Alles anders – und doch irgendwie gleich…
Seit nun fast einem Jahr beschäftigt mich der Freiwilligendienst mit den Sternsingern: Von der Bewerbung im Oktober, über das Vorstellungstreffen im November zur frohen Botschaft der Zusage direkt eine Woche danach. Darauf folgten drei Vorbereitungsseminare, in denen ich meine Mitfreiwilligen kennenlernen durfte und wir über Themen wie Kulturunterschiede, Sicherheit im Ausland, Verhaltensregeln und Kinderschutz geredet haben. Fast ein Jahr der Vorbereitung und der Auseinandersetzung mit dem Gastland und der Sprache. Und obwohl ich schon so lange im voraus von meiner Reise wusste, sind die meisten Besorgungen und der Organisationskram dann eben doch auf den letzten Drücker erledigt worden, wie das nunmal so ist… :))
Nun, ich hätte mir keine bessere Vorbereitung vorstellen können und trotzdem gehört es zum Charakter dieses Jahres, dass man sich eben gar nicht zu 100% darauf vorbereiten kann. Teil der Erfahrung ist, sich ins Unbekannte zu stürzen und sich einfach darauf einzulassen. Eigentlich bin ich ein Mensch, der im Vorhinein gerne alles zerdenkt und sich viele Versionen der Zukunft ausmalt, um auf alles Mögliche vorbereitet zu sein. Aber das ging hier nicht, denn ich bin ja hier um meinen Horizont zu erweitern. Keine dieser Versionen kommt auch nur annähernd an meine Realität in Mexiko heran, weil das Leben hier außerhalb des mir Bekannten liegt.



Aber mal von vorn: Am 11. August ging es für mich nach dem bestandenen Abitur, einigen Wochen voller Freiheit, Urlaub und Zeit mit Freunden und Familie, vielen tränenreichen Abschieden und dem Packen von 23kg Habseligkeiten los auf die große Reise. Von Berlin aus über Paris und Ciudad de Mexico nach Guadalajara. Diese Stadt wird für das nächste Jahr mein neues Zuhause sein, wo ich wohne und arbeite, sowie Menschen und Kultur kennenlernen darf.
Apropos Kultur…
Beim Ankommen in einem fremden Land spricht man oft von einem sogenannten Kulturschock. Das habe ich persönlich erstaunlicherweise nicht so erlebt. Natürlich war eine gewisse Überforderung da. Aber es war kein Schock, der mich auf einmal umgehauen hat, sondern mehr ein langsames Realisieren, dass hier echt Einiges anders ist als in Deutschland.
Eigentlich war mein Gedanke am Anfang tatsächlich eher, dass es gar nicht mal so viele Unterschiede gibt. Ich bin schließlich von der einen Großstadt in die nächste gewechselt. Lauter Verkehr, Menschenmassen, Einkaufszentren, Müll und viel Beton – all das bin ich gewohnt. Ich würde sogar den Vergleich von dem rosa Haus, in dem ich nun in Guadalajara wohne, mit einer Berliner Altbauwohnung ziehen: hohe Decken, gute Lage, teure Wohngegend… Na gut, an vielen Ecken hinkt der Vergleich vielleicht doch. Aber der Punkt ist, dass das Leben in der Stadt hier mich nicht überwältigt hat, sondern mir im Gegenteil ziemlich vertraut vorkam.

Also Eingewöhnung ganz einfach und direkt wie Zuhause gefühlt?? Auf keinen Fall!
Zu realisieren, dass man seine Familie, Freunde und vertraute Umgebung nun für ein Jahr nicht sieht, ist ja das eine, was schon sehr schmerzhaft war (und auch immer noch nicht ganz bei mir angekommen ist). Aber dann seine Situation einfach radikal zu akzeptieren und nicht alles infrage zu stellen das passiert, wie man lebt und wie die Menschen handeln, das war die weitaus größere Herausforderung. Denn mit der Zeit sind mir dann doch immer mehr Dinge aufgefallen, die anders und neu sind. Es war zwar kein allgemeines Schockgefühl, aber ein Erlebnis der Verwirrung, das immer wiederkehrte, in den kleinsten Momenten. Für mich war wichtig aus der ersten Intention, dem Bewerten herauszukommen und erstmal wie eine objektive Beobachterin zu sein. Denn nur weil etwas anders ist als das Bekannte, muss es ja nicht gleich besser oder schlechter sein. Es ist eben einfach… anders :))
Und was genau ist jetzt anders in Mexiko? Die einfachste Antwort wäre: „Na, die Kultur“. Ja, und was ist Kultur? Das wurden wir beim Vorbereitungsseminar im interkulturellen Training gefragt. Und obwohl sich jeder irgendetwas darunter vorstellen konnte, war die Beantwortung gar nicht so einfach, wie man denkt. Weil Kultur eben so vielschichtig ist. Ich stelle sie mir immer wie ein großes Netz aus ganz vielen Faktoren vor, die zusammen das Leben der Menschen an einem Ort charakterisieren. Deshalb kristallisieren sich für mich als wichtigste Aspekte der Ort des Geschehens, das Verhalten der Leute und ihre sozialen Gewohnheiten sowie Traditionen hervor.

