Zwischen Erinnerungen und Realität – Die Angst vor dem Zurückgehen

Fast ein Jahr ist vergangen, seit ich Kambodscha verlassen habe und nach Deutschland zurückgekehrt bin. Für ein Jahr war Poipet, eine Stadt im Norden Kambodschas nahe der thailändischen Grenze, meine Heimat.

Bevor ich nun weiter erzähle, möchte ich mich kurz vorstellen: Ich bin Ida, 20 Jahre alt und habe von 2024 bis 2025 einen Freiwilligendienst in der „Don Bosco Academic and Technical Highschool“ in Poipet absolviert. Während meines Einsatzes habe ich regelmäßig von meinem Alltag, meinen Erfahrungen und Begegnungen in Kambodscha berichtet. Mit diesem Blog beginne ich nun ein neues Kapitel – nicht mehr als Freiwillige vor Ort, sondern als ehemalige Freiwillige. Denn auch nach der Rückkehr beschäftigt mich diese Zeit noch immer auf vielfältige Weise.

Bevor ich nach Kambodscha ging, wusste ich nicht wirklich, was mich erwarten würde. Ich kam als Freiwillige an eine Schule für Kinder und Jugendliche aus schwierigen sozialen und ärmlichen Verhältnissen. Was zunächst fremd war, wurde mit der Zeit vertraut: die Straßen, die Geräusche, die Abläufe an der Schule und natürlich die Menschen.

Kinder, Jugendliche, Mitfreiwillige, Lehrkräfte – sie alle haben mein FIJ zu dem gemacht, was es war: unvergesslich und sehr besonders. Irgendwann war Poipet nicht mehr nur ein Einsatzort, sondern ein Teil meines Lebens geworden.

Seit meiner Rückkehr habe ich oft über diese Zeit nachgedacht – über das, was geblieben ist, und das, was sich verändert hat.

Es gibt Momente, in denen meine Gedanken ganz plötzlich wieder nach Kambodscha wandern. Manchmal reicht ein Foto, eine Nachricht oder eine Erinnerung, und ich bin gedanklich zurück an dem Ort, der für ein Jahr mein Zuhause war.

Und genau dabei taucht immer wieder eine Frage auf, die ich mir während meines Freiwilligendienstes nie gestellt habe: Wie wird es sich anfühlen, zurückzugehen?

Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich Flugpreise nach Kambodscha anschaue. Und fast genauso schnell schließe ich den Tab wieder. Nicht, weil ich nicht zurück möchte – im Gegenteil. Ich vermisse die Schule, die Menschen dort und das Leben in Poipet.

Und trotzdem ist da dieses Zögern. Dieses kleine, schwer greifbare Gefühl, das sich nicht so leicht erklären lässt. Denn je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr wird aus der Vorfreude auf ein mögliches Wiedersehen etwas anderes. Etwas, das sich eher wie Unsicherheit anfühlt. Was, wenn ich zurückkehre und alles anders ist, als ich es in Erinnerung habe? Nicht im Sinne von „verändert“, wie es das Leben nun einmal ist – sondern so verändert, dass ich mich selbst darin nicht mehr richtig wiederfinde. Was, wenn ich nur eine von vielen Freiwilligen war, die gekommen und wieder gegangen sind? Da ist etwas, das ich lange nicht greifen konnte: eine „Angst“ vor dem Zurückgehen.

Und wenn ich genauer hinschaue, besteht diese Angst aus vielen kleinen Gedanken, die sich ineinander verschieben. 

Da ist zum einen die Frage nach neuen Freiwilligen. 

Die Vorstellung, zurückzukommen und Menschen zu sehen, die inzwischen meinen Alltag dort weiterführen. Die vielleicht an meiner Stelle im Klassenzimmer stehen, Beziehungen zu den Kindern aufgebaut haben, Routinen übernommen haben, die sich für mich damals noch ganz selbstverständlich angefühlt haben.

