Farbenmeer
Eben war erst noch Neujahr, jetzt ist schon Mitte März. Seltsam. Von dem Dazwischen möchte ich gerne erzählen. Von neuen Eindrücken, Orten und Menschen. Es wird vielleicht ein wenig Reisetagebuch, eines aus meinem Augenblick.
Ich erinnere mich noch gut, wie ich im November einen Text mit einer Zahl der hier schon vergangenen Tage angefangen habe. Mittlerweile weiß ich es oft gar nicht mehr genau. Ein Jahr kann einem so endlos lange vorkommen, im nächsten Moment dann wieder so schrecklich kurz. Bezaubernd und ungeheuer zugleich. Doch in dieser Zeit liegt auch so viel Erlebtes, so viel Wunderbares. Irgendwie logisch, irgendwie aber auch ziemlich widersprüchlich.
Mitte Januar hat bei MICANTO das Ferienprogramm angefangen. Allerlei Workshops und Nachhilfeprogramm für die Kinder, die ihre Schulferien hier im Januar beginnen. Im März starten sie dann in das neue Schuljahr. In dieser Zeit habe ich mich auf Reisen durch das Land gemacht, von dem ich bisher vor allem eine wunderschöne Stadt in den Anden lieben lernen durfte. Meine andere Heimat.
Peru ist faszinierend, so viel vorweg. Ein Land mit fast allen Klimazonen dieser Erde, von Gebirge über Küste bis hin zu Regenwald. Zwischen ihnen wechselt man meist binnen einer Stunde, egal aus Norden oder Süden. Im Umhertreiben ändern sich aber nicht nur Luft und Gradzahl, auch Sprache und Menschen. Kulturen innerhalb Kulturen, ganz unterschiedlich und auch wieder so gleich. Einige Wochen Reise und so vieles Neues im Kopf. Von einigen Menschen möchte ich erzählen, die ich auf dem Weg getroffen habe.
José. Regenwald, oben im Norden. Ich bin in einer Unterkunft geblieben, die ein palmgrüner Papagei jeden Morgen mit einem selbstbewusst kreischenden »Hola« durch seinen Schnabel auf Trab hielt. Für Videos war er dann leider zu schüchtern. An einem Tag im feucht-schwülen Grünland wollte ich mich auf zu den dort bekannten Wasserfällen machen. Und brauchte einen Fahrer, der mich in den auf Google Maps nur mit Wolken überdeckten Flecken mitten im Wald bringen sollte.
An der Wegecke stand ein Mototaxi. Ein Motorrad mit hinten aufgespannter Kabine aus Metallrohren und Plastikplane. Anders als in Cajamarca, wo Mototaxis geschlossene Fahrzeuge mit Türen sind. Vorne saß José, braungebrannt mit blauem Shirt und schwarzer Käppi. Nachdem wir uns auf ein Viertel vom ersten Preisangebot geeinigt hatten, stieg ich ein. Acht Kilometer fuhren wir über asphaltierte Straßen mit orangenen Straßenschildern. Links und rechts der kurvigen Straßen grünster Regenwald, so weit man nur blicken konnte. José hielt mit mir an allen auf dem Weg liegenden Touristenpunkten, an denen sich Reisebusse mit Touristengruppen stauten. Ein kurzer Halt, alle grüßen, weiter durch die zwitschernde Landschaft.
An den Wasserfällen angekommen hatte ich kein Netz mehr. Wie ich zurückkommen sollte, hatte ich mir noch nicht so ganz überlegt. José schon. Für ihn war selbstverständlich auf mich zu warten. »Wie viel Zeit brauchst du, zwei Stunden?«, erkundigte er sich bei mir. Ich nickte optimistisch. »Da oben an der Ecke warte ich auf dich. Viel Spaß!« Nachdem ich im frischfallenden Wasser baden war und ein paar Souvenirs mitgenommen hatte, stand José sich mit anderen Fahrern amüsierend an besprochener Straßenecke. »Wie war’s?« Ich war ganz begeistert.
