Zuerst zum Ort: Guadalajara ist nach Ciudad de Mexico die zweitgrößte Stadt des Landes. Das Haus, indem ich mein Zimmer bei Haydée, einer Lehrerin aus der Einsatzstelle, untermiete, liegt im Zentrum zwischen vielen öffentlichen Plätzen, Regierungsgebäuden, Prachtbauten und der mächtigen Kathedrale. Obwohl so zentral haben die wenigen Wohnhäuser selten mehr als zwei Etagen. Dadurch kann man sogar in der Innenstadt das Abendrot am Horizont bewundern, was ich aus Berlin so nicht kenne. Generell ist die Architektur sehr anders, da die Gebäude nicht auf einen kalten Winter ausgelegt sein müssen. Beispielsweise gibt es oft einen kleinen Patio (Innenhof) in den Wohnungen, in den es dann auch hineinregnet. Ist aber nicht schlimm, bei der Hitze ist der Boden sowieso nach spätestens einer Stunde wieder trocken. Die Wände sind dünner, es gibt keine Heizung, dafür viele Ventilatoren. Statt Türklinken werden Türen und Fenster mit Schieberiegeln verschlossen. Gewöhnungsbedürftig war für mich, dass es keinen Ofen und keine Spülmaschine gibt und man zum warmen Duschen vorher Wasser im großen Boiler aufkochen muss. Viel Gefallen finde ich hier an der Dachterrasse auf dem Flachdach, zu der ich durch mein Zimmerfenster Zugang habe.

Durch die buntgestrichenen Häuser, die alle in ihrer eigenen Farbe erstrahlen, sind die Straßen sehr vielfältig. Diese haben alle nur eine Fahrtrichtung für Autos, das antrainierte rechts-links-rechts-Schauen macht daher keinen Sinn. Der Verkehrist für mich generell sehr gewöhnungsbedürftig. Ampeln sind eher eine Empfehlung, wann und wo man idealerweise die Straße überqueren könnte, als eine feste Vorgabe. Zum Glück gibt es im Zentrum eine große Fußgängerzone, in der man sicher und entspannt spazieren gehen kann, was ich schon fleißig ausgenutzt habe. Gerade in meinen ersten Tagen hier, bevor der Schulbetrieb losging, war ich viel in der Stadt unterwegs und habe die Gegend erkundet.



Dabei habe ich auch schon einiges über das soziale Miteinander und den Charakter der Mexikaner gelernt. Grundsätzlich findet ein großer Teil des Lebens auf der Straße statt. Es gibt viele Stände an denen Essen oder Handwerkskunst verkauft wird, Familien sitzen auf Klappstühlen beisammen und grillen, Kinder spielen Fußball (wenn kein Ball zur Stelle ist auch gerne Fußflasche oder Fußstein). Hier kennt und grüßt man sich, oft wird ein schnelles Hallo zu einem kurzen Plausch. Und wenn man sich noch nicht kennt, lernt man sich eben kennen, so die Grundeinstellung. Ich war bei sehr angeregten, vertraut wirkenden Gesprächen dabei, und als ich danach gefragt habe, woher die Personen sich kennen, war die Antwort, dass man sich gerade zum ersten Mal gesehen hat. Von dieser Offenheit und Herzlichkeit möchte ich mir auf jeden Fall eine Scheibe abschneiden. Zurückhaltend ist man hier ganz bestimmt nicht, was man denkt wird meistens auch ausgesprochen. Auf der Straße wird man öfters angesprochen oder einem werden Dinge zugerufen, was am Anfang etwas einschüchternd war, weil ich durch die Sprachbarriere nicht einordnen konnte, was die Leute von mir wollen. Mit der Zeit habe ich aber gemerkt, dass der Großteil einfach nur nett gemeintes Interesse ist.
Ja, die Sprache war auch so eine Sache für sich… Obwohl ich im Schulunterricht mit Spanisch immer sehr gut zurechtgekommen bin, war es doch noch mal etwas ganz anderes, Muttersprachlern zu begegnen, die nicht wie Lehrer extra langsam und deutlich, sondern im Gegenteil eher sehr schnell und unklar sprechen. Und die mich nach einem Redeschwall ihrerseits erwartungsvoll anschauen und auf eine Antwort hoffen. „Perdón, puedes repetirlo?“ (Entschuldigung, kannst du das wiederholen?) ist auf jeden Fall sehr schnell Teil meines Wortschatzes geworden. Und selbst nach einer Wiederholung stehe ich oft noch auf dem Schlauch und kann mir nicht ganz zusammenreimen, was die paar Wörter, die ich verstanden habe, in diesem Kontext bedeuten sollen. Dazu kommt, dass die Mexikaner ihre ganz eigene Aussprache und Redewendungen haben und es auch lokale Unterschiede gibt, sowie viele Wörter aus der indigenen Sprache Nahuatl der Azteken stammen. Aber ich lerne täglich viele Vokabeln dazu.

