Der Teufel ist los – Carnaval in Oruro

Montag, 23. April 2018 von Marianka Rehm

Hallo Ihr Lieben!

Der Countdown läuft! Mit Moosgummihüten und -krawatten dekoriert stehen alle gespannt auf ihren Stühlen, die Aufregung ist sichtlich zu spüren: 10, 9, 8, 7, …, 3, 2, 1, 00:00!! Eine Traube, zwei Trauben, drei Trauben, … zwölf Trauben! – je Glockenschlag eine Traube, schnell die Reisetasche packen und ab nach draußen, eine Runde ums Haus rennen, zählen wie viele (Spiel-)geldscheine man auf die Hand bekommen hat und schließlich entspannt zum Himmel blicken, um das Feuerwerk zu beobachten. So bin ich Anfang Januar zusammen mit meiner bolivianischen Familie und zwei Freundinnen ins neue Jahr 2018 gestartet. Man kann sich sicherlich vorstellen, dass die Stimmung vor allem bei unseren diversen Neujahrsritualen ausgezeichnet heiter war. Selbst die Farbe der Unterwäsche ist hier an Silvester äußerst bedeutend. Schon Tage zuvor wird an den Marktständen der Stadt gelbe (Geld) oder rote Unterwäsche (Liebe) angeboten. Na wenn wir nach all diesen Ritualen mal kein Glück haben werden… :p

Im Januar waren immer noch Sommerferien und die Zentren Palliris geschlossen. Da die meisten Menschen aus El Alto ursprünglich vom Land kommen, nutzen viele Familien die Schulferien, um für ein paar Wochen in ihre Heimat auf dem Land zurückzukehren und sich zum Beispiel auch um Angehörige zu kümmern, die noch dort leben. In Palliri wurde die freie Zeit dafür genutzt, um die verschiedenen Zentren wieder startklar fürs neue Schuljahr zu machen. Tagelang wurden Wände neu gestrichen, Lebensmittel ins Lager einsortiert, geputzt und alles wieder auf Vordermann gebracht.

 

Zwischenseminar in Santa Cruz

Noch ehe Anfang Februar die Schule wieder begann und ich erneut in den Palliri-Alltag einsteigen konnte, ging es für mich mit einer 17-stündigen Busfahrt von El Alto nach Santa Cruz, von 4100 auf 437 Höhenmetern und vom rauen Andenklima hinein in die Tropen zum Zwischenseminar. Es war schön, nochmals andere Freiwillige vom südamerikanischen Kontinent zu treffen und sich auszutauschen. Gemeinsam haben wir spannende Themen besprochen und interessante kulturelle Rätsel gelöst. Ganz ungewohnt war dabei, eine Woche lang fast ausschließlich Deutsch um sich herum zu hören und zu sprechen. Mit täglich über 30 Grad, Freibad nebenan und kurzer Hose fühlte sich die Woche für mich ein wenig wie Urlaub an und einmal mehr wurde mir bewusst, wie unglaublich vielfältig und unterschiedlich die verschiedenen Regionen Boliviens sind – von den Anden bis zum Urwald ist alles dabei. Im Gegensatz zu El Alto, wo Ameisen meine einzigen tierischen Mitbewohner darstellen, kann einem in Santa Cruz neben allerlei Mücken und Krabbeltieren schon einmal ein Skorpion begegnen oder ein kleiner Gekko, welcher sich im Schuh verkrochen hat. Es wird sogar gesagt, dass sich selbst der Charakter der Menschen zwischen dem Hoch- und Tiefland unterscheidet. Demnach sollen diejenigen in niedriger gelegenen Teilen offener und lebhafter sein, als jene im Hochland, die, geprägt vom rauen Klima, eher verschlossener seien. Ob das wohl stimmt? Durch meine Erfahrungen kann ich diese Theorie jedenfalls nicht wirklich bestätigen.

 

