Wir hatten eine gute Zeit

Mittwoch, 03. Juli 2013 von Lena Brakel

Das war vielleicht die beste Zeit,
die Zeit meines Lebens,
doch jetzt ist es für mich so weit.
Wir hatten eine gute Zeit. (Wise Guys)

Bilder sagen mehr als tausend Worte:

Abschlussklasse der Secundaria mit allen Lehrerinnen

Die letzte Tanzaufführung mit meinen Mamis

Meine Worte an die Kinder: Ihr seid die BESTEN!!!

All die Auf-Wieder-Sehens-Karten von den Kleinsten!

Alle "La Barranca-Hände" auf Bettwäsche

Die Viertklässler! Ein ganz schön wilder Haufen! Bei euch hab ich das Schimpfen auf Spanisch gelernt 😀 Ihr werdet mir so fehlen!

Die letzte Umarmung!

Mein Abschlussgeschenk an die Kollegen der Secundaria und Primaria! Ein Kalender, in dem all die unglaublichen Momente festgehalten sind, die wir gemeinsam erlebt haben!

Frauen-Power!

Und meine Homies 😀

Ich kann nur eins sagen: Danke, danke, danke, dass ihr mir dieses Jahr geschenkt habt. Die elf Monate mit euch waren etwas ganz Besonderes für mich und werden immer einen Platz in meinem Herzen haben.

 

MÜLL – so weit das Auge reicht

Donnerstag, 20. Juni 2013 von Lena Brakel

Auf den Straßen, den Plätzen, in den Bussen: MÜLL, MÜLL, MÜLL. Der wunderschöne Ausblick vom Schulhof auf die Schlucht, auf der einen Seite verschüttet von Müll; eine Müllkippe, die jeden Tag weiter wächst. Kein Pfand, keine Mülltrennung, auf allen Feiern Plastikteller- und becher, Servietten im Überfluss. An der Kasse im Supermarkt: jede Kleinigkeit in eine extra Plastiktüte verpackt.

Schluss damit! Zumindest in der Schule “La Barranca”. Hier frühstücken die Kinder nur von abwaschbaren Tellern und trinken ihre Milch aus abwaschbaren Bechern. All das, was an organischem Müll übrig bleibt, geht direkt in den Kompost. Seit einigen Wochen haben Víctor, der Naturwissenschaftslehrer, und ich damit angefangen, ein Mülltrennungsprinzip in der Schule einzuführen. Gar nicht so leicht, diese Idee unter die Kinder und Lehrer zu bringen, die es nie anders gelernt haben, den Müll oftmals einfach an Ort und Stelle fallen lassen. Aber außerhalb von gepflegten Parkanlagen ist es auch schwierig, überhaupt einen Mülleimer zu finden. Jetzt gibt es jeweils in der Primaria und in der Secundaria eine Müllsammelstelle mit unterschiedlichen Eimern, in welche Metall, Glas, Papier und Pappe, Plastik und organischer Müll einsortiert werden. Da die Müllabfuhr uns alles wieder zusammenwürfeln würde, sammeln wir alles in riesigen Säcken und verkaufen diese anschließend an andere Sammelstellen.

Jeden Tag das Gleiche zu wiederholen, auf die gleichen Fragen zu antworten – das ist oft gar keine so leichte Aufgabe, aber ich bin mir sicher, es ist ein kleiner Anfang, um das Müllproblem der riesigen Stadt ein bisschen zu verbessern. Ein Projekt, das nicht von heute auf morgen funktioniert. Umso schöner, von dem ein oder anderen Kind zu hören: “Lena, ich hab meinen Eltern erklärt, wie ein Kompost funktioniert. Den haben wir jetzt auch in unserem Garten!”

Auch im Rahmen des Projektes “Grüne Schule” haben die Fünftklässer und ich Blumentöpfe aus Milchplastikflaschen gebastelt. Zuerst hieß es, diese aufzuschneiden und anschließend mit lustigen Gesichtern zu bemalen. Dann haben wir sie mit Komposterde aufgefüllt und die Samen von Blumen, Möhren und Radieschen eingestreut. Zu allerletzt brachten wir unsere Fashion-Blumentöpfe am langweiligen Drahtzaun an, der jetzt in allen Farben aufblüht.

Mehr als zehn Monate bin ich jetzt schon in “La Barranca” unter all den Kindern, all den Kollegen, und bin ein fester Bestandteil des Teams geworden. Und die Zeit, sie rennt und rennt. Morgen fangen die letzten beiden Arbeitswochen an, bevor es für uns alle in die langen Sommerferien geht. Jetzt heißt es, diese letzten Tage in den vollsten Zügen zu genießen und sich Gedanken um den Abschied zu machen. Ich weiß, er wird mir super schwer fallen, aber ich glaube schon eine gute Art und Weise gefunden zu haben, “La Barranca” hinter mir zu lassen, immer im Herzen zu behalten, mit der Gewissheit eines Tages zurückzukehren.

 

Fiestas über Fiestas

Dienstag, 28. Mai 2013 von Lena Brakel

Das war ein aufregender Monat! Denn im Mai war jeden Tag etwas los in “La Barranca”. Schon am 1. Mai fing es an mit der Feierei und hörte bis zum letzten Freitag nicht mehr auf. Einen Tag gab es mindestens in den vergangenen Wochen, an dem irgendeine fiesta geschmissen wurde oder aufgrund eines Feiertages die Schule ausfiel.

