Von den kleinen Dingen
Das meiste von dem, was ich hier in Don Bosco mache, lässt sich auf keinem Stundenplan richtig abbilden. In der letzten Zeit habe ich aber gemerkt, dass es genau diese kleine Dingen, Erlebnisse und Begegnungen sind, die das Herzstück meiner Arbeit hier ausmachen. Deshalb möchte ich einige dieser vielen kleinen Momenten heute in diesem Blog mit euch teilen.
Anfangen möchte ich natürlich mit dem Endergebnis unsere Malaktion, das ich euch im letzten Blog versprochen habe. Auch wenn nicht alles glatt lief – wir die eigentlich geplanten Farbtöne nicht auftreiben konnten, die kleinen Mädels auch mal über den Rand gemalt haben und auch der ein oder andere Frosch sich verewigen wollte – nach einer guten Woche und täglichen Malsessions haben wir es dann aber geschafft und ich finde, die fertige Wand kann sich wirklich sehen lassen. Der Eingang zu dem zu Hause der Mädchen, der den schönen Namen „Palast der Frauen – Bantey Srey“ trägt, sieht nun richtig freundlich aus und wir alle hatten eine Menge Spaß.
Die Weihnachtszeit ist ganz anders verlaufen als ich es von zu Hause kenne. Um trotzdem ein bisschen in Weihnachtsstimmung zu kommen, habe ich mit meinen kleinen Mädels die Küche in eine Weihnachtsbäckerei verwandelt und Plätzchen gebacken, die in den buntesten Farben verziert wurden. Und was soll ich sagen, auch in Kambodscha haben die Kinder Freude an dieser „riesengroßen Kleckerei“.
Meine Arbeit wird hier gerne mit den Worten beschrieben „be present, follow the kids, be young“. Manchmal ist das leichter gesagt als getan, aber es ist tatsächlich eine sehr passende Beschreibung für die Tatsache, dass es häufig einfach wichtig ist „da“ zu sein.
So hat z.B. die kleine Young Ear an einem Abend abseits auf einer Schaukel herumgesessen. Auf meine Frage, was los sei, hat sie mir erzählt, dass sie ihre Mama vermisse. Ein andermal hatte ich mich eigentlich mit Tra zum Flötespielen verabredet. Auf einmal sind dann aber die schwierigen Prüfungen und seine Angst, nicht zu bestehen, zum Thema geworden. In solchen Situationen bin ich einfach dankbar hier sein zu können, denn oft reicht eine Umarmung und das Zuhören schon aus, damit es den Kindern wieder besser geht.
Oft wird aus besagtem „follow the kids“ aber auch „follow Maura“, dann klopfen die Kleinen an meiner Tür, damit wir noch eine Runde an den Strand gehen, um ihr Handy während der Messe bei mir zu laden oder weil ich die selbst gemachten Bananenchips unbedingt probieren soll : )
Nach dem Mittagessen geht es für die Grundschüler meistens in die kleine Bibliothek, „banalei“ genannt, wo sie fleißig Khmer lesen üben. Mit über 70 Buchstaben ist das nämlich gar nicht so einfach und die Kinder fangen deshalb auch erst etwas später als in Deutschland mit dem Lesen an. Der kleine Makara hat für sich eine tolle Lösung gefunden, diese Zeit zu verbringen. Einige der Bücher erzählen die Geschichten sowohl auf Khmer als auch auf Englisch. Jeden Nachmittag besteht er jetzt darauf, mir etwas aus diesen Büchern vorzulesen und ich lese im Gegenzug den englischen Teil vor. Zusammen lernen wir so eine ganz Menge neuer Wörter – er auf Englisch, ich auf Khmer. Er ist ein wunderbarer kleiner Lehrer : )
An einem anderen Nachmittag hat mir eine ganze Traube von Kindern beigebracht meinen Namen auf Khmer zu schreiben. Es hat mich etwas Zeit und Übung gekostet, aber bei so vielen tollen Lehrern habe ich es mittlerweile richtig gut drauf. Mal ganz abgesehen davon, dass mein Name auf Khmer wunderschön und ziemlich cool aussieht, fällt es den Kleinen nun auch viel leichter meinen Namen auszusprechen, da sie ihn nicht nur hören sondern auch lesen können.
Einem der älteren Jungs, ebenfalls ein Makara, habe ich während einiger Nachmittage beigebracht, den Zauberwürfel zu lösen. Die verschiedenen Strategien auf Khmer zu erklären, hat meine Sprachkenntnisse mal wieder auf die Probe gestellt, aber glücklicherweise ist Makara so ein kluger Kopf und hat das Prinzip ziemlich schnell verstanden. Sein stolzes Lächeln, wenn er alle Steine mal wieder an den richtigen Platz gedreht hat, macht wiederum mich stolz und glücklich. Jetzt wollen natürlich auch alle kleinen Jungs den bunten Würfel lösen können.