 Oruro – Folklorehauptstadt Boliviens

Zur Karnevalszeit befindet sich ganz Bolivien für ein paar Tage im Ausnahmezustand. Die Geschäfte sind geschlossen und leider wird während dieser Zeit oft sehr viel Alkohol konsumiert. Da direkt im Anschluss an das Seminar das Faschingswochenende stattfand, machte ich mit ein paar anderen Freiwilligen einen kleinen Abstecher nach Oruro, der Karnevalshauptstadt Boliviens. Einmal im Jahr erwacht die ansonsten eher unbedeutende Stadt zum Leben und es ist wortwörtlich der Teufel los, denn laut Legende wird dann der Teufel „Wari“ von der Göttin Ñusta vertrieben und aus der Stadt gejagt. Der Carnaval von Oruro ist eine Vermischung von Riten indigener Religionen mit christlichem Brauchtum und ist deshalb sehr traditionell. An den beiden Haupttagen Samstag und Sonntag finden jeweils von morgens früh bis weit nach Mitternacht kilometerlange und unendlich erscheinende Umzüge statt und mit farbeprächtigen und gigantischen Kostümen ziehen die riesigen Tanz- und Musikgruppen an den Zuschauern vorbei – ein unfassbares Spektakel! Jede Gruppe tanzt dabei, gekleidet in der jeweils typischen Tracht, einen anderen der über 18 verschiedenen traditionellen bolivianischen Tänzen wie etwa Diablada, Morenada oder Caporal.

 

 

 

E.T.I. Sucre

Im E.T.I ist alles barrierefrei eingerichtet

Nach dem Besuch in Oruro ging es für Jakob, den anderen Bolivienfreiwilligen des Kindermissionswerks, und mich noch nicht zurück nach El Alto, sondern in die bolivianisch Hauptstadt Sucre ins Projekt E.T.I. (Escuela Taller Integración), von wo aus wir für das Kindermissionswerk berichten durften. Das E.T.I. (auf Deutsch etwa „Integrative Schule und Werkstatt“), ist ein Projekt, welches Kinder und Jugendliche mit Behinderung betreut und fördert. Fast drei Wochen lang durften wir zusammen mit den Bewohnern der sogenannten “residencia”, dem Wohnheim des E.T.I. zusammenleben und in ihren Alltag schauen. Morgens halfen wir in der ersten und zweiten Klasse der dazugehörigen inklusiven Schule mit, in welcher Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung gemeinsam unterrichtet werden. Mittags unterstützten wir die Leiterin der Hausaufgabenbetreuung und später ging es meist auf den Sportplatz zum Fuß- oder Rollstuhlbasketball.

Schulsport einer Klasse der inklusiven Schule des E.T.I

 

Eines Morgens hieß es dann: Auf nach Monteagudo! Das ist eine Stadt im Südosten Boliviens, welche den Ausgangspunkt darstellte, um zwei Bewohnerinnen der residencia abzuholen, die die Ferien bei ihren Familien auf dem Land verbracht hatten und nun wieder für ein Jahr nach Sucre ins E.T.I zogen, um zur Schule gehen beziehungsweise in der Nähwerkstatt arbeiten zu können und dabei unterstützt zu werden. Mit einer sieben stündigen Fahrt auf größtenteils unasphaltiertem einspurigem Schotterweg ging es hinein in den sogenannten „Chaco“, eine tropische und sehr grüne Region Südamerikas. Vorsichtig manövrierte der Fahrer den Geländewagen über den teilweise matschigen und äußerst rutschigen Untergrund. Die Strecke war gezeichnet von den starken Regenfällen der vorherigen Wochen und so kam es nicht selten vor, dass wir vom Hang gelöste Steine auf die Seite räumen und kleine Flüsse durchqueren mussten. Von Monteagudo aus ging es am Folgetag jeweils drei Stunden noch tiefer in den „Chaco“ hinein. Ich konnte kaum glauben, hier, mitten im „Nichts“, plötzlich wieder auf Zivilisation zu stoßen. Natürlich wusste und weiß ich, dass die Menschen auf dem bolivianischen „campo“ (auf dem Land) in sehr einfachen und ärmlichen Verhältnissen leben, doch wenn man plötzlich eine Familie kennenlernt, mit ihr zusammen in deren nur spärlich beleuchteten Hütte sitzt, sich mit ihr unterhält und sich vorstellt, wie es ist, hier zu leben, ist das nochmal etwas anderes und man wird sehr nachdenklich. Es ist doch unfassbar, welche riesigen Kontraste es auf der Welt gibt!

Einfache Wohnhütte aus Materialien der natürlichen Umgebung. Man kann sich vorstellen, dass es ziemlich schwer ist, sich in diesem unebenen Gelände selbstständig mit dem Rollstuhl fortbewegen zu können.

 

Auf der “Hauptstraße” nach Monteagudo: Ein mit Pferden beladener Viehtransporter im Matsch eingesunken.

Die Zeit in Sucre war unglaublich faszinierend und nach einem ganzen Monat Abwesenheit kehrte ich Anfang März schließlich mit einem Rucksack voller neuer Erfahrungen und Eindrücke sowie mit unglaublicher Vorfreude, die Kinder und Jugendlichen sowie Mitarbeiter aus Palliri wiederzusehen, zurück nach EL Alto.

