Feliz Navidad

Feliz Navidad und frohes neues Jahr!

Wann beginnt Weihnachten? Bingo, am 14.11.. Zumindest war das der Tag an dem wir mit Zipfelmützen durch die Klassen gelaufen sind und allen schon einmal frohe Weihnachten gewünscht haben und der Weihnachtsbaum aufgestellt wurde. Im Anschluss gibt es dann die offizielle Eröffnung der Weihnachtszeit für die Kinder während wir im Taller (in der Werkstatt) uns ebenfalls ans Dekorieren machen. Bei den ungewohnten Temperaturen für Dezember und Januar (Durchschnittstemperaturen sind hier tagsüber über 29 °C, nachts 21…) helfen mir die dekorierten Räume, Straßen und Malls definitiv dabei ein bisschen in Weihnachtsstimmung zu kommen.

Anfang Dezember steht dann auch endlich das im letzten Beitrag angedeutete Event „Mozos famosos“ an, von dem mir schon seit dem Anfang meines Freiwilligendienstes hier viel erzählt wird. Dabei war ich, weil bei vergangenen Veranstaltungen deutlich geworden war dass mir große Menschenmengen schnell zu viel werden, beim Aufbauen und Dekorieren des Veranstaltungsortes eingeplant. Am Abend vorher bleiben wir zu viert noch etwas länger in der Schule, um die Namensschilder für die Tische fertigzustellen. Am Veranstaltungstag fahren die Ersten schon um 4:00 Uhr morgens zum Veranstaltungsort, um mit dem Aufbau zu beginnen. Als ich gegen 8:00 Uhr dazukomme, stehen Tische und Stühle bereits größtenteils. Jetzt verteilen wir Tischdecken, befestigen die Polster an den Stühlen, reinigen die letzten Stühle, essen zwischendurch etwas und kümmern uns schließlich um die Dekoration: Weihnachtssterne in Blumentöpfen aus der Werkstatt, die vorbereiteten Namensschilder, Wunderkerzen und Schalen mit Avocados – einer Frucht, die ich hier wirklich lieben gelernt habe.

Am frühen Nachmittag gehen einige derjenigen die schon seit den frühen Morgenstunden am arbeiten sind nach Hause um sich frisch zu machen und für den Abend vorzubereiten – ein paar bleiben sogar noch bis die meisten die um 8 dazugekommen sind gehen und die ersten die bei der Veranstaltung selbst helfen da sind. Ich bleibe noch ein bisschen da, helfe beim Besteck und Gläser verteilen (und lerne dabei gleich selbst etwas Etikette) und fahre dann um halb 6 auch nach Hause. Dort geht es für mich dann nach dem anstrengenden Samstag direkt ist Bett und ich schlafe quasi von 19 bis 8 Uhr die Nacht durch – währenddessen ist die Gala im vollen Gange.

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An dieser Stelle ein paar Informationen zu Mozos famosos. Das Fest hat über die Jahre etwas Besonderes möglich gemacht: Es öffnet Räume, um viele Menschen davon zu überzeugen, sich für unsere Arbeit und vor allem für die Kinder einzusetzen. Es verbindet das Gute mit dem Schönen – denn hier wird gefeiert, gelacht, getanzt und genossen, während zugleich ganz konkret Hilfe geleistet wird.

Inzwischen kommen mehr als 1.100 Menschen zusammen, um gemeinsam zu feiern und Gutes zu tun. Dass dieses große Fest Jahr für Jahr gelingt, ist dem unglaublichen Engagement der Mitarbeitenden der Schule zu verdanken, die rund um Jacinta im Vorfeld Karten verkaufen, das Fest vorbereiten, organisieren und – oft mit Unterstützung zahlreicher Freiwilliger – dafür sorgen, dass aus einer Idee immer wieder ein voller Erfolg wird.

Nicht zufällig findet dieses Fest rund um den 3. Dezember statt, den Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung. Es ist ein bewusst gesetztes Zeichen: für Sichtbarkeit, für Solidarität und für die Überzeugung, dass gesellschaftliche Teilhabe auch – und vielleicht gerade – durch gemeinsames Feiern gestärkt werden kann.