Am 10. Mai war Muttertag, el día de la madre. Schon Tage vorher fingen die Schüler an, Frühstück in den Pausen zu verkaufen, um Geld einzusammeln, und auch wir Lehrer beteiligten uns einen Tag mit dem Verkauf von Tortas: eine Art Baguette, gefüllt mit Fleisch, Zwiebeln, einer ausgequetschten Limette und natürlich scharfer, roter Salsa. Die Schüler der Primaria bastelten für ihre Mamas aus alten Plastikflaschen bunte Blumentöpfe, pflanzten Kräuter hinein und buken Obsttörtchen mit Schokoladenverzierung. Am 9. Mai in der Früh standen dann nicht wie gewöhnlich die Schüler in ihren Uniformen vor den Klassenräumen, sondern alle Mamas versammelten sich im Amphitheater der Schule. Nach einer herzlichen Begrüßung eröffnete ein Gottesdienst den Vormittag, in dem wir Lehrer uns als Chor probierten. Danach trugen einige Schüler Gedichte vor und ein Theaterstück wurde aufgeführt. Natürlich durfte der mexikanische Kitsch mit Rosen und Co nicht fehlen. Dann begaben sich alle Mamas in den Speisesaal. Von dem eingesammelten Geld hatten wir Zutaten gekauft und ein riesiges Frühstücksbuffet vorbereitet. Jetzt gab es alle Hände voll zu tun, die Mamas zu bedienen und trotz des Platzmangels ein bisschen Ordnung zu halten. Natürlich sah das Frühstück komplett anders aus, als auf eurem Frühstückstisch zu Hause in Deutschland: gestampfte Bohnen, verschiedene Fleischgerichte und Tortillas, Quesadillas (mit Käse gefüllte Tortillas) und eine Art Kartoffelsalat. Mhhh… dieses Essen werde ich vermissen!

Am 15. Mai war Tag des Lehrers, el día del maestro. Einen Tag vorher durften alle Kinder schon früher nach Hause und wir Lehrer machten uns auf den Weg in ein Restaurant, um uns zu feiern. Ehrlich gesagt, wusste ich nicht, was mich erwartet. Ich dachte an einfache mexikanische Küche. Nein, ich fand mich in einem Restaurant mit meterlangen, gefüllten Buffettischen von der italienischen Küche über die asiatische bis zur mexikanischen wieder. Doch das war noch nicht alles: Ein riesiges Salatbuffet, die Nachtische schienen kein Ende zu nehmen und zur Krönung stand ich ganz zum Schluss vor dem Schokobrunnen und bediente die Eismaschine! So kugelten wir alle nach mehr als drei Stunden nach Hause und wurden auch an den nächsten Tagen noch mit Kuchen und Süßigkeiten von Schülern und Eltern verwöhnt.

Letzten Freitag feierten wir dann in der Secundaria den Tag des Schülers, el día del estudiante. Mit einem Bus ging es in den Süden der Stadt zu einer Freizeitanlage der Polizei mit riesigem Fußballfeld, Schwimmbecken, Liegewiesen und Unterständen, um gemütlich beisammen zu sitzen. Alles wurde voll und ganz in den wenigen verbleibenden Stunden ausgenutzt und alle stiegen müde, aber mit einem breiten Strahlen auf dem Gesicht in den Bus!

Hier in Mexiko wird einfach alles und jeder gefeiert!

 

Ausflug ins Nirgendwo

Freitag, 10. Mai 2013 von Magdalene Hengst
Frauen mit traditioneller Kleidung auf dem Viehmarkt

Frauen mit traditioneller Kleidung auf dem Viehmarkt

Am 1. Mai bin ich mit meiner Gastfamilie, Paulina und ihren Eltern, die gerade zu Besuch sind, in ein winzig kleines Dorf hoch in den Anden gefahren. Die etwa vierstündige Fahrt zu siebt in einem Landrover hat sich definitiv gelohnt (auch wenn so mancher Kopf nicht verschont blieb). Ich bin von El Alto und Umgebung eher trockene Landschaften gewöhnt, die schon fast an eine Steppe erinnern, so wenig wächst hier oben, so trocken und gelb ist alles. Aber auf diesem Ausflug bekam ich eine ganz andere Seite der Anden zu Gesicht: Wir fuhren durch eine grüne Landschaft mit riesigen Tälern und hohen Bergen, die ein bisschen an das Auenland aus „Herr der Ringe“ erinnerten. Ich konnte mich nicht sattsehen an den schneebedeckten Gipfeln, den vorbeiziehenden Lamaherden und immer wieder grün, grün, grün.

Als wir schließlich abends in Humanata ankamen, sahen wir einen Marktplatz, umgeben von einer Handvoll Häuser. Wir schliefen in einem verlassenen Haus, das der Kirche gehört, aber seit zwei Monaten leer steht, weil es im Moment keinen zuständigen Pastor für diesen Ort gibt.

Nur ab und zu komme eine Frau vorbei, um das Haushuhn zu versorgen. Chris meinte, vor etwa zehn Jahren hätte die Gemeinde noch nicht einmal Strom und fließendes Wasser gehabt. Diese Zeiten sind zum Glück vorbei und unser Haus besaß sogar eine kleine Heizung in der Küche, sodass es wärmer war als bei mir zu Hause in El Alto, trotz höherer Lage.

Am nächsten Morgen war Markttag. Zuerst gingen wir zu einer Viehwiese, wo um Lamas, Kühe und Esel gefeilscht wurden. Kinder sprangen zwischen den Tieren umher, Schafe blökten und die Bewohner handelten um ihre Ware. Man konnte von überallher sehen, wie vollgepackte Lamas mit großen Säcken aus den umliegenden Tälern in das Dorf kamen, um ihren Früchte, Gemüse und Tiere anzubieten.

Die Sprache, mit der gehandelt wird, ist Aymara, eine der größten indigenen Kulturen Boliviens. Seit der erste indigene Präsident Südamerikas Evo Morales an der Macht ist, muss jedes Kind in der Schule eine indigene Sprache lernen (meist sind es Aymara oder Quechua, Sprache der Inka, aber es gibt noch mehr als 36 andere weit verbreitete Sprachen, weshalb sich Bolivien auch als plurinationale Nation versteht) Nur wenige verstehen Spanisch und so war es schwer für meine Chefin, den Preis für eine Kuh herauszufinden.

Auch ist die Bevölkerung gerade in kleinen Gemeinden auf dem Land sehr alt. Junge Männer müssen nach ihrem Schulabschluss einen einjährigen Wehrdienst absolvieren und die meisten bleiben danach in den jeweiligen Städten, um dort ihre eigene Familie zu gründen, da sie auf dem Land keine Zukunftsperspektiven sehen.

Deshalb kommen auch viele meiner Projektkinder aus Dörfern wie Humanata, weshalb es für mich doppelt spannend war, einmal das Leben hier hautnah mitzuerleben. Auf dem Marktplatz konnte man zwar auch mit Geld bezahlen, aber die meisten tauschten ihre Ware!