– Fortsetzung folgt-

Bis dann! Liebe Grüße aus dem tagsüber gerade sehr heißen El Alto!

 

Feliz Navidad!

Sonntag, 31. Dezember 2017 von Marianka Rehm

 

Es ist Ende Dezember und so langsam hat sich auch das Jahr in Palliri dem Ende zugeneigt. Da die Sommerferien bereits begonnen hatten und somit keine Hausaufgaben und Schularbeiten mehr anstanden, war der Palliri-Alltag etwas lockerer und zum Ausklang des Schuljahres, welches hier im Dezember endet, wurden in der vorletzten Woche vor Weihnachten einige Ausflüge unternommen:

 

 

Am Dienstag starteten wir mit dem Besuch eines Schwimmbads. Schon Tage zuvor freuten sich die Kinder und Jugendlichen auf diesen besonderen Tag und immer wieder wurde ich gefragt, ob ich denn auch mitkomme. „Na klar!“ antwortete ich und schließlich war es so weit. Ab ging‘s ins kalte Nass! Dass Kinder schwimmen lernen ist hier keine Selbstverständlichkeit. Doch die Kinder und Jugendlichen waren sehr ehrgeizig und wollten, dass ich ihnen zeige wie man schwimmt. Alle bemühten sich sehr und wir hatten unglaublich viel Spaß miteinander. Auch beim anschließenden Ballspiel (Mädchen gegen Jungs) ging es rund und ich würde behaupten, die Mädels hatten eindeutig mehr Ballbesitz :p Leider verging die Zeit wie im Flug und etwas ausgepowert aber glücklich kamen wir wieder zurück.

 

Palliris Bauernhof: Hühner, Enten, Meerschweinchen, Kühe, Schafe und sogar Lamas haben hier ihr Zuhause.

Nach einem Kinobesuch am Mittwoch, ging es am Donnerstag aufs Land nach Achocalla, welches rund 20 km von La Paz entfernt ist. Hier hat Palliri ein weiteres Zentrum mit einem kleinen Bauernhof. „Schau mal, ein Esel!“ ruft ein kleiner Junge voller Begeisterung und zeigt aus dem Fenster des Busses. Der Ausflug nach Achocalla ist für alle, selbst für die „Profes”, immer etwas Besonderes. Auch ich freue mich jedes Mal aufs Neue, für ein paar Stunden von der Großstadt hier her zu kommen und bemerke dann plötzlich die Stille, die hier herrscht, was ich von der Stadt gar nicht mehr gewohnt bin. Doch nicht nur die Stille, vor allem die unglaubliche Landschaft, welche das Achocalla-Tal umgibt, ist wirklich atemberaubend! Sogar der Illimani, mit 6439 Metern der zweithöchste Berg Boliviens, ist im Hintergrund zu sehen. Mit insgesamt drei Bussen, kamen die Leute der Fußballschule “Zona Joven”, des Zentrums „Delicias” und wir vom Zentrum „Michme“ her und sogleich war das Gelände belebt und wuselte nur so von Menschen. Zuallererst teilten sich alle in Kleingruppen auf und wir pflanzten zusammen neue Bäume. Hier seht ihr ein paar Impressionen davon:

Teamwork: Fleißige Hände beim Bäume pflanzen.

Später wurde Fußball und Volleyball gespielt, Tau gezogen oder einfach nur gemütlich zusammengehockt und geredet. Auch das Küchenteam war mit dabei und so kam selbst das Mittagessen – heute zur Abwechslung im Grünen – nicht zu kurz. Am Nachmittag traten wir müde und zufrieden wieder den Heimweg nach El Alto an.

Uno, ein Spiel, das Menschen auf der ganzen Welt verbindet.

 

Unser Christbaum im Zentrum “Michme” – ist er nicht kreativ? =)

 

Mit einer kleinen Weihnachtsfeier am Freitag wurde das Palliri-Jahr 2017 schließlich abgeschlossen. Im Voraus hatten die Kinder und Jugendlichen Tänze und verschiedene andere Nummern einstudiert und vorbereitet, welche nun vorgeführt wurden. Auch ich durfte gleich zweimal auf der Bühne stehen: Einmal mit „Macarena“, welchen wir mit den 5-8-Jährigen aus unserem Saal vortanzten und ein zweites Mal bei einem traditionellen Tanz mit den „Profes” meines Zentrums, weshalb ich jetzt stolz behaupten kann, schon einmal einen traditionellen bolivianischen Tanz getanzt zu haben :p Anstatt Lebkuchen und „Bredla“, wie das bei uns in der Vorweihnachtszeit so üblich ist, gab es „gelatina“, Popcorn und Sandwiches. Zwar fehlten mir ein wenig die Weihnachtslieder und die für eine Weihnachtsfeier so typische weihnachtliche Stimmung, aber die Kinder und Jugendlichen hatten sich wieder einiges einfallen lassen und den Nachmittag sehr schön gestaltet. Zum Ausklang waren abends alle Mitarbeiter eingeladen und es wurde gegrillt – tja, bei uns ist gerade eben Sommer =)

