schaue und mich frage, was meine Gastfamilie gerade macht.

Dann stelle ich mir vor, wie das Leben dort weitergeht. Wie die Kinder größer werden. Wie Menschen über den Markt laufen. Wie Mototaxis durch die Straßen fahren. Wie die Sonne über Cajamarca untergeht.

Und für einen kurzen Moment bin ich wieder dort.

Manchmal fühlt es sich an, als wäre ich zurückgekommen, aber ein Teil von mir wäre geblieben.

Vielleicht stimmt das sogar.

Denn manche Orte verlassen einen nie wieder.

Und manche Menschen nehmen einen für immer in ihr Herz auf.

Mein Freiwilligendienst in Cajamarca war nur ein Jahr meines Lebens.

Aber die Erinnerungen, die Menschen und die Erfahrungen werden mich wahrscheinlich mein ganzes Leben begleiten.

Deshalb sage ich heute nicht, dass ich ein Jahr in Peru gelebt habe.

Ich sage, dass ich dort ein zweites Zuhause gefunden habe.

Und dass ein Teil meines Herzens noch immer dort ist.

Hasta luego,

Eure Linda