Parallelgesellschaften

Parallel?

Vor einem Jahr saß ich in einem Hamburger Klassenzimmer und habe mich auf die Abiturprüfungen vorbereitet. Als ich gefragt wurde, was ich denn nach dem Abitur mache, habe ich geantwortet: Ich gehe für ein Jahr nach Mexiko.

Unzählige Male wurde ich mit der Frage konfrontiert, ob das nicht zu gefährlich sei. Ich, so ganz allein, in so einem gefährlichen Land. Das sei ganz schön mutig.

Mir war natürlich bewusst, dass Mexiko gefährlicher als Deutschland ist, jedoch habe ich mich mehr darauf gefreut, eine neue Kultur kennenzulernen und mich stärker mit meinen lateinamerikanischen Wurzeln zu verbinden. In den vergangenen Monaten habe ich viel über die Kultur, die Menschen, auch über die Sicherheitslage in Mexiko gelernt. Ich habe gelernt, dass das Leben in Mexiko in Parallelgesellschaften stattfindet. Eine Gesellschaft ist geprägt von Festen, Lebensfreude, Offenheit. Während die andere Realität von Kriminalität, Gewalt, Armut und Perspektivlosigkeit geprägt ist. Von diesen zwei Welten möchte ich euch erzählen.

Die Gesellschaft, die ich in den letzten Monaten kennenlernen durfte

Ich habe in den vergangenen Monaten viele schöne Momente erlebt. In der Einsatzstelle habe ich mehr und mehr meinen Platz gefunden. Die Nachhilfe-Gruppe der 1. Klasse, die ich begleite, ist mir von Tag zu Tag mehr ans Herz gewachsen. Ebenso wie meine Kolleg*innen im Projekt, das man sich wie eine große Familie vorstellen muss. Hier erlebe ich jeden Tag die Herzlichkeit der Menschen.

Vor allem die Liebe der Kinder lässt einem das Herz aufgehen. Sobald ich ins Klassenzimmer reinkomme, stürmt ein Haufen Kinder auf mich zu und umarmt mich. Auch wenn es hin und wieder anstrengend ist, mit den Kindern zu arbeiten und man viel Geduld braucht, lässt die Liebe, die man von ihnen bekommt, einen all das wieder vergessen.

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Ende Januar durfte ich einen neuen Teil des Landes kennenlernen. Es ging für mich zum Zwischenseminar nach Veracruz. Auf dieser Reise habe ich die Vielfalt Mexikos aufs Neue erlebt. Veracruz ist eine ganz andere Welt als Guadalajara. Andere Straßen, anderes Essen, anderes Wetter. Und doch genauso schön.

Das Zwischenseminar selbst hat sich wie eine Pause vom Freiwilligendienst angefühlt. Plötzlich wieder unter Deutschen im eigenen Alter zu sein, hat sich ungewohnt und gewohnt zugleich angefühlt. Erst seltsam, dann wie auf Klassenfahrt. Glücklicherweise haben wir uns alle sehr gut verstanden, sodass schnell ein Gemeinschaftsgefühl entstanden ist und die Gruppe zu einem sicheren Ort für offene und ehrliche Reflexion wurde. Mir ist erst dort bewusst geworden, wie viel ich in den letzten Monaten schon gewachsen bin. Ich habe es geschafft, mir ein Leben in einem fremden Land aufzubauen und die Einsamkeit, die ich zu Beginn verspürt habe, zu überwinden. Anzukommen.

Nach dem Zwischenseminar kamen auch schon meine Eltern zu Besuch. So konnte ich ihnen endlich mein Leben hier in Guadalajara zeigen. Die bunten Straßen, die Kinder und Kolleg*innen in der Barranca, meinen Lieblings-Taco-Stand um die Ecke, den Bus, mit dem ich jeden Morgen in die Einsatzstelle fahre, das Kulturzentrum, in das ich nachmittags gehe, das zu meinem zweiten Zuhause geworden ist. Es war schön meinen Eltern, das Mexiko, das ich kennenlernen durfte, das mich so herzlich aufgenommen hat und, das ich so sehr ins Herz geschlossen habe, zeigen zu dürfen.

La Barranca

 


Das andere Gesicht eines wunderschönen Landes

Am 22. Februar wollte meine Mama nach ca. drei Wochen zurück nach Deutschland reisen. Mein Vater war schon eine Woche zuvor abgereist. Morgens gingen wir zusammen frühstücken. Alles wie immer. Anschließend fuhr sie zum Flughafen.

Eine Stunde später erhielt ich die Information, dass in der Stadt irgendwas los sei und man zur Sicherheit noch aus dem Haus gehen solle. Sowohl meine Freunde als auch ich haben diese Information zunächst nicht wirklich ernst genommen.