Die Szene sah aus wie eines der unzähligen Bilder, die man in der Touristenstraße in La Paz kaufen kann: Frauen in typischen Cholitaröcken und –blusen und mit weißen Hüten, die für diese Region unverkennbar sind, knien vor ausgebreiteten Decken mit Kartoffeln oder Möhren, um sie gegen Bananen und Kokablätter einzutauschen.

Nachdem wir selbstgewebte Stoffe erstanden hatten, fuhren wir mit dem Auto bis zu einem Kamm der unzähligen Berge. Mitten im Schnee waren wir auf über 5.000 Metern.

Blick ins Tal

Nach nur etwa einer Stunde bot sich uns ein völlig anders  Bild. Jetzt säumten Bäume den Weg, man sah bunte Felder und als wir schließlich in einem Andental ankamen, das für seine Heilpflanzenkunde bekannt ist, wuchsen Palmen auf dem Marktplatz. Wir hatten mal eben 2.000 Höhenmeter zwischen uns gelassen. Nach einem ausgiebigen Picknick (Chris Kochkünste werde ich in Deutschland wirklich vermissen) fuhren wir nach Amarete.

Die Dorfbewohner leben dort quasi noch genauso wie vor 500 Jahren zu Inkazeiten. Natürlich gibt es auch hier mittlerweile Satellitenschüsseln und Internetzugang, aber die Straßen und Häuser sehen aus wie die Ruinen von Machu Pichu, nur dass es hier eben keine Ruinen sind, wo nur noch die Steinreste zu erkennen sind, sondern über der Steinmauer eine Lehmschicht gebaut ist und die Häuser Strohdächer haben. Chris und Isa, die sich beide sehr für antike andine Stoffe interessieren, fragten in der Straße Marktfrauen, ob sie eine bestimmte Tracht zu verkaufen hätten, die es nur in diesem Dorf gibt. Beim zweiten Haus hatten wir Glück und so bekamen wir die einmalige Gelegenheit, einmal ein Haus von innen zu sehen. Jedes Gebäude verfügt über einen Innenhof, in dem Hühner gehalten oder die Wäsche aufgehängt werden. Drumherum stehen die Wohngebäude im 2. Stock, zu denen man nur über Treppen und eine Veranda gelangt. Darunter befinden sich vermutlich Schuppen oder Ställe.

mit typischer Kopfbedeckung und Gewand der Bevölkerung in Amarete

Amarete

Leider ist es immer sehr schwierig, Fotos von persönlichen Gebäuden oder auch Menschen zu machen, da in vielen der indigenen Kulturen der feste Glaube verwurzelt ist, dass einem ein Stück der Seele genommen wird, wenn ein Foto von einer Person geschossen wird.

Das Dorf war seit jeher  sehr viel autarker als andere Dörfer, die noch weiter entfernt von Städten angesiedelt sind. Dies kommt daher, dass die Felder der Gemeinde so angelegt sind, dass man quasi alles anpflanzen kann. Unten im Tal werden tropische Früchte angebaut, oberhalb des Dorfes können Kartoffeln und Getreide wachsen. Deshalb hat dieses Dorf seine Traditionen sehr getreu beibehalten, was man auch an den Gewändern und am Kopfschmuck der Bevölkerung erkennen konnte. Sie sahen noch einmal ganz anders aus als beispielsweise bei Aymaras in El Alto.

Auch die Häuser sind nach einem ganz bestimmten System angelegt. Es gibt eine Oberstadt, die mit einer Unterstadt durch den Marktplatz verbunden wird (allerdings hat es nichts mit Reichtum oder sozialem Status zu tun, wo man wohnt, es wird nach Familien klassifiziert).

Auch die Straßen folgen einem ausgeklügeltem System, das sich schon zu Inkazeiten bewährt hat: Neben den gepflasterten Wegen verläuft eine kleine Rinne, die als Abwasserkanal dient. So hat die Bevölkerung nie Probleme mit Überschwemmungen.

Am nächsten Tag traten wir nach einer langen Pokernacht, in der Isa uns alle über den Tisch zog, unseren Heimweg an, mit dem Gefühl noch ein bisschen tiefer in die bolivianische Kultur eingetauscht zu sein. Ich bin unglaublich glücklich über diese bereichernde Erfahrung und die Chance, einer so ursprünglichen Lebensweise zu begegnen.

Alpacas mit Nachwuchs

 

Mexiko-Stadt, Mexico-City, Ciudad de México, La Capital, El Distrito Federal, DF

Mittwoch, 08. Mai 2013 von Lena Brakel

Auf gings am letzten Montag für knapp eine Woche in die Hauptstadt Mexikos! Nach etwas mehr als sechs Stunden Busfahrt kam ich dort am späten Abend an und machte mich daran, das Metro-Netz irgendwie zu verstehen, um Kim vom anderen Busbahnhof abzuholen. Gut, dass man als blondes, großes, rucksackbepacktes Mädchen nie lange auf Hilfe warten muss! Das einwöchige Abenteuer in der Zehn-Millionen-Stadt konnte beginnen! Und das auch gleich ziemlich aufregend: Unser Hostelbuchung ging ein bisschen schief und wir hatten erst ein Zimmer für den nächsten Tag reserviert. Das hieß also nachts um ein Uhr durch völlig dunkle, unbekannte Straßen zu ziehen, um eine Bleibe für die Nacht zu finden. Das Ergebnis war der Hammer: Ein Luxuszimmer mit allem drum und dran für nur zehn Euro die Nacht. Das wollten wir am nächsten Morgen gar nicht mehr gegen das Hostelzimmer tauschen, aber gebucht war gebucht!

Am Dienstag stand der Park Chapultepec auf unserem Tagesplan. Zum Joggen, Bummmeln und Bootsfahren. Ein Ort, um der Riesenstadt mit ihrem Chaos und Bergen von Müll zu entfliehen. Am Nachmittag ging es dann ins Anthropologische Museum. Eine wunderschöne Ausstellung, in der man sich alleine mehrere Tage aufhalten kann, um alles durchzulesen und anzuschauen. Demnach haben wir es nur geschafft, den zweiten Stock des Museums zu durchlaufen, der das Leben der indigenen Bevölkerung nach der Eroberung durch die Spanier darstellt.

