Ein Kontinent der Kontraste

Nach neun Monaten in Mexiko bin ich zu dem Schluss gekommen: Es ist nicht die extreme Armut, die mir hier im Alltag begegnet, die mich immer wieder aufs Neue so schockiert. Es ist die extreme Ungleichheit.

In den vergangenen Monaten war so einiges los bei mir. Neben der Arbeit in der Einsatzstelle, die mir sehr viel Spaß bringt, habe ich mittlerweile ein relativ stabiles soziales Umfeld in Guadalajara. Von Heimweh ist keine Spur mehr zu finden. Zwar habe ich noch regelmäßig Kontakt nach Deutschland, doch wenn ich die Frequenz mit dem Beginn meines Freiwilligendienstes vergleiche, ist es deutlich weniger geworden. Doch sowohl Freunde und Familie in Deutschland als auch ich haben uns daran gewöhnt und sind zufrieden damit. Ich realisiere noch gar nicht, dass so langsam der Abschied von Mexiko näher kommt. Daran möchte ich am liebsten noch gar nicht denken.

Stattdessen möchte ich diesen Beitrag nutzen, um über ein Thema zu sprechen, das mir in den letzten Monaten nicht aus dem Kopf gegangen ist: Ungleichheit.

Jeden Morgen laufe ich durch die colonia (den Stadtteil) “La Coronilla”, am Stadtrand von Guadalajara. Dort befindet sich die Einsatzstelle, in der ich mitarbeite. Jeden Morgen sehe ich dort staubige Sandwege statt betonierter Straßen. In “La Coronilla” begegnen einem Straßenhunde, Straßenkatzen und manchmal, wenn man Glück hat, sogar ein paar Pferde oder Kühe. Die Menschen, die hier leben, haben wenig, sehr wenig. Doch während es mich in meinen ersten Monaten noch jeden Tag aufs Neue schockiert hat, mit der extremen Armut direkt konfrontiert zu sein, ist diese Konfrontation mittlerweile Teil meines Alltags geworden. Rational und emotional nimmt es mich immer noch mit, doch ich habe ein anderes persönliches Verhältnis dazu entwickelt. Ich habe weniger hohe Standards an Lebensumstände entwickelt. Ich fühle mich mit einem geringeren Lebensstandard als man ihn in Deutschland hat nicht mehr unwohl, ich verurteile innerlich nicht. Ich habe gelernt, dass das Leben in einer Realität, die materiell weniger zu bieten hat, nicht zwingend schlechter sein muss. Jeden Tag bin ich beeindruckt davon, wie wenig die Leute hier meckern. Obwohl sie aus deutscher Perspektive so viel zu meckern hätten. Nur selten findet man Mülleimer, manchmal wartet man eine Stunde lang auf den Bus. Doch es wird sich signifikant weniger beschwert als in Deutschland, einem Land mit enormen materiellen Reichtum. Hier ist es für mich normal geworden, nicht den gleichen Lebensstandard wie in Deutschland zu haben. Und ich habe gelernt, dass ich auch so gut leben kann.

Ein weiteres einschneidendes Erlebnis im Mai war meine Reise nach Chile zu meiner Familie. Da in den ersten beiden Maiwochen viele Feiertage waren, habe ich diese Zeit genutzt, um mir frei zu nehmen und nach Chile zu reisen. Das Land, in dem mein Vater geboren und aufgewachsen ist und das ihn während der Militärdiktatur in den 80-ern nach Deutschland vertrieben hat. 14 Jahre war ich nicht mehr dort gewesen. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich die Möglichkeit bekommen habe dorthin zu reisen, denn so konnte ich meine Oma, das einzige Großelternteil, das ich noch habe, kennenlernen.

Außerdem habe ich ein lateinamerikanisches Land kennenlernen dürfen, das sich sehr von Mexiko unterscheidet. Damit habe ich nun nicht nur etwas von der mexikanischen Kultur mitbekommen, sondern auch etwas von der Vielfalt Lateinamerikas insgesamt. Denn obwohl die meisten Länder in Lateinamerika spanischsprachig sind und eine ähnliche Geschichte haben, wodurch die Kulturen sich in vielen Dingen ähneln, sind es dennoch verschiedene Länder und Kulturen. Genau wie Mexiko ist Chile ein extrem ungleiches Land. In Chile ist vor allem der Gegensatz zwischen Stadt und Land extrem. Santiago ist eine der modernsten Metropolen Lateinamerikas. Der ÖPNV ist extrem gut ausgebaut und auch die Sicherheitslage ist deutlich besser als in vielen anderen lateinamerikanischen Staaten.

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Fährt man jedoch aufs Land, wo auch meine Familie wohnt, erlebt man eine völlig andere Realität. Während man sich in einigen Stadtteilen Santiagos fühlt, als wäre man in Europa, frieren die Menschen auf dem Land in ihren Häusern. Viele Menschen in Deutschland vergessen oft, dass es in Chile ebenso wie in Europa die vier Jahreszeiten gibt. Lateinamerika wird oft mit warmem Wetter assoziiert, doch in Chile ist davon im Winter nicht die geringste Spur. Als ich dort war, hat der Winter so langsam angefangen und man hat die Kälte stark gespürt. Auf dem Land leben die Menschen größtenteils in sehr einfachen Verhältnissen. Die meisten Häuser haben keine Heizung oder ähnliches und das, während es fast genauso kalt ist wie in Deutschland. Im Großen und Ganzen war es eine wichtige Reise für mich, um einen weiteren Teil meiner Identität zu entdecken.

Den restlichen Mai habe ich in der Einsatzstelle verbracht und weiterhin meinen Nachhilfe-Kurs gegeben. Mittlerweile sind es nur noch drei Kinder, die in meinem Nachhilfe-Kurs sind. Der Rest hat sich über die Zeit so sehr verbessert, dass es nicht mehr nötig ist, dass sie am Kurs teilnehmen. Die Teilnehmerzahl hat sich von zwölf auf drei reduziert. Ich bin ein bisschen stolz auf dieses kleine Projekt, das ich in meiner bisherigen Zeit hier anstoßen konnte.

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Mal schauen, was nun in der Zeit, bevor es nach Deutschland zurückgeht, auf mich zukommt.