Lebensfreude auf Kambodschanisch

Melinda und die Kids
Melinda und die Kids
Ein halbes Zentner Süßigkeiten
Ein halbes Zentner Süßigkeiten

Letzte Woche war eine Prinzessin des Kambodschanischen Königshauses bei uns in Wat Opot und machte den Kindern Geschenke. Sie kam mit zwei großen Tüten Süßigkeiten aus dem Jeep und Melinda rief: „Das ist ja viel zu viel!“. Ihre Bodyguards hievten weitere Tüten, Kartons und schlussendlich auch zwei riesige Säcke in die Küche. Wir fragten uns gemeinsam, was in den Säcken drin sein könnte; Mehl, Brot oder vielleicht Reis?

Falsch gedacht: MEHR Süßigkeiten! Über fünfzig Kilogramm Schokolade, Bonbons und andere Leckereien türmten sich zwischen uns auf und wir mussten alle herzhaft lachen, ob diesen skurillen Geschenks.

Da die Kinder von Wat Opot sowieso schon mehr Süßigkeiten bekommen als die restlichen im Dorf, dachten wir, es wäre eine gute Idee, Bonbons in ganz Sramouch He zu verteilen. Und so machten wir uns am nächsten Tag auf den Weg: Dreißig Kinder, fünf Weiße und ein Lastkarren mit Bergen von Bonbons und einem Baby obendrauf.

An jedem Haus wurde Halt gemacht und aus voller Kehle „Khmeeng ponman?!“ („Wieviele Kinder?!“) gerufen, woraufhin die Kids von Wat Opot jeweils eine Bonbon-Tüte in erstaunte Kinderhände drückten. Wir müssen ein kurioses Bild abgegeben haben: Kölner Karneval in Kambodscha minus Kostümierung. Die sonst seelenruhige Dorfstraße, auf der an heißen Tagen wie diesem eigentlich nur Kuhglocken zu hören sind, war einen ganzen Morgen lang erfüllt von Kinderlachen.

"Candy!"
"Candy!"
Das ist übrigens ein Tuktuk!
Das ist übrigens ein Tuktuk!

Am Wochenende trat ich gemeinsam mit dem Australier Manny, einem Mitfreiwilligen, meinen ersten Kurztrip mit dem Tuktuk nach Phnom Penh an. So wie ich es häufig und gerntue, stellte ich auf dem Weg mal wieder meine Verpeiltheit unter Beweis. Der primäre Grund für mich, nach Phnom Penh zu fahren, war, mein Visum zu verlängern. Nach einer halben Stunde Fahrt fiel mir auf, dass man dafür ja seinen Pass benötigt. Der arme Tuktuk-Fahrer musste umkehren, damit ich ihn holen konnte. Ich entschuldigte mich mehrmals, es haben schon Viele unter meiner vergesslichen, schusseligen Art leiden müssen. Der Fahrer aber winkte schmunzelnd ab; kein Zeitdruck, kein genervter Blick, kein gereizter Kommentar. Ich entspannte und dachte so bei mir: Na, das ist doch mal ein Land für mich…

Das bevorzugte Fortbewegungsmittel
Das bevorzugte Fortbewegungsmittel
Das wunderschöne Nationalmuseum
Das wunderschöne Nationalmuseum

Phnom Penh hat Charme. Durch das Tohuwabohu, die beengten Märkte, über die Gehsteige voller Straßenstände und vorbei an den hupenden Tuktuks, dringt Gelassenheit und Lebensfreude. Phnom Penh ist – zugespitzt – ein alter Mann, der in seiner aufgespannten Hängematte an einer lauten Straßenkreuzung schläft. In einer solchen Flut von Reizen erwartet man gestresste Menschen, doch wirklich hektisch habe ich Niemanden erlebt. Vor Motorrädern zerberstende Kreuzungen scheinen sich wie magisch aufzulösen, ohne, dass sich die Menschen gegenseitig anschreien oder den Mittelfinger zeigen. Einfach, weil man relativ langsam und bedacht unterwegs ist und sich gegenseitig wenig unter Druck setzt. Auf so einer überfüllten Kreuzung kann es einem dann sogar passieren, dass ein Vorbeifahrender dir ein kleines Lächeln schenkt. Das ist erfrischend, gerade, wenn man von einem Ort wie Berlin kommt, an dem es oft ziemlich ruppig zugeht.

Straße in Phnom Penh
Straße in Phnom Penh

Kambodschaner besitzen eine seltsam ungewohnte Art von Freundlichkeit. Wenn ich mit einem Khmer beispielsweise in einem Geschäft in Kontakt trete, schaue ich meist in helle, zugewandte Augen. Zusätzlich ein Lächeln, welches in Kambodscha als etablierte gesellschaftliche Norm erscheint (oder lediglich ein sich selbst reproduzierendes Klischee ist). Die Menschen, die ich treffe, tendierten dazu, zu lachen, wenn sie nicht ganz verstehen. Ich, der dieses Verhalten nicht gewöhnt ist, bezog das zunächst auf mich selbst, dachte, ich hätte etwas falsch gemacht und würde ausgelacht. Ständiges Lächeln als unbekannte Geste verführt dazu, etwas Gemeines dahinter zu vermuten. Als ich wiederholt in solche Situationen kam, wurde mir bewusst, dass das einfach ihre Form der Höflichkeit war, welche ich als „Neuer“ schlichtweg nicht verstanden hatte. Kein böser Wille, bei genauerem Hinsehen fast Schüchternheit.

Ich kann hier übrigens nur Vermutungen anstellen: die kambodschanische Kultur, ihre Werte, Sitten und Traditionen sind genauso komplex und undurchschaubar wie jede andere Kultur auch. Ich knibble gerade einmal an der Oberfläche, bin gierig darauf, dass sich mir ein klares, umfassendes Bild offenbart. Gleichzeitig weiß ich aber dauch, dass das wohl nicht passieren wird. Alles, worauf ich hoffen kann, sind die kleinen, nicht zu verallgemeinernden Beobachtungen. Die kurzen Blicke hinter den Vorhang, welche das Leben hier so spannend machen!

Lennart

Nudelsuppe im Neonlicht
Nudelsuppe im Neonlicht