Internationaler Austausch und der normale Alltag

13. Nov 2011 | von | Kategorie: Freiwillige 2011/12, Sarah Patzelt in Südafrika

Internationaler Austausch- ein Versuch, der nicht so ganz klappte.

Fangen wir gleich mit dem „gut gewollt ist nicht immer gut gemacht” an.

In meiner Heimatgemeinde fand letztes Wochenende ein Vorbereitungswochenende für die nächste Sternsingeraktion im Januar statt. An diesen 3 Tagen werden die Kinder erstmal so richtig „eingenordet” 😉 D.h. dass wir neben organisatorischen Dingen wie Kostüme, Termine, Sprüche, Lieder und Gruppeneinteilung auch den neuen Sternsingern ein bestimmtes Projekt und vor allem das Leben der Kinder in diesem Projekt näher zu bringen versuchen. Da dieses Jahr Nicaragua und Kinderrechte im Fokus der Sternsingeraktion stehen, haben wir uns gedacht, dass das Three2Six-Projekt super in die Thematik Kinderrechte passt. (Unsere Kinder haben laut südafrikanischem Gesetz ja das Recht auf Schulbildung!)
Mit der heutigen Technik wäre es sicherlich ein leichtes zu skypen (Videotelefonie via Internet), so dachten wir. Die Proben hatten auch ganz gut funktioniert, und so hatten sich um 16:30 (deutscher Zeit) in einem Kloster in Möllenbeck 25 Sternsinger versammelt, während um 17:30 (südafrikanische Zeit) ich 12 auserwählte Schüler aus dem Three2Six-Projekt in unser kleines Büro gepfercht hatte.

Der Start war super, wir konnten die Sternsinger wohlgeordnet auf dem kleinen Bildschirm meines Laptops sehen. Ich bin leider gnadenlos vom IT-Spezialisten der Schule versetzt worden, der eigentlich noch eine Webcam bringen wollte und das Bild auf eine Leinwand projizieren wollte. Doch es stellte sich heraus, dass es eh nicht nötig gewesen wäre. Die Verbindung hielt nämlich eine ganze Minute! Wir konnten uns gerade begrüßen und die Sternsinger wollten zur Begrüßung ein Lied singen und dann brach die Verbindung ab! Wahrscheinlich war die Stimmgewalt der Sternsinger einfach zu viel für die Internetverbindung. Ja, es war schon ziemlich deprimierend, weil sich beide Seiten sehr darauf gefreut hatten miteinander zu sprechen.

Trotzdem denke ich im Nachhinein, dass es vielleicht doch ein Erfolg war. Ich haben den Kindern noch Fotos von den Aktionen in den letzten Jahren gezeigt und sie über die Sternsingeraktion aufgeklärt. Ich kann zumindest für die Three2Six-Kinder sprechen, dass sie trotz des sehr kurzen „Gesprächs” doch eine Menge Spaß hatten und ziemlich beeindruckt von den deutschen Kindern waren, die sich mitten im Winter trotz Schnee und Kälte auf den Weg machen, um u.a. auch den Three2Six-Kindern zu helfen.

Ich hoffe, dass ich eine ähnliche Aktion vielleicht mit besseren Bedingungen (es lag defintiv an der deutschen Internetverbindung, da die Sternsinger sich in einem alten Kloster befanden, wo die Internetverbindung eh schlecht ist!!!) wiederholen kann, denn es ist einfach wunderbar, wenn die Kinder beider Seiten die Möglichkeit haben, sich gegenseitig zu sehen und zu sprechen. Die deutschen Kinder haben so die Möglichkeit hautnah mitzuerleben und zu sehen, wohin u.a. das Geld, welches sie sammeln, geht und die Three2Six-Kinder sehen, dass so viele tausend Kilometer entfernt es Kinder gibt, die sich für sie einsetzen. Es ist und wäre also für beide Seiten eine Erfahrung, die sie bestärkt und die sie hoffentlich nicht so schnell vergessen werden.

