Wenn man plötzlich zwei Zuhause hat
„Rosalie, wie fühlt es sich an, wieder zurück in Deutschland zu sein?“
Diese Frage wurde mir seit meiner Rückkehr aus Mexiko oft gestellt. Doch was antwortet man darauf, wenn sich plötzlich zwei Orte wie Zuhause anfühlen und keiner davon sich ganz loslassen lässt?
Mein Name ist Rosalie Krummel Ortiz. Im Schuljahr 2024/25 verbrachte ich im Rahmen meines Freiwilligendienstes ein Jahr in Guadalajara, Mexiko, am Centro Educativo la Barranca. Für mich war dieses Jahr jedoch mehr als nur ein Auslandsaufenthalt. Da mein Vater aus Mexiko stammt, war die Zeit dort auch eine Reise zu meinen eigenen Wurzeln und eine Suche nach einem Teil meiner Identität, den ich bisher nur aus Erzählungen und Familiengeschichten kannte.
Vielleicht fällt mir die Antwort auf diese Frage deshalb bis heute nicht leicht. Denn mit meiner Rückkehr nach Deutschland habe ich nicht nur ein Land verlassen, in dem ich ein Jahr gelebt habe, sondern auch einen Ort, mit dem ich mich auf eine ganz neue Weise verbunden fühle. Je öfter mir diese Frage gestellt wurde, desto mehr habe ich darüber nachgedacht, bis ich schließlich meine eigene Antwort gefunden habe, die ich hier teilen möchte.
In Deutschland habe ich vieles vermisst, was mir in Mexiko vertraut geworden war. Gleichzeitig hat sich Deutschland nach meiner Rückkehr oft sehr ruhig angefühlt. Der Wechsel von dem lebendigen Alltag in Guadalajara hin zum leisen Telgte war ungewohnt und hat mir die Unterschiede beider Welten deutlicher gemacht.
Viele wollten wissen, ob ich mich nun eher in Mexiko oder in Deutschland wohler fühle. Eine klare Antwort darauf hatte ich nie. Heute würde ich sagen, dass ich mich nicht entscheiden kann oder muss, weil beide Länder so unterschiedlich sind. Genau deshalb schätze ich beide auf ihre eigene Art.
Nach meinem Freiwilligendienst habe ich in Deutschland ein Praktikum in einer Psychiatrie gemacht und nebenbei gearbeitet. Trotzdem war Mexiko gedanklich oft präsent, was nicht immer leicht war. Gleichzeitig hat mir diese Zeit geholfen, mich stärker mit der Kultur auseinanderzusetzen und Freundschaften mit Menschen aus Lateinamerika in Deutschland zu schließen.
Als mein Vater mir sagte, dass er sechs Monate nach meiner Rückkehr nach Guadalajara fliegen würde, habe ich ihn begleitet und noch einmal drei Monate dort verbracht. Diese Zeit hat mir geholfen, vieles besser einzuordnen. Ich weiß, ich werde immer mit Mexiko verbunden bleiben, und habe heute ein klareres Verständnis dafür, was diese Verbindung für mich bedeutet.
Ich habe gelernt, dass Vermissen keine Einbahnstraße ist. Auch in Mexiko habe ich Deutschland vermisst, vor allem Alltägliches, Strukturen und Zuverlässigkeit.
Ein wichtiger Aspekt ist, dass ich in Deutschland aufgewachsen und sozialisiert worden bin, was mich stark geprägt hat. Auch wenn ich einen mexikanischen Pass habe und mich in Mexiko sehr wohlfühle, merke ich, dass meine kulturellen Wurzeln klar in Deutschland liegen. Gleichzeitig habe ich dort Familie und Freunde und fühle mich Mexiko sehr verbunden.
Es bleibt irgendwie immer das Gefühl, dass ein Teil meines Lebens jeweils auf der anderen Seite der Welt stattfindet. Wenn mich also jemand fragt, wie es ist, wieder in Deutschland zu sein oder zwei Zuhause zu haben, würde ich sagen: Es ist manchmal noch ungewohnt.
Dennoch wird Deutschland, genauso wie Telgte, immer meine Heimat sein. Heute kann ich dieses Gefühl besser annehmen, ohne dass es sich widersprüchlich anfühlt. Ein großer Teil von mir gehört zu Mexiko, und genau das gehört inzwischen einfach zu meiner Geschichte.
Zwischen Deutschland und Mexiko (je ein Foto)