 

 

Die Weihnachtskrippe mal etwas anders: Gondelkabinen der verschiedenen Teleférico-Linien.

Weihnachten wird hier sehr ähnlich gefeiert wie in Deutschland. In den Wohnzimmern steht ein geschmückter Christbaum (normalerweise aus Plastik und deshalb schon ab Anfang Dezember) und eine Weihnachtskrippe. Traditionell geht am 24. Dezember die ganze Familie zusammen in die Kirche und isst anschließend gemeinsam zu Abend. Um genau 00:00 Uhr gibt es Geschenke. Schon Wochen vor Heiligabend gab es in La Paz unten kaum ein Haus ohne wild blinkende und farbenwechselnde Lichterkette. Die Weihnachtsdekoration fällt hier eindeutig kitschiger aus als in Deutschland. Vor allem in den Teleférico-Stationen wurde an Deko nicht gespart: Jeder freie Platz, selbst die Treppengeländer wurden genutzt um weihnachtliche Motive anzubringen. In fast jeder Station waren Maria, Josef und das Christkind (teilweise sogar zweimal) anzutreffen und selbst die Mülleimer wurden in Weihnachtsmänner verwandelt. Ich muss jedoch sagen, mir gefiel die Deko dort sehr. Typisches bolivianisches Weihnachtsgebäck ist der „Panetón“, ein Weihnachtskuchen mit kandierten Früchten und Rosinen, welcher in der Vorweihnachtszeit an nahezu jedem Marktstand und in jeder „tienda“ angeboten wird.

Heiligabend habe ich dieses Jahr mit meiner bolivianischen Familie gefeiert und ein paar sehr schöne Stunden verbracht. Zwar fehlten mir ehrlich gesagt ein wenig der Schnee und die winterlichen Temperaturen, doch trotzdem war Weihnachten dieses Jahr sehr eindrucksvoll und wunderschön.

 

Zwar kein Schnee, aber immerhin weiß und gefroren :p

Der Panetón darf in Bolivien an Weihnachten in keiner Familie fehlen.

Nun steht auch schon Silvester vor der Türe. Deshalb wünsche ich euch:

Einen guten Rutsch ins neue Jahr 2018! (5 Stunden später rutschen wir hier hinterher :P)

Próspero año y felicidad!                                                                    

 

Auf ins Museum!

Freitag, 27. Oktober 2017 von Marianka Rehm

Vergangenen Freitag war für die 9- bis 13-Jährigen von „Michme“ ein besonderer Tag, denn es stand eine Exkursion ins Musikmuseum von La Paz an. Alle waren sehr gespannt und voller Vorfreude. Die erste kleine Herausforderung stellte das Einsteigen in den Minibus dar, denn insgesamt waren wir 12 Personen, die in den 8-Sitzer passen mussten. Doch schließlich hatte jeder seinen Platz gefunden (zwei davon auf Hockern im Kofferraum :P) und ich bin mir sicher, es hätten auch noch mindestens fünf weitere Personen mit hineingepasst :p

Das Museum war sehr interessant und neben allen möglichen traditionellen und teilweise sehr kunstvoll gestalteten Instrumenten konnte man durch ein Vergrößerungsglas sogar die kleinste Gitarre der Welt bestaunen. Die Kinder waren sehr beeindruckt und nachdem wir alles gesehen und ausprobiert hatten, ging es wieder hoch nach El Alto – ein sehr gelungener Tag!

 

Die Todesstraße

Mittwoch, 25. Oktober 2017 von Marianka Rehm

Ein anderes Mal waren wir (Malin, Isa, ein spanische Ehepaar und ich) in Croico. Das ist eine nordöstlich von La Paz entfernte Stadt in den sogenannten Yungas. Das Klima ist hier sehr warm und tropisch und so liefen wir zur Abwechslung bei über 30 Grad im kurzen T-Shirt herum, konnten Bananenpalmen und andere tropische Pflanzen und Tiere bestaunen.

