Día de la no-violencia und hoher Besuch

Weil am 25. November internationaler Tag der Gewaltlosigkeit ist, nahm ganz Michme am Freitag vorher an einem Umzug teil, der die Menschen El Altos aufrütteln und dazu animieren sollte, sich mit häuslicher Gewalt auseinanderzusetzen und sich dagegen zu wehren.

Am Tag vorher hatten wir Plakate gebastelt, die wir nun auf einen großen Bus klebten. Mit diesem nahmen wir dann mit allen Kindern und Pädagogen an der Prozession teil. Der Umzug war von einer anderen Nicht-Regierungsorganisation ins Leben gerufen worden worden und die verschiedensten Stiftungen nahmen mit großen Bussen daran teil. Zwischendurch gab es immer wieder Stopps, bei denen an verschiedenen Stationen Reden gehalten, Flyer verteilt und gesungen wurde.

In El Alto wurden 7 von 10 Frauen schon mal mit häuslicher Gewalt konfrontiert und auch die Kinder, die zu uns ins Projekt kommen, wurden oder werden oft geschlagen oder haben indirekt mit diesem Thema zu tun, wenn die Mutter gewalttätig behandelt wurde/wird.

Die Frauen wurden dazu aufgefordert, sich zu wehren und sich an Institutionen zu wenden bzw. Hilfe anzunehmen und nicht passiv die Gewalt über sich ergehen zu lassen. Oft besteht das Problem in der Angst der Frauen, sich alleine ohne Mann sich und ihre Kinder nicht ernähren zu können, weshalb oft viel verschwiegen wird.

alle vor dem Bus
alle vor dem Bus

Da die Kinder seit Mitte November keine Schule mehr haben und die großen Ferien gekommen sind, unser Projekt aber noch geöffnet ist, gibt es im Moment viel Zeit für Freizeitangebote, da nicht so viel Zeit bei der Hausaufgabenhilfe „verlorengeht“. Jeden Tag gibt es andere Spielemöglichkeiten, wie zum Bespiel einen Karaokenachmittag oder ein Fußballtunier. Ich habe mit den Kindern einen Adventskalender gebastelt, da diese Tradition in Bolivien unbekannt ist und jetzt darf ab dem 1. Dezember jeden Tag ein anderes Kind sein Päckchen öffnen. Generell bin ich schon jetzt gespannt, wie hier die Weihnachtszeit und der große Tag selber zelebriert wird.

Am letzten Freitag gab es dann gleich zwei besondere Aktionen: Morgens wurde der Hof mit Spielen bemalt, wie zum Beispiel Hüpfekästchen oder Twister, damit dieser nicht mehr ganz so trist aussieht.

Die Kinder hatten viel Spaß beim Malen und das Ergebnis kann sich wirklich sehen lassen.

Worauf die meisten Kinder sich aber noch mehr freuten, war der Nachmittag: die bolivianische Fußballmannschaft BOLIVAR, die in der 1. Liga spielt und zu den besten ganz Boliviens gehört hatte sich angekündigt! Gerade die Jungs konnten ihren Augen nicht trauen, als plötzlich ihre Idole vor ihnen standen und Fragen beantworteten, bereitwillig Autogramme gaben und sogar mit den Kids Fußball spielten.

Auch wenn der Tag für uns sehr anstrengend war, da wir schon einen Tag vorher alles vorbereiten mussten, hat sich jede Minute dieser Arbeit gelohnt, wenn man sich nachher die glücklichen Gesichter der Kinder anschaute.

Witzig an diesem Tag war auch, als es plötzlich anfing zu schneien. Es ist einfach unglaublich, wie sich hier innerhalb eines Tages das Wetter ändern kann. Von 25 °C praller Sonne in Minusgrade und Frostwetter….

Eine ganz andere Art von „Arbeit“ bestand für mich und Paulina darin, dass wir an einen Morgen unsere Chefin und den Modedesigner unser Textilfabrik mit in das Fernsehstudio Boliviens bekanntestem Sender begleiten durften, da Alvaro (der bei uns für die Gestaltung der Kleidung zuständig ist) ein Interview in einer Sendung hielt. Außerdem begleiteten ihn die „Unicas“ ( La Paz‘ 15 schönste Frauen) die die neue Kollektion Coconuts (der Modemarke Palliris, die in einem Geschäft in La Paz verkauft wird) vorstellten. Für Palliri war dies eine gute Möglichkeit, noch mehr Werbung für Coconut zu machen. Durch den Verkauf der Kleidung kann sich Palliri nämlich zu 50 Prozent selbst finanzieren und ist somit nicht so spendenabhängig wie andere Stiftungen.

Eine wie ich finde sehr schöne Tradition Palliris ist, dass jede/r Freiwillige, der für Palliri arbeitet, im Laufe seines Dienstes einen Baum auf einem der Gelände der Fundación pflanzt. Paulina und ich machten uns also mit Schippen und Erde auf den Weg nach Michme, wo wir „unsere“ Bäume pflanzten. Es ist einfach unglaublich, wie sehr eine einzige Pflanze einen Platz oder Raum verändern kann. Mir war vorher nie bewusst, wie viel Wohlbefinden ein Baum bringt- bis ich nach El Alto gekommen bin, wo güne Plätze Mangelware sind. Palliri versucht mit den Pflanzaktionen (wir haben danach noch mehr Bäume in der Straße vor dem Projekt gepflanzt) das Bewusstsein der Leute für eine schönere Umwelt zu schärfen und sie dafür zu sensibilisieren, wie wichtig Pflanzen sind, diese aber auch gepflegt werden müssen.

Ein witziger Tag war der 21. November. Alle 10 Jahre wird nämlich in ganz Bolivien eine Volkszählung durchgeführt. An diesem Mittwoch war es also verboten, das Haus zu verlassen (auch für uns Freiwillige), was von der Polizei kontrolliert wurde. Diese Ausgangssperre dauerte von 21.00 Uhr des Vortags bis 18.00 am besagten Mittwoch. Dann musste man warten, bis eine Person des „Census 2012“-Komitees vorbeikam, um Fragen über das Haus und die jeweiligen Personen zu stellen. Am Tag zuvor gab es außerdem keinen Alkohol in Supermärkten zu kaufen, da die Regierung sicherstellen wollte, dass jeder Bolivianer fähig ist, die Fragen zu beantworten und den freien Tag nicht dazu nutzt, sich zu betrinken.

In Deutschland wäre es undenkbar, eine Volkszählung auf so einem Weg durchzuführen.