Levi aus der Technical School ist zwar kein Internatsschüler, trotzdem kommt er zweimal die Woche abends zur Schule, um mit mir eine Stunde Englisch zu lernen. Er hat einen beeindruckend großen Wortschatz und immer sehr viele Fragen, mit denen er mich löchert. Vieles hat er sich selbst aus dem Internet oder mit TikTok beigebracht, um seine Berufswünsche zu verfolgen. Mich beeindruckt die Tatsache, dass er seinen Traum trotz aller Widrigkeiten so zielstrebig verfolgt und alles daran setzt richtig gut Englisch zu lernen.
In Kambodscha werden alle Ballsportarten großgeschrieben, hier in Kep ist es vor allem der Volleyball. Dass auf dem Volleyballfeld mal niemand am Spielen ist, kommt eigentlich nie vor. Blöd nur, dass Ballsportarten nicht wirklich zu meinen Stärken zählen. Mit den kleinen Jungs Basketball zu spielen, macht mir trotzdem wirklich Spaß, aber wenn es dann an den Fußball geht, kann sich mein Team oft nicht entscheiden, ob der Schaden geringer ist, wenn ich auf dem Feld oder im Tor stehe…
Ein Glück, dass wir auch einige Badmintonschläger haben, ebenso wie Indiaca, hier „Sai“ genannt, mit denen gerne gespielt wird.
Sehr beliebt bei den kleinen Mädels ist außerdem die Herstellung von „Eis“ und „Bobo“ (übersetzt: Reissuppe) aus Wasser, Seife und allem, was man so im Garten finden kann. Nicht selten arten diese Kochaktionen dann gerne mal in Schaumschlachten aus – das ist vielleicht immer ein Spaß!
In besagtem Garten findet sich wirklich alles Mögliche, überall stehen Bäume und Sträucher mit essbaren Früchten herum. Die Kinder haben mir schon viele leckere Früchte gezeigt, die wahrscheinlich gar keinen deutschen Namen haben. An einem Nachmittag haben sich die Kinder eine Art Mini-Machete aus der Küche geliehen und haben eine Kokosnuss ähnliche Frucht fünfzehn Minuten lang damit bearbeitet, um sie zu öffnen. Mir wurde bei der ganzen Aktion von den Kindern nur die Kameraführung zugetraut, das Öffnen der Frucht haben sie als zu gefährlich für mich eingeschätzt ; )
Ein fester Bestandteil einer normalen Woche in Kep sind definitiv die Strandausflüge und die Besuche in dem nahegelegenen Mangrovenwald. Allerdings ist die Motivation der Kinder immer ein bisschen tagesabhängig. Mal kostet es mich einiges an Überredungskunst eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen zusammenzubekommen, ein andermal werde ich sonntagmorgens aus dem Bett geklingelt, weil die kleinen Mädels auf Krabbenjagd und Muschelsuche gehen wollen. Den Jungs macht es besonders viel Spaß, nachmittags am Strand zu angeln – die winzigen Fische werden dann selbstverständlich direkt vor Ort über dem Feuer gebraten und gegessen : )
Wenn ich zu Hause anrufe, kommen die Mädels häufig dazu, um zu schauen, wie es denn in Deutschland so aussieht und ob meine Familie genauso aussieht wie auf den Fotos, die ich ihnen schon gezeigt habe. Besonders von den größeren Mädchen kommt immer wieder die indirekte Frage, weshalb ich hier sein kann, sie aber nicht die Möglichkeit haben, die Welt zu bereisen. So versuche ich, so gut es geht, die Welt ein bisschen zu ihnen zu bringen, indem ich von Traditionen, Schnee und unserem Essen erzähle.
Meine Khmer Lehrerin Sorea ist für mich mittlerweile zu einer richtigen Freundin geworden. Durch die Khmer Stunden haben wir sehr viel Zeit miteinander verbracht. Mittlerweile haben sich unsere Treffen aber vom Schreibtisch an den Strand verlagert. Wir gehen zusammen den Sonnenuntergang anschauen, eine Runde schwimmen oder zusammen „Reis essen“ : ) Mir ist dabei aufgefallen, dass man sich auch im eigenen Land mit anderen Kulturen auseinander setzten kann und sogar einen Kulturschock bekommen kann – ihr hättet mal Soreas Gesicht sehen müssen, als ich ihr erzählt habe, dass wir in Deutschland nicht mit Kleidern, sondern mit Bikini oder Badeanzug schwimmen gehen.
In einem Facebook-Post (hier tatsächlich das gängige soziale Netzwerk und Kommunikationsmittel) hat sie einige Bilder von uns hochgeladen, mit dem Titel „My first friend from a foreign country“. Für uns beide ist diese Freundschaft etwas ganz Besonderes.
Das waren meine vielen kleinen Momentaufnahmen aus Kambodscha. Ich hoffe, ich konnte euch einen weiteren Einblick in meine ereignisreiche und wunderbare Zeit hier in Kambodscha geben.
Bis bald, eure Maura


























