Celebrar la vida – Das Leben feiern
Seit mehr als vier Monaten bin ich nun hier – und in dieser Zeit habe ich viele wundervolle Erfahrungen gemacht, aber auch einige, die ich lieber nicht noch einmal erleben möchte.
Die Highlights beginnen gleich in meiner ersten Woche. Die Gründerin der Stiftung Kleine Schule Sonnenstrahl, Jacinta Torres, hat am 6.9. Geburtstag, und da ich in ihrem Haus lebe, bin ich – obwohl ich erst seit drei Tagen im Land bin – ganz selbstverständlich eingeladen, fast wie ein Teil der Familie. Diese Offenheit und Gastfreundschaft begleiten mich von Anfang an und geben mir schnell das Gefühl, dazuzugehören.
Das hat allerdings etwas unerwartete Folgen: Ich muss mich spontan um passende Kleidung kümmern. Denn hier zieht man sich schick an – und zu besonderen Anlässen erst recht. Also heißt es an diesem Samstag: ab in die Mall. Eine Bluse für den Abend, ein Geschenk dazu – etwas leckeres aus dem Supermarkt wäre auch ganz nett.
Zwar bin ich aus Berlin große Einkaufszentren gewohnt, doch wirklich mögen tue ich sie nicht. Sie überfluten mich oft, mit ihren vielen Eindrücken, den vielen Menschen, dem Lärm, den Lichtern, dem riesigen Angebot… alles in allem: Für meinen Geschmack, zu viel Reize und Konsum.
Egal und auch wenn ich erst 2.5 Tage im Land bin – ich will auf jeden Fall gut gekleidet zur Geburtstagsfeier erscheinen. Und weil besagte Mall sicher ist und gut mit einem Uber zu erreichen, mache ich mich selbstverständlich alleine auf den Weg und fühl mich gut dabei rauszukommen und die Umgebung zu erkunden.
Doch bereits beim Eintritt in die Mall merkte ich: Oha! – Mall mit fremder Umgebung, schwer verständlichem Sprachgewirr und unbekannten Läden ist doch noch mal herausfordernder als Einkaufszentrum zuhause. Erst recht, wenn man gerade noch dabei ist, das Straßenbild zu verarbeiten, das sich mir kurz nach der Landung auf dem Weg zu meinem neuen Zuhause präsentiert hatte und von Armut und sogenannter verdeckter Kriminalität geprägt ist.
Gerade dazu sind Einkaufszentren eine sichere Alternative für „frische Freiwillige“. Sie werden in der Regel von privaten Sicherheitsfirmen bewacht. Man kann dort ohne Sorge das Handy benutzen und sich frei bewegen.
Der Kontrast ist enorm. Draußen ein mehr oder weniger bedrohliches Chaos, drinnen eine (vermeintlich😉) entspannte, fast abgeschirmte Welt. Rational weiß ich: Hier bin ich richtig, hier darf ich sein, hier kann ich mich frei bewegen. Und doch fühle ich mich nicht wirklich wohl.
Doch dann endlich: Ein vertrauter Kleiderladen!! Für einen Moment kann ich durchatmen und finde schnell eine passende Bluse. Auch das Umrechnen von Pesos in Euro meistere ich ganz gut. Also wage ich gleich noch einen Apothekenbesuch und finde dort auch ein schönes Geburtstagsgeschenk.
Doch als ich im Eingang des riesigen, doppelstöckigen Supermarkts stehe, ist es dann aber definitiv genug für den Tag. Ich weiß nur noch eines: Ich muss hier raus!
Und so endet mein erster selbstständiger Ausflug mit einer relativ panischen Flucht nach Hause…
Rückblickend ist diese Erfahrung aufschlussreich: Einkaufszentren sind für jemanden wie mich hier gleichzeitig Rettung und Herausforderung. Sie bieten Sicherheit und Bewegungsfreiheit – und überfordern mich dennoch mehr als zu Hause. Nach ein paar weiteren Besuchen in dieser und anderen Malls gemeinsam mit ein paar Freundinnen fühle ich mich darin sogar fast schon wohl… Fest steht: Gemeinsam ist besser als alleine… Mindestens wo Shopping Malls betroffen sind.
Aber zurück zum Geburtstagsfest. Am frühen Abend füllt sich das Haus. Kolleginnen kommen vorbei, es wird gelacht, erzählt und sich schön gemacht. Jemand bringt ein kleines Katzenjunges mit – ein weißer Wirbelwind, der sich sofort in die Herzen aller stiehlt und seither dazugehört. Jacinta gefällt mein Geschenk gut und mit der Bluse passe ich gut in die sympathische Geburtstagstruppe rein. Wir gehen in die Vorabendmesse und danach gemeinsam essen. Es ist ein schöner Abend und ich bin froh, so nun bereits einige Kolleginnen kennengelernt zu haben.