Sehr lustig und erstaunt waren sie, als ich ihnen ein Foto zeigte, auf dem einer der drei Könige sich im Gesicht schwarz angemalt hatte und ich ihnen darauf erklärte, dass doch einer der heiligen drei Könige schwarz gewesen wäre 😉

Precieuse – a refugee story

Wie ich vor zwei Wochen bereits berichtet habe, ist der Animationsfilm, den die Kinder gemacht haben, fertig und auf Youtube anschaubar. Wir haben es endlich geschafft, auch den Kindern ihren Film zu zeigen. Anstatt wie jeden Donnerstag in die Kapelle zu gehen und die Kinder einen Einblick in die katholische Kirche zu geben, ging es diesmal in den TV-Raum. Die Kinder waren herrlich aufgeregt und mucksmäuschenstill, als es endlich los ging. Man konnte die Spannung richtig spüren.

Nach dem Film konnten die Kinder die Begeisterung auch gar nicht zurück halten: „it was amazing”, „great”, „fantastic”.

Und als sie noch hörten, dass der Film mittleweile auch zum Vatikan und zur UN unterwegs ist, waren sie sehr beeindruckt und auch ein wenig stolz auf ihre Leistung. (Auch wenn ich mir sicher bin, dass die Kinder weder Vatikan noch UN kennen, können sie sich vorstellen, dass der Film sich gerade über die ganze Welt verbreitet) Also wer den Film immer noch nicht gesehen hat: Auf, auf, der Film ist einfach unglaublich!! (Und die Erwartung von 1.000.000 Klicks hat der Head of the College letzte Woche einfach mal auf 18.000.000 erhöht!! :-D)

St. Martin in Südafrika

In meiner Heimatstadt ist es Brauch, am St.-Martinstag (10.11.11) von Haus zu Haus zu gehen, das St.-Martinslied zu singen und dafür ein paar Süßigkeiten zu kassieren. Da wir wie immer am Donnerstag „Chaple” (=Kapelle) hatten und die Kinder dort auch immer fleißig Lieder üben, hatte ich beschlossen, Süßigkeiten zu besorgen und ihnen die Geschichte vom heiligen Martin zu erzählen. Sie haben zwar still der Geschichte gelauscht, aber über die Süßigkeiten haben sie sich glaub ich einfach mehr gefreut und ich habe sogar das ein oder andere Mal ein deutsches „Danke” bekommen 😀

Warum ich keine Grundschullehrerin werden möchte 😉

Diese Woche bin ich zwei Nachmittage für eine erkrankte Lehrerin in Klasse 1 eingesprungen und ich weiß wieder einmal, warum Grundschullehrerin glaub ich wirklich nichts für mich ist. Um mich nicht falsch zu verstehen, es hat Riesenspaß gemacht und die Kinder sind einfach herrlich, aber auch einfach so unglaublich anstrengend. Es scheint, dass sie nicht eine Minute still sitzen können und ständig „Sarah” rufen. Selbst wenn sie sich melden, wird das Ganze durch den Ruf „Sarah” oder „teacher” noch verstärkt.

Und da es mir so viel Spaß gemacht hat und die Kinder fleißig am arbeiten gewesen sind, haben wir am Donnerstag die letzte Viertelstunde ein paar Spielchen gemacht. Ganz begeistert waren sie vom Pferderennen (siehe Foto), aber ich habe (Achtung liebe Barntruper!!!) mit ihnen auch „Ein Fahrradlenker” gespielt. Zur Erklärung: „Ein Fahrradlenker” ist ein Singspiel, bei dem einer immer ein paar Worte vorsingt und der Rest wiederholt das Ganze. Am Ende des Liedes kann man sich als Vorsinger entscheiden, ob das Lied zu leise oder zu laut gesungen wurde und ob man dann bei der anstehenden Wiederholung das Lied noch lauter bzw. wieder leiser singen will. Damit kann man die Kinder sich herrlich auspowern lassen, um sie dann zum Schluss mucksmäuschenstill zu kriegen. Leider ist es auf Deutsch, aber so etwas stört die Kinder hier weniger, sie sind gewohnt, Lieder oder Gebet vom Hören lautgetreu wieder zu geben (es hört sich dann u.a. manchmal ziemlich witzig an und ich wundere mich manchmal, wenn ich dann den Originaltext lese;-))

