Was ein Fiebertraum.

Ich sitze irgendwo draußen auf einem Geburtstag, die Sonne wärmt mein Gesicht, ich starre kurz ins Leere – und plötzlich fällt das Wort „Peru“. Und obwohl ich eigentlich mitten in einer Gartenparty sitze, bin ich im nächsten Moment ganz woanders. Vor meinem inneren Auge laufen Bilder ab: staubige Straßen, der Geruch von Regen auf trockener Erde, Stimmengewirr auf Spanisch, das Grün der Anden in der Regenzeit. Irgendein Geräusch holt mich irgendwann zurück. Aber für ein paar Sekunden war ich weg.
Es ist nicht das erste Mal, dass ich mich gedanklich zurück in meine Zeit in den peruanischen Anden beame. Zurücksehne. Mich verliere. Meistens schwelge ich in schönen Erinnerungen. Aber manchmal liegt auch eine gewisse Schwere darauf. Dann kommen diese Fragen hoch: Was mache ich jetzt eigentlich mit all diesen Eindrücken? Wie lebt man weiter, nachdem man so viele andere Realitäten kennengelernt hat?
Wer mich kennt, ist wahrscheinlich nicht ganz davor sicher, dass ich irgendwann anfange, von Peru zu erzählen. Neulich saß ich in einem Seminar zur Mensch-Umwelt-Beziehung an der Uni. Eigentlich ging es um Umweltmonitoring im Amazonasgebiet in Ecuador und Peru. Eigentlich. Denn bei einem Input meiner Referatsgruppe habe ich mich vielleicht ein kleines bisschen verloren und bestimmt fünf Minuten lang davon erzählt, wie es war, selbst einmal durch den Amazonas zu laufen. Mit eigenen Fotos. Mit viel zu viel Begeisterung. Ich malte beinahe ehrfürchtig Bilder von gigantischen Bäumen, dieser drückenden schwülen Luft und den Geräuschen, die von überall gleichzeitig kommen. Und irgendwann dachte ich mir selbst: Antonia, du bist gerade komplett abgerutscht… Aber was ein Privileg selbst dort gewesen zu sein!
Genau diese Momente helfen mir manchmal zu begreifen: Das war kein Traum. Ich habe das wirklich erlebt. Und vielleicht ist genau das die hohe Kunst aller ehemaligen Freiwilligen Erinnerungen lebendig zu halten und trotzdem wieder im Alltag in Deutschland anzukommen. Dieses seltsame Gleichgewicht zwischen Fernweh und Vorlesungssaal. Diese glasigen Augen vom Wegträumen habe ich jedenfalls nicht nur bei mir selbst beobachtet.
Umso schöner war es, als meine Entsendeorganisation, das Kindermissionswerk ‚Die Sternsinger‘, alle Rückkehrer*innen für ein Wochenende nach Aachen eingeladen hat. Plötzlich saßen dort ungefähr 30 Menschen, die alle ein Jahr im Globalen Süden gelebt hatten und sofort ging es los. Stunde um Stunde wurden Geschichten ausgepackt. Wir lachten über Essen, das wir probiert hatten, über kulturelle Fehltritte und absurde Missverständnisse. Gleichzeitig sprachen wir aber auch über politische Spannungen, Unsicherheiten, Krisen und schwierige Erfahrungen. Ernst und lustig lagen manchmal nur einen Satz auseinander. Und trotzdem: Dieses Glitzern in den Augen war bei allen da.
Nach meiner Rückkehr war der Drang groß, all das irgendwie weiterzutragen. Und so bin ich über bis heute für mich unerklärliche Umwege schließlich als Host im WeltwärtsPodcast gelandet. Mit teilweise wackeliger Internetverbindung sprach ich mit aktuellen Freiwilligen in Thailand, Mexiko oder Tansania. Und während das WLAN manchmal komplett versagte, funktionierte etwas anderes erstaunlich gut: diese sofortige Verbindung zwischen Menschen, die ähnliche Erfahrungen machen. Ziemlich verrückt eigentlich.
Trotzdem blieben bei mir viele Fragezeichen im Kopf. Das Grübeln hörte nicht einfach auf. Und manchmal kommt es bis heute zu den unpassendsten Zeitpunkten. Es ist mir durchaus schon passiert, in der Uni zu sitzen, kurz zu blinzeln und festzustellen, dass ich von den letzten zehn Minuten absolut nichts mitbekommen habe, weil ich gedanklich wieder irgendwo in Peru unterwegs war. Aber vielleicht ist genau das auch okay.
In meinem Master für Interkulturelle Kommunikation beschäftigen wir uns viel mit kulturellem Austausch, Machtverhältnissen und Perspektiven. Dadurch denke ich heute nochmal anders über meine Zeit in Peru nach. Ich stolpere über Situationen, in denen ich unbeholfen war, Dinge nicht verstanden habe oder nicht sensibel genug gehandelt habe. Und genau deshalb begeistert mich dieses Studium inzwischen so sehr: weil dieses Jahr in Peru mir nicht nur neue Orte gezeigt hat, sondern auch neue Fragen gestellt hat.
Und plötzlich merke ich: Ich texte nicht nur meine Familie und Freund*innen mit PeruGeschichten zu, sondern darf mich wirklich fundiert mit Themen beschäftigen, die mich nachhaltig bewegen. Und ich kann ehrlich sagen: Das macht sooo Spaß.
So viel sogar, dass ich inzwischen selbst in einem Freiwilligendienstprogramm einer Entsendeorganisation mitarbeite und in der Comeback-Arbeit Ansprechperson für Rückkehrer*innen bin. Dadurch lerne ich den Freiwilligendienst nochmal aus einer ganz anderen Perspektive kennen.
Und ja auch das fühlt sich manchmal an wie ein Fiebertraum.
Nur dass ich heute nicht mehr im Dschungel Perus unterwegs bin, sondern eher im bürokratischen Dschungel. Meine Strategie ist allerdings fast dieselbe geblieben: viel fragen und neugierig bleiben. Heute habe ich nur andere Sorgen. Nicht mehr, von irgendeiner Ameise gebissen zu werden oder nachts einer Spinne zu begegnen, sondern eher politische Entwicklungen zu beobachten, die bei Förderungen und Entwicklungszusammenarbeit sparen wollen. Gerade deshalb merke ich immer mehr, wie wertvoll solche Programme wie weltwärts eigentlich sind.
Denn ich sehe ja, was sie mit Menschen machen. Ich sehe es bei anderen Ehemaligen. Bei meinen Kolleginnen. Bei meinen ehemaligen Betreuerinnen vom Kindermissionswerk, die selbst lange im Ausland waren. Und auch bei mir selbst.
So ein Jahr prägt.
Es lässt deine Augen glitzern. Es lässt dich plötzlich Gerüche erinnern, Menschen vermissen oder mitten im Alltag gedanklich ganz woanders sein. Vielleicht ist genau das dieser Fiebertraum, von dem ich spreche.
Jetzt ist es schon ein Jahr her, dass ich wieder in Deutschland bin. Ein Jahr, in dem ich versucht habe, dieser seltsamen „Kunst des Zurückkommens“ gerecht zu werden.
Und pssst…falls ihr mich irgendwann mal mit glasigen Augen erwischt, keine Sorge. Dann war ich wahrscheinlich nur kurz wieder woanders. 😉