Jacintas Geburtstag geht aber noch weiter. Am Montag wird die Gründerin Rayo de Sols von Schüler*innen und dem Kollegium beider Schulen gefeiert: mit Blumen, kleinen Aufführungen und Geschenken. In der Mittagspause spielt eine Musikgruppe – das Geschenk aller Mitarbeiter*innen an sie. Spontan wird gesungen und getanzt. Ich versuche mitzumachen – noch vorsichtig, aber mit Freude. Das Fest klingt schön aus, doch der nächste Anlass zum Feiern lässt nicht lange auf sich warten.
Vor 38 Jahren, am 12. Oktober 1987, öffnete die Schule erstmals ihre Türen. Zuvor war sie mit einem Gottesdienst eingeweiht worden – damals noch als kleine Bretterhütte für acht Kinder mit geistigen Behinderungen, mitten in einem der ärmsten Viertel Santo Domingos.
Diese Geschichte wird jedes Jahr im Oktober gewürdigt. Gemeinsam mit inzwischen mehr als 310 Kindern wird tagsüber gebetet und gefeiert. Pat*innen, Freund*innen der Schule und Vertreter*innen von Elternschaft und Kollegium sind am Abend dabei, als wir mit rund 200 Gäste einen Dankgottesdienst feiern und uns danach zum Abendessen treffen. Die Schüler*innen führen Tänze auf, besonders verdiente Unterstützer*innen werden geehrt. Zugleich ist dieser Abend jedes Jahr ein Moment der Transparenz und eine Einladung zur Mitgestaltung: Zurückschauen, Rechenschaft ablegen und nach vorne blicken.
Auch ich bin involviert: Am Morgen der Feier helfe ich dem Chauffeur die Geschenke zum Veranstaltungsort bringen, auszuladen und zu „bewachen“, bevor die restlichen zur Saalvorbereitung eingeplanten Kolleg*innen aus Schule und Werkstatt eintreffen. Es ist früh, viel zu heiß, die Sonne brennt auf den verglasten Saal. Wir alle sind super dankbar, als endlich die Klimaanlage eingeschaltet ist und schon geht alles viel leichter. Tische, Stühle, Dekoration – im Team geht alles schnell voran. Mein schlechtes Gewissen für die Klimaanlage hält sich in Grenzen und am Ende ist der Saal kaum wiederzuerkennen.
Abends unterstütze meine Kolleginnen beim Empfang der Gäste, begleite sie zu ihren Plätzen, behalte die Kinder im Blick und helfe bei der Verteilung unserer zuvor liebevoll verpackten Werkstattprodukte. Sie sind ein Dankeschön und zugleich erster Weihnachtsgruß für alle die uns das ganze Jahr auf die ein oder andere Weise unterstützen. Es wird ein schönes Fest aber nach dem Aufräumen auch spät. Müde, zufrieden und erschöpft falle ich schließlich so gegen Mitternacht ins Bett. Am nächsten Tag um 6:00 schellt mein Wecker – ein neuer Schultag, den alle aber spätestens in der Mittagspause irgendwo auf dem Schulhof oder in den Klassenräumen vor sich hin dösend verbringen.
Wenige Tage später folgt mein eigener Geburtstag. Und hier gilt: Nicht das Geburtstagskind feiert – sondern, es wird das Geburtstagskind gefeiert. Meine Aufgabe ist es also lediglich Wünsche auszusprechen – z.b. mit wem ich diesen Tag verbringen möchte – um den Rest kümmern sich Freunde und Familie. In meinem Fall: Christel und Jacinta. Sie beginnen den Tag mit einem ersten, deutschen Ständchen zuhause. Diesem schließen sich noch viele weitere über den ganzen Tag verteilt an. Am Abend dann die Überraschung: Es geht mit all meinen neu gewonnenen Freundinnen und ein paar unserer Kolleg*innen zum Italiener! Bei Pizza, frisch gepressten Säften, Lachen und guten Gesprächen verbringen wir einen tollen Abend.
Ein Moment des Tages, an den ich mich gerne erinnere ist es, mich zum ersten Mal in meinem Leben schminken zu lassen. Kurz bevor wir ausgehen wollen, sehen mich meine neuen Freundinnen an: „So bist du aber nicht als Geburtstagskind zu erkennen“. Und prompt sehe ich mich einem ca. 10minütigem „Makeover“ ausgesetzt, natürlich begleitet von viel Gelächter. Und siehe da: Mein Gesicht gefällt mir überraschend gut und als ich ein paar Wochen später mit denselben Freundinnen unterwegs bin kaufe ich mir sogar selber die erste „Alltags-Schminke“ meines Lebens.
Kurzum Feiern macht Spaß und ist kann Leben verändern. Außerdem hilft es die Herausforderungen und härteren Teile des Lebens besser zu ertragen. Ein besonderes Erlebnis, der weniger schönen Art, zeigt mir das Ende Oktober deutlich.