Am Mittwoch, nach einem typisch mexikanischem Frühstück im Hostel und Bekanntmachungen mit den anderen internationalen Gästen, machten Kim und ich uns mit einem Spanier auf den Weg zu den Pyramiden  von Teotihuacán, 1 Busstunde außerhalb der Stadt. Diese archäologischen Stätte der Azteken war mit Abstand die größte, die ich bis jetzt betreten habe. Und man konnte nicht nur vom Boden zur Sonnen- und Mondpyramide hoch blicken, sondern auch das gesamte wüstenähnliche Umland von den uralten Steinen aus bestaunen. Umwerfend!

Am nächsten Tag ging es dann für uns das erste Mal ins historische Zentrum der Stadt. An den dortigen U-Bahn-Stationen bekam man die Zehn-Millionen-Stadt sofort hautnah zu spüren. Unterirdisch fand mehr Leben statt als oberirdisch. Wir bummelten ein bisschen durch die Straßen mit ihren beeindruckenden Kolonialgebäuden zu beiden Seiten, an der Kathedrale und dem Zócalo (dem Hauptplatz) vorbei in die Einkaufsstraßen. Obama bekamen wir dabei aber nicht zu Gesicht, nur unzählige Polizisten und Sicherheitspersonal. Mit vollen Taschen und mehr als zufriedenen Gesichtern gings wieder unter die Erde zum Stadtteil Coyoacán, in dem die Malerin Frida Kahlo geboren wurde. Ihr Zuhause, das blaue Haus, ist als Museum ausgebaut worden. Ich habe viel mehr Bilder von ihr und ihrem Mann Diego Rivera erwartet, aber es wurde mehr ein Abriss ihres Lebens dargestellt. Coyoacán war ursprünglich mal ein abgelegenes Dorf, was jetzt aber durch die ständige Urbanisierung mitten in der Stadt liegt. Eine wunderschöne Gegend, die immer noch wie ihre eigene kleine Stadt wirkt.

Am Freitag fuhren wir gleich noch einmal ins Stadtzentrum. Dort trafen wir uns mit Alfonso, einem älteren deutschen Herrn, der schon 30 Jahre lang in der Millionenstadt lebt und einen ergreifenden Vortrag, der viel zum Nachdenken angeregt hat, auf dem Zwischenseminar gehalten hat. Jetzt warteten wieder drei Stunden Geschichte, Kultur und Menschen Mexikos auf uns! Zuerst ging es zur Ausgrabungsstätte “Templo Mayor” und in das dazugehörige Museum. Wir tauchten völlig ab in die Geschichte der Azteken: Eine riesige Pyramide, von der aber nur noch Bruchteile enthalten sind, die in zwei Teile aufgeteilt ist: dem weiblichen (la luna – der Mund) und dem männlichen (el sol – die Sonne). Mit ihren unzähligen Symbolen, die die Weiblichkeit beziehungsweise die Männlichkeit verkörpern. Und die vielen, vielen Schlangenköpfe und Skulpturen. Die Schlange war im Aztekenreich das Symbol der Gottheit, mit deren Gift man töten und heilen kann. Ihre schlangenförmigen Bewegungen stellten das Leben mit seinen Höhen und Tiefen dar. Doch die Spanier sahen in dieser Symbolik das Werk des Teufels und machten die Pyramiden dem Erdboden gleich. Die vielen Steine verwendeten sie anschließend zum Bau der Kathedrale, der größten Lateinamerikas, und den anderen umliegenden Gebäuden. Am Nachmittag sprangen wir dann ins moderne Leben der Megastadt, schlenderten die Fußgängerzone hoch und runter und ließen uns mit dem Lift bis zur Spitze des “torre latinoamericana” (lateinamerikanischer Turm) fahren. Trotz des Smogs hatte man eine richtig gute Aussicht über die Stadt, das Chaos und Gewusel. Eine Stadt, die drei Kulturen vereint: Die, der vorspanischen Zeit, die Zeit der Spanier und die Moderne!

Am Samstag, unserem letzten Tag, nach einer ausgiebigen mexikanischen fiesta am Vorabend, ließen wir es ruhiger angehen und fuhren nur nach Xochimilco, einem Stadtteil, der noch annäherungsweise so aussieht, wie in vorspanischer Zeit. Mexiko-Stadt ist auf einem See entstanden. Vor mehr als 500 Jahren wurden die, in diesem See liegenden Inseln von den aus dem Norden kommenden Azteken besiedelt. Durch das ständige Bevölkerungswachstum begann bald der Anlandungsprozess und der Bau von Kanälen. Auf diesen Überbleibseln kann man sich heute auf buntbemalten Flößen hin und her schippern lassen und die mexikanische Feierfreude vollends auskosten. Ach ja und am Abend gabs den ersten Döner seit mehr als neun Monaten! Mexiko-Stadt ist einfach multikulturell!

 

Los Hilos de la Vida – Die Fäden des Lebens

Samstag, 13. April 2013 von Magdalene Hengst

Am Donnerstagabend ging für meine beiden Chefs ein lang gehegter Traum in Erfüllung. Grade für  Chris, der sich sehr für antike Stoffe und die Geschichte Boliviens begeistert, war dieser Tag ziemlich besonders: Die Ausstellung „Los Hilos de la Vida“ (Die Fäden des Lebens), die die Fundación Palliri in Kooperation mit dem hiesigen Spanischen Kulturzentrum erarbeite, hatte ihre Eröffnung.

Als Besucher begibt man sich auf eine Reise in die Welt der Trachten, Stoffe und traditionellen Kleidungsstücke, die vor 3.000 Jahren beginnt. Ich find es einfach nur unglaublich, wie lange sich Stoffe halten können, wenn sie keinem Regen, Feuchtigkeit und zu viel Sonne ausgesetzt sind. Deswegen gibt es hier auf dem Altiplano (aber beispielsweise nicht in Cochabamba, wo das Klima sehr viel feuchter ist) auch noch Ponchos, die wirklich aus der Zeit Jesu Christi stammen.

Es wird aufgezeigt, wie eng Religion und Glaube, Aufstände, Geschichte und Kultur im allgemeinen mit der Mode verknüpft sind und wie sehr die alten Stoffe ein Abbild der jeweiligen Gesellschaft sind.

