Tag zu Ehren der Jungfrau von Guadalupe

In der Schneiderei ist man fleißig am Vorbereiten der Kostüme...
In der Schneiderei ist man fleißig am Vorbereiten der Kostüme...

Jetzt wird es Zeit, euch über den „Dia de la Virgen de Guadalupe“ (Tag zu Ehren der Jungfrau von Guadalupe) erzählen. Ich war sehr gespannt darauf, denn in den Wochen davor wurde ständig davon geredet und ich wurde immer gefragt, ob ich da auch mittanze. Diese Frage hatte ich jedes Mal fröhlich mit „Nein!“ beantwortet, bis zu dem Tag, als ich plötzlich mittendrin statt nur dabei war.

Auf jeden Fall hatte alles und jeder auf diesen Tag hingefiebert und das im E.T.I. ganz besonders, weil die Schneiderei des Projekts den Auftrag hatte, für die größte Tanzgruppe Sucres mit dem Namen „Atipay“ über 250 Kostüme zu nähen und zu besticken.
Dieser große Auftrag hat sich in der ersten Zeit auch auf meine Arbeit ausgewirkt und zwar in der Form, dass ich, wie alle anderen, immer mit dem Stickzeug und goldenen Fäden unterwegs war und in jeder freien Minute am Sticken war.

Das sind die Kostüme im Einsatz...
...und schon sind sie im Einsatz...

Und ganz schnell waren sie da, die letzten Tage vor dem besagten Wochenende. An die Kostüme wurde ein letztes Mal Hand angelegt, die letzten Blümchen mit Goldfäden umstickt und die Kinder in der Schule hatten ihre letzten Übungen.

Am Freitag war nämlich der Umzug der Schulen, Vereine und Organisationen und dafür wurde fleißig „Tarqueada“ (ein bestimmter Tanz zu autoktoner Musik) geübt. Das sah folgendermaßen aus: Die Mädchen standen alle in Reihen und tanzten und sangen, während die Jungs, auch in Reihen, auf Panflöten, Trommeln und anderen Instrumenten musiziert haben. Auch die Lehrer und die Praktikanten haben ihre Tanzschritte geübt und eine Mitarbeiterin und ich haben interessiert zugeschaut. Das hätten wir wohl besser nicht tun sollen, denn schneller als wir „Blub!“ sagen konnten, waren wir auch schon bei der Übung dabei und machten den Lehrern die Schritte mehr oder weniger gut nach. In meinem Fall ja eindeutig eher weniger gut. Trotzdem waren sie so begeistert von der Idee, dass wir doch auch mittanzen sollten, dass wir letztlich am Freitag, ausgestattet mit Kostümen (und ich zusätzlich noch mit einer schwarzen Perücke und Zöpfen) und gerade mal einer Probe hinter uns, zum Mittanzen bereitstanden.

Der Umzug selbst lief dann so ab, dass sich alle an einem Treffpunkt in der Stadt trafen und sich von da weg alle Gruppen tanzend, singend, musizierend auf den Weg machten in Richtung Stadtmitte. Den ersten Teil der Strecke legten wir im Regen zurück (etwas ungewöhnlich für diese Zeit), aber trotzdem machte es unheimlich viel Spaß. Den ganzen Umzug über standen Leute am Straßenrand, die zuschauten, mitklatschten oder anfeuerten. Gesagt wurde mir, dass die ganze Strecke 8 km betragen würde, aber mir erschien es nach viel weniger. Das Finale war dann die Umrundung der Plaza, des Platzes im Herzen der Stadt, und der Umzug endete vor einem großen Abbild der „Virgen de Guadalupe“, vor dem die einen beteten und die anderen Fotos machten.

Der Samstag, der „eigentliche“ Feiertag, gehörte dann ganz den unterschiedlichen Tanzgruppen. Die Tänze und Kostüme könnten unterschiedlicher nicht sein und jeder Tanz hat auch seine eigene Geschichte und Tradition und sagt etwas über die Umgebung aus, aus der er kommt. Es wurde die gleiche Strecke entlang getanzt wie schon den Tag zuvor, nur waren noch viel mehr Zuschauer da und dieses Mal auch einiges an Alkohol im Umlauf, sowohl bei den Zuschauern als auch bei den Tänzern.

Für mich persönlich gestaltete sich der Samstag als besonders interessant, schließlich war ich durch meine Nachbarin Katja zu den „Pachamamas“, einer Tanzgruppe aus einem Straßenkinderprojekt gekommen, und sollte mit ihnen mittanzen. Das Problem, das ich dabei hatte, war, dass ich den Tanz – „Suris“ genannt – vorher kein einziges Mal getanzt hatte. Es waren zwar ein paar Proben angesetzt, aber zu denen ist immer keiner gekommen und es hieß nur immer, dass der Tanz total einfach wäre. Im Nachhinein betrachtet war das auch so, aber vorher – ich ohne irgendeinem Plan von der Musik und den Tänzen – hatte ich schon etwas Panik.

Unser Kostüm an dem Tag war eine tolle Sache. Es bestand aus einem grünen Rock, weißer Bluse, dem „Awayo“ (das bunte Umhängetuch) und diesem dickem Gürtel um den Bauch, von dem ich den Namen vergessen habe. Bei mir war natürlich zusätzlich wieder die schwarze Perücke am Start. Das allercoolste waren aber die Schuhe, sogenannte „Chancletas“! Das sind so ganz billige Sandalen, die wir für mich auf dem Markt kaufen mussten, und das Faszinierende an diesen Schuhen ist, dass sie in ihrem vorherigem Leben noch Autoreifen waren! Hatte ich einen Spaß, die passenden Schuhe zu suchen und mir dabei das Reifenprofil anzugucken oder zu schauen, ob zufällig der Teil des Reifens mit der Imprägnierung verarbeitet wurde. Als ich dann welche hatte, war ich einen Abend lang damit beschäftigt, die Riemen mit schwarzer Wolle zu umwickeln, weil das erstens so gehört und zweitens sonst Blasen garantiert gewesen wären.
Das Auffälligste an unseren Kostümen waren aber die Hüte: groß, eher riesig, knallige Farben und bunte Federn. Beim Tanzen hatte ich meine liebe Mühe mit dem guten Hut. Er ist zwar total leicht, aber wegen seiner Größe, viel Wind an dem Tag und weil er mir an sich schon nicht gut gepasst hat, ist er ständig verrutscht. Blöderweise ging dabei meine Perücke immer mit, sodass ich gefühlt alle 50 Meter mit Dackelaugen zu meiner Mittänzerin bin und gefragt habe, ob sie mir nicht alles wieder so hinrichten kann, wie es gehört.
Als wir dann fertig waren mit dem Tanzen, die Kostüme wieder los waren und etwas gegessen hatten, sind wir nochmal zur Plaza und haben den anderen Gruppen zugeschaut.
Insgesamt war das ein sehr buntes bolivianisches Wochenende, an dem ich viel über bolivianische Kultur lernen konnte und an das ich mich sehr gerne erinnere.