Tara. Auch im nördlichen Regenwald, dieses Mal im Zentrum. Für den nächsten Tag hatte ich mir überlegt, mich einer Reisegruppe zu etwas weiter entfernten Orten anzuschließen. Einen Kleinkram-Rucksack hatte ich neben meiner großen Reisetasche nicht mit dabei. Vergessen. Abends bin ich auf Suche gegangen, was simples war aber in keinem der Läden zu finden. Nach etwas Fußweg kam ich zu einem Bekleidungsladen, vor dem zwei Damen auf der Steinmauer saßen. Ich fragte nach einem Sportrucksack. Etwas Kleines, Einfaches. »Wo kommst du her?« fragte mich die eine Dame. »Aus Deutschland? Und du lebst in Cajamarca?« Ihre Mutter kam dazu, Tara. Um die sechzig Jahre alt, lebensfroh und unbefangen kommunikativ. Wir kamen ins Gespräch, quatschten über Land und Leute, und über Taschendiebe.
Als ich mein vor Kurzem neu gelerntes Wort „Choro“, auf Deutsch so viel wie „Dieb“, mit in meinen Satz einbaute, brach großes Gelächter aus. »Choro??? Du kennst peruanischen Slang!«, lachte Tara laut. »Weißt du, ich habe einen Stand am Markt. Da können wir nach einem Rucksack für dich schauen.« Auf ihrem Motorroller fuhren wir zusammen durch die engen Straßen, bis hoch zum schon schließenden Markt. In ihrer Metallgarage lag ein passender Sportrucksack parat. Zurück auf dem Moto bis zu ihrem Laden, an dem wir uns herzlich voneinander verabschiedeten. Lustig wen man auf der Straße so trifft.
























Mit meiner Mitfreiwilligen Antonia bin ich danach noch durch ihre Heimat gereist – durch Urubamba, Cusco und auf den Machu Picchu. Atemberaubend, mit viel mehr Wörtern lässt sich letzteres kaum beschreiben. Eine tolle Gegend voller Berge, grünster Hügellandschaft und vielen beschaulichen Ecken. Ich durfte in diesen Wochen sehr vieles erleben. Viel Gastfreundlichkeit erfahren, vieles sehen und neue Freunde finden. Menschen kennenlernen, die mir ihr Leben gezeigt haben. Menschen mit Herz, mit Freude, mit Leichtigkeit. Einfach Menschen.
Genauso schön war es nach Cajamarca zurückzukommen. Nach dieser Zeit allseits bekannte Orte wiederzusehen war wunderbar, ein Stück weit wieder nach Hause zurückkehren.
Hier war schon alles in Vorbereitung für Karneval. Der Karneval in Cajamarca ist einer der größten Perus, zu dem jährlich rund einhunderttausend Menschen aus aller Welt kommen. Mit Girlanden geschmückte Straßen, kunterbunte Gewänder und kleine Musikgruppen, die abends in den kleinsten Straßenecken mit einer Schar tanzender Menschen laut Musik machen. Und das war, bevor hier alles überhaupt so richtig losgehen sollte.
Pünktlich zum Karnevalsbeginn am ersten März habe ich Freiwilligen-Besuch aus Lima bekommen. Gleich weiter zum ersten großen Tag, der Pintada. Nicht nur die Gewänder und Gruppen des Festzuges sind fröhlich bunt, auch ihre Besucher werden Teil des Farbenmeers. Nach ein paar Schritten über die schon gefärbten Straßen ging das Spektakel los: Wasserbomben die von den Hausdächern fielen, mit Farben gefüllte Trinkflaschen und Eimer voller Farbe, die einem in ungeahnten Momenten in den Nacken gegossen werden. Das Schönste an alledem war aber die Vielfalt der Menschen: von ganz jung bis ganz alt waren alle dabei, tanzten, freuten sich gemeinsam am Feiern und Fröhlichsein.
Bilder sagen ja aber bekanntlich mehr, also seht selbst:




































Diese Karnevalstage waren ganz besonders. So viel Gemeinschaft und Freude, fabelhafte Kostüme und lustige Momente mit Wasserbomben, Farbeimern, Liedern, Tänzen und noch so viel mehr.
Ich habe das Gefühl, mittlerweile gar nicht mehr so richtig viel erzählen zu können. Alles ist so normal und liebenswert, dass nur ein Besuch vor Ort noch mehr Einblick geben kann. Neben dem, was ich hier schreibe, passiert in allen Himmelsrichtungen noch so viel mehr. So viel, dass es wohl ein Buch für all das bräuchte.
Die Regenzeit zieht mittlerweile langsam vorbei, es klart auf in Cajamarca. Von etwas weiter weg höre ich gerade das Megafon eines Erdbeerwagens. Der Wind steht, und der Dampf von heißem Kaffee steigt still nach oben auf. MICANTO hat in ein paar Tagen sein zwanzigjähriges Jubiläum, noch viele Aktivitäten mehr stehen in den Startlöchern. Ich fülle jetzt erstmal weiter mein Erlebnisbuch. Bis zur nächsten Geschichte.

Toller Bericht, soviele Eindrücke .
Das weckt viele Erinnerungen bei mir.
Vor 30 Jahren bin ich mit Rucksack durch Peru gereist.
Leider nur sechs Wochen, aber auch ein tolles Abenteuer.
Da war ich gerade Lehrer in Bodenwerder.
In den letzten Jahren war ich Kollege deiner Mutter.
Ich wünsch dir noch eine spannende Zeit mit vielen tollen Eindrücken und Erlebnissen.
Ich freu mich schon auf den nächsten Bericht.
Gruß
Andreas Pache aus Bodenwerder