Blick von Coroico aus in die Yungas

Das Highlight des Tages war die Autofahrt über die Todesstraße, welche lange als die gefährlichste Straße der Welt galt. Nirgendwo sonst in Südamerika fallen die Anden so steil ins Amazonastiefland als hier. Auf einer Strecke von nur 92 km wird ein Höhenunterschied von ganzen 3000 Metern überwunden und man durchfährt fast alle Klima- und Vegetationszonen Südamerikas an einem einzigen Tag. Die Todesstraße ist sehr schmal und besitzt keine Leitplanken. Früher wie heute muss bei Gegenverkehr das von oben kommende Fahrzeug nach links in Richtung des Abgrunds ausweichen, da das von unten kommende Fahrzeug nach einem Stopp am Hang womöglich nicht mehr anfahren könnte. Die Autofahrt ist wirklich spannend und kann für manche sehr nervenauftreibend sein, doch glücklicherweise können wir sagen: „Wir leben noch!“ :p

Die Todesstraße

 

Immer schön links halten…

 

 

Lamas, Vicuñas und Flamingos, soweit das Auge reichen kann!

Mittwoch, 25. Oktober 2017 von Marianka Rehm

In solchen Hütten leben die “Chulpas”

Vor Kurzem holte uns Isa (die Projektleiterin von Palliri und unsere Gastmutter) morgens ab und wir brachen auf zu einem Tagesausflug in den Nationalpark Sajama nahe der chilenischen Grenze. Die Autofahrt führte über den Altiplano, eine Hochebene im Westen Boliviens. Die Menschen, die in dieser weiten und kargen Region leben, werden „Chulpas“ genannt und leben in sehr einfachen Verhältnissen, die für uns heute kaum mehr vorstellbar sind. Meist haben sie kein Fließendwasser und leben ausschließlich von ihrem Vieh und dem, was sie selbst anbauen. Vor allem nachts wird es auf dem Altiplano sehr kalt und es kommt zu Minustemperaturen.

 

 

Außerhalb der Städte zeigt sich Boliviens Natur von ihrer schönsten Seite. Die unberührten und unendlich weiten Landschaften sind einfach wunderschön! Hier ein paar Eindrücke vom Nationalpark:

 

Flamingos!

 

Ein Vicuña

 

Achtung, Lamas unterwegs! :p

 

 

 

Prinzessin der Freundschaft, Prinzessin der Verantwortlichkeit, Prinzessin der Sympathie, …

Sonntag, 22. Oktober 2017 von Marianka Rehm

Hallo ihr Lieben! Auch wenn man das auf 4100 Meter nicht so sehr spürt und eigentlich “an einem einzigen Tag alle vier Jahreszeiten erlebt”, wie mir eine Einheimische einmal erklärte, ist der Winter nun offiziell vorbei und so langsam wird es etwas wärmer. Während bei euch also der Herbst begonnen hat, war hier in Bolivien am 21. September „Dia de la primavera“ (Frühlingsanfang) und gleichzeitig Tag der Freundschaft. Das wurde natürlich kräftig gefeiert. Morgens waren die Kinder vom Kindergarten und der Vorschule an der Reihe. Als Malin (meine Mitbewohnerin und ebenfalls Freiwillige in Palliri) und ich, ausgestattet mit Kamera und Fotoapparat, im Zentrum „Delicias“ eintrafen, waren die Vorbereitungen für die „Krönung von König und Königin“ („Coronación“) in vollen Gängen und der Saal füllte sich langsam mit den Familien der Kinder, welche heute alle mitgekommen waren. Wir wussten nicht genau, was uns bei der Feier erwarten würde, doch das Outfit der Kinder verriet einiges: Alle waren sehr hübsch gemacht, die Mädchen trugen die schönsten Prinzessinnenkleider, die Jungs die schicksten Anzüge. Es war soweit und nach einem kurzen gemeinsamen Gebet begann die Zeremonie:

