Der Teufel ist los – Carnaval in Oruro

23. Apr 2018 | von | Kategorie: Aktion Dreikönigssingen, Freiwillige 2017/2018, Marianka Rehm in Bolivien

Hallo Ihr Lieben!

Der Countdown läuft! Mit Moosgummihüten und -krawatten dekoriert stehen alle gespannt auf ihren Stühlen, die Aufregung ist sichtlich zu spüren: 10, 9, 8, 7, …, 3, 2, 1, 00:00!! Eine Traube, zwei Trauben, drei Trauben, … zwölf Trauben! – je Glockenschlag eine Traube, schnell die Reisetasche packen und ab nach draußen, eine Runde ums Haus rennen, zählen wie viele (Spiel-)geldscheine man auf die Hand bekommen hat und schließlich entspannt zum Himmel blicken, um das Feuerwerk zu beobachten. So bin ich Anfang Januar zusammen mit meiner bolivianischen Familie und zwei Freundinnen ins neue Jahr 2018 gestartet. Man kann sich sicherlich vorstellen, dass die Stimmung vor allem bei unseren diversen Neujahrsritualen ausgezeichnet heiter war. Selbst die Farbe der Unterwäsche ist hier an Silvester äußerst bedeutend. Schon Tage zuvor wird an den Marktständen der Stadt gelbe (Geld) oder rote Unterwäsche (Liebe) angeboten. Na wenn wir nach all diesen Ritualen mal kein Glück haben werden… :p

Im Januar waren immer noch Sommerferien und die Zentren Palliris geschlossen. Da die meisten Menschen aus El Alto ursprünglich vom Land kommen, nutzen viele Familien die Schulferien, um für ein paar Wochen in ihre Heimat auf dem Land zurückzukehren und sich zum Beispiel auch um Angehörige zu kümmern, die noch dort leben. In Palliri wurde die freie Zeit dafür genutzt, um die verschiedenen Zentren wieder startklar fürs neue Schuljahr zu machen. Tagelang wurden Wände neu gestrichen, Lebensmittel ins Lager einsortiert, geputzt und alles wieder auf Vordermann gebracht.

 

Zwischenseminar in Santa Cruz

Noch ehe Anfang Februar die Schule wieder begann und ich erneut in den Palliri-Alltag einsteigen konnte, ging es für mich mit einer 17-stündigen Busfahrt von El Alto nach Santa Cruz, von 4100 auf 437 Höhenmetern und vom rauen Andenklima hinein in die Tropen zum Zwischenseminar. Es war schön, nochmals andere Freiwillige vom südamerikanischen Kontinent zu treffen und sich auszutauschen. Gemeinsam haben wir spannende Themen besprochen und interessante kulturelle Rätsel gelöst. Ganz ungewohnt war dabei, eine Woche lang fast ausschließlich Deutsch um sich herum zu hören und zu sprechen. Mit täglich über 30 Grad, Freibad nebenan und kurzer Hose fühlte sich die Woche für mich ein wenig wie Urlaub an und einmal mehr wurde mir bewusst, wie unglaublich vielfältig und unterschiedlich die verschiedenen Regionen Boliviens sind – von den Anden bis zum Urwald ist alles dabei. Im Gegensatz zu El Alto, wo Ameisen meine einzigen tierischen Mitbewohner darstellen, kann einem in Santa Cruz neben allerlei Mücken und Krabbeltieren schon einmal ein Skorpion begegnen oder ein kleiner Gekko, welcher sich im Schuh verkrochen hat. Es wird sogar gesagt, dass sich selbst der Charakter der Menschen zwischen dem Hoch- und Tiefland unterscheidet. Demnach sollen diejenigen in niedriger gelegenen Teilen offener und lebhafter sein, als jene im Hochland, die, geprägt vom rauen Klima, eher verschlossener seien. Ob das wohl stimmt? Durch meine Erfahrungen kann ich diese Theorie jedenfalls nicht wirklich bestätigen.

 

