das Gewohnte hinter sich lassen
Nun ist es schon Januar und ein halbes Jahr meiner Zeit hier ist um. Trotzdem möchte ich gerne noch einmal auf den Dezember zurückblicken, der ein ganz besonderer Monat war, in vielen Hinsichten.
Weihnachten ist für mich zuhause der wichtigste und liebste Zeitpunkt im Jahr. Die Adventszeit und die Weihnachtstage sind geprägt von fest eingebrannten Traditionen und Abläufen. Als der 1. Dezember näher rückte, wurde mir hier sehr deutlich, wie sehr ich an genau diesen Gewohnheiten hänge. Statt Kälte und grauem Himmel wachte ich bei Sonnenschein auf, statt Adventskalender und vertrauter Umgebung war ich weit weg von zuhause. Die Familie fehlte, genauso wie all die kleinen Dinge, die Weihnachten für mich sonst ausmachen.
Gerade am Anfang fiel es mir schwer, dieses Gewohnte loszulassen. Der Gedanke, Weihnachten ohne all das zu verbringen, was mir so vertraut ist, machte mich vorerst traurig.
Gleichzeitig entstand durch dieses Fehlen Raum für Neues. Ich begann, mich bewusster mit den Menschen hier auszutauschen – mit Freunden, aber vor allem mit den Kindern im Hogar – und stellte immer wieder dieselbe Frage:
„Wie feiert ihr eigentlich Weihnachten?“
Für mich war dieses Fest neben der Familienzeit auch immer von vielen äußeren Dingen geprägt: Plätzchen backen, Weihnachtsmusik, Weihnachtsmarkt, Kinderpunsch, Weihnachtsbaum, Adventskalender. Hier lernte ich, dass Weihnachten auch ohne das ganze drum und dran wunderschön ist. In fast jeder Stadt, in jedem Ort stehen große und kleine Krippen, die das Stadtbild prägen. Sie sind oft zentraler als ein Weihnachtsbaum und erinnern stark an den religiösen Ursprung des Festes.
Zugleich hatte ich im Hogar die Chance, einige meiner eigenen Traditionen mit den Kindern zu teilen. Gemeinsam bastelten wir einen Adventskalender, bei dem jeden Tag ein anderes Kind ein Türchen öffnen durfte. Darin befanden sich kleine Süßigkeiten und kleine Aufgaben oder Fragen – etwa, wofür man an diesem Tag dankbar ist oder wem man ein Kompliment machen möchte. Fast jeden Morgen wurde ich gefragt, wer heute an der Reihe sei. Die Vorfreude der Kinder begleitete sie durch den ganzen Tag und weckte auch in mir selbst ein Stück Vorfreude.
Auch das Plätzchenbacken durfte nicht fehlen. Mit Weihnachtsliedern im Hintergrund entstanden viele Kekse, die wir noch Tage später gemeinsam gegessen haben. Diese vertrauten Rituale brachten ein Stück meines Gewohnten in einer Zeit, in der mir vieles erstmal fremd war.
Gleichzeitig durfte ich die peruanischen Weihnachtstraditionen im Hogar kennenlernen. Zum Jahresende findet dort eine große Weihnachtsfeier statt, zu der alle zusammenkommen: Kinder, Mitarbeitende und Eltern. Wochenlang wurde dafür geprobt – Lieder, Tänze und kleine Aufführungen. Die Kinder waren stolz, ihre Beiträge präsentieren zu dürfen. Auch ich konnte dabei neue Lieder kennenlernen und mich immer wieder dabei ertappen, einzelne Refrains vor mich hin zu summen.
Ein zentraler Bestandteil dieser Feier ist das gemeinsame Essen. Die Eltern kochten für alle und brachten die Speisen mit ins Hogar. Gegessen wurde gemeinsam in den Räumen des Hogars. Jeder packte mit an, half beim Vorbereiten, Austeilen und Aufräumen. Unter den Gerichten befand sich auch Alpaka – ein Fleisch, das hier selbstverständlich zur Küche dazugehört. Für mich war es besonders, dieses Essen in diesem Rahmen zu teilen.
Auch in der Adventszeit spielt gemeinsames Essen eine wichtige Rolle. Besonders verbreitet ist die sogenannte Chocolatada: heiße Schokolade, die gemeinsam getrunken wird, meist zusammen mit Panetón – einem briocheähnlichen Hefegebäck mit Rosinen und kandierten Früchten. Diese Kombination begegnete mir im Dezember fast überall, bei Feiern, in Schulen und im Hogar. Auch an Heiligabend steht das gemeinsame Essen im Mittelpunkt; traditionell wird im Kreis der Familie gegessen, häufig Truthahn.
Anfang Dezember fand außerdem eines der drei jährlichen Treffen statt, an denen die Eltern der Kinder für einen Tag ins Hogar kommen. Neben Gesprächen über wichtige Themen arbeiteten alle gemeinsam mit: im Garten oder beim Aufbau neuer Betten in den Schlafsälen. Für mich war dieser Tag besonders wertvoll, da ich die Eltern der Kinder besser kennenlernen und mehr über ihre Lebensrealität erfahren konnte. Als am Ende zwei Betten übrig blieben, wurde ausgelost, welche Familien sie mit nach Hause nehmen durften. Die Betten mussten zu Fuß transportiert und über den gesamten Weg getragen werden.
Diese Erfahrungen haben mir noch einmal sehr deutlich gemacht, welche zentrale Rolle das Hogar im Leben der Kinder spielt. Auf die Frage, wie sie Weihnachten zuhause verbringen, wirkten viele Kinder ruhig und zurückhaltend. Die große Vorfreude, wie ich sie von Kindern kenne – geprägt von Geschenken und Erwartungen – war hier deutlich weniger zu spüren. Stattdessen stand das Zusammensein mit der Familie im Mittelpunkt.
Rückblickend war es für mich erstmal herausfordernd meine eigenen Traditionen loszulassen. Gerade weil Weihnachten für mich immer stark von vertrauten Abläufen geprägt war, wurde mir bewusst, wie sehr diese Gewohnheiten meinen Blick lenken und meine Erwartungen bestimmen. Diese Erfahrung hat mich dazu gebracht, meine eigenen Vorstellungen zu hinterfragen, ohne sie abzuwerten.
Im Laufe des Dezembers habe ich gelernt, mich weniger von meinem eigenen Gewohnten leiten zu lassen und mich stattdessen auf das einzulassen, was mir hier begegnet ist. Dabei wurde mir immer klarer, dass es – im Hogar genauso wie in den Familien der Kinder – vor allem um das Zusammenkommen geht. Um Gemeinschaft, um füreinander da zu sein und darum, Zeit miteinander zu teilen. Diese Perspektive hat mir gezeigt, worauf es vielleicht an einem Tag wie Heilig Abend wirklich ankommt, ohne großes Drum und Dran.
Und gerade darin liegt für mich der Kern dieses Freiwilligen Jahres: das Gewohnte hinter sich zu lassen, offen zu sein für neue Erfahrungen. Nicht alles fühlt sich sofort vertraut an, aber genau in diesen Momenten entsteht die Möglichkeit, den eigenen Blick zu weiten und neue Schwerpunkte zu setzen. Sich nicht in Traditionen „einzusperren“, sondern bereit sein Neues dazuzulernen. Schon jetzt gehört die heiße Chocolatada und Paneton für das nächste Weihnachten für mich dazu.