Die Ausstellung fängt bei uralten Ponchos und Stoffen der vor-kolumbianischen Zeit an, zieht sich über die Kolonialzeit und endet schließlich bei gegenwärtigen bolivianischen Designern, die auch die Möglichkeit bekommen hatten, ihre Kollektionen oder Einzelstücke auszustellen.

Ein Label ist natürlich COCUNUT, unser Geschäft für Frauenbekleidung.

Ich glaube, dass die Ausstellung ein Riesenerfolg wird, unter anderem auch, um Palliri noch bekannter zu machen und die Menschen hier in La Paz dafür zu sensibilisieren, dass soziale Arbeit auch oft andere Gesichter hat.

Also, falls jemand die nächsten vier Wochen in La Paz sein sollte, es lohnt sich 😉

 

Die letzten Tage vor den Ferien

Samstag, 30. März 2013 von Lena Brakel

…weg von meinen gewohnten Aufgaben, weg von den Kindern und doch versunken in ihren Hintergründen.

Am Dienstag und Mittwoch durfte ich die Schulsozialarbeiterin Cony bei ihren Besuchen in die Familien begleiten, deren Kinder im nächsten Schuljahr 2013/14 neu in die Primaria oder Secundaria eingeschult werden. Am ersten Tag standen die Häuser unweit der Schule auf ihrer Liste. Zu Fuß, bei stechender Hitze, ging es die steilen, staubigen Sandstraßen auf und ab. Ein Klopfen mit der 5-Peso-Münze an den hohen Schutzzaun. “Quien?” – “Wer ist da?” Warten bis die Tür geöffnet wird, fast immer von einer Mama mit Baby an der Hüfte und einer Horde Kleinkinder um sich herum. Uns wurde ein Platz auf der Bettkante angeboten; Stühle und Tische gab es nicht. Wir stellten uns noch einmal vor, bevor Cony mit der Befragung anfing. Alles wurde notiert: Wie viele Personen in dem Haus wohnen (“Fünf Personen wohnen hier in dem 15m² großem Zimmer, Küche, Wohn- und Schlafzimmer alles in einem. Mein Mann, meine zwei Töchter, mein Sohn, ich und bald das Baby.”), wer arbeiten geht und wie viel Geld nach Hause gebracht wird (“Nur mein Mann arbeitet. Er ist Autoputzer an einer großen Kreuzung im Zentrum. Jeden Tag steht er dort von früh morgens bis abends spät. An zwei Tagen im Monat, an der “Quincena”, wenn den Arbeitern ihr Lohn ausgezahlt wird, bringt er 150 Pesos – 9,50€- mit nach Hause. An den anderen Tagen sind die Autofahrer nicht so spendabel; dann meistens zwischen 60 und 90 Pesos – 4,70€ und 5,70€.), welche Ausgaben mit diesem Geld gedeckt werden müssen und wie die Wohnbedingung aussieht: Ohne Fußboden, aufgeteilt auf zwei Betten, eine spärliche Glühlampe an der Decke, einen kleinen Kühlschrank und Ofen mit zwei Heizplatten. Was gibt es bei Ihnen zu Essen? – “Eigentlich immer Bohnen mit Tortillas und Gemüse. Obst ist auch immer welches da. Aber Fleisch nur einmal die Woche, Milch und Eier keine. Süßigkeiten und Refrescos (Erfrischungsgetränke) eigentlich auch nie!” Wie gestalten sie Ihre Freizeit als Familie? “Raus, in die Stadt zum Beispiel, gehen wir nicht. Jeden Sonntag in die Kirche. Da gibts dann für die Kinder auch immer eine Süßigkeit oder ein Eis. Manchmal spielen wir hier ein Gesellschaftsspiel, aber meht auch nicht.” Viele andere Fragen folgten. “So, dass wäre es soweit. Haben Sie noch ein Thema, was sie sich gerne vom Herzen reden wollen, ein Anliegen?” – “Mh… Soweit eigentlich nicht!” – “Alles soweit in Ordnung hier?” – “Doch eine Sache gibt es: Ich habe Angst, wenn die Kleine anfängt laut zu schreien. Dann erinnere ich mich immer an die Zeit als meinen Ehemann öfters mal die Hand ausgerutscht ist und befürchte, dass die Leute auf der Straße das Gleiche denken. Aber er hat damit aufgehört. Wirklich!”

So hatte jede Familie, jede Mama, uns ihre eigene Geschichte zu erzählen.

Am Mittwoch ging es dann mit dem Auto in die etwas entlegeneren Straßen der Coronilla und in zwei andere angrenzende Stadtteile. Viele Familien lebten unter ähnlichen Umständen, aber wir traten auch in Häuser, die wie ein richtiges Haus aussahen, einfach, aber schön.

Primär wird diese “Studie” durchgeführt, um die Hintergründe der Kinder kennen zu lernen, aus welchen Familien sie kommen, wie ihre Lebenssituation aussieht. Und um aus allen Ein- und Ausgaben den Betrag zu errechnen, den jede einzelne Familie im nächsten Jahr als Schulgeld für ihr Kind stemmen kann.

Ich kann nicht die richtigen Worte dafür finden, wie ich diese beiden Tage erlebt und empfunden habe. Ich bin ein bisschen tiefer in der Armutsproblematik Mexikos eingedrungen, habe viel über die Hintergründe der Familien erfahren, die “Coronilla” besser verstehen gelernt. Zwei Tage, die einen tiefen Eindruck hinterlassen haben, über den ich oft nachdenke.

 

Feliz, FeLiZ, FELIZ!!!

Dienstag, 19. März 2013 von Lena Brakel

Ich bin glücklich! Überglücklich! Schon einen Monat wohne ich in meinem neuen Zuhause, meiner mexikanischen Familie, und fühle mich super wohl. In diesen Wochen habe ich schon so viel mit ihnen unternommen, bin noch viel tiefer in ihre Kultur eingetaucht, bin Teil ihrer Familie geworden. Ja, hier in Mexiko hab ich ein zweites Zuhause gefunden! Ein tolles Wochenende wird getoppt von dem nächsten!

