Deutschland mit neuen Augen sehen
Wie mag es wohl sein, Deutschland das erste Mal zu sehen? Was fällt einem auf, was verwundert einen, wo sind hier die kulturellen Besonderheiten?
Das alles sind Fragen, die ich (Leonard Röder) mir bei meinem Freiwilligendienst in George in Südafrika (24/25) häufig gestellt habe. Besonders in der Anfangszeit, in der für mich alles neu war, habe ich mich zumindest oft gefragt, wie das eigene Heimatland Deutschland wohl aus den Augen eines Südafrikaners gesehen werden würde. Nie im Leben hätte ich mir erträumen lassen, dass ich dieses Erleben einmal selbst mit begleiten darf.
Und zwar entwickelte sich das so: relativ bald nach Beginn meiner Zeit in Südafrika lernte ich in meiner Einsatzstelle die Physiotherapeutin Tegan kennen, die sich innerhalb der nächsten Monate zu meiner engsten Freundin in Südafrika entwickeln sollte. Wir verbrachten sehr Zeit zusammen, ich war oft bei ihrer Familie in Plettenberg Bay zu Besuch und wir sind vor allem viel Trailrunning gewesen. Wenn ihr mehr Bilder aus der Zeit sehen wollt, schaut gerne auch bei meinem Instagram Account aus der Zeit vorbei (@leo_southafrica).

Irgendwann kam das Thema auf, dass sie gemeinsam mit ihrer Freundin Andy schon seit langem eine Reise nach Europa plant und gerade am überlegen sind, wohin sie gehen wollen. Anfangs mehr aus Spaß schlug ich vor, dass sie ja nach Deutschland kommen könnten, und die Antwort kam prompt: warum eigentlich nicht? Gesagt, getan und nur kurze Zeit später sehe ich uns auf dem Rücksitz eines Autos auf dem Weg zu einem Surffestival die Flugtickets nach Deutschland buchen, den Schlag-und Funklöchern zum Trotz. Noch konnte ich es gar nicht glauben, dass Tegan und Andy im Dezember letzten Jahres nach Deutschland kommen sollten. Und obwohl der Abschied in Südafrika echt hart war, war der Gedanke, sich schon in weniger als 6 Monaten wiederzusehen, sehr tröstend.
Kaum einmal nicht aufgepasst, ist es auch schon Zeit, die gemeinsame Reise zu planen, was für mich persönlich „als Tourguide“ die schwierige Frage aufgeworfen hat: Welche Teile meiner Heimat Deutschland würde ich gerne auf jeden Fall zeigen? Was macht das Land eigentlich so besonders? Und was sollte man eigentlich beachten, wenn man nach Deutschland kommt? Ihr könnt euch mal selbst überlegen, was ihr an meiner Stelle gesagt hättet, denn diese Fragen haben mir zumindest geholfen, das Land, das ich meine Heimat nenne, besser kennenzulernen.
Im Dezember war es dann so weit: Tegan und Andy sind auf dem Weg nach Deutschland, ich beobachte gespannt Flightradar und hoffe, an alles gedacht zu haben. Anfangs versuchte ich aus der Ferne zu unterstützen,
wobei beide als erfahrene Reisende alle Hürden wir die verwirrenden Durchsagen am Bahnhof auch ohne Probleme selbst meistern konnten. Denn ich konnte leider erst später dazukommen, und bekam schon bald die ersten begeisterten Bilder aus dem schneebedeckten Heidelberg, von Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt, vom ersten Mal in einem ICE sitzen, auch wenn dieser natürlich wieder einmal Verspätung hatte, und von der Verwunderung, dass es die Ansage dieser Verspätung nicht auch auf Englisch gab. In dem Zauber und der Neugier dieser ersten Stunden und Tage habe ich dieselbe Begeisterung wiedererkannt, die ich in meiner ersten Zeit in George auch hatte.
Das Wiedersehen in München war für mich sehr besonders, geradezu surreal, und wie in Trance bin ich nun an der Reihe, Besonderheiten meiner Heimat zu zeigen: die deutsche „Bierkultur“ im Hofbräuhaus, den ersten Döner-Kebap und das komplizierte U-Bahn-System. Aber auch allgemeine Dinge sind den Besuchern aufgefallen, die sich witzigerweise mit meinen Beobachtungen nach meiner Rückkehr nach Deutschland decken: viele Menschen wirken sehr ernst, in öffentlichen Verkehrsmitteln ist es vergleichsweise ruhig und auch die allgemeine Kommunikation wirkt deutlich weniger freundlich als in Südafrika.
Auf unserer gemeinsamen Deutschlandreise haben wir aber auch dunkle Seiten Deutschlands bzw. deutscher Geschichte nicht ausgespart und waren im Museum des Nationalsozialismus in München und auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, denn auch diese Assoziation hat man im Ausland häufig mit Deutschland. Bei diesen Besuchen habe ich mich als Deutscher besonders deswegen für meine Heimat geschämt, als ich erwähnen musste, dass eine ausländerfeindliche und rechtsextreme Partei auch heute wieder Wahlen gewinnt.
