Ausflug ins Nirgendwo

Frauen mit traditioneller Kleidung auf dem Viehmarkt
Frauen mit traditioneller Kleidung auf dem Viehmarkt

Am 1. Mai bin ich mit meiner Gastfamilie, Paulina und ihren Eltern, die gerade zu Besuch sind, in ein winzig kleines Dorf hoch in den Anden gefahren. Die etwa vierstündige Fahrt zu siebt in einem Landrover hat sich definitiv gelohnt (auch wenn so mancher Kopf nicht verschont blieb). Ich bin von El Alto und Umgebung eher trockene Landschaften gewöhnt, die schon fast an eine Steppe erinnern, so wenig wächst hier oben, so trocken und gelb ist alles. Aber auf diesem Ausflug bekam ich eine ganz andere Seite der Anden zu Gesicht: Wir fuhren durch eine grüne Landschaft mit riesigen Tälern und hohen Bergen, die ein bisschen an das Auenland aus „Herr der Ringe“ erinnerten. Ich konnte mich nicht sattsehen an den schneebedeckten Gipfeln, den vorbeiziehenden Lamaherden und immer wieder grün, grün, grün.

Als wir schließlich abends in Humanata ankamen, sahen wir einen Marktplatz, umgeben von einer Handvoll Häuser. Wir schliefen in einem verlassenen Haus, das der Kirche gehört, aber seit zwei Monaten leer steht, weil es im Moment keinen zuständigen Pastor für diesen Ort gibt.

Nur ab und zu komme eine Frau vorbei, um das Haushuhn zu versorgen. Chris meinte, vor etwa zehn Jahren hätte die Gemeinde noch nicht einmal Strom und fließendes Wasser gehabt. Diese Zeiten sind zum Glück vorbei und unser Haus besaß sogar eine kleine Heizung in der Küche, sodass es wärmer war als bei mir zu Hause in El Alto, trotz höherer Lage.

Am nächsten Morgen war Markttag. Zuerst gingen wir zu einer Viehwiese, wo um Lamas, Kühe und Esel gefeilscht wurden. Kinder sprangen zwischen den Tieren umher, Schafe blökten und die Bewohner handelten um ihre Ware. Man konnte von überallher sehen, wie vollgepackte Lamas mit großen Säcken aus den umliegenden Tälern in das Dorf kamen, um ihren Früchte, Gemüse und Tiere anzubieten.

Die Sprache, mit der gehandelt wird, ist Aymara, eine der größten indigenen Kulturen Boliviens. Seit der erste indigene Präsident Südamerikas Evo Morales an der Macht ist, muss jedes Kind in der Schule eine indigene Sprache lernen (meist sind es Aymara oder Quechua, Sprache der Inka, aber es gibt noch mehr als 36 andere weit verbreitete Sprachen, weshalb sich Bolivien auch als plurinationale Nation versteht) Nur wenige verstehen Spanisch und so war es schwer für meine Chefin, den Preis für eine Kuh herauszufinden.

Auch ist die Bevölkerung gerade in kleinen Gemeinden auf dem Land sehr alt. Junge Männer müssen nach ihrem Schulabschluss einen einjährigen Wehrdienst absolvieren und die meisten bleiben danach in den jeweiligen Städten, um dort ihre eigene Familie zu gründen, da sie auf dem Land keine Zukunftsperspektiven sehen.

Deshalb kommen auch viele meiner Projektkinder aus Dörfern wie Humanata, weshalb es für mich doppelt spannend war, einmal das Leben hier hautnah mitzuerleben. Auf dem Marktplatz konnte man zwar auch mit Geld bezahlen, aber die meisten tauschten ihre Ware!

Die Szene sah aus wie eines der unzähligen Bilder, die man in der Touristenstraße in La Paz kaufen kann: Frauen in typischen Cholitaröcken und –blusen und mit weißen Hüten, die für diese Region unverkennbar sind, knien vor ausgebreiteten Decken mit Kartoffeln oder Möhren, um sie gegen Bananen und Kokablätter einzutauschen.