Am Sonntag morgen machten wir fünf Frauen, meine Gastmama Rosi, meine drei Gastschwestern Dafne, Edna und Ingrid und ich, uns auf den Weg ins Dorf Etzatlán, dem Heimatort von Rosi, zwei Autostunden von Zapopan entfernt. Aber ein mexikanisches Dorf dürft ich nicht mit einem deutschen Vergleichen! Es ist einfach viel, viel größer, mit Marktplatz, mehreren Kirchen, Schulen und Einkaufsläden. Ich glaube selbst Greifswald würden die Mexikaner als Dorf bezeichnen… Aber auch die Dörfer hier sind viel ruhiger, familiärer und von unglaublich schöner Landschaft umgeben. Rosis Familie mit ihren elf Geschwistern ist einfach riesig. Das ganze Wochenende wurde ich anderen Verwandten vorgestellt, in jedem Haus herzlichst willkommen geheißen und immer war Trubel und eine Schar von Kindern dort. Mit einigen machten wir uns dann auf dem Dach der Camioneta, einem Lieferwagen, auf den Weg in die Sierra madre occidental. Beste Laune auf dem Sonnendeck, Adler zogen ihre Kreise über unseren Köpfen, mit unbeschreiblichen Aussichten über die ausgetrocknete Gebirgslandschaft und das Dorf Etzatlán. Je höher wir kamen, desto kleiner wurden die Felder, desto magerer die Kühe und desto ärmer und einfacher sahen die Häuser aus. Nach gut einer Stunde Fahrt kamen wir in einem winzigen, nicht mehr als aus zehn Häusern bestehenden Dorf an. Bunte Wäsche baumelte vor den Häusern, Kakteen zierten neben Obstbäumen die Gärten und mexikanische Blaskapellenmusik erfüllte das Dorf, abgeschieden vom Rest der Welt, in dem die Zeit stehen geblieben war. Von dort ging es zu Fuß weiter auf der Suche nach den alten Minen, in denen noch in den 60er Jahren Gold, Silber und Zinn abgebaut wurde. Auf dem Rückweg kauften wir bei einem Haus Tortillas und Bohnen, durften unser mitbgebrachtes Essen erwärmen und kamen mit den Bewohnern ins Gespräch. Seit fünf Jahren erst ist elektrisches Licht ins Dorf gekommen; 2008, als der Rest der Welt  die kleinsten Com- puterchips und dünnsten Smartphones entwickelt. Nach dem leckeren Essen auf der Wiese vor dem Haus ging es zurück nach Etzatlán. Wir übernachteten im Haus von Rosi, das früher einmal ihrer Tante und ihrem Onkel gehört hatte. Ein weiteres Abenteuer folgte. Licht gab es! Zum Duschen erwärmten wir Wasser in einer riesigen Kupferwanne auf dem Feuer, dann ging es damit in den Geräteschuppen, der mit einem Bettlaken abgehangen war. Das Klo ohne Wasserspülung stand ebenfalls unter freiem Himmel, aber wir haben wunderbar geschlafen und am nächsten Morgen Fleisch, Tortillas und Bohnen über dem Feuer zum Frühstück erwärmt.

Und noch mehr fiesta! fiesta! fiesta mexicana…

Am Samstag waren Dafne, Ingrid und ich auf dem 15. Geburtstag von einer Schülerin der Secundaria. Der 15. Geburtstag von Mädchen wird hier in Mexiko riesig gefeiert. Zuerst findet eine Messe statt und dann geht es in ein sogenanntes “Casino”, um zu feiern, zu essen und zu tanzen. Die “Quinceañera”, (fünfzehn ist “quince” auf Spanisch) trägt ein riesiges Ballkleid, aus mehreren Röcken, mit ganz viel Glitzer und meistens aus einer auffallenden Farbe. Ich hatte das Gefühl die ganze “Coronilla” war eingeladen, so viele Gäste, wie auf der Tanzfläche standen und an den Tischen saßen. Eröffnet wird die Feier mit einem Walzer, eher gleich einem Schunkeln der Quinceañera in den Armen ihres Vaters und einer kleinen Puppe, als Symbol dafür, dass die Kindheit jetzt abgeschlossen ist und die Jugendzeit beginnt. Danach folgen drei weitere Tanzchoreografien mit ausgewählten Jungs, die der Geburtstagsjugendlichen sehr nahe stehen – Klassenkammeraden, Freunde oder Verwandte – bevor alle anderen die Tanzfläche stürmen dürfen und bis spät in die Nacht feiern.

Semana cultural

Seit Montag war der mehr oder weniger geregelte Schulalltag der Secundaria für eine Woche ausgeschaltet, um der Kulturwoche Platz zu machen. Am ersten Tag ging es in den “Bosque de la Primavera!”- den Frühlingswald, einen riesigen Wald, der an die Stadt grenzt. Durch die immer stärker werdende Hitze sah alles eher wie eine Steppenlandschaft aus, aber es tat super gut einmal frische Luft einatmen zu können und der Smog-Hülle zu entkommen.

Am Dienstag chauffierten uns die Busfahrer zu der Ausgrabungsstätte “Guachimontones”, den einzigen kreisförmigen Pyramiden in Mexiko. Der Name ist von den “guajes” abgeleitet, einer Baumart, die überall auf dem Gelände verstreut ist; “montón” bedeut übersetzt “Haufen”. Zehn von diesen sind in der Stätte zu finden, in unterschiedlichen Größen, mit einer unterschiedlichen Anzahl von Stufen, abhängig von der Rangordnung des obersten Priesters. Jeder “Haufen” ist ein Altar, auf dem regelmäßig spiritelle Rituale ausgeübt wurden: Ein riesiger Holzstamm, mit einer Höhe bis zu 30 Metern, wird in den Altar gesteckt, der Priester liegt mit ausgebreiteten Armen auf diesem in der schwindelerregenden Höhe und die Dorfbevölkerung tanzt um die kreisförmige Pyramide. Neben diesen zehn Hauptstätten gruben die Archäologen noch zwei Ballspielplätze, einen Markt, Grabkammern und eine Art Amphitheater aus. Super interessant, ich liebe die Geschichte Mexikos!

Am Mittwoch gings in das Archäologisches Museum von Guadalajara; am Donnerstag in die wunderschöne Stadt Tlaquepaque. Dort streiften wir durch die Kunstgalerien, Museen und Krichen.