Nacheinander schritten die Prinzessinnen- und Prinzenpaare über den roten Teppich zu ihren Plätzen. Der Prinz machte (sofern er gerade wollte :p) jeweils einen Knicks und überreichte seiner Prinzessin ein Blume, bevor sich beide setzten und das nächste Pärchen schon bereitstand. Dazu gab es Musik und immer wieder wurden mitgebrachte Snacks herumgereicht. Jede Prinzessin hatte ihren eigenen besonderen Namen. So gab es zum Beispiel die Prinzessin der Liebe, die Prinzessin der Freundlichkeit, die Prinzessin der Verantwortlichkeit oder etwa die Prinzessin der Gelassenheit. Den wortwörtlich krönenden Abschluss der Feier stellte das hereinschreitende Königspaar dar. Dieses durfte sich, begleitet von zwei Rittern, auf den Königsthron (gebaut aus einem Tisch, einem Sofa und schönen Stoffen) Platz nehmen und wurde zunächst feierlich „gekrönt“, also mit Krone, Zepter und Umhang ausgestattet. Anschließend versammelten sich alle Paare in der Mitte und zum Ausklang der Feier wurde zusammen getanzt. Auch wenn die Zeremonie für manche etwas kitschig erscheinen mag, war es ein wirklich schönes und fröhliches Fest und mal was ganz Neues für mich, den Frühling und die Freundschaft auf diese Art zu feiern =)

 

 

Schon von Weitem konnte man sehen: Hier wird gefeiert!

 

Das gekrönte Königspaar auf seinem Thron

 

Leckere Kombi: “gelatina”, Käse und Chips :p

Später hieß es für uns: Abbauen und auf zum Zentrum „Michme“! Hier sollte nämlich am Abend gefeiert werden. Die Feier der Größeren lief etwas anders ab. So traten die Gruppen der verschiedenen Zentren Palliris gegeneinander an und mussten sich in Sachen Tanz, Kreativität des Kostümes beziehungsweise des Beitrags, sowie mit dem Vortrag eines Frühlingsgedichts beweisen. Malin und ich hatten die Ehre, Teil der Jury sein zu dürfen und die Beiträge zu bewerten, was sich wirklich nicht einfach gestaltete, da jede Aufführung einzigartig war und sich alle etwas ganz Besonderes ausgedacht hatten. Am Ende gab es dann aber doch zwei, die für ihre Gruppe am meisten Punkte eingesammelt hatten und zum Königspaar 2017 gekrönt wurden. Herzlichen Glückwunsch! 

Malin und ich mit dem Königspaar 2017 =)

 

Der dekorierte Saal

 

Blick vom Jurytisch aus :p

 

Viele traditionelle Kleider und Tänze gab es zu bestaunen, was ich sehr spannend fand =)

 

 

Die “Wiphala” – bunte Vielfalt und Gleichheit

Mittwoch, 18. Oktober 2017 von Marianka Rehm

Seit 2009 hat Bolivien offiziell zwei Nationalflaggen: Eine in den Nationalfarben „rot-gelb-grün“ und die sogenannte „Wiphala“. Diese ist die Flagge der indigenen Bevölkerung, denn die Mehrheit der Bolivianer hat indigene Vorfahren. Die vielen bunten Quadrate stehen für die Vielfalt und Gleichheit der verschiedenen Bevölkerungsgruppen, die hier zusammenleben. Ob an wichtigen Gebäuden, Plätzen oder Uniformen, stets treten die beiden Flaggen gemeinsam auf.

 

Die beiden bolivianischen Nationalflaggen an einem Regierungsgebäude in La Paz

Insgesamt gibt es in Bolivien 36 verschiedene Volksgruppen, die je ihre eigene Sprache haben. Zu den offiziellen Amtssprachen zählen neben Spanisch auch Quechua, Aymara und Guaraní. Diese werden deshalb auch in der Schule unterrichtet.

Die Zahlen von 1 bis 10 auf Aymara (Plakat in “Michme”)

 

 

Palliri – für Integration und Bildung

Mittwoch, 18. Oktober 2017 von Marianka Rehm

El Alto ist eine ständig wachsende Millionenstadt, denn in der Hoffnung auf bessere Lebensbedingungen, Bildungs- und Arbeitsperspektiven ziehen immer mehr Menschen vom Land in die Stadt. Das ist der Grund, warum in El Alto Menschen von vielen verschiedenen Volksgruppen zusammenleben. Doch auch das Leben hier gestaltet sich nicht immer einfach. So schämen sich viele etwa für ihre Herkunft und sind hin- und hergerissen zwischen ihrer eigenen Identität und der modernen Lebensweise in der Stadt. Unter den Problemen leiden leider nicht selten auch familiäre Strukturen.

Die Fundación Palliri kümmert sich um genau diese Menschen und setzt sich zum Beispiel für gesellschaftliche Integration und schulische Bildung für benachteiligte Kinder und Jugendliche ein. Wegen der familiären Atmosphäre ist Palliri für viele wie ein zweites Zuhause. Kurz gesagt ist das Ziel der Fundación, wichtige Werte zu vermitteln und die Kinder und Jugendlichen stark fürs Leben zu machen.

