Alles Gewöhnungssache

Als ich vor einigen Monaten das erste Mal in den Bus gestiegen bin, mit dem ich jeden Tag in meine Einsatzstelle fahre, habe ich nur gedacht: Oh Gott, wie soll ich mich hier jemals alleine fortbewegen können? Die Tatsache, dass es keinen Busfahrplan und zum Teil nicht einmal richtige Bushaltestellen gibt, hat mich am Anfang sehr verunsichert.

Mittlerweile kann ich jedoch sagen, dass ich ein gutes Gefühl für die Stadt entwickelt habe und mich problemlos selbstständig fortbewegen kann. Was am Anfang noch überfordernd war, ist zur Normalität geworden. Während ich mich zu Beginn die Reizüberflutungen wie Wellen überwältigt haben, ist in meinem Meer mittlerweile etwas Ruhe eingekehrt. Nicht, weil nichts passiert. Ganz im Gegenteil. Aber weil nicht mehr jede Kleinigkeit im Alltag neu ist. Von den Straßenhunden bis zur lauten Musik in den Bussen. Es gehört dazu und ist nicht mehr ungewohnt. Beeindruckend wie schnell man sich an eine ganz andere Lebensrealität gewöhnen kann.  Manchmal sind diese Momente immer noch da. Momente, in denen man kurz verwirrt und ein bisschen verloren ist. Doch sie sind weniger geworden. Mein Alltag in Mexiko hat sich nach und nach eingependelt. Aber wie könnt ihr euch mein Leben hier vorstellen?

Montags bis freitags stehe ich um 6 Uhr auf und fahre in etwa eine Stunde in meine Einsatzstelle. Dort arbeite ich bis 14:20 Uhr, bis zum Unterrichtsschluss. Für meine Arbeit in der Barranca habe ich einen Stundenplan, der als Orientierung dient. Montags bin ich morgens in der ersten Klasse und helfe den Kindern bei ihren Aufgaben oder helfe den Lehrkräften dabei den Klassenraum zu dekorieren. Gegen 09:30 Uhr helfe ich dann den Eltern dabei Frühstück an einige Kinder auszuteilen, die sich für das Frühstück in der Schule angemeldet haben. La Barranca ist eine Schule, in der die Gemeinschaft im Vordergrund steht. So werden auch die Eltern aktiv in das Schulleben eingebunden. Genau wie Lehrkräfte und Schüler*innen haben sie Aufgaben, die erledigt werden müssen, damit das Schulleben funktionieren kann. Dazu gehört beispielsweise das Frühstück vorzubereiten oder die Klassenräume zu putzen.

Anschließend unterstütze ich meine Vorgesetzte, Conny, die Sozialarbeiterin der Schule bei administrativen Aufgaben. Gegen Ende des Tages gebe ich noch einer kleinen Gruppe an Erstklässlern, die im Unterricht nicht gut hinterherkommen, Nachhilfe. Das wird hier „regularización” genannt. Dienstags bleibe ich länger in der Schule und gebe einen Debattier-Workshop für die Schüler*innen der Mittelstufe. Wenn ich nicht länger bleibe, bin ich meistens gegen 16 Uhr zu Hause. Drei Mal die Woche gehe ich ins Fitnessstudio bei mir um die Ecke und jeden Dienstag Abend gehe ich mit Freundinnen zum “Martes de Poesía” in einem Kulturzentrum, das “Ortográfika” heißt. Den “Martes de poesía” muss man sich wie ein OpenMic vorstellen. Dort kann jeder seine Texte vortragen und es gibt Essen und Musik. Ortográfika ist ein ganz besonderer Ort. Dort habe ich schon viele tolle Menschen kennengelernt und konnte an Workshops, Philosophie-Clubs und anderen Events teilnehmen. So kann ich meine Leidenschaften für Literatur und Philosophie hier weiterverfolgen.

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Außerdem gehe ich in der Barranca jeden Donnerstag zum Schul- und Familienchor. Ich war auch in Deutschland schon im Chor, doch da haben wir meistens auf Englisch gesungen. Im Chor hier hingegen singen wir überwiegend auf Spanisch, doch wir mussten auch schon auf Französisch und Japanisch singen. Vergangenen Freitag hatten wir dann unsere erste Aufführung im “Teatro Degollado”, dem ältesten Theater in Guadalajara, einem beeindruckenden Gebäude. Es war ein besonderes Gefühl, das erste Mal dort zu sein und auf der Bühne als das berühmte Lied “Guadalajara” zu singen, das von der Stadt handelt. Ich als einzige Person, die das Lied gesungen hat, ohne aus Guadalajara zu kommen (ja, das wurde im Vorhinein extra nachgefragt). Doch nicht nur der Auftritt war besonders, sondern auch die Tage davor. Drei Tage lang haben wir intensiv mit dem Orchester geprobt. Dabei durfte ich das Projekt “Crescendo” kennenlernen. Hierbei handelt es sich um ein Projekt, das Kinder aus sozial benachteiligten Familien musikalisch fördert, wodurch viele dieser Kinder überhaupt erst die Möglichkeit erhalten ein Instrument zu lernen.

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Nach diesen schönen Erfahrungen in meinem Projekt stand bei mir schon der erste Besuch an. Mein Freund ist aus Deutschland zu Besuch gekommen. In dieser Zeit ist mir noch bewusster geworden, wir gut ich mich mittlerweile schon in Guadalajara auskenne. Das war als Touri-Führerin für meinen Freund wohl auch nötig 😉

Kurz vor Weihnachten ist mein Freund nach Deutschland zurückgeflogen und für mich ging es über die Feiertage zu meiner Familie nach Ecuador. Es war ein ganz besonderes Weihnachten für mich, denn ich hatte Weihnachten zuvor noch nie mit meiner ecuadorianischen Familie verbracht. Insgesamt war es sehr schön meine Tanten, Onkels und Cousins wiederzusehen, denn ich habe leider selten die Möglichkeit sie zu besuchen.

Mal schauen was mich in diesem neuen Jahr in Mexiko nun erwartet.