Zwischen Offenheit und Vorsicht
Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich mir in der Vorbereitungphase von meinem Freiwilligendienst in Südafrika einige Zahlen zur Sicherheitslage im Land angeschaut habe und kurz schlucken musste.
Damals war Südafrika nicht nur auf der Rangliste der fünf Länder mit der höchsten (wahrgenommenen) Kriminalität; unter den Top 10 gefährlichsten Städten weltweit lag die Hälfte in Südafrika *.
„Es leben ja auch Menschen vor Ort, und die haben dort ja auch einen Alltag“ hab ich mir die ganze Zeit eingeredet. Das war auch meine Standardantwort, wenn Leute in meinem Umfeld Sicherheitsbedenken hatten. In den Monaten vor meiner Ausreise häuften sich die Geschichten von kritischen Sicherheitssituationen in Südafrika von Bekannten auf einmal so richtig – von Taschendiebstählen bis hin zu bewaffneten Überfällen war alles dabei.
Mit der Sicherheitssituation und der Armut umzugehen ist mir in meiner Anfangszeit in George schwergefallen und stellt für mich immernoch eine Herausforderung dar. In einer meiner ersten Wochen in George war ich zum Beispiel einmal auf dem Rückweg vom Einkaufen und teilte mir einen relativ langen Fußweg mit einer Frau, die ungefähr mein Alter war. Ich weiß noch, wie ich mir selbst damals einen Ruck gab und mich aus Prinzip dazu zwang, auf derselben Straßenseite wie sie, relativ nah bei ihr, zu laufen. Wieso auch nicht? Es hatte in meinem Kopf etwas so Abgehobenes und Anmaßendes, direkt die Straßenseite zu wechseln, nur weil die Frau viel ärmer aussah. Als sie mich dann um Essen bat, war ich kurz zwiegespalten. Es war mir in Südafrika immer davon abgeraten worden, Geld oder andere Dinge aus meinem Rucksack an Fremde zu geben. Andererseits hatte ich einen ganzen Wocheneinkauf in meinem Rucksack und fand den Gedanken, ihr die (offensichtliche) Lüge, dass ich kein Essen in meinem Rucksack hätte, aufzutischen, so beschämend, dass ich ihr trotzdem etwas anbot. Als sie mich dann aber bat, mit ihr einkaufen zu gehen und plötzlich aus dem Nichts einige Bekannte von ihr in der ansonsten leeren Straße auftauchten, fühlte ich mich plötzlich sehr unsicher und hilflos.
Es war nicht so, dass ich vor einer plausiblen, konkreten Situation wie einem Überfall Angst hatte. Viel mehr machte mir die Tatsache, dass ich meinem intuitiven Gefahrenbewusstsein hier nicht wie in Deutschland trauen konnte, zu schaffen.
Immer wieder kam ich mir vor wie ein kleines Kind, das die Welt und ihre Gefahren noch nicht ganz versteht und in irgendwelche Maschen reintappen könnte, die die Locals direkt als solche identifizieren würden. Dieses diffuse Unsicherheitsgefühl, insbesondere bei der Konfrontation mit Armut, hatte ich auch öfters an Orten, vom denen ich rational wusste, dass sie sicher waren – meinem Wohnviertel, in Supermärkten oder in der Mall.
Nun sind seit meiner Anreise ziemlich genau vier Monate vergangen und ich bin selbst einer dieser Menschen geworden, die „vor Ort leben und einen normalen Alltag führen“. Ich habe mich in vieler Hinsicht gut an die Sicherheitslage gewöhnen bzw. anpassen können. So ist es für mich mittlerweile eben ganz normal, dass ich morgens mit dem Auto für die Arbeit eingesammelt und nachmittags auch wieder nach Hause gefahren werde. In Deutschland wäre ich die kurze Strecke sicher mit dem Fahrrad gefahren oder hätte den ÖPNV genutzt. Doch das Bethesda-Gelände, auf dem ich arbeite, liegt in einem für mich unsicheren Viertel und ist nur wegen der Zäune und dem Stacheldraht, die das gesamte Gelände umgeben, ein sicherer Ort.
An die Vorgabe, sich nur bei Helligkeit draußen aufzuhalten, habe ich mich in den letzten Monaten auch ganz gut anpassen können. So nutze ich zum Beispiel mittlerweile oft die Zeit vor meiner Arbeit und gehe mit Alva zusammen morgens um 5 Uhr ins Gym (was ich in Deutschland wirklich niemals getan hätte). Dafür gehe ich oft schon um acht Uhr bei Einbruch der Dunkelheit ins Bett.
Trotzdem gibt es auch Anpassungsprozesse, bei denen ich mehr mit mir selbst am hadern bin, ganz besonders im Umgang mit Armut.
Das Thema, das mich seit Anfang fast am meisten beschäftigt hat, ist die extreme Kluft zwischen Arm und Reich und vor allem auch dieses (augenscheinliche) Aneinander-vorbei-leben der Schichten, wie ich es in meinem ersten Blogbeitrag beschrieben habe. Es ist mir nach wie vor sehr wichtig, zu dieser Kluft nicht beizutragen, indem ich der Konfrontation mit Armut aus dem Weg gehe.
Gleichzeitig ist es auch klar, dass ich meine eigene Sicherheit nicht aus Empathie oder gar Scham riskieren soll.
Auf meinem Zwischenseminar in Kapstadt Anfang Februar durfte ich einen Abend erleben, der meine Zeit hier sehr bereichert und meine vorher beschriebene Ambivalenz verstärkt hat.
Zu unserem Abendessen und Lagerfeuerabend waren ca 40 Männer eingeladen worden, die alle eine kriminelle Vorgeschichte haben und nun an einem Programm zum Ausstieg aus dem Gangleben teilnehmen. Mit ihnen ins Gespräch zu kommen war für mich wirklich eine sehr besondere Erfahrung und wird mir sicher noch lange im Kopf bleiben. Ich fand nicht nur die Einblicke in deren Lebensgeschichten sehr bewegend und spannend, ich habe auch wieder gemerkt, wie viel Spaß und Connection man trotz sehr verschiedener Lebensrealitäten miteinander teilen kann, bzw. wie bereichernd solche Unterschiede im Austausch auch sind.
Trotzdem hat der Abend für mich auch nochmal das extreme Kriminalitätsproblem in Südafrika sichtbar gemacht. Einige Gewaltsituationen, die die Männer in Kapstadt erlebt hatten und uns aus erster Hand erzählt haben, kannte ich bisher wirklich nur aus Filmen und haben mir das Ausmaß an Kriminalität nochmal richtig vor Augen geführt. Es hat mich also schon auch wieder daran erinnert, wie wichtig es ist, diesen Austausch in einem sicheren Rahmen zu haben.
Insgesamt pendelt sich bei mir das richtige Maß an Offenheit und sicherer Distanz immer noch ein und ich kann mir auch vorstellen, dass das noch eine ganze Weile so bleibt. Trotzdem merke ich rückblickend, dass ich mir damals einen zu großen Kopf gemacht habe und dass man hier, solange man sich an die Regeln hält, ein ziemlich angstfreies Leben führen kann.
* Die Zahlen entstammen dem NUMBEO Kriminalitätsindex aus dem Jahr 2024 Mitte.