Nachdem wir selbstgewebte Stoffe erstanden hatten, fuhren wir mit dem Auto bis zu einem Kamm der unzähligen Berge. Mitten im Schnee waren wir auf über 5.000 Metern.

Blick ins Tal

Nach nur etwa einer Stunde bot sich uns ein völlig anders  Bild. Jetzt säumten Bäume den Weg, man sah bunte Felder und als wir schließlich in einem Andental ankamen, das für seine Heilpflanzenkunde bekannt ist, wuchsen Palmen auf dem Marktplatz. Wir hatten mal eben 2.000 Höhenmeter zwischen uns gelassen. Nach einem ausgiebigen Picknick (Chris Kochkünste werde ich in Deutschland wirklich vermissen) fuhren wir nach Amarete.

Die Dorfbewohner leben dort quasi noch genauso wie vor 500 Jahren zu Inkazeiten. Natürlich gibt es auch hier mittlerweile Satellitenschüsseln und Internetzugang, aber die Straßen und Häuser sehen aus wie die Ruinen von Machu Pichu, nur dass es hier eben keine Ruinen sind, wo nur noch die Steinreste zu erkennen sind, sondern über der Steinmauer eine Lehmschicht gebaut ist und die Häuser Strohdächer haben. Chris und Isa, die sich beide sehr für antike andine Stoffe interessieren, fragten in der Straße Marktfrauen, ob sie eine bestimmte Tracht zu verkaufen hätten, die es nur in diesem Dorf gibt. Beim zweiten Haus hatten wir Glück und so bekamen wir die einmalige Gelegenheit, einmal ein Haus von innen zu sehen. Jedes Gebäude verfügt über einen Innenhof, in dem Hühner gehalten oder die Wäsche aufgehängt werden. Drumherum stehen die Wohngebäude im 2. Stock, zu denen man nur über Treppen und eine Veranda gelangt. Darunter befinden sich vermutlich Schuppen oder Ställe.

mit typischer Kopfbedeckung und Gewand der Bevölkerung in Amarete
Amarete

Leider ist es immer sehr schwierig, Fotos von persönlichen Gebäuden oder auch Menschen zu machen, da in vielen der indigenen Kulturen der feste Glaube verwurzelt ist, dass einem ein Stück der Seele genommen wird, wenn ein Foto von einer Person geschossen wird.

Das Dorf war seit jeher  sehr viel autarker als andere Dörfer, die noch weiter entfernt von Städten angesiedelt sind. Dies kommt daher, dass die Felder der Gemeinde so angelegt sind, dass man quasi alles anpflanzen kann. Unten im Tal werden tropische Früchte angebaut, oberhalb des Dorfes können Kartoffeln und Getreide wachsen. Deshalb hat dieses Dorf seine Traditionen sehr getreu beibehalten, was man auch an den Gewändern und am Kopfschmuck der Bevölkerung erkennen konnte. Sie sahen noch einmal ganz anders aus als beispielsweise bei Aymaras in El Alto.

Auch die Häuser sind nach einem ganz bestimmten System angelegt. Es gibt eine Oberstadt, die mit einer Unterstadt durch den Marktplatz verbunden wird (allerdings hat es nichts mit Reichtum oder sozialem Status zu tun, wo man wohnt, es wird nach Familien klassifiziert).

Auch die Straßen folgen einem ausgeklügeltem System, das sich schon zu Inkazeiten bewährt hat: Neben den gepflasterten Wegen verläuft eine kleine Rinne, die als Abwasserkanal dient. So hat die Bevölkerung nie Probleme mit Überschwemmungen.

Am nächsten Tag traten wir nach einer langen Pokernacht, in der Isa uns alle über den Tisch zog, unseren Heimweg an, mit dem Gefühl noch ein bisschen tiefer in die bolivianische Kultur eingetauscht zu sein. Ich bin unglaublich glücklich über diese bereichernde Erfahrung und die Chance, einer so ursprünglichen Lebensweise zu begegnen.

Alpacas mit Nachwuchs