Am Montag danach wird die Weihnachtszeit auch für die Angestellten eröffnet: mit dem ersten Geschenkaustausch vom Weihnachts-Wichteln im Kollegium. Am ersten Adventsmontag hatten wir alle Namen gezogen, in den folgenden Wochen gibt es dann jeden Montag ein Geschenk – zwei kleinere und ein großes. Ich bekomme eine Tasse mit Sehenswürdigkeiten, einen 5x5x5 Zauberwürfel und beim großen Geschenk eine Bluse, einen „DomRep Thematischen“ Bilderrahmen und eine Kette als Andenken. Ich freue mich über all die Geschenke sehr und bin meinem Angelito (kleinen Engel, so wird der Wichtel hier genannt) sehr dankbar.
In der letzten Schulwoche werden dann alle die im Taller arbeiten zu einer Weihnachtsfeier die die Fundación für sie ausrichtet eingeladen – für einige der Jugendlichen ihr erstes Mal in einem Restaurant! Die Jugendlichen waren echt stolz in ein echtes und gutes Restaurant gehen zu können – in so ein Restaurant kommt keiner der Familienmitglieder oder Nachbarn so schnell. Die Aufregung ist allen echt anzusehen und ich kann ein paar der jungen Erwachsenen beim Kleinschneiden ihrer Gerichte helfen.

Es ist sehr lecker und auch in der Werkstatt haben wir Gewichtelt: Ich bekomme ein „Starterset Andenken“: Magnet, Beutel und sogar ein personalisiertes T-Shirt und einen Schlüsselanhänger mit meinem Namen drauf. Die Jugendlichen bekommen zusätzlich noch alle Turrones, eine große Tüte mit Dingen des täglichen Bedarfs (vor allem zur Körperpflege) und ein Oberteil von der Fundación.

Mit deutscher Brille mag das vielleicht etwas komisch wirken: Wenn man in Deutschland zum Geburtstag oder zu Weihnachten ein Deo, Zahnbürste und Zahnpasta oder sonst was in der Richtung geschenkt bekommt vermutet man oft gleich eine versteckte Aufforderung oder sogar Beleidigung dahinter. Hier fehlt halt vielen das nötigste und das wenige Geld was sie haben muss meist für Miete, Essen, Nebenkosten und Medikamente ausgegeben werden. Da ist Weihnachten eine echt gute Möglichkeit ihnen so ganz nebenbei unter die Arme zu greifen.

Was aber das wichtigste ist: alle erhalten auch einen kleinen Scheck und kommen sich dadurch so richtig als Erwachsene und vollwertige Mitglieder der Gesellschaft vor.

Mit viel Stolz erzählen sie, wie sie damit zum Familienunterhalt beitragen können oder für das sie davon für ihre Freundin ein Weihnachtsgeschenk kaufen wollen. Kurzum: Diese Weihnachtsfeier ist ein höchst wichtiges Highlight in ihrem Jahr oder sogar ihrem Leben und trägt vielleicht mehr zur Integration in die Gesellschaft bei als viele andere pädagogisch wertvolle Ereignisse. Und: Ich darf dabei sein, kann diesen Moment auch für die Jugendlichen in Fotos festhalten und meinen Teil dazu beitragen, das es eine schöne Weihnachtsfeier für sie ist.

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Am Freitag ist dann der letzte Schultag mit Weihnachtsfeier für die Kinder. Ich helfe beim Kinderschminken (wenn auch bei weitem nicht so talentiert wie meine Kolleginnen) und werde sogar selbst geschminkt, es gibt Donuts für alle und Santa (Jacinta) kommt und verteilt Geschenke an alle Kinder. Strahlende Kinderaugen sorgen wirklich für eine besonderes Weihnachtsatmosphäre.

Das ganze wiederholen wir dann nochmal am Nachmittag für die Teenager, dann gehen für die Schüler die Ferien los.

Am Montag darauf, den 22., feiern wir als Kollegium Weihnachten. Ich hatte im Advent (unter anderem mit Emilia, der anderen Sternsingerfreiwilligen die in der DomRep ist und mich ein Wochenende im Dezember besuchen gekommen war) Plätzchen gebacken und am Sonntag packe ich also 20 Plätzchentüten für einen Programmpunkt der Weihnachtsfeier.

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Am Montagmorgen fahre ich schon morgens hin, baue mit meiner Kollegin Lili, die mir inzwischen auch zu einer guten Freundin geworden ist, zusammen die Geschenke auf und warte auf die anderen Kolleg*innen. Die Feier ist wirklich schön, mit viel gutem Essen, mehreren Programmpunkten (unter anderem der letzte Wichtelgeschenkaustausch, Geschenkverteilung an alle und das Suchen der vorher versteckten Plätzchentüten). Daneben läuft laute Musik die zum Tanzen einlädt und ich lerne von verschiedenen Kolleginnen Grundlagen im Merengue. Es ist eine sehr schöne Feier.

