Día de los Muertos und ganz viel Schnee

Am 25. und 26. Oktober stand im Projekt alles unter dem Motto Sport! Am ersten Tag ging es mit der gesamten Gruppe, und auch den anderen Projekten Palliris, in eine benachbarte Schule, die über den Luxus eines überdachten Fußballfeldes verfügt. Die Kinder wurden in Teams aufgeteilt und spielten jeweils zehn Minuten gegeneinander Fußball. Zuvor haben wir Pom-poms aus altem Zeitungspapier gebastelt, um die spielenden Sportler gebührend anzufeuern. Den ganzen Tag wurde gespielt, bis am Ende das Gewinnerteam feststand. Am nächsten Tag gab es dann die entsprechende Siegerehrung. Danach ging es in anderen Disziplinen weiter: Es standen Basketball und Volleyball auf dem Programm. Für die Kinder war es ein schöner Ausgleich, zur sonst eher anstrengenden Zeit für sie, da im Dezember das Schuljahr in Bolivien aufhört, vorher jedoch noch die Abschlussprüfungen in jedem Fach anstehen. Im bolivianischen Schulsystem gibt es drei dieser Examen pro Schuljahr und nur wer die benötigte Gesamtpunktzahl erreicht, wird versetzt.

Beim Sportfest
Beim Sportfest

Eine andere Besonderheit im Projekt war der „Diá de los muertos“, der, wie bei uns der Volkstrauertag, am 1. November gefeiert wird. In Bolivien besteht die Tradition Brot in Form von Verstorbenen zu backen und kleine Porzellangesichter in den Teig zu drücken. In den Wochen um diesen Tag herum gibt es in ganz El Alto kein Brot zu kaufen, da es sich für die kleinen Geschäfte nicht lohnen würde, da jede Familie ihr eigenes Brot backt. Auch wir haben mit den Kindern einen ganzen Tag Zutaten zusammengemixt, Teig geknetet und unsere Fantasie spielen lassen, als es ums Formen ging. Auch wenn dabei nicht nur verstorbene Personen herauskamen (oder vielleicht gerade deswegen), sondern am Ende Engel, Pferde und Herzen auf dem Backblech lagen, hat es viel Spaß gemacht, das Brot zu backen und natürlich war es noch viel schöner, es nachher zu probieren.

Da diese Aktion schon am 31. Oktober durchgeführt wird, gab es danach eine Halloweenparty samt gruseligem Vampirschminken und „Thriller“-Video von Michael Jackson. Halloween wird in El Alto eigentlich nicht gefeiert, doch im reicheren Teil von La Paz, der Zona Sur, findet man kein Geschäft, das nicht für dieses nordamerikanisches Fest geschmückt ist. Auch Paulina, die neue deutsche Freiwillige, die seit November in Palliri arbeitet und mit mir zusammen wohnt, und ich waren deshalb nach der Party in Michme in La Paz unterwegs, um ein bisschen zu feiern. Wir hatten jedoch nicht an die beginnende Regenzeit gedacht. Innerhalb von einer halben Stunde strömenden Regens verwandelte sich ganz El Alto in einen reißenden Fluss und wir mussten uns einen Weg durch die größtenteils unbefestigten Straßen bahnen, um nicht komplett durchnässt in La Paz anzukommen (hat leider nicht geklappt).

In der letzten Woche habe ich zusammen mit meiner Chefin und Paulina bei Übersetzungen vom Spanischen ins Deutsche geholfen. Wir sollten angefertigte Karteikarten der Kinder Palliris übersetzen. Diese Texte enthielten sowohl Informationen über die Lebensverhältnisse und Hintergrundgeschichte der Kinder, als auch einen Steckbrief über ihre Wünsche, Lieblingsbeschäftigungen und Talente. Diese Aufgabe war zum einen super, um mein Spanisch nochmal zu verbessern und neue Worte aus verschiedenen Themenbereichen zu lernen, zum anderen gab es mir einen noch tieferen Einblick in das Leben der Kinder und die Arbeit Palliris.

Als ich vor dem Computer saß, musste ich manchmal fast losweinen, als ich die Geschichten las. Es ist einfach nur unglaublich, was die Kinder hier schon alles durchmachen mussten/müssen und wie sie leben. Viele habe für eine zehnköpfige Familie nur ein Zimmer zur Verfügung und müssen mit weniger als 50 Euro im Monat ihre Grundbedürfnisse bezahlen. Das Interessante ist, dass viele Kinder in den Steckbriefen geschrieben haben, dass sie später beispielsweise Arzt werden möchten, um armen Menschen helfen zu können. Sie sehen sich oft selber nicht als arm an. Oder auch wenn viele von ihnen schrieben, dass sie später Lehrer werden möchten, um Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen, oder Arzt, um die Krankheiten eines wichtigen Menschen heilen zu können, konnte man erkennen, wer den Kindern in ihrem Leben Hoffnung schenkt. In diesem Moment wurde mich auch noch einmal bewusst, wie wichtig die Arbeit Palliris ist, wenn sie psychologische und soziale Hilfe anbieten und die Familien finanziell unterstützen. Auch wenn ich natürlich vorher schon wusste, dass die Kinder keine einfache Vergangenheit haben, war es ein Schock, schwarz auf weiß zu lesen, was ihnen wiederfahren ist.

