Ein Abschied auf unbekannte Zeit

12. Mrz 2018 | von | Kategorie: Freiwillige 2017/2018, Lea Feldhaus in Nicaragua

Hallo ihr Lieben,

Was bedeutet es eigentlich, wenn man von Abschied spricht? Ist es ein „nicht mehr wiedersehen“? Oder eher ein „Ich kenne dich nicht mehr, obwohl du mir gegenüber stehst“? Ist es für immer oder nur vorübergehend? Gibt es einen Weg, das Geschehene rückgängig zu machen oder muss man es akzeptieren? Und gibt es den einen Weg wie man „Tschüss“ sagt?

Das sind Fragen, die mir immer wieder in den letzten Tagen und Wochen in den Kopf gekommen sind. Eigentlich hatte ich gehofft und gedacht, mich bis Juli nicht mit dem Thema Abschied auseinandersetzen zu müssen. Doch ich habe nicht bedacht, dass es unzählige Arten von Verabschiedungen gibt. Und man weiß nie richtig, wie es kommt. Auf einmal wird es Zeit, Abschied zu nehmen und ich kann euch versichern, obwohl ich wusste, dass dieser Moment kommen wird, so war ich doch überfordert.

Wieso schreibe ich das alles nieder? Vor einiger Zeit ist eine nahe Verwandte gestorben. Und neben der Tatsache, dass ich knapp zehntausend Kilometer entfernt von ihrem Heimatland wohne und ich daher nicht zur Beerdigung kommen konnte, kommt auch noch dazu, dass die hiesige Kultur ganz anders trauert als die meinige. Natürlich. Aber für mich war das eine komische Erfahrung. Als ich meiner Mentorin erzählt habe, was passiert ist, war ich von ihrer Reaktion völlig überrascht. Meine „mamá nica“ saget mir ganz trocken ins Gesicht: „Das tut mir leid. Aber ich möchte dich nicht weinen sehen. Du darfst dich heute Abend mal in deinem Zimmer verkriechen, für zehn Minuten. Aber jetzt nicht. Kannst du mir bitte noch das Bild zu Ende zeichnen?“ Das war alles. Was ist da passiert? Ich habe nicht um Mitleid oder etwas Ähnliches gefragt, aber ein bisschen Einfühlsamkeit hatte ich doch erhofft. Schließlich bedeutet Tod ja auch immer ein Abschied auf unbekannte Zeit.

Ein bisschen mehr habe ich das Ganze eine Woche später verstanden. Denn Gott hat seine eigenen Wege. Am Tag der Beerdigung in Deutschland habe ich natürlich viel an meine Familie gedacht. Ich verbrachte den Tag aber in Managua, um – endlich – mein Visum abholen zu können. Gegen elf Uhr rief mich Mar an, um mir mitzuteilen, dass nun auch in Juigalpa eine Anghörige meiner Gastfamilie gestorben sei. Für mich eine sehr komische Erfahrung, war ich in meinen Gedanken noch gar nicht richtig bereit, mich auf etwas derartiges einzulassen. Trotzdem bin so schnell wie möglich zurück, um alle zu unterstützen. Denn hier wird ganz anders getrauert. Stirbt jemand am Morgen des einen Tages, so versammeln sich bereits in der Nacht alle Verwandten und Freunde im Haus des Toten, um sich von ihm zu verabschieden, an ihn zu erinnern und die jeweils anderen zu trösten. In nur vier Stunden werden alle benachrichtigt, die Beerdigung und das Requiem vorbereitet und alle notwendigen Dinge organisiert. Dank der Visumssache kam ich erst spät hinzu, und vielleicht deshalb, aber ich habe am ganzen Abend nur eine Handvoll Personen weinen sehen. Dazu muss man sagen, dass es über hundert Menschen waren. Gemeinsam wurde der erste Rosenkranz gebetet. (Denn es folgt die novena. Neun Tage lang werden im Haus mittags eine Kurzfassung und abends der komplette Rosenkranz gebetet. Als Erinnerung und Geleit des Toten.) Bereits einen Tag später findet die Beerdigung statt. Das ist vorgeschrieben. Und als ich zu meiner Chefin sagte, in Deutschland sei es oft eine Woche später, sah ich ein leicht verwirrtes Gesicht vor mir. Es spiegelte ziemlich genau das wieder, was ich bei den Worten „morgen“ und „Beerdigung“ empfunden habe… Am Freitag also war es so weit. Der Priester hat eine – ziemlich normale – Messe gehalten, den Sarg gesegnet und ist dann gegangen. Denn was am Grab passiert, ist Sache der Familie. In einer Prozession lief die Trauergemeinde bis zum Friedhof. Ich war bereits einige Male vorher an diesem Ort und habe mich gefragt, wieso so viel Beton da ist, aber jetzt verstehe ich es. In kompletter Stille, ohne Gesang, ohne Segen wurden auf das Loch im Boden die Platten gelegt und verputzt. Der Sarg wurde wortwörtlich eingemauert.

In diesem Moment hatte ich das Gefühl, doch irgendwie Abschied nehmen zu können. War ich den Tag vorher nicht in Deutschland, so fühlte es sich ein bisschen so an, als wäre ich es jetzt. Obwohl es natürlich ganz anders war. Aber ich verstand auch auf einmal, was meine Mentorin zu mir sagte. Es ist die Art, hier zu trauern. In nur 24 Stunden „Adiós“ zu sagen, ermöglicht es nicht, es zu realisieren. Denn von einem Moment auf den anderen geht es schnell. So viel ist zu tun, dass die Gefühle manchmal auf der Strecke bleiben und erst viel später, wenn man alleine ist und Ruhe einkehrt, nach oben kommen. Natürlich ist die Stimmung gedämpfter, alle betrübter, doch ich habe auch gemerkt, dass eben viel weniger nach außen gezeigt wird. Trage ich in Deutschland Schwarz als Zeichen der Trauer, so kommen hier auch noch Blau und Weiß dazu. Je nachdem, wie nah du dem Toten stehst und was du ausdrücken möchtest. Weiß als Friedensfarbe ist immer angebracht.

All diese Erkenntnisse und Gedanken haben mich sehr beschäftigt. Ich habe lange überlegt, ob ich sie mit euch teilen soll oder nicht. Aber ich glaube, dass es ebenso Teil meines Freiwilligendienstes in Nicaragua ist wie all die fröhlichen Erlebnisse. Und damit sollte es auch Platz in diesem Blog finden.

Ich schicke euch ganz viele Drücker von hier. Ich denke an euch

LEA

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