Karwoche mal anders – eine Nation feiert Ostern

21. Apr 2018 | von | Kategorie: Freiwillige 2017/2018, Lea Feldhaus in Nicaragua

Hallo alle zusammen,

Perdón Señor te pido. Pequé mi Dios pequé. – Ich bitte dich, Herr, um Vergebung. Ich habe gesündigt, mein Gott.

Das hörte man vor einigen Wochen in ganz Juigalpa und Nicaragua auf den bunt geschmückten Straßen. An jeder Ecke ein kleiner Altar mit Kreuz, Bild und Kerze. Und wieso?

Na, das ist ja wohl klar: Es war Semana Santa, also die Karwoche.

Bereits am Palmsonntag ging es mit einem Palmumzug und einem Ritt auf dem Esel symbolisch los. Aus dem Einzug in Jerusalem wurde ein Einzug in Juigalpa. Immerhin beginnen die beiden Städte mit dem gleichen Buchstaben. Auf einem kleinen Lastwagen wurden Palmzweige ausgegeben, die in allen Formen verknotet wurden. Selbst der Bischofsstab wurde aus den gesegneten Pflanzenteilen gebunden.

In der folgenden Woche verbrachte ich viel Zeit in der Kirche. Die Pfarrer predigten, man solle diese heilige Zeit doch mit Jesus verbringen und ihn auf seinem letzten Weg begleiten, statt mit seiner Familie im Schwimmbad zu sitzen und es sich gut gehen zu lassen. Denn die Karwoche ist die heißeste Zeit im Jahr und das wird fleißig genutzt. Wenn man schon mal Ferien hat. Nichts destotrotz waren abends die Kirchenbänke voll, die Reihen vor den Beichtstellen waren lang und es schien, als würde das ganze Land in die Kirchen zurückkehren.

Gründonnerstag fanden das letzte Abendmahl und die Fußwaschung statt. Dabei fiel mir besonders auf, dass nur Männer vorne am Altar saßen. Doch meine Arbeitskollegin meinte, es seien die letzten Jahre auch Frauen dabei gewesen.

Eine Gruppe von rund dreißig jungen Erwachsenen spielte die Passion Christi an den Stationen nach

Den absoluten Höhepunkt der Woche fand sich im Karfreitag. Dieser begann für mich offiziell um neun Uhr mit dem Kreuzweg. Bereits zuvor habe ich von einem Freund Respektsbekundungen bekommen: „Wow, wenn ihr das überlebt, dann werde ich das nie vergessen!“ Wie komisch. Ist doch nur ein Kreuzweg. Im Nachhinein weiß ich, was gemeint war… Pünktlich um 9:17 Uhr kamen meine Bekannte und ich an der Kathedrale an und beobachteten, wie die Prozession durch die Haupttüren nach draußen kam: Zwei übermann große Figuren von Jesus und Maria wurden von je acht bis zehn Menschen getragen (das Militär musste kommen, um die Lektoren immer wieder abzulösen…), es folgten Schauspieler, Lektoren, Gemeinde und Priester/Bischof, sodass der Umzug sehr groß wurde. Dementsprechend langsam bewegte er sich auch. Für mich war es spannend, die verschiedenen Menschen zu beobachten. Zum Beispiel all jene, die barfuß und mit zugebundenen Augen die gesamten vier Stunden mitgelaufen sind. Geführt von einer Person an ihrer Seite. Barfußlaufen ist in Nicaragua eigentlich sehr verpönt. Und aus Erfahrung kann ich sagen, es tut auch sehr weh, da die Straßen doch deutlich heißer sind, als in der deutschen Julisonne. Meine Begleiterin erklärte, dass einige Menschen auf diese Art und Weise um Vergebung der Sünden bitten, oder vor einiger Zeit um etwas gebeten haben (zum Beispiel Gesundheit einer Person etc.) und im Gegenzug versprachen, jedes Jahr den Kreuzweg so mitzugehen.

Jede Station wurde von einer Gruppe von rund dreißig Jugendlichen und Erwachsenen dramaturgisch unterlegt. Es ist ein großer Unterschied, die Passion in der Bibel zu lesen, sie in der Kirche zu hören oder so auf der Straße zu sehen. Crucifícalo-Schreie (Kreuzigt ihn) und Peitschenschläge zwischen den Stationen. Ein stürzender Jesus, der ohne irgendeinen Schutz ausgeliefert ist an die Soldaten. Eine Mutter, die ihrem Sohn beim Sterben zusehen muss. All das hat mir eine unglaubliche Gänsehaut auf die Arme gezaubert (bei 38 Grad schon ein Kunststück). Obwohl ich mich in der Woche eigentlich gar nicht so österlich gefühlt habe, wurde mir in diesen vier Stunden und der anschließenden Messe noch einmal ganz anders bewusst, was vor 2000 Jahren in Jerusalem geschehen ist. Als wir um drei doch wieder zu Hause waren, führte kein Weg an einem Mittagsschlaf mehr vorbei.

Man beachte das Größenverhältnis Mensch – Figur…

Jesus fällt zum ersten Mal

Für die letzte Station wird symbolisch der Sarg Jesu in die Kathedrale gebracht

Die Osternacht fand bereits am Samstag um sieben Uhr nachts statt. Das Osterfeuer wurde auch hier gesegnet und die Messe war sehr ähnlich wie Deutschland. Trotzdem habe ich mich anders gefühlt. Dieses Jahr kein Weihrauchfassschwenken von meiner Seite, keine Glocke, die in der Schlaftrunkenheit des frühen Morgens umgeworfen wurde…. Das ändert irgendwie einiges. Der große Vorteil der Messe Samstagabend zeigte sich am nächsten Tag. Der Pfarrer, der die gesamte Woche eigentlich nur in der parroquia verbrachte, wollte auch nicht mehr, sagte spontan die Abendmesse ab und wir fuhren zu zwölft an den nahen Fluss, um die Wärme zum Schwimmen zu nutzen. Wobei man das in Anführungszeichen setzen müsste, denn viele Nicaraguaner können nicht schwimmen, obwohl es in ihrem Land so viele Möglichkeiten gibt. Aber Spaß hat diese Primäre auf jeden Fall gemacht.

Auch im Centro waren die Ferien deutlich zu spüren. Als wir am Montag wieder anfingen zu arbeiten, war eine Rundumentstaubung nötig und so blieben die Kinder frühs zu Hause, damit wir alles wieder auf Vordermann bringen konnten. Auch nachmittags waren wenige Leute da. Denn viele Kinder haben den ersten Schultag blau gemacht und sind ein letztes Mal ins Schwimmbad gefahren.

Doch spätestens ab Dienstag sind wieder alle zurück. Dank einer ganzen Menge Schokolade, die ihren Weg aus Deutschland zu mir gefunden hat, haben auch wir unseren kurzen österlichen Moment gehabt, als alle zusammen ihren Schokoosterhasen essen durften:)

In diesem Sinne grüße ich euch ganz herzlich aus Nicaragua und besonders aus Juigalpa, Chontales

Un abrazo fuerte – eine dicke Umarmung

Eure Lea

 

P.S.: Seit Mittwochabend gibt es in einigen Teilen des Landes politische Unruhen. Einige Unis sind geschlossen, es gibt viele Demonstrationen, die zum Teil eskalieren. Juigalpa ist friedlich. Trotzdem bitte ich euch, dieses Land mit ins Gebet zu nehmen und um den Frieden zu bitten.

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