Am nächsten Tag betreibe ich last Minute Shopping mit Lili, Packe Abends meine Geschenke ein und dann ist auch schon Heiligabend. Jacinta und Christel hatten mich dazu eingeladen diesen besonderen Tag und Silvester mit ihnen und ihren Gästen zusammen zu feiern. Bis kurz vor der Messe dekoriere ich mit Christel zusammen das Haus, telefoniere dabei während der Bescherung mit meiner Familie und mache mich dann fertig für den Gottesdienst. Wir kommen mit dem Einzug zusammen an, der Gottesdienst fühlt sich ziemlich ähnlich wie die mir bekannten an und ich bekomme meine erste Heimweh Welle – aber zum Glück nur für kurz… Danach geht es dominikanische Weihnachtslieder singend nach Hause, dort angekommen versuche ich mein bestes beim Essen vorbereiten zu helfen (siehe Fotos). Lili steuert als gute Cubanerin einen alkoholfreien Mojito bei, der sehr lecker ist. Als ich in der Küche wirklich nicht mehr helfen kann unterhalte ich mich ein bisschen mit Jacintas Familie die über die Feiertage zu Besuch sind. Zum Essen können wir (für mich ebenfalls seehr ungewohnt zu Weihnachten) bei den angenehmen Temperaturen in kurzen Sachen draußen sitzen, drinnen ist das Buffet aufgebaut – alles wirklich super lecker. Anschließend hohle ich ein paar der selbstgebackenen Plätzchen zum Nachtisch raus (Vanillekipferl, Schokokugeln und Zimtsterne formen) und habe große Freude daran, sie mit allen zu teilen.

In der Adventszeit hatte ich um mich in Stimmung zu bringen ein paar weihnachtliche Lieder auf der Blockflöte gespielt. Da waren auch welche dabei, die ich erst hier kennengelernt hatte. Das hatte Christel gehört und so kommt dann, nach ein paar Stunden unterhalten (und einem kurzen Abendschlaf damit ich durchhalte), um Mitternacht ein „und bevor wir jetzt Geschenke austeilen spielt Felicitas noch was vor“… auch wenn ich schon vor mehr Leuten gespielt habe bin ich ziemlich nervös, verspiele mich auch ein paar mal aber alle Anwesenden applaudieren trotzdem brav nach jedem Lied… auch wenn ich mit meiner Leistung nicht so ganz zufrieden bin scheinen sich die Anwesenden wirklich darüber zu freuen und lauschen mit großem Interesse meiner Flöte, wollen am Ende sogar eine Zugabe und sind begeistert dass ich typisch dominikanische Lieder spiele. Das zeigt mir mal wieder, dass Eigen- und Fremdwahrnehmung zwei sehr unterschiedliche Sachen sind: Auch wenn ich mit meiner Leistung nicht zufrieden bin, ich bei mir selbst vor allem das negative sehe und das was ich mitbringe nicht wirklich wahrnehme kann das was ich tue trotzdem anderen Menschen eine Freude bereiten.

Im Anschluss, ungefähr um halb 1, beginnt dann der Geschenke Austausch.

Wir sind insgesamt 9 Personen… jeder hat für alle ein Geschenk dabei und natürlich will man die Geschenke der anderen auch gebührend würdigen… ca. 1,5 h später sind wir dann damit fertig, ich super Müde und es ist 2 Uhr nachts. Während ich also schlafen gehe sind die anderen teilweise noch bis 6 Uhr morgens wach… Weihnachten selbst ist dann relativ ruhig, am 2. Weihnachtsfeiertag (der hier kein Feiertag ist) gehe ich mit einer Kollegin im Zoo, dann ist auch schon fast Silvester. Das wird hier in manchen Aspekten ziemlich ähnlich gefeiert wie in Deutschland, aufbleiben bis ins nach Mitternacht und Feuerwerk, es gibt aber auch andere Traditionen: 12 Weintrauben für 12 Wünsche im neuen Jahr, kein Dinner for one (ich habe über Videoanruf mit meiner Familie geschaut und ins neue Jahr in Deutschland mit reingefeiert) und eine aus Kuba kommende Tradition: kurz nach Mitternacht gehen zusammen wir mit Koffern um den Block, wer das macht macht im nächsten Jahr eine Reise.

Da ich bei weitem nicht allen geschrieben habe an dieser Stelle: Allen gesegnete Weihnachten und ein frohes neues Jahr – auch wenn beides schon vorbei ist…

Leben hier ist aber nicht nur die Erlebnisse die ich habe, sondern auch meine Gedanken und ein Weg zum mich selber finden. Fragen wie „wer bin ich“, „wer will ich sein“ und „was macht mich aus“ beschäftigen mich gerade in dieser Phase zwischen Schule und späterem Arbeitsleben sehr. Die letzten 13 Jahre, so ziemlich die gesamte Lebenszeit an die ich mich erinnere, war ich „Schülerin“. Jetzt fehlt dieser Teil meiner Identität.