Da zieht nämlich der spätere Hurrikan Melissa durch die Karibik und macht auch vor unserem Haus nicht halt. Es regnet wie aus Kübeln und hört gar nicht mehr auf. Innerhalb kürzester Zeit steigt der Pegel in unserer Straße. Wo sonst normal Autos fahren, verwandelt sich die Straße in eine reißende Wasserflut. Die Wassermassen drücken unser Tor aus den Schienen und so weit zurück, dass nun nicht nur der Regen, sondern auch das von den Straßen herabströmende Wasser in unseren Hof schießt und über die Kellerfenster – später auch durch den Türeingang – ins Haus gelangt.
Wir arbeiten zu dritt gegen die Fluten, versuchen, so schnell wie möglich alles in die höheren Bereiche des Hauses zu bringen. Nach mehreren Stunden gemeinsamer Arbeit schaffen wir es schließlich, das meiste aus dem Keller zu retten, bevor er bis zur Decke vollgelaufen ist. Dann beginnt der Kampf im Erdgeschoss, bis wir irgendwann nur noch warten und beten können.
Und siehe da: Kurz bevor sich das Wasser weiter verteilt, lässt der Regen etwas nach, und das Wasser geht tatsächlich Millimeter für Millimeter zurück. Wir halten uns an den Händen, lachen und tanzen vor Erleichterung.
Es folgen Tage ohne Strom, mit Schlamm, Feuchtigkeit und Müdigkeit. Eine Grippe zwingt mich zusätzlich ins Bett.
Für mich ist dies eine Situation absoluter Überforderung. In Deutschland habe ich immer wieder mal von Überschwemmungen und anderen Unwetter Ereignissen in den Nachrichten und auf Social Media gehört und Bilder gesehen, aber mit dem Thema persönlich Bekanntschaft zu machen, also mittendrin zu sein, ist etwas ganz anderes. Dies hatte ich ähnlich zuvor auch bereits mit dem Thema Armut erlebt.
Ich persönlich möchte nie wieder Wasserfälle durch Fenster laufen sehen und bin sehr froh, dass mir selbst nichts passiert ist – wenn auch natürlich nicht alle so ein großes Glück hatten. Insgesamt sind in der Karibik mehr als 90 Menschen durch Melissa gestorben, davon auch 2 in der Dominikanischen Republik. Alleine hier haben mehr als 3700 Menschen ihr Zuhause verloren, insgesamt weit über 100.000. Einige meiner Kolleg*innen konnten bis kurz vor Weihnachten nicht in ihre Häuser zurückkehren und lebten mit ihren Familien beengt bei Verwandten.
Zugleich geht das Leben weiter und der Alltag kehrt wieder ein. Mich beschäftigt es aber immer noch. Hat es mir doch noch einmal sehr deutlich vor Augen geführt, dass der Klimawandel hier und jetzt Probleme macht und längst kein Zukunftsthema mehr ist.
Je länger ich hier bin, desto klarer wird mir auch, wie ungerecht die Folgen der Klimakrise verteilt sind. Länder wie die Dominikanische Republik tragen kaum zur Erderwärmung bei – und spüren deren Auswirkungen trotzdem besonders stark. Extremwetter ist hier kein fernes Szenario, sondern Teil vieler alltäglicher Herausforderungen. Nicht nur Jacinta und Christel erzählen von den vielen Überschwemmungen, die sie gerade in den letzten Jahren bewältigen mussten. Viele beschreiben, dass sie fast keinen Sektor mehr kennen, der bei starken Regen und erst recht bei den immer heftiger werdenden Tropenstürmen noch „sicher“ ist.
Für mich erklärt sich auch dadurch, warum es hier so wichtig ist, die Feste, die es gibt so gut zu feiern wie es geht. Sie stiften Gemeinschaft und geben Halt in einem Umfeld, das oft verletzlich ist und in dem viele Menschen auf die Hilfe anderer angewiesen sind – gerade in Ausnahmesituationen wie Extremwettererscheinungen.
Das Feiern hat also wenig mit Oberflächlichkeit oder Verschwendung zu tun – vielmehr ist es eine bewusste Entscheidung für die Freude am Leben.
Ein Gedanke, der mir hier immer wieder begegnet und unter anderem von einem der bedeutendsten Mitglieder der Stiftung Kleine Schule Sonnenstrahl, Don Freddy Ginebra, geprägt wird. Er gibt diesem Lebensgefühl regelmäßig mit seinen Texten, Büchern und einer eigenen Zeitungskolumne in der dominikanischen Gesellschaft und kürzlich auch in Berlin eine Stimme.
Dass dieses Feiern des Lebens nicht bei Worten stehen bleibt, zeigt sich auch jedes Jahr Anfang Dezember. Dann findet die große Benefizgala „Das Fest der berühmten Kellner“ zugunsten der Kleinen Schule Sonnenstrahl statt, der Don Freddy Ginebra gemeinsam mit unserer Gründerin und Leiterin Jacinta Torres vorsteht. Doch was es genau mit diesem Fest auf sich hat und wie sich Weihnachten und Neujahr unter Palmen feiern, davon mehr in meinem nächsten Beitrag, der bereits in Kürze folgt.