Palliri ist sehr groß und vielseitig und besteht aus mehreren Zentren. Dazu zählen ein Kindergarten, zwei Zentren, in welchem Schulkinder betreut werden (eines davon ist „Michme“), eine Fußballschule und eine Nähwerkstatt. Dort werden Kleider (mitunter edle Abendkleider) hergestellt, welche in zwei projekteigenen Boutiquen in La Paz verkauft werden.

Die Fundación Palliri war Beispielprojekt der Sternsingeraktion 2016. Deshalb war sogar der bekannte deutsche Reporter Willi Weitzel schon einmal hier, um den damaligen Sternsingerfilm zu drehen. Der Film ist meiner Meinung nach sehr eindrucksvoll und echt empfehlenswert:

https://www.youtube.com/watch?v=JW8S5DPhjfc

 

 

Wie schnell die Zeit verrennt…

Dienstag, 17. Oktober 2017 von Marianka Rehm

Ich kann gar nicht glauben, dass ich nun schon über zwei Monaten hier in Bolivien bin. Die Zeit vergeht einfach unglaublich schnell. Jedenfalls habe ich mich sehr gut eingelebt und fühle mich echt wohl hier. Auch die Leute im Projekt sind unglaublich nett und die Arbeit dort bereitet mir sehr viel Freude! Im Folgenden werde ich einen kleinen Einblick in meinen Arbeitsalltag geben:

„Michme“, so wird das Zentrum genannt, in welchem ich arbeite, ist ein Zentrum, in welchem Kinder und Jugendliche von 4 bis 18 Jahren vor beziehungsweise nach der Schule betreut werden. In „Michme“ können sie ihre Hausaufgaben machen, gemeinsam Freizeit verbringen und erhalten täglich Mahlzeiten wie Frühstück, Mittagessen und Tee am Nachmittag. Außerdem finden rund ums Jahr auch außerhalb des Zentrums verschiedene Aktionen statt.

Nach einer kurzen Minibusfahrt und Fußmarsch am Morgen komme ich in „Michme“ an und betrete den Saal der 9-12-Jährigen. Sobald ich bemerkt werde, rennen die Kleinsten (zwischen 4 und 8 Jahre alt) auf mich zu und rufen „Marianka!“. Nach dieser freudigen Begrüßung setzen auch sie sich wieder an ihren Platz und machen durch das vorausgegangene Frühstück gestärkt ihre Hausaufgaben. Meine Aufgabe ist es, sie dabei zu unterstützen. Der Saal wird betreut von Tania, der Leiterin von „Michme“. Sie ist echt nett und hat mich sehr lieb als ihre Assistentin aufgenommen =)

Nachdem die Hausaufgaben alle erledigt sind, steht Freizeit auf dem Tagesplan. Dann gehen meist alle nach draußen und wir spielen zusammen solange Fußball bis plötzlich irgendjemand ruft: „A la sala!“. Um 12.30 wird gemeinsam Mittaggegessen. Dieses ist wirklich lecker! Zubereitet wird es von zwei sehr sympathischen Frauen, die tagtäglich in der Küche von „Michme“ stehen und liebevoll die Mahlzeiten für die Kinder zubereiten.                                                                                
Nun findet ein fliegender Wechsel statt: Diejenigen Kinder und Jugendlichen, die morgens im Projekt waren, gehen mittags zur Schule. Andere waren morgens in der Schule und trudeln nun bis ca. 14.00 zum Mittagessen ein. Zuständig bin ich jetzt für die 5- und 6-Jährigen. Hat jedes Kind den Teller leergegessen und seine Zähne geputzt, geht es auch für sie an die Hausaufgaben. Später dürfen sie nach draußen zum Spielen oder wir gehen gemeinsam in die sogenannte „Ludotheca“. Dort können sich die Kinder austoben, aber auch Lern- und Brettspiele machen. Ein weiteres Highlight ist freitags ab und zu der Besuch des Fernsehraums, wo zur Einstimmung aufs Wochenende ein Film gezeigt wird.

Bevor um 17.00 Uhr alle nach Hause gehen, gibt es schließlich nochmal eine kleine Stärkung (meist Kaba oder Tee mit Keksen, Brötchen oder auch Obstsalat).