Der letzte Tag war wieder erfüllt mit frischer Luft, im “Bosque de Colomos”, dem Wald, der vor einigen Jahren noch mit dem “Bosque de la Primavera” verbunden war, sich aber jetzt durch die ständige Vergrößerung der Stadt, mitten im Zentrum befindet.

Eine wunderbare, interessante, außergewöhnliche Woche! Jetzt nur noch vier normale Schultage bis es in die Osterferien an den Pazifik geht!

 

Cuernavaca, Zapopan und Tequila

Montag, 18. Februar 2013 von Lena Brakel

Am 2. Februar ging’s los mit dem Bus zum Zwischenseminar nach Cuernavaca, der Stadt des ewigen Frühlings im Bundesstaat Morelos. Zuerst sechs Stunden von Guadalajara nach Mexico City. Ein riesiger Busbahnhof auf dem es gar nicht so leicht war, Kim zu finden. Wir kauften die Tickets nach Cuernavaca und schwelgten die zweistündige Busfahrt über in Erinnerungen an unsere Weihnachtsreise. Am nächsten Tag gegen Mittag trudelten so langsam alle anderen 17 Teilnehmer aus den unterschiedlichsten Bundesstaaten Mexikos im Tagungshaus ein. Eine super Gruppe, in einer wunderschönen Anlage, bei leckerem Essen und interessanten Themen. Es tat richtig gut, mal wieder eine Woche nur Deutsch zu reden, sich über all’ die Erfahrungen auszutauschen und vor allem dabei das Gefühl zu haben, verstanden zu werden. Es drehte sich viel um: Was geschah bis jetzt mit mir und meinem Projekt? Wo stehe ich gerade? Was möchte ich noch erreichen? Und wie sieht dir Rückkehr nach Deutschland aus? Ein anderes Themengebiet war das mexikanische Bildungssystem, da viele von uns in Bildungseinrichtungen ihren Freiwilligendienst leisten. Aber natürlich blieb auch viel Zeit, um einfach am Pool zu entspannen, zu quatschen, die Stadt zu erkunden, abends in gemütlicher Runde Lieder zu singen, den ein oder anderen Geburtstag zu feiern und viel zu schnell den Abschiedsabend vorzubereiten. Am Samstag nach dem Mittagessen die Verabschiedung; mit ganz vielen Einladungen, mal in den anderen Projekten vorbei zu schauen und weitere Seiten Mexikos kennen zu lernen. Mal sehen, wie viel Zeit in den sechs Monaten noch übrig bleibt…

Kim und ich blieben mit zwei anderen Freiwilligen noch eine Nacht länger in Cuernavaca und machten uns sofort auf den Weg nach Tepotztlán, einem kleines Dorf, etwa eine Busstunde von Cuernavaca entfernt. Dort angekommen waren die Straßen überfüllt mit Karnevalsgästen. Nach Fasching sah das Ganze für uns aber nicht aus: Es gab nur Essstände, keinen Umzug und keine verkleideten Besucher, die auf den Straßen tanzten. Wir kämpften uns durch die Menge und machten und an den Aufstieg des riesigen Berges. Eine Stunde auf rutschigen Steinen immer steil bergauf. Oben bei den Maya-Pyramiden angekommen tat sich ein fantastischer, mit keinem Fotoapparat festzuhaltender Blick auf: Über das ganze Land, scheinbar über ganz Morelos!

Nach einer wunderbaren, viel zu schnell geendeten Woche, wartete viel Arbeit in Guadalajara auf mich: All meine Sachen mussten für den Umzug in die Gastfamilie verstaut werden . Mit erschrecken stellte ich fest, dass mein ganzes mexikanisches Sammelsurium jetzt schon weit die Rucksackgröße überschreitet. Ab jetzt wohne ich nicht mehr in Guadalajara sondern in Zapopan; einfach eine Stadt weiter gezogen in der riesigen Megalopolis. Hier fühle ich mich super wohl mit meinen Gasteltern und meinen drei Gastschwestern, die alle in meinem Alter sind, und habe die Möglichkeit, die mexikanische Kultur noch von einer ganz anderen Seite kennen zu lernen.

Am Aschermittwoch, miércoles de ceniza, wurden auch hier kleine Aschekreuze auf den Stirnen der Kinder verteilt.

Am Tag darauf, am 14. Februar, feierten wir Valentinstag, allerdings unter dem Namen: Tag der Liebe und der Freundschaft. Viel schöner, nicht wahr!? Jeder bekam ganz viele Umarmungen, Glückwünsche, liebe Worte und Süßigkeiten mit auf den Weg.

Gestern dann ein weiterer wunderschöner Tag voller neuer Entdeckungen. Gema, die Tanzlehrerein der Schule, lud mich ein mit ihr nach Tequila zu fahren, um dort ihre Wochenendarbeit kennen zu lernen. Auf ging es in das kleine Dorf, unweit von Guadalajara, umgeben von unzähligen Agavenfeldern und Fabriken, in denen der Tequila hergestellt wird. Zuerst durfte ich zuschauen, wie sich alle der Jose Cuervo-Fabrik in traditionelle Kleider warfen. Dann ging es auf zum Bahnhof, um dort die Besucher in Empfang zu nehmen, die mit dem Express aus Guadalajara die kleine Ortschaft für einen Tag besuchen: Mit Fähnchen, Mariachi-Musik, typischen Süßigkeiten, Zuckerwatte und einer kleinen Kostprobe des Agavensafts. Anschließend ging es zurück zur Tequilera, wo auch ich in eine Mexikanerin aus Michoacan verwandelt wurde. Schon bald kamen die Besucher aus der Fabrik und testeten sich in typischen mexikanischen Spielen, um später eine der vier Tequila-Flaschen zu ersteigern. Und dann kam die Tanzeinlage. Da hielt ich mich aber im Hintergrund und war begeistert vom profesionellen Danzón, einem Tanz aus Veracruz. Für die Besucher ging es jetzt zur Verkostung, wo sie als Abschluss den typischen Tanz aus Jalisco bewundern durften. Wir schaufelten das Essen auf unsere Teller, was vom leckeren Buffet übrig geblieben war und machten uns auf den Heimweg in die riesige Stadt. Aber nein, der Tag war noch nicht vorbei: Das erste mal, dass ich bei einem Fußballspiel war, in einem riesigen Stadion. “Atlas”, eine Mannschaft aus Guadalajara, gegen Monterey. Einmal in einem mexikanischen Stadion und du kennst die Hälfte aller Schimpfworte! Auch hier scheinbar mehr fiesta als Sport. Aber wir haben gewonnen!