Doch die Situation spitzte sich innerhalb weniger Stunden zu. Bis wir dann erfuhren, dass der meistgesuchte Drogenbaron Mexikos,“El Mencho”,bei einer Militäroperation getötet worden war. El Mencho war der Anführer des Kartells “Cártel Jalisco Nueva Generación”, dem größten Kartell Mexikos, das aus dem Bundesstaat Jalisco kommt.

So kam es zu einer großen Racheaktion durch die Narcos: Straßenblockaden, angezündete Busse, Autos, Geschäfte und Drohungen. Niemand durfte aus dem Haus gehen. Und innerhalb dieses ganzen Chaos hing meine Mutter am Flughafen fest.

Aus Guadalajara wurde an diesem Tag eine Geisterstadt. Keine Menschenseele auf der Straße. Niemand wusste, wie es weitergehen würde. Wie lange würde dieser Zustand noch anhalten?

Am nächsten Tag schafften wir es, meine Mutter vom Flughafen zurück zu mir nach Hause zu transportieren. Der gesamte Flugverkehr am Sonntag war eingestellt worden. Auch die Schulen blieben in dieser Woche geschlossen.

Nach einigen Tagen kehrte alles zurück zur Normalität. Uns blieb ein großer Schreck zurück.

Ein gefährlicher Narco-Staat?

Doch was sagt das über Mexiko aus? Ist Mexiko ein gefährlicher Narco-Staat, der von Korruption geprägt ist? Ich würde sagen ja und nein.

Ja, es gibt hier Kartelle, die eine sehr große Macht haben. Sie sind ein Produkt globaler und innerstaatlicher Ungleichheiten, die ihren Ursprung im Kolonialismus haben. Über 300 Jahre wurden in Mexiko Mensch und Natur ausgebeutet. Auch nach der Unabhängigkeit Mexikos von Spanien blieben neokoloniale Strukturen erhalten. Abhängigkeiten vom globalen Norden existieren bis heute und halten Mexiko strukturell in Armut. Nach der Unabhängigkeit von Spanien äußerte sich dies vor allem in der wirtschaftlichen Abhängigkeit von den USA und der imperialen Machtansprüche der USA nicht nur in Mexiko, sondern in ganz Lateinamerika. Die Annexion von 55% des mexikanischen Territoriums durch die USA im Zuge des mexikanisch-us-amerikanischen Krieges ist das beste Beispiel dafür.

Die strukturelle Armut, in der Mexiko und die anderen lateinamerikanischen Staaten gehalten werden, bieten überhaupt erst den Raum dafür, dass Schattenwirtschaften wie die der mexikanischen Kartelle entstehen können.

Ebenso führt sie dazu, dass der mexikanische Staat weniger Geld für Investitionen  in Bildung, Soziales und Infrastruktur hat. Das Resultat ist extreme Armut im Land. All das stärkt die Kartelle, denn es sind vor allem Menschen aus sehr armen Umfeldern, die keine Perspektive haben, die von Narcos rekrutiert werden. Dadurch gibt es auch nicht genügend Mittel, um Institutionen so zu stärken, dass sie nachhaltig die Macht der Kartelle einschränken könnten. Hinzu kommt die Korruption. Auf höheren staatlichen Ebenen wird deutlich, wie mexikanische Eliten sich durch die Korruption weiter bereichern. Auf unteren staatlichen Ebenen, wie z.B. bei der Polizei hängt sie oft mit den miserablen Gehältern zusammen. Gleichzeitig wird der Schwarzmarkt auch von der enormen Nachfrage nach Drogen aus den USA und Europa befeuert. Solange die Nachfrage so groß ist, wird es auch immer ein Angebot geben.

Deutlich wird also, dass das Problem nicht nur die Korruption ist, sondern dass es jahrzehntelang gewachsene Ungleichheitsstrukturen sind, die hinter dieser traurigen Realität in Mexiko stehen. Es handelt sich nicht um ein kulturelles Problem, sondern um ein politisches, soziales und ökonomisches. So werden die Strukturen der Kartelle auch nach dem Fall von “El Mencho” weiter bestehen bleiben.

Normaler Alltag?

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Nichtsdestotrotz möchte ich betonen, dass der Alltag der meisten Menschen von der organisierten Kriminalität nicht eingeschränkt wird. Hält man sich an einige unkomplizierte Regeln, ist die Wahrscheinlichkeit, dass einem etwas passiert nicht sehr hoch. Ich lebe nun seit fast acht Monaten hier und ich kann ganz klar sagen: Was am 22. Februar passiert ist, passiert nicht jeden Tag. Selbst die meisten Mexikaner*innen hatten so etwas noch nie erlebt. Ich habe in den letzten Monaten gelernt, dass das Bild, das es im Ausland von Mexiko in Bezug auf die Sicherheit gibt, nicht der Realität entspricht. Man muss hier keine Angst haben. Man kann normal und sicher leben, wenn man sich nicht aktiv in Gefahr begibt. Die Kartelle und die Zivilgesellschaft sind wie Parallelgesellschaften. Selten kommt es vor, dass sie sich überkreuzen.