So ungefähr sieht mein Tag in Palliri aus. Die Arbeit ist sehr vielseitig und macht echt Spaß! Die Kinder sind meist sehr neugierig auf mein Herkunftsland Deutschland =)

Tagesablauf in “Michme”

 

Der Saal der 5- und 6-Jährigen

 

Im Computerraum haben die Schüler und Schülerinnen von Palliri die Möglichkeit, sich mit modernen Medien zu informieren. Die hinten liebevoll eingerichtete Ecke erinnert die Kinder und Jugendlichen an ihre Herkunft und Identität, denn viele der Familien in El Alto kommen ursprünglich vom Land.

 

Noch ist der Hof leer und drinnen werden fleißig Hausaufgaben gemacht, doch das ändert sich gleich und es wird zusammen Fußball gespielt.

 

 

Kleine Stärkung bevor alle nach Hause gehen

 

 

Zebras in Sicht!!

Dienstag, 17. Oktober 2017 von Marianka Rehm

Nanu, wer hat sich denn da verirrt? – Ein Verkehrszebras in El Alto

Nein, um dieses Foto zu machen, war ich nicht etwa im Zoo… ein solches Bild ist in La Paz und El Alto völlig alltäglich. Logischerweise gibt es in den beiden Großstädten ein ziemlich großes Verkehrsaufkommen und manchmal kann es dabei ganz schön chaotisch sein. Genau deshalb kam vor mehreren Jahren die Idee mit den Zebras als Verkehrshelfer auf. Hier stellt ein Zebra mit einem roten Stoppschild in der Hand sicher, dass bei roter Ampel auch wirklich jedes Fahrzeug anhält, dort hilft ein Zebra einer älteren, schwer bepackten Dame über die Straße. So arbeiten diese Tiere hier Tag für Tag, sorgen für mehr Sicherheit im Straßenverkehr und zaubern mit ihrer Art ganz nebenbei ein Lächeln auf die Gesichter der Passanten =)

 

Minibusse, das wohl wichtigste Verkehrsmittel überhaupt

Nachdem ich letztes Mal vom Teleférico, der Seilbahn mitten in La Paz/ El Alto, erzählt habe, stelle ich Euch heute das wohl wichtigste Verkehrsmittel überhaupt vor: den Minibus.

Man stelle sich an den Straßenrand und warte bis ein Minibus mit der richtigen Aufschrift vorbeikommt. Diese sind sehr zahlreich unterwegs und stellen gefühlt die Hälfte aller Fahrzeuge dar, die auf der Straße zu finden sind. Kommt der richtige Minibus angefahren, winke man diesen mit einer kurzen Handbewegung heran. Oft, vor allem auch an zentralen Plätzen, wird lautstark und kaum überhörbar die Fahrtrichtung verkündet. Die kräftigen Stimmen, mit denen die Fahrer oder ihre „Assistenten“ beispielsweise „Ceja Ceja Ceja… !“ rufen und dabei kaum atmen zu scheinen, sind echt bewundernswert! Das praktische am Minibus ist, dass man wirklich ein- und aussteigen kann, wo man möchte. Das Fahrzeug nimmt also wieder Fahrt auf und sogleich wird man von lautstarker (bolivianischer) Musik umgeben (nicht selten auch vom hier natürlich ebenfalls sehr bekannten Song „Despacito“ :p ).

So wichtig wie etwa das Lenkrad und die Bremse ist für einen Minibusfahrer, aber auch für alle anderen, die Hupe. Diese ist kaum wegzudenken und wird einfach immer benutzt, was dann meistens ungefähr so viel bedeuten soll wie „Achtung, aus dem Weg, jetzt komme ICH!“ :p Dies gilt insbesondere auch an Kreuzungen, denn wer meint, hier gebe es ein Rechts vor Links (Verkehrsschilder gibt es nämlich in El Alto so gut wie keine), der hat weit verfehlt: Auf die eigene Vorfahrt kann man auch einfach mit einem Hupen aufmerksam machen. Dass man dennoch nicht durchgehend rast, sind gefühlt alle paar Meter Erhebungen in die Straße eingebaut, vor denen alle Fahrzeuge abbremsen müssen, um diese passieren zu können. Der Straßenverkehr in einer bolivianischen Großstadt ist wirklich höchst interessant, aber das Allerwichtigste: Es funktioniert!

Vor kurzem war hier „Tag des Fußgängers“ und offiziell blieben für 24 Stunden (zumindest fast) alle Autos und sonstige Fahrzeuge stehen. Bei einem Spaziergang durch die Stadt bemerkte ich, wie ruhig es im Vergleich zu sonst war. Tatsächlich waren viele Fußgänger und auch Fahrradfahrer unterwegs. Auf einmal wurde es sogar so still, dass es für kurze Zeit so schien, als würde die Stadt den Atem anhalten…