Ein Erlebnis der letzten Zeit war der ganz anderen Art. Ich machte für zwei Tage eine Bergwanderung, auf einen Berg ganz in der Nähe von El Alto, den Hayna Potosi. Dieser Berg ist stolze 6.088 Meter hoch und als wir mit dem Auto zum Anfangspunkt der Wanderung fuhren und ich zum ersten Mal El Alto von oben sehen konnte, wurde mir bewusst, wie hoch wir jetzt schon waren. Dann ging es für zwei Stunden zu einer kleinen Hütte mit Plumpsklo, die auf 5.100 Metern lag. Auch wenn ich mich so langsam an die dünne Luft in den Anden gewohnt habe, war es etwas ganz anderes, plötzlich noch einmal 1.000 Meter höher zu stehen. Nachdem wir mit unserem Bergführer noch ein bisschen unsere Schneeschuhe mit Metallsohlen, um im Schnee und auf Eis besser laufen zu können, ausprobiert hatten, ging es auch schon ins Bett um ausgeschlafen zu sein für die Nacht, da wir um zwölf Uhr nachts loslaufen mussten. An schlafen war dann aber nicht zu denken, weil die veränderten Sauerstoffbedingen mich doch ein bisschen umgehauen haben. Als ich dann unausgeschlafen und total fertig um halb zwölf am „Frühstückstisch“ saß, um wenigstens ein bisschen etwas zu essen, war ich mir sicher, keine halbe Stunde durchzuhalten. Und dann ging es los. Mit Stirnlampen ausgestattet, um den Weg zu erkennen, und angeseilt am Bergführer, ging es in die tiefe Nacht. Das einzige was man hörte, waren die Geräusche, die man verursachte, wenn man durch den Schnee lief und den eigenen Atem. Ich verlor jegliches Zeitgefühl und konnte nicht sagen, ob wir zehn Minuten gelaufen waren oder drei Stunden, als wir die erste Pause machten. Und da sah ich El Alto in seiner ganzen Pracht. Vor uns tat sich ein Lichtermeer am Abrund auf! Als es weiterging war ich inzwischen an einem Punkt angelangt, wo ich nicht mehr nachdachte. Einfach laufen, laufen, laufen. Meine Gefühle schwankten immer zwischen: Ich kann nicht mehr, noch 5 Minuten länger und ich breche zusammen, und einem totalen „Bei-mir-sein“, dieses Laufen in der Stille und der Dunkelheit, das war einfach meditativ.

Vorbei ging es an Gletscherspalten und an einigen Stellen musste man wirklich aufpassen, wo man seinen Fuß hinsetzt, so nah war der Abgrund. An einer Stelle musste ich sogar richtig klettern, weil der Weg so steil war. Da waren die Pickel nützlich, die wir bekommen hatten und uns einen sicheren Halt ermöglichten. Ab etwa halb fünf morgens veränderte sich plötzlich der Himmel. War vorher noch alles schwarz gewesen, so konnte man jetzt einen schmalen gelben Streifen am Horizont erkennen. Minute um Minute wurde dieser Streifen größer und als wir schon relativ weit gekommen waren, färbte sich der Himmel plötzlich orange und wurde immer heller. Da konnte ich die Bergspitze sehen und plötzlich wurde mir bewusst, dass ich es wirklich schaffen kann: Nach ganz oben kommen!

Der Anblick war schon jetzt atemberaubend: Der ganze Himmel hatte sich orange-rot-gelb-rosa-lila-blau gefärbt, um uns herum der weiße Schnee und am Abgrund Wolken! Nichts und nichts als Wolken! Wie eine riesige Landschaft, durch die einige niedrigere Bergspitzen hervorguckten. Ich glaube, dieses Bild ist das Schönste, was ich je in meinem Leben gesehen habe. Mit neuer Motivation galt es, die letzten Meter zu besteigen. Jetzt, wo die Sonne herausgekommen war, wurde es mit einem Mal unglaublich heiß und meine eingefrorenen Finger begannen langsam wieder aufzutauen. Das letzte Stück war besonders schwierig, da es sich um eine Felswand handelte und wir noch einmal klettern mussten. Doch dann war es endlich geschafft: Ich stand ganz oben auf dem Hayna Potosi und konnte so viel Land um mich herum sehen! Noch einmal das unglaubliche Wolkengebilde, auf der anderen Seite riesige Gebirgsketten und Seen. Dieses Gefühl, eine Mischung aus Stolz, Anstrengung und Glückseligkeit, ist einfach unbeschreiblich! Dieser Moment, als ich das atemberaubende Panorama vor mir hatte und kaum realisieren konnte, dass ich wirklich geschafft hatte, was ich sechs Stunden vorher niemals für möglich gehalten hatte, war einfach magisch.

Nach einer kurzen Pause des Verschnaufens, essen und gucken, gucken, gucken, mussten wir uns jedoch ein bisschen beeilen wieder runter zu laufen, da die Sonne den Schnee schmelzen ließ und dieser immer weicher wurde. Wenn man zu spät heruntersteigt, kann man Gefahr laufen, in eine Lawine zu geraten. Also ging es den ganzen Weg wieder herunter. Die letzten Schritte zu unserem Refugio torkelte ich mehr als zu gehen, so müde war ich. Dort gab es für uns eine warme Suppe und nach einer kurzen Pause ging es die letzten Meter runter zum wartenden Auto, das uns wieder in die Stadt brachte.

Ich kann nur jedem, der nach Bolivien kommt, diesen Trip empfehlen. Man sollte nur genau gucken, mit welcher Agentur man den Ausflug macht, da es wichtig ist einen ausgebildeten Bergführer zu haben, der einem im Notfall das Leben retten kann. Viele Angebote sind sehr günstig, haben aber keine guten Bergführer. Gerade unerfahrene Wanderer sollten lieber etwas mehr bezahlen und dafür die Sicherheit haben, eine vertrauensvolle Agentur ausgewählt zu haben.

Ich für meinen Teil werde diese Bergwanderung nie vergessen.

...über den Wolken.
...über den Wolken.