Viel unterwegs, viel erlebt, viel gelernt

In den letzten Monaten ist hier in der Dominikanischen Republik wieder einiges passiert und ich durfte viele besondere Momente, Begegnungen und Erlebnisse sammeln, die diese Zeit für mich so prägend machen.

Ich möchte in diesem Blog noch einmal etwas weiter zurück schauen – im weitesten Sinne geht es diesmal um Freizeitgestaltung – meine eigene, aber auch die der Menschen, mit denen ich meinen Alltag teile.Während der ersten Monate hier war Freizeitgestaltung relativ schwierig: Sicherheitsbedenken spielen in der Dominikanischen Republik eine große Rolle und sind letztendlich nun einmal wichtiger als eine wirkliche „Bewegungsfreiheit“. So durfte ich mich das ganze Jahr nur per Uber (und U-Bahn und Langstreckenbussen) fortbewegen, und auch nur an für mich sichere Orte, wie zum Beispiel Malls oder Touristenzentren, fahren. Auch die Tatsache, dass ich keine Mitfreiwillige in der selben Aufnahmeorganisation hatte, hat es nicht einfacher gemacht. Zu zweit ist man sicherer unterwegs und kann so mehr erleben. Andererseits habe ich dadurch eine viel engere Verbindung zu meinen einheimischen Kolleg*innen aufbauen können. Die daraus gewachsenen Freundschaften sind mir wirklich kostbar und haben mir einen tieferen Einblick in die Lebensrealität vor Ort ermöglicht. Das ist ein wirklicher Vorteil von Einzeleinsatzstellen und wird von denen, die zu zweit in ihren Aufnahmestellen sind, vermisst. Mit meinen dominikanischen Freundinnen habe ich echt schöne Dinge erlebt: von der geschichtsträchtigen Zona Colonial, der ältesten von Europäern errichteten Stadt der neuen Welt – natürlich inklusive ältestem Krankenhaus, ältester Universität, ältester Kathedrale,… Amerikas – und mit Stadtführung von einer Kollegin, über wunderschöne Parks (Tres ojos und botanischer Garten) bis hin zu einfachem Treffen in einer Mall. Reden, shoppen (ich hätte nie gedacht das ich daran mal halbwegs Spaß haben würde) und zusammen essen – auch das sind alles sehr schöne Erinnerungen. Allerdings war ich ja auch nicht die einzige Freiwillige von den Sternsingern auf der Insel: Mit Emilia, die in Bonao ihren Freiwilligendienst verbracht hat, konnte ich ab Januar einige schöne Orte der Insel entdecken. Angefangen mit Punta Cana, dem wohl touristischsten Strand der DomRep, dann Bonao beim Zwischenseminar, Samaná mit Whale watching (Wale gucken) und Puerto Plata mit einem meiner Highlights diesen Jahres: Wasserfälle runterrutschen und -springen. Nachdem wir gegen Ende meiner Zeit hier noch ein Wochenende mit einem ehemaligen Freiwilligen in Constanza, einem Ort in den Bergen und dem „Gemüsekorb der DomRep“ verbringen konnten, haben wir insgesamt einige schöne Wochenenden miteinander erlebt.

 

Dabei ist mir immer wieder aufgefallen, in was für einer komischen Situation ich während diesem Jahr bin. Mit Emilia zusammen konnte ich all diese Dinge erleben. In einem Jahr konnte ich den Großteil des Landes kennenlernen – oder zumindest die meisten der Orte, die mir als „must see“ (muss man gesehen haben) vorgestellt wurden. Für den Rest muss ich wohl nochmal wiederkommen – aber auch das kann ich tun. Ohne größere Schwierigkeiten, ohne ein Visum beantragen zu müssen. Welch ein Privileg… .

In diesen zehn Monaten habe ich rein von den Sehenswürdigkeiten der DomRep mehr kennengelernt, als manche meiner Freunde aus der dominikanischen Jugendgruppe oder meine Kolleg*innen hier ihr ganzes Leben lang besucht haben oder vielleicht auch besuchen werden. Für viele von ihnen ist es ein Traum, irgendwann mal Europa besuchen zu können. Und das ist ein Punkt, an dem die absurde Ungerechtigkeit in dem System, in dem wir leben, mal wieder deutlich wird: Bewegungsfreiheit existiert nicht in alle Richtungen gleichermaßen, mit dem dominikanischen Pass kommt man nur schwer in EU Länder, denn der Visa Prozess für den Shengen Raum ist echt kompliziert, kostspielig und ein Antrag bei weitem nicht immer erfolgreich. Für die allermeisten Menschen liegen zudem alleine die Flugkosten in europäische Länder bei mehreren Monatsgehältern. Außerdem hat ein Großteil der Bevölkerung sowieso im Jahr nur zwei bis drei Wochen Urlaub, an den Wochenenden und abends wird oft mit weiteren Jobs das dringend zum Leben benötigte Geld verdient.

Zu meiner besten Freundin in diesem Jahr wurde eine etwa gleichaltrige Kollegin, die ebenfalls im September an der Escuelita angefangen hat. Ihre Familie hat mich wie eine Tochter aufgenommen und mir gerade zu Ostern ein wirkliches Heimatgefühl gegeben. Luz hatte mich zum Pascua juvenil, den Jugendkartagen, in ihrer Gemeinde eingeladen und so habe ich von Gründonnerstag bis Ostersonntag bei ihr und ihrer Familie mitleben dürfen. Das Pascua juvenil ist in der DomRep in so gut wie allen Gemeinden eine große Sache. Die Jugendlichen sind dazu eingeladen, sich an diesen Tagen angeleitet Gedanken über ihren Glauben zu machen und sich auszutauschen. Natürlich kommen dabei auch Spiele, WUP’s (kurze, lustige Zwischeneinheiten um wieder Energie in eine Gruppe zu bringen) und Tanzen nicht zu kurz.Traditionell werden am Gründonnerstag nach dem Gottesdienst in den Kirchen liebevolle Gebetsecken eingerichtet (Ölbergstunde). Dabei ist es üblich, im Laufe des Abends diese Orte in sieben verschiedenen Kirchen zu besuchen. Dank der Familie von Luz konnte ich diese besondere Erfahrung machen – und man muss sich dabei echt beeilen, bevor die Kirchen um Mitternacht schließen… Während wir durch die Zona Colonial laufen, begegnen uns verschiedene Jugendgruppen anderer Gemeinden – gut erkennbar an den einheitlichen T-Shirts, die viele Gruppen tragen.