Ich weiß, dass genau das der Sinn eines Freiwilligendienstes ist. Dass nichts an einer einzelnen Person hängen bleiben soll. Und trotzdem löst dieser Gedanke etwas in mir aus, das schwer zu benennen ist. Es ist weniger Eifersucht oder das Gefühl, ersetzt worden zu sein. Eher die leise Irritation, dass etwas, das sich einmal sehr „meins“ angefühlt hat, inzwischen ohne mich weiterläuft. 

Und dann ist da dieser zweite Gedanke: dass alles anders sein könnte, als ich es in Erinnerung habe. 

Nicht unbedingt schlechter oder besser – einfach verändert. Die Schule, der Alltag, die Menschen, vielleicht sogar die Atmosphäre an diesem Ort. Und ich frage mich, wie es sich anfühlen wird, wenn mein inneres Bild von Poipet auf die Realität trifft. Ob es sich deckt. Oder ob ich merke, dass ich einen Ort zurücksuche, den es so gar nicht mehr gibt. Vielleicht haben sich die Kinder und Jugendlichen verändert. Vielleicht erinnern sich manche gar nicht mehr an mich. Vielleicht läuft der Schulalltag genauso weiter wie zuvor – nur ohne mich.

Manchmal frage ich mich sogar: War ich überhaupt wichtig? Oder war ich nur eine Freiwillige von vielen?

Diese Gedanken fühlen sich unangenehm an. Denn während meines Freiwilligendienstes war die Schule der größte Teil meines Lebens. Für mich war diese Zeit prägend, emotional und voller Begegnungen, die ich nie vergessen werde. Doch gleichzeitig wird mir bewusst: Für die Organisation, die Schule und die Schüler*innen geht das Leben weiter.

Und genau darin liegt ein schwieriger, aber wichtiger Gedanke.

Vielleicht verändert ein Freiwilligendienst die Freiwilligen stärker als die Orte, an denen sie tätig sind. 

Das bedeutet nicht, dass unser Engagement bedeutungslos war. Im Gegenteil. Beziehungen, Gespräche, gemeinsame Erlebnisse und Unterstützung können einen Unterschied machen. Aber nachhaltige Projekte dürfen nicht davon abhängen, dass eine einzelne Person bleibt. Sie funktionieren gerade deshalb, weil sie weiterlaufen, auch wenn Freiwillige wieder gehen.

Vielleicht ist die Angst vor dem Zurückgehen deshalb auch eine Angst vor dem Loslassen. Wir möchten glauben, dass die Zeit, die wir erlebt haben, konserviert bleibt. Dass die Menschen noch dieselben sind. Dass wir wieder ankommen und alles genauso vorfinden wie beim Abschied. Doch Orte verändern sich. Menschen verändern sich. Und auch wir selbst verändern uns.

Die Kinder und Jugendlichen sind älter geworden. Manche haben die Schule vielleicht verlassen. Vielleicht wurden Klassenräume umgestaltet. Vielleicht sind Menschen gegangen, andere dazugekommen. Und wenn ich ehrlich bin, bin ich ebenfalls nicht mehr dieselbe Person wie vor einem Jahr.

Vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung deshalb nicht darin, zurückzugehen. Sondern zu akzeptieren, dass eine Rückkehr niemals eine Reise in die Vergangenheit sein kann. Man besucht nicht den Ort, den man verlassen hat. Man besucht den Ort, der geworden ist, was er heute ist.

 

Trotzdem glaube ich, dass ein Wiedersehen wertvoll sein kann. Nicht, weil alles noch genauso ist wie früher, sondern gerade weil es das nicht ist. Es zeigt, dass Entwicklung stattgefunden hat. Dass das Leben weitergegangen ist. Und vielleicht würde ich vor Ort feststellen, dass ich tatsächlich nur eine Freiwillige von vielen war.

Aber vielleicht ist das gar nichts Trauriges.

Denn die Bedeutung eines Jahres bemisst sich nicht daran, ob man unersetzlich war. Sie bemisst sich an den Begegnungen, die stattgefunden haben, den Erfahrungen, die geblieben sind, und daran, wie sehr diese Zeit einen selbst geprägt hat.

Die „Don Bosco Academic and Technical Highschool“ wird nie wieder genau so sein wie damals. 

Aber die Erinnerungen daran bleiben.