Ein riesiger blau-weisser Vulkan aus Wut bricht aus

Hallo alle zusammen,

seit Langem habe ich mich nicht mehr gemeldet. Es ist sehr viel passiert. Ich kann nicht sagen, wo mir der Kopf steht, weil sich von einem Tag zum anderen alles verändert hat. Erinnert ihr euch noch, dass ich euch das letzte Mal gebeten habe, für Nicaragua zu beten?! Ja, das ist wichtig, denn es ist zurzeit das Einzige, was ich machen kann. Beten.

Seit dem 18.April ist Nicaragua im Ausnahmezustand. Naja, das ist ein Wort, das eigentlich überhaupt nichts ausdrückt. Ich glaube, ich muss von vorne anfangen, soweit das geht, damit ihr ein bisschen verstehen könnt, was passiert.

Das zentralamerikanische Land wird seit vielen Jahren von einer linksgerichteten Partei, der FSLN, regiert. Diese hat vor allem in der nicaraguanischen Revolution eine zentrale Rolle gespielt und so viel ansehen erlangt. Nachdem 1979 die Somozas, die gestürzte Diktatorfamilie, floh, übernahmen sie die Macht, erbauten Schulen, teilten Land neu auf und stärkten Frauenrechte. Bei den ersten freien Wahlen 1984 wurde Daniel Ortega zum Präsidenten gewählt. Dieser ist auch heute noch an der Macht (nur einige Jahre musste er diese abgeben). Ganz so einfach ist es aber nicht. Schon lange wird er nicht mehr von der Bevölkerung unterstützt. Bereits 2011 hätte er nicht wiedergewählt werden dürfen, da ein Gesetz besagte, dass ein Präsident nur einmal wiedergewählt darf. Ortega änderte kurzerhand die Verfassung und gewann die Wahlen. Gemeinsam mit seiner Frau und Vizepräsidentin Rosario Murillo leitet er Nicaragua noch immer. Dabei werden Menschenrechte immer wieder mit den Füßen getreten. Es existiert eigentlich kaum noch ein Demokratiebewusstsein in dem Land. Bekannte haben mir einmal erzählt, lieber gingen sie gar nicht wählen, als dass ihre Gegenstimme von der FSLN herausgenommen und eine für die Partei hereingeschmuggelt würde.

Am 18. April jedoch ist etwas passiert, womit niemand gerechnet hat. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder einige Tage Aufstände. Zum Beispiel gegen das Gesetz 840 zum Bau des Nicaraguakanals oder gegen die Wiederwahl Ortegas 2011. Doch sie dauerten nie lange an. In diesem Jahr kam es anders.

Eine geplante Rentenreform (INSS) ließ Menschen auf die Straßen gehen. Während die monatlichen Abgaben deutlich erhöht wurden, sollten Auszahlungen an Rentner gekürzt werden. Vor allem Studenten demonstrierten. Es kam vom einen Tag auf den anderen zu Ausschreitungen. Ich erinnere mich, wie mir meine Vermieterin erzählte, Managua wäre komplett zu. Irgendwie waren alle überrascht. Doch es ging ein Ruck durch Nicaragua. Bald gab es in jeder Stadt Versammlungen. Die sozialen Netzwerke waren voll mit Aufrufen zu Demonstrationen. Doch diese blieben nicht lange friedlich. Zuerst gab es Verletzte, dann Tote. Militär, Polizei und paramilitärische Gruppen, schossen auf Menschen und gaben später eben diesen die Schuld. In einer Rede der Vizepräsidentin sprach sie von „Minderheiten“, die auf die Straßen gehen würden. Doch statt die Bevölkerung einzuschüchtern, kamen immer mehr Menschen auf die Straßen. Ortega machte die Reform rückgängig, um das Land ein bisschen zu beruhigen, doch schon lange ging es nicht mehr darum. Das Ziel vieler ging weiter: Ortega und Murillo sollten zurücktreten. Diese baten um einen Dialog zwischen verschiedenen Gruppen des Landes. Die Nicaraguanische Bischofskonferenz erklärte sich bereit, als Mediator und Zeuge zu dienen, doch es dauerte fast einen Monat, bis es zur ersten Sitzung kam. Währenddessen gab es immer mehr Tote, Supermärkte wurden geplündert, Märkte geschlossen. Die Zahl an Vermissten steigt jeden Tag weiter. Um auf die Regierung Druck auszuüben, kommt es im ganzen Land zu Straßensperrungen, die nur in bestimmten Zeiträumen aufgehoben werden, damit bei der Bevölkerung noch Essen ankommt. Doch die Regale der Supermärkte sind leer. Reis und Bohnen, also Grundnahrungsmittel, sind kaum noch zu finden. Alle Preise steigen an, während viele Menschen bereits ihre Arbeit verloren haben. Als am 16.Mai die erste Sitzung des Dialoges begann, war die Situation bereits sehr verstrickt. Keiner wusste mehr genau, was passiert. Da die meisten Medien der Regierung gehören oder zumindest regierungsnah sind, gibt es nur wenige Quellen, um zuverlässige Informationen zu bekommen (Dazu gehören „La Prensa“ und „100 noticias“, doch auch diese werden in ihrer Arbeit gestört, Kameras eingesammelt und Journalisten bedroht). Am ersten und einzigen Tag, an dem alle eingeladenen Personen und Gruppierungen am Tisch des Dialoges erschienen, wurde deutlich, dass nur sehr wenige Menschen noch immer das Präsidentenpaar unterstützen. Lester Aleman, Vertreter der Studenten, sagt wörtlich „Esta no es una mesa de diálogo. Es una mesa para negociar su salida y lo sabe muy bien porque el pueblo es lo que ha solicitado.”  „Das ist kein Tisch des Dialoges. Es ist ein Tisch, um Ihren Rücktritt zu verhandeln. Und das wissen Sie sehr gut, denn das Volk hat das verlangt.“ Er war nicht der Einzige, der so deutlich spracht und es spiegelt die Haltung der Bevölkerung wieder. Bereits zum nächsten Treffen erschien das Präsidentenpaar nicht mehr. Die Delegation der Regierung kam mit drei Stunden Verspätung und ging auf keinerlei Vorschläge ein. Mittlerweile wurde der Dialog von Seiten der Regierung abgebrochen, da es „zu keiner Lösung gekommen sei“

Und so ist die Lage in diesem wunderschönen Land noch immer unglaublich angespannt und wird von Tag zu Tag schwieriger. Schulen bleiben geschlossen und Eltern schicken Kinder nicht mehr auf die Straßen, weil sie Angst haben, dass sie nicht lebend wieder kommen. Nach langem Bitten durfte die CIDH (Comisión interamericana de derechos humanos), die Interamerikanische Menschenrechtskommission, für ein paar Tage ins Land und auch Amnesty International ermittelt wegen Menschenrechtsverletzungen.

Ich jedoch weiß nicht, wie es weiter gehen soll, denn obwohl wir alle hoffen, ist eine Besserung zurzeit nicht wirklich in Sicht.

Daher bitte ich euch noch einmal: Betet mit mir für dieses einst wunderschöne Land, das immer mehr in Angst und Schrecken versinkt. Denn das ist das Einzige, was wir tun können.

In dem Sinne schicke ich euch traurige Grüße

Bis sehr bald

Lea