Am Ende dieser gemeinsam verbrachten Tage bin ich dann noch in die Wiederbildung der Jugendgruppe in Luz’s Gemeinde hineingerutscht, die damit auch zu meiner wurde. So verbringe ich seit Ostern viele Sonntage mit Gleichaltrigen aus Santo Domingo, die sich Vormittags als Gruppe treffen und danach gemeinsam den Gottesdienst besuchen. Ein Thema, das mir dabei immer wieder durch den Kopf geht, ist der große Unterschied darin, wie der katholische Glaube hier und in Deutschland verstanden und gelebt wird. Das hat viel damit zu tun, dass auch in den Gesellschaften ganz unterschiedliche Themen relevant sind. Wenn du dir am Ende des Monats Gedanken machen musst, wo dein Essen herkommen soll, hast du leider weniger Kapazitäten für Fragen wie nach der Rolle der Frau oder den historischen Hintergründen von Bibeltexten. Insgesamt wird der Glaube generell sehr viel konservativer gelebt, also ich das aus Deutschland gewöhnt war. Der Umgang damit ist für mich nicht immer einfach, aber ich habe dadurch eine ganz neue Perspektive auf das Thema Weltkirche erhalten – und wie schwer es ist, diese in ihrer Unterschiedlichkeit zusammenzuhalten.

Offenheit und Flexibilität: dieses Mantra aus den Vorbereitungsseminaren hat mich dieses Jahr definitiv begleitet. Man könnte auch „erstens kommt es anders und zweitens als man denkt“ dazu sagen. Mein Jahr findet, nicht wie ursprünglich geplant in Lima, sondern in Santo Domingo statt. Ein gebrochener Arm kommt meinem geplanten Surfurlaub in die Quere. Die Vorfreude auf ein geplantes Wochenende mit der Jugendgruppe ist groß – bis ich die Info bekomme, dass mein Rückflug zwei Wochen vorverschoben werden muss. All das und mehr waren Dinge, an die ich mich irgendwie gewöhnen musste. Das war nicht einfach, hat mir aber auch gezeigt, dass ein bisschen Spontanität und Anpassungsfähigkeit einem das Leben sehr viel leichter machen kann.

Alles in allem waren die letzten Monate unglaublich vielseitig: von intensiven Seminartagen über beeindruckende Naturerlebnisse bis hin zu vielen kleinen Alltagsmomenten und neuen Begegnungen. Was mir dabei immer wieder auffällt: Wie schnell ich dazu neige, die „besonderen“ Erlebnisse wie Reisen oder Ausflüge als die Wichtigsten zu sehen, obwohl es oft die kleinen, unscheinbaren Momente sind, die mir am meisten bedeuten. Zeit mit Menschen zu verbringen, Teil von Gemeinschaft zu sein oder einfach gemeinsam zu lachen, bleibt mir oft länger im Herzen als das letzte Highlight. Vor allem jetzt merke ich das Besonders: Das sind die Dinge, die ich vermissen werde. Klar, die einzelnen coolen Momente sind tolle Erinnerungen, aber der Alltag, das „normale“… Das ist das woran ich mich gewöhnt habe und wo es echt komisch sein wird, den Alltag wieder anders zu erleben. Auch rund um Ostern habe ich das besonders gemerkt. Die Zeit mit Luz und ihrer Familie, die Traditionen wie das Besuchen der sieben Kirchen oder auch das gemeinsame Feiern zu erleben, haben mir nochmal einen ganz anderen Zugang zur Kultur hier gegeben. Das nicht nur zu sehen, sondern wirklich mitmachen zu dürfen, war für mich etwas total Besonderes. Gleichzeitig merke ich auch, dass es mir nicht immer leicht fällt, mich wirklich auf diese andere Art zu leben einzulassen. Ich plane gerne, habe gerne Struktur – und hier funktioniert vieles spontaner, langsamer oder einfach anders. Manchmal frustriert mich das, aber ich lerne Schritt für Schritt, flexibler zu werden und Dinge mehr anzunehmen, wie sie kommen. Ich glaube, genau darin liegt für mich gerade die größte Herausforderung, aber auch die größte Chance: nicht nur das Land kennenzulernen, sondern auch mich selbst ein Stück besser zu verstehen und vielleicht an manchen Stellen auch zu verändern.

Wenn ihr das lest, bin ich schon wieder zuhause. Dieses Jahr hat mir die unglaubliche Möglichkeit gegeben, sehr viel tiefer in die Kultur der Dominikanischen Republik einzutauchen, als es einem in einem typischen Urlaub möglich ist. Ich konnte Menschen, Traditionen und Kultur kennenlernen, Alltag teilen und nehme viele tolle neue Erfahrungen und Erkenntnisse mit zurück nach Deutschland. Danke für euer Interesse an meiner Zeit „woanders“ und ich hoffe ich konnte euch durch meine Blogeinträge einen kleinen Einblick in dieses für mich sehr besondere Jahr ermöglichen.

Hasta luego, nos vemos!