Vor allem beim Essen, das auch ein großer Bestandteil der Kultur ist. Ich habe schon viele neue tropische Früchte probiert, zum Beispiel Guayaba und Tuna. Aber auch Bekanntes wie Mangos oder Avocados haben hier, wo sie herstammen, einen völlig anderen, viel intensiveren Geschmack. Mit den Grundnahrungsmitteln Tortillas (Fladen aus Weizen oder Mais) und Frijoles (Bohnen) konnte ich mich sehr gut anfreunden, nur dass die Küche auch sehr fleischlastig ist passt nicht so ganz zu meinen sonstigen Essgewohnheiten. Aber das gehört eben auch dazu, offen sein, alles wenigstens einmal probieren und alte Gewohnheiten mal für ein Jahr ablegen. Es gibt hier vor allem zwei Geschmacksrichtungen, die beide ins Extreme getrieben werden: Süß und Scharf. Das Süße findet man vor allen in den Refrescos (Erfrischungsgetränke wie Squirt – eine Limonade aus der Toronja-Orange – oder Cola), in Süßigkeiten und Gebäck. Nicht selten ist tatsächlich die erste Zutat in der Liste Zucker, oder die zweite nach Wasser. „Einmal Limonade in Geschmacksrichtung Zucker bitte…“
Das Scharfe kommt durch die Liebe der Mexikaner zum Chili, das in Form der Schote, als Pulver oder in den Salsas (Soßen) zu finden ist. Dabei kann schon eine winzige Menge tödlich sein (für mich). Während ich vor Schärfe nach Luft ringe, schmecken die Menschen hier hingegen kaum etwas dabei und würzen ordentlich nach. Tatsächlich wurde auch die Frage „Eso pica?“ (Ist das scharf?) direkt in meinen Wortschatz aufgenommen. Trotzdem musste ich lernen, dass man einem „Ach, das ist gar nicht scharf“ niemals trauen kann, weil die Mexikaner Schärfe einfach anders wahrnehmen.

Ansonsten wurde ich auch schon in einige lokale Sprich- und Schimpfwörter eingeführt. Ich wusste nicht, dass es sooo viele Möglichkeiten gibt, sich über eine Person aufzuregen. Ja, die Mexikaner drücken sich gerne sehr… naja, sagen wir mal ‚kräftig‘ aus. Genau dieses Temperament macht sie aber auch so nahbar und liebenswert, die deutsche Zurückhaltung findet man hier selten.
Natürlich gibt es noch sehr viel mehr, was die mexikanische Kultur ausmacht, wie zum Beispiel Handwerkskunst, traditionelle Kleidung, Musik, Tanz und viele Feste, die ausgiebig gefeiert werden. Ich freue mich schon sehr in Zukunft auch diese kennenzulernen und daran teilzuhaben. Mehr darüber dann aber ein andermal! Auch zu dem Grund meiner Reise, der Freiwilligenarbeit, bin ich hier noch gar nicht gekommen… Dazu dann im nächsten Blogeintrag!
Ich bin jetzt schon sehr beseelt von den bisherigen Eindrücken, dem herzlichen Empfang und meinem Leben hier, das ganz anders und doch irgendwie auch ziemlich ähnlich ist :))
Hasta luego,
eure Magalie