 Oruro – Folklorehauptstadt Boliviens

Zur Karnevalszeit befindet sich ganz Bolivien für ein paar Tage im Ausnahmezustand. Die Geschäfte sind geschlossen und leider wird während dieser Zeit oft sehr viel Alkohol konsumiert. Da direkt im Anschluss an das Seminar das Faschingswochenende stattfand, machte ich mit ein paar anderen Freiwilligen einen kleinen Abstecher nach Oruro, der Karnevalshauptstadt Boliviens. Einmal im Jahr erwacht die ansonsten eher unbedeutende Stadt zum Leben und es ist wortwörtlich der Teufel los, denn laut Legende wird dann der Teufel „Wari“ von der Göttin Ñusta vertrieben und aus der Stadt gejagt. Der Carnaval von Oruro ist eine Vermischung von Riten indigener Religionen mit christlichem Brauchtum und ist deshalb sehr traditionell. An den beiden Haupttagen Samstag und Sonntag finden jeweils von morgens früh bis weit nach Mitternacht kilometerlange und unendlich erscheinende Umzüge statt und mit farbeprächtigen und gigantischen Kostümen ziehen die riesigen Tanz- und Musikgruppen an den Zuschauern vorbei – ein unfassbares Spektakel! Jede Gruppe tanzt dabei, gekleidet in der jeweils typischen Tracht, einen anderen der über 18 verschiedenen traditionellen bolivianischen Tänzen wie etwa Diablada, Morenada oder Caporal.

 

 

 

E.T.I. Sucre

Im E.T.I ist alles barrierefrei eingerichtet

Nach dem Besuch in Oruro ging es für Jakob, den anderen Bolivienfreiwilligen des Kindermissionswerks, und mich noch nicht zurück nach El Alto, sondern in die bolivianisch Hauptstadt Sucre ins Projekt E.T.I. (Escuela Taller Integración), von wo aus wir für das Kindermissionswerk berichten durften. Das E.T.I. (auf Deutsch etwa „Integrative Schule und Werkstatt“), ist ein Projekt, welches Kinder und Jugendliche mit Behinderung betreut und fördert. Fast drei Wochen lang durften wir zusammen mit den Bewohnern der sogenannten “residencia”, dem Wohnheim des E.T.I. zusammenleben und in ihren Alltag schauen. Morgens halfen wir in der ersten und zweiten Klasse der dazugehörigen inklusiven Schule mit, in welcher Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung gemeinsam unterrichtet werden. Mittags unterstützten wir die Leiterin der Hausaufgabenbetreuung und später ging es meist auf den Sportplatz zum Fuß- oder Rollstuhlbasketball.

Schulsport einer Klasse der inklusiven Schule des E.T.I

 

Eines Morgens hieß es dann: Auf nach Monteagudo! Das ist eine Stadt im Südosten Boliviens, welche den Ausgangspunkt darstellte, um zwei Bewohnerinnen der residencia abzuholen, die die Ferien bei ihren Familien auf dem Land verbracht hatten und nun wieder für ein Jahr nach Sucre ins E.T.I zogen, um zur Schule gehen beziehungsweise in der Nähwerkstatt arbeiten zu können und dabei unterstützt zu werden. Mit einer sieben stündigen Fahrt auf größtenteils unasphaltiertem einspurigem Schotterweg ging es hinein in den sogenannten „Chaco“, eine tropische und sehr grüne Region Südamerikas. Vorsichtig manövrierte der Fahrer den Geländewagen über den teilweise matschigen und äußerst rutschigen Untergrund. Die Strecke war gezeichnet von den starken Regenfällen der vorherigen Wochen und so kam es nicht selten vor, dass wir vom Hang gelöste Steine auf die Seite räumen und kleine Flüsse durchqueren mussten. Von Monteagudo aus ging es am Folgetag jeweils drei Stunden noch tiefer in den „Chaco“ hinein. Ich konnte kaum glauben, hier, mitten im „Nichts“, plötzlich wieder auf Zivilisation zu stoßen. Natürlich wusste und weiß ich, dass die Menschen auf dem bolivianischen „campo“ (auf dem Land) in sehr einfachen und ärmlichen Verhältnissen leben, doch wenn man plötzlich eine Familie kennenlernt, mit ihr zusammen in deren nur spärlich beleuchteten Hütte sitzt, sich mit ihr unterhält und sich vorstellt, wie es ist, hier zu leben, ist das nochmal etwas anderes und man wird sehr nachdenklich. Es ist doch unfassbar, welche riesigen Kontraste es auf der Welt gibt!

Einfache Wohnhütte aus Materialien der natürlichen Umgebung. Man kann sich vorstellen, dass es ziemlich schwer ist, sich in diesem unebenen Gelände selbstständig mit dem Rollstuhl fortbewegen zu können.

 

Auf der “Hauptstraße” nach Monteagudo: Ein mit Pferden beladener Viehtransporter im Matsch eingesunken.

Die Zeit in Sucre war unglaublich faszinierend und nach einem ganzen Monat Abwesenheit kehrte ich Anfang März schließlich mit einem Rucksack voller neuer Erfahrungen und Eindrücke sowie mit unglaublicher Vorfreude, die Kinder und Jugendlichen sowie Mitarbeiter aus Palliri wiederzusehen, zurück nach EL Alto.

– Fortsetzung folgt-

Bis dann! Liebe Grüße aus dem tagsüber gerade sehr heißen El Alto!

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