 

Endlich geht es wieder los…

Mittwoch, 06. Februar 2013 von Magdalene Hengst

Nach fast zwei Monaten Ferien für die Kinder werden am Montag wieder die Türen in Michme geöffnet!

Doch vorher musste das gesamte Projekt renoviert werden, weswegen ich die letzten Wochen damit zugebracht habe, Wände zu streichen, zu putzen und neue Möbel für die Büroräume und ein neues Spielzimmer auszuwählen. Außerdem wurden weitere Bäume gepflanzt, das Dach ausgebessert und ich habe den kompletten Spielehof nochmal neu übermalt, da dieser mit der falschen Farbe bemalt worden war und vom vielen Regen der letzten Zeit schon wieder abblätterte. Es hat wirklich Spaß gemacht zu sehen, wie Schritt für Schritt das Projekt im neuen Licht erstrahlt ist und man wusste, dass man selbst dazu beigetragen hat. Am meisten Spaß hat mir die Planung des neuen Spielzimmers gemacht. Ich habe mit meiner Chefin zusammen Spielzeug ausgesucht, mit dem die Kinder spielerisch Lesen oder Rechnen üben können und ich war wirklich überrascht, wie viel “gute“ Materialien  wir gefunden haben, weil ich hier sonst meistens doch nur billiges Plastikspielzeug und detailgetreue Maschinenpistolen gewohnt bin. Ich hatte die Idee, den gesamten Raum mit Bildern zu bemalen. Da in der kommenden Woche voraussichtlich noch nicht allzu viele Kinder das Projekt besuchen werden, weil viele noch bei Verwandten auf dem Land oder in einer anderen Stadt sind, werde ich dieses Projekt  ab Montag in Angriff nehmen.

Überhaupt war die letzte Zeit eine gute Möglichkeit für mich zu überlegen, was ich noch für Pläne habe und mit den Kindern realisieren möchte.

Es ist schon ein sehr komisches Gefühl, dass ich nun schon mehr Zeit in Bolivien bin, als mir noch bleibt… Dabei hab ich noch so viel vor!

Mal gucken, wie viel sich davon umsetzen lässt. Jetzt bin ich erst mal gespannt, wer von “meinen Kindern“ dieses Schuljahr wiederkommt und wie viele neue Kinder es gibt.

Außerdem hatte ich mich am Wochenende mal wieder mit den Vecarios aus unserem Projekt verabredet, um gemeinsam zu kochen. Optimistisch hatte ich vorher angekündigt, die Suppe machen zu wollen, während sich meine Mädels um das Hauptgericht kümmern wollten. Ich hatte schließlich schon einmal gesehen, wie man “sopa de maní” macht und dachte,  dass es nicht so schwierig sein könne. Außerdem habe ich ein bolivianisches Kochbuch zu Hause, das mir zur Not weiterhelfen konnte. So zumindest mein Plan.  Also kaufte ich alle Zutaten auf dem Markt ein (das werde ich in Deutschland wirklich vermissen, dass es jegliches Gemüse, Obst, Nüsse… vor der Tür und frisch zu kaufen gibt) und bereitete alles vor.

Ganz so einfach war es dann aber doch nicht. Zum Glück ist eine meiner Freundinnen Maria, eine wirklich gute Köchin und als ich völlig verzweifelt am Herd stand und nicht wusste, was zuerst in den Topf muss und wie die Möhren aussehen müssen, damit sie auch genießbar sind, half sie mir aus der Patsche. Letztendlich hat die Suppe hervorragend geschmeckt, auch wenn das Zubereiten etwas länger gebraucht hat, als ich dachte. Da habe ich ml wieder gemerkt, wie viel Geduld man zum Kochen braucht, ich ess’ immer alles schon vorher auf.

Das Tischdecken konnte ich dann aber wieder gut und es war wirklich ein schöner Abend.

Zum Nachkochen habe ich euch das Rezept einmal aufgeschrieben – wirklich super lecker (wenn man so wie ich Erdnüsse liebt).

Sopa de maní con fideos (Erdnusssuppe mit Nudeln)
(für 6 Personen)

Zutaten:

  • 500 g geschälte Erdnüsse
  • 4 Kartoffeln (in Würfel geschnitten)
  • 2 geschnittene Zwiebeln
  • 1 geschälte und geschnittene Tomate
  • 2 Knoblauchzehen
  • 2 geschnittene Möhren
  • 1 Tasse Bohnen
  • 1 Tasse Nudeln
  • klein geschnittene Petersilie
  • ½  Löffel Gemüsebrühe
  • Salz
  • Pfeffer
  • Oregano

1. Die Erdnüsse mit ein wenig Wasser in einen Mixer geben und gut pürieren.

2. Wasser mit de Gemüsebrühe in einem Topf zum Kochen bringen.

3. In einer Pfanne die Möhren, Tomaten und Bohnen anbraten, bis die Möhren glasig sind. Anschließend die Zwiebeln und den Knoblauch hinzugeben.

4. Das angebratene Gemüse in das kochende Wasser in den Topf geben und mit einem Deckel abdecken. Wichtig: Das Wasser muss die ganze Zeit köcheln.

5.In der Pfanne nun mit etwas Öl die Nudeln anrösten bis sie eine dunkelbraune Farbe angenommen haben.

6. Wenn die Suppe eine gelbliche Farbe angenommen hat (normalerweise wenn die Nudeln fertig angeröstet sind), die Nudeln, die Kartoffeln und das Erdnusspüree zu dem Gemüse in die Suppe geben.

7. Nun muss die Suppe so lange köcheln bis die Kartoffeln und Nudeln weichgekocht sind.

8. Kurz vor Schluss noch ein bisschen frische (!!!) Petersilie hinzugeben.

FERTIG! (Wer  mag, kann die Suppe mit noch mehr Petersilie garnieren)

Buen provecho!

(die Bolivianer essen diese Suppe nur als Vorspeise aber ich finde, dass es sich auch gut als Hauptmahlzeit eignet.)

PS: Fotos kommen bald nach!