Welcome to the Rainbow Nation

Langsam neigt sich der Sommer in George dem Ende zu. Nach vier ereignisreichen und belebten Monaten ist es plötzlich sehr spürbar, wie die Tage kürzer und kälter werden und wie alles zur Ruhe kommt. Auf einmal sind all die lang ersehnten Reisen zu Erinnerungen worden, der Familienbesuch ist wieder zuhause und mein erstes Weihnachten bei 25 Grad liegt gefühlt ewig zurück. Meine Zeit in Südafrika ist fast halb um.
Ich durfte schon so viel von meinem Gastland kennenlernen – und trotzdem fühlt es sich manchmal nur wie ein kleiner Bruchteil an. Denn je mehr ich von dem Land sehe, desto weniger kann ich glauben, dass das alles in seiner Verschiedenheit noch zu demselben Land gehört.

Das liegt zum einen an der sprachlichen Vielfalt: Südafrika hat insgesamt elf offizielle Amtssprachen. In meinem Alltag bemerke ich das daran, dass wir bei unserem morgendlichen Singkreis viele Lieder dreistrophig singen – einmal auf afrikaans, einmal auf englisch und einmal auf isiXhosa.
Afrikaans ist die in dem Kindergarten am meisten gesprochene Sprache – im Unterricht, mit den Erzieherinnen und untereinander sprechen fast alle Kinder auf afrikaans. Weil sich afrikaans im Kern aus dem niederländisch der Kolonialherren gebildet hat, könnte man meinen, dass es vor allem die Sprache der weißen Minderheit in Südafrika ist. Tatsächlich gehört aber ein größerer Teil der Sprecher der „Coloured“ Community an – einer Bevölkerungsgruppe, die sowohl europäische, als auch afrikanische und asiatische ethnische Wurzeln hat. In der Provinz Westkap, in der George liegt, ist sie die größte Bevölkerungsgruppe mit knapp 50%.
Englisch dagegen ist die Sprache, die hier im öffentlichen Raum am meisten genutzt wird. Fast alle Kinder, auch im Kindergartenalter, haben Grundkenntnisse in englisch und verstehen einfache Anweisungen und Fragen.
Die dritte der Sprachen – isiXhosa – wird vor allem in Kulturräumen der amaXhosa gesprochen, die zu der schwarzen Bevölkerungsgruppe zählen. Heute wird sie vor allem im Ostkap benutzt, ist aber in allen Provinzen verbreitet. Einige Kinder im Kindergarten sprechen zuhause isiXhosa, im Kindergarten afrikaans und lernen nebenbei noch englisch.

Unser morgendlicher Singkreis war immer ein guter Tracker für meine Sprachentwicklung. Mittlerweile kann ich fast überall alle drei Strophen mitsingen – die einzige Schwierigkeit bleiben die Klicklaute auf isiXhosa.

Neben der Sprache treffen hier auch kulturell viele Welten aufeinander. So gibt es in den amaXhosa Kulturen, wie bei vielen Nguni-Völkern,
beispielsweise eine Clan-Struktur: man heiratet außerhalb des eigenen Clans und nimmt den Clan des Vaters an. In den afrikaans geprägten Kulturen ist das anders. Ein Begriff, der die Vielfalt der südafrikanischen Völker beschreibt ist die „Rainbow Nation“, die durch Nelson Mandela geprägt wurde. Sie sollte die Gleichwertigkeit der Völker hervorheben: jedes Volk bleibe sichtbar und trage gleichermaßen zu der Schönheit und dem Wert der Nation bei. Der Begriff sollte das Land einen und ein Gemeinschaftsgefühl nach Ende der Apartheid schaffen. Inwiefern das funktioniert hat, kann ich nicht bewerten. Es gibt aber einen Moment von meinem Zwischenseminar, der mir im Kopf geblieben ist:

Es sind über vierzig südafrikanische Gäste zu unserem Lagerfeuerabend eingeladen. Nachdem wir zusammen gegessen und getanzt haben, sollen wir uns noch gegenseitig unsere Nationalhymnen am Lagerfeuer vorsingen. Alle Südafrikaner singen ihre Hymne laut, mit Hand auf dem Herz und geeint.
Dann fangen wir an, zu ungefähr drei verschiedenen Zeitpunkten, die Googleliedtexte in der Hand und irgendwann muss jeder lachen: die Hintergrundmusik passt nicht mehr zum Gesang und den Ton bei „Blüh im Glanze[…]“ hat wirklich niemand getroffen.

Viele der Gäste wirken vor den Kopf gestoßen. Schließlich erklären sie: sie sind stolz auf ihr Land, stolz auf ihre Geschichte, stolz auf das, wofür sie gelitten haben. Ihre Hymne sei etwas Ernstes und Wichtiges, fast schon Heiliges.

Ich habe mich in dem Moment richtig dafür geschämt, dass wir nicht darüber nachgedacht hatten, wie wichtig ihnen ihre Hymne wohl war. Das hätten wir an ihrer Art, sie zu singen, nämlich sicher erkennen können. Trotzdem bin ich auch dankbar für die Erfahrung: Ich weiß die Bedeutung von Nationalstolz hier in Südafrika, vor allem vor dem geschichtlichen Hintergrund, besser einzuschätzen und zu respektieren.

Die starken kulturellen Kontraste Südafrikas spiegeln sich sinnbildlich auch in der Landschaft wider und ich bin immer wieder erstaunt, wie nah so verschiedene Orte beieinander liegen.
Das Sinnbild der Rainbow Nation passt hier schon: Denn auf Reisen war es manchmal wirklich so, als hätte sich ein Regenbogen über die Landschaft gelegt. Der wunderschöne blaue Indische Ozean mit seiner riesigen Artenvielfalt, der eine Stunde von der roten Steinlandschaft zwischen George und Oudtshoorn entfernt ist. Die gelbe Halbwüste der Karoo und die violetten Jacarandas, die im Frühling überall blühen. Die ewig weiten, grünen Steppenlandschaften mit den Big Five im Osten und die orangenen Wüstenlandschaften der Kalahari in Richtung Westen.

Ich empfinde Südafrika als ein Land voller Gegensätze in jeder Hinsicht. Viele davon finde ich schön: Dass die Kulturen trotz Austausch nicht verloren gehen, dass es so unendlich viel zu entdecken gibt und dass man sich von so vielem inspirieren lassen kann.
Gleichzeitig hat auch vieles etwas Ambivalentes – insbesondere vor dem Hintergrund der sozialen Ungleichheit und der Apartheid.
Ohne es zu werten kann man aber sagen – und das nicht bloß auf einer subjektiven Ebene für mich – dass es Südafrika einfach nicht doppelt gibt. Mit so vielen Kontrasten, so vielen Kanten, so viel Schönheit und so viel Ambivalenz ist es ein so besonderes Land und ich bin für immer dankbar, Südafrika im Rahmen meines FIJs erleben zu dürfen.

Die Berge in George
Ausflug nach Oudtshoorn
Umland von Oudtshoorn

 

Bunte Häuser in Bo-Kaap
Ausblick vom Lion’s Head
Der Tafelberg und die zwölf Apostel in Kapstadt