die sieben Farben Perus
Als ich vor knapp sieben Monaten in Cusco angekommen bin, sind mir ziemlich schnell die vielen Regenbogenflaggen aufgefallen, die überall in der Stadt gehisst sind. Sieben Farben reihen sich horizontal aneinander, und in der Mitte befindet sich ein goldenes, fast gesichtsähnliches Symbol, der Sol de Echenique.
Seit 1978 ist genau diese Flagge die offizielle Flagge der Stadt Cusco. Viele sehen in ihr auch eine Art symbolische Flagge des ehemaligen Inkareiches. Jede Farbe steht dabei für etwas aus dieser Region: Rot für Pachamama, die Mutter Erde, Gelb für die Sonne, Blau für die heiligen Gewässer und so weiter.
Auch wenn die Flagge eigentlich nur für Cusco und die umliegende Region steht, fügt sie sich für mich perfekt in die Schönheit und Vielfalt des ganzen Landes ein.
Im Januar und Februar sind die Kinder aus dem Hogar zu ihren Familien gefahren. In Peru ist dann Sommer und damit auch Zeit für die langen und wohlverdienten Sommerferien. Für mich bedeutete das gleichzeitig die Chance, auch andere Orte und Regionen Perus kennenzulernen und zu reisen. Und nach all diesen Eindrücken und Erlebnissen muss ich immer wieder an diese Regenbogenflagge denken. Denn irgendwie passt ihre Vielfalt an Farben perfekt zu der Vielfalt, die dieses Land zu bieten hat.
Mein erster „Abstecher“ ging nach Lima, etwa 1100 Kilometer von Cusco entfernt. Dort hatte ich die Möglichkeit, zusammen mit meinen Mitfreiwilligen Frida und Tobi, seine Einsatzstelle zu besuchen. Umgeben von kargen Andenhügeln, strahlend blauem Himmel und vor allem viel Hitze arbeitet er im Hogar „CIMA“. CIMA ist ein Internat für Jungen im Alter von zehn bis achtzehn Jahren, die verschiedene Schwierigkeiten aus ihrem familiären Umfeld mitbringen. Vor Ort finden sie ein neues Zuhause und können in vielseitigen Projekten Ablenkung und neue Perspektiven finden. Schon auf den ersten Blick wird klar, dass sich hier einiges von dem unterscheidet, was ich aus Urubamba kenne. Allein die Größe des Hogars ist eine ganz andere. Während im Hogar Semillas de Jesús in Urubamba etwa 24 Kinder leben, können im Hogar CIMA bis zu 150 Jungen untergebracht werden. Außerdem gehört zu CIMA auch eine weiterführende Schule. Auf dem Gelände leben Schweine, Meerschweinchen, Kaninchen und andere tierische Mitbewohner. Und es gibt sogar eine Schreinerei, in der die Jungen in ihrer Freizeit Zeit verbringen und handwerkliche Fähigkeiten lernen können.






Auch das Klima ist hier völlig anders. Obwohl man sich im selben Land befindet, fühlt sich Lima wie eine ganz andere Welt an. Die mir bis dahin bekannten sattgrünen Anden sehen hier plötzlich ganz anders aus: trockener, sandiger und deutlich karger. Die Landschaft wirkt fast schon wüstenartig.
Fährt man dann jedoch etwa zwei Stunden in Richtung Stadtzentrum der zwölf Millionen Einwohner zählenden Metropole, erreicht einen die Brise des Pazifiks, und mit ihr ein wunderschöner Ausblick auf die Steilküste Limas und das weite Meer.
Wieder vier Stunden weiter zeigt sich jedoch der komplette Gegensatz zum Meer: Wüste. Zum Neujahr haben wir die Chance genutzt und uns in die Wüste aufgemacht, die sich entlang der Westküste Perus zieht. Ein besonderes Highlight dort ist die natürliche Oase „Huacachina“. Wenige Häuser schmiegen sich an die Lagune, dafür umso mehr Menschen, die sich den Blick vom Wasser auf die umliegenden Dünen nicht entgehen lassen wollen. Es ist wirklich surreal, dort zu stehen, um einen herum nichts als Sand und Stille.
Und nur einige Tage später standen wir wieder in Cusco. Die Anden noch grüner von der Regenzeit, als sie es eine Woche zuvor gewesen waren, als ich die Stadt verlassen hatte. Und obwohl mir die Gegend mittlerweile schon sehr vertraut geworden ist, gibt es hier immer noch unglaublich viel zu sehen. Also durften wir auch einmal ein bisschen „Touri“ spielen. Zum Beispiel beim Rainbow Mountain, der mit seinen weitaus mehr als sieben Farben fast noch besser zur Regenbogenflagge Cuscos passt als die Stadt selbst. Auf über 5000 Metern Höhe öffnet sich dort ein Panorama aus rot-grünen Andenhängen und einem riesigen Gletscher im Hintergrund. Eine weitere „Farbe“ dieser Landschaft erwartete uns an der Laguna Humantay: ein strahlend türkisfarbener Bergsee, eingerahmt von steilen, schneebedeckten Gipfeln.
Diese Vielfalt der Landschaft, mit ihren ganz unterschiedlichen geografischen und klimatischen Bedingungen, die wir mit eigenen Augen sehen durften, fügt sich für mich immer wieder in das Bild der Regenbogenflagge Cuscos ein, das mir während dieser Reise ständig vor Augen erschien.