Historische Baudenkmäler wie die Residenz in Würzburg aus der Barockzeit oder das mittelalterliche Rothenburg ob der Tauber hingegen waren ganz besondere Highlights auf einer Reise, die sich im Nachhinein wie ein unwirklicher Traum anfühlt. Dabei ist mir erst einmal aufgefallen, wie viele alte Bauwerke es eigentlich in Deutschland gibt.
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Bald schon waren wir in Fulda bei meiner Familie, und Andy und Tegan wurden als Teil der Familie aufgenommen, was sehr rührend war. Denn nur ein Jahr zuvor wurde ich bei Tegans Familie wie ein weiteres Kind aufgenommen. Besonders war hier auch, dass Südafrika für meine Eltern jetzt auch eine ganz neue Verbindung bekommen hat und viel greifbarer und näher geworden ist, was sich durch spannende Gespräche bei Plätzchen und Tee auf dem Sofa gezeigt hat.
Das Weihnachtsfest war unfassbar schön, das Zeigen deutscher Kultur wie Bockwurst und Kartoffelsalat an Heiligabend sehr witzig, und als dann meine Oma auch Tegan und Andy selbstgestrickte Socken geschenkt hat, damit die Füße warm bleiben, blieb kein Auge mehr trocken. Ganz besonders war auch, dass wir die traditionellen Weihnachtslieder in drei Sprachen gesungen haben: Deutsch, Englisch und Griechisch, da Andy griechische Wurzeln hat.
Und wir sollten auch Glück mit dem Wetter haben: Obwohl in Deutschland weiße Winter lange nicht selbstverständlich sind, hat es echt viel geschneit und ich durfte die Begeisterung miterleben, wenn man das erste Mal die kalten Flocken auf der Haut fühlt und die Aufregung, das erste Mal mit einem Schlitten den Berg hinunterzusausen. Auch wenn Südafrika wunderschön ist, ist Schnee dort doch die Ausnahme, auch wenn es ihn gibt (kein Witz: während meines Freiwilligendienstes gab es tatsächlich in Teilen Südafrikas Schneestürme).

Nach dem Weihnachtsfest fuhren wir mit dem Zug nach Berlin, wo nicht nur das Flair der Millionenstadt uns alle gleichermaßen in den Bann zog, sondern auch die Clubkultur. Leider musste Andy uns da schon verlassen und der Abschied am Bahnhof, wir alle waren noch leicht verkatert, war sehr schwer.
Jetzt ging es für Tegan und mich weiter in die schöne Hafenstadt Hamburg, wo ein Onkel von ihr wohnt und nach anstrengenden Tagen ein bisschen Ruhe eingekehrt ist. Diese hielt so lange an, bis wir an den Landungsbrücken an Silvester das volle Ausmaß der (scheinbar typischen) Auseinandersetzungen zwischen Polizei und der raketenschmeißenden Massen geraten sind, welcher fast apokalyptisch anmutete, jedoch auch eine ganz besondere Faszination birgt. Ich kann sehr gut verstehen, warum es sich für Tegan sehr komisch anfühlte, dass so etwas in einem Land wie Deutschland überhaupt erlaubt sei – wo doch sonst alles reguliert ist. Aber auch das gehört irgendwie zu der deutschen Kultur dazu, und wir durften im Anschluss dann noch das über dem Wasser reflektierende Feuerwerk dieser pulsierenden Stadt erleben, was wirklich toll war.
Als letzter Schritt dieser langen Reise stand meine neue Heimatstadt Jena auf dem Programm, wo für mich dann Welten aufeinandergetroffen sind, als ich gemeinsam mit meiner besten Freundin aus Südafrika und Freund*innen aus Jena gemeinsam in meiner Stammkneipe gesessen habe und wir Spiele spielten.
Nach fast drei Wochen, die viel zu schnell verfolgen sind, waren wir wieder auf dem Weg nach Frankfurt zum Flughafen – der Ort, wo für mich meine Reise nach Südafrika schon begonnen hat und der mit so vielen Emotionen verbunden ist. Die Verabschiedung an der Sicherheitsschranke war emotional und hart, denn ein konkretes Datum für ein Wiedersehen ist aktuell noch nicht in Planung- auch wenn ich es ganz fest vorhabe. Zum Abschluss habe ich einen 10-Rand-Schein geschenkt bekommen, worauf Tegan eine Verabschiedung auf Zulu für mich geschrieben hat „Sala Kahle- until we meet again“. Diesen habe ich immer im Portemonnaie dabei, so wie auch die Erinnerungen an diese Wochen noch immer sehr präsent sind.
Ich bin unglaublich dankbar für die ganze Zeit und das Privileg, Besuch aus Südafrika bekommen zu haben. Und seitdem denke ich mir bei vielen Sachen immer noch: Was würden Tegan und Andy jetzt wohl dazu sagen.