So bunt wie diese Flagge gestaltet sich auch der Karneval in Peru, den wir bei Frida in Cajamarca miterleben durften. So wie für mich als Kölnerin Köln als Karnevalsmetropole Deutschlands gilt, ist Cajamarca für viele Peruanerinnen und Peruaner genau das. Überall Paraden, Musik, Wasser, Farbe, Schaum und Menschen, die gemeinsam feiern. Ein riesiges, buntes Durcheinander, das gleichzeitig unglaublich lebendig wirkt. Hier ist mir nochmal die Offenheit in Peru so bewusst geworden. Obwohl wir eigentlich Fremde waren, wurden wir sofort in Gespräche, Tänze und kleine Wasserschlachten verwickelt. Man hatte das Gefühl, als wäre man in diesen Tagen Teil der Stadt und ihrer Gemeinschaft geworden.




Zudem konnte ich auch hier einen kleinen Einblick in Fridas Einsatzstelle “MiCANTO” gewinnen. Micanto ist eine Organisation, die Kinder und Jugendliche aus schwierigen Lebenssituationen begleitet und unterstützt. Neben Hausaufgabenhilfe, Bildungsangeboten und Freizeitprogrammen steht besonders im Mittelpunkt, dass die Kinder ihre Rechte kennenlernen und verstehen. In Workshops, Gruppen und Projekten werden sie ermutigt, sich einzubringen, ihre Meinung zu äußern und selbst aktiv zu werden, damit sie lernen ihre Lebensrealität und ihre Gemeinschaft mitzugestalten. Es war schön, Frida einmal in ihrer Einsatzstelle zu besuchen und so auch ihren Alltag und ihre Arbeit hier kennenzulernen. Das Peru, das sie hier Tag für Tag erlebt, genauso wie zuvor bei Tobi.
Der Höhepunkt der Reise war für mich natürlich Machu Picchu, was übersetzt übrigens „alter Berg“ bedeutet.
Bevor man die erhaltene Inkastadt überhaupt sieht, läuft man zunächst einen schmalen Weg entlang. Erst nach einer Kurve öffnet sich plötzlich der Blick auf die Ruinen. Es ist schwer zu beschreiben, was in diesem Moment in meinem Kopf vorging. Man hat so viel über diesen Ort gehört, dass es sich fast unwirklich anfühlte, ihn plötzlich mit eigenen Augen zu sehen. Die Kulisse aus Inka-Ruinen, subtropischer Vegetation und den steilen Bergspitzen ringsum wirkt unglaublich imposant. Dort oben zu stehen gab mir den Moment, kurz innezuhalten. Machu Picchu wirkt fast, als sei es in der Zeit eingefroren, wahrscheinlich auch deshalb, weil die Stadt nie von den spanischen Kolonialisten entdeckt wurde. Nur die kleinen Touristengruppen, die sich von weitem wie Punkte durch die Anlage bewegen, holen einen wieder zurück ins Hier und Jetzt.
Dieser Ort bot nicht nur die Möglichkeit, sich in die Geschichte und Kultur der Inka hineinzuversetzen und sich vorzustellen, wie dieses riesige Reich einst ausgesehen haben muss. Er gab mir auch einen Moment, alles Revue passieren zu lassen, und zu realisieren, wo ich eigentlich gerade stehe.
Ein halbes Jahr ist inzwischen schon vergangen, und langsam beginnt die Uhr, rückwärts zu laufen. Jeden Augenblick dieser Reise, und auch das Eintauchen in die peruanische Kultur, versuchte ich bewusst wahrzunehmen und festzuhalten. Denn manchmal spüre ich schon eine leise Sehnsucht, für die es eigentlich noch zu früh ist: die Sehnsucht nach den Ausblicken, den Menschen, dem Essen, der Sprache. Obwohl ich noch hier bin, wächst auch der Wunsch, all diese Momente festzuhalten, als könnte man sie dadurch ein kleines bisschen länger hier behalten.
Als Ergebnis all dieser so unterschiedlichen Kulissen, Menschen und Eindrücke ist ein buntes Bild entstanden. Wenn man mich nach dieser Reisen fragen würde: „Wie ist Peru?“, dann lässt sich das eigentlich kaum beantworten, weil es so viele Antworten darauf gäbe:
Peru ist Wüste, Meer, Berge und Dschungel. Peru ist kalt, sonnig, warm und regnerisch. Peru ist laut und lebendig, manchmal aber auch still und weit. Es ist eben vieles zugleich.
Und genau das spiegelt für mich die Regenbogenflagge wider, die Cusco so stolz als Wahrzeichen trägt. Sie erinnert mich an all die Farben, Landschaften und Begegnungen, die dieses Land ausmachen. Mitten in dieses bunte Bild dürfen auch wir, meine Mitfreiwilligen Frida und Tobi und ich, ein Stück eintauchen und es kennenlernen. Auch wenn wir alle im selben Land sind, erleben wir hier doch jeder ein etwas anderes Peru und sammeln dabei unsere ganz eigenen Erfahrungen. Vielleicht ist genau das ein Teil von Peru: dass dieses Land so viele verschiedene Seiten hat, und jeder hier seine eigenen Farben entdeckt.
Nach all diesen Ereignissen und unvergesslichen Eindrücken ist es nun aber auch schön, wieder „zuhause“ in Urubamba zu sein, langsam in den Alltag zurückzufinden und all diese Momente noch ein wenig nachklingen zu lassen.
Ich hoffe, ich konnte Euch ein kleines Stück mit durch Peru reisen lassen.
Bis zum nächsten Mal,
eure Maja


