Noch einen letzten Kommentar in Bezug zum Beten. Wie es sich gehört, wird hier vor dem Essen gebetet. Also haben wir, bevor die Kinder ihren Lunch essen durften, gebetet, und zwar haben wir „Alle guten Gaben” mit dem „We will rock you” Rhythmus geklatscht und gesungen. Ich hatten den Kindern erklärt, dass es sich um ein deutsches Gebet handelt. Am Ende der Stunde kamen dann die Kinder total entsetzt an und sagten zu mir: „Sarah, wir haben gar nicht gebetet!” Zur Erklärung: Die Kinder sollen hier zum Beten immer die Hände zusammenhalten und die Augen schließen. Außerdem sind sie einfach nicht gewohnt, ein „Lied” als Gebet zu haben. Generell ist hier die Kirche noch etwas strikter und vielleicht manchmal sogar ein bisschen ernster und respektvoller als ich sie kenne.

Kultur-Fauxpas oder einfach zu direkt für Afrika

Ich habe es immer wieder gehört und hab doch immer gedacht: so groß wird der Unterschied zwischen Europäern und Afrikanern schon nicht sein. Aber falsch gedacht. Hier wird selten etwas direkt angesprochen, was auf die Dauer echt anstrengend sein kann. Eine kleine Anekdote zu nur einem meiner wahrscheinlich zig Kultur-Fauxpas: Ich hatte den Lehrern hier ein kleinen Brief geschrieben, indem ich ihnen ein paar Deadlines aufgelistet hatte, da ich oftmals nicht im Büro bin, wenn sie zur Arbeit erscheinen. Anscheinend war der allerdings zu direkt geschrieben, denn ein Lehrer fragte dann meine Kollegin, ob ich sauer oder ärgerlich mit ihnen wäre, da ich so forsch und direkt geschrieben hatte. 🙂
Ich war erstaunt und vielmehr überrascht, dass der Lehrer nicht zu mir gekommen ist, um zu fragen, ob alles in Ordnung ist. Nun ja, man spricht halt nicht so einfach alles direkt an 🙂

Ich möchte hier aber erwähnen, dass dieser besagte Lehrer, der sonst selten Deadlines einhält, alles überpünkltlich abgegeben hat und ich von anderen Kollegen schon zu hören bekommen habe, dass ein bisschen deutsche Pünktlichkeit doch allen ganz gut tun würde. Also ist meine direkte Art vielleicht doch ein bissschen hilfreich 😛

Auf die Hautfarbe reduziert zu werden ist echt nicht schön.

Noch ein Eindruck, den ich immer wieder bekomme und der mir so langsam auf die Nerven geht bzw. der mich immer wieder stutzig macht und zum Überlegen bringt.
Geht man auf die Straßen in der Umgebung meiner Unterkunft, begegnet man zu 99% nur schwarzen Südafrikanern. Das erste Mal habe ich mich sehr unwohl gefühlt, hatte ich doch so viele schreckliche Dinge gehört und immer wieder hieß es, dass wir vorsichtig sein müssen. Aber man hatte mir hier gesagt, dass ich tagsüber wohl hier auf die Straßen gehen könnte. Nun, nicht jeder Schwarzsüdafrikaner ist kriminell und will einem die Handtasche klauen oder sonst irgendwas antun. Also bin ich fleißig immer wieder zum Supermarkt gelaufen und mir fällt der Unterschied in Sachen Hautfarbe auch nicht mehr auf.

Tja, dafür falle ich aber anscheinend auf. Ich glaube, dass es für die Schwarz-Südafrikaner weniger daran liegt, dass ich weiß bin (schließlich gibt es hier ziemlich viele Weiße) sondern eher die Kombination Weiß, Frau und zu Fuß unterwegs (kaum ein Weißer geht hier zu Fuß). Eine „Spaziergehkultur” gibt es sowieso nicht und wenn dann auch noch eine weiße Frau durch die Straßen läuft, ist das nun mal auffallend. Selbst beim Joggen morgens hat man nicht seine Ruhe. Ständig bekommt man ein „Hello”, „Oh my Beauty”, „Unjani” u.ä, zu hören. Das Witzigste und Dreisteste war allerdings die Frage, ob ich 2 Minuten Zeit hätte. Vielleicht stimmt es doch, dass Deutsche einfach prüde sind. Am Anfang fand ich es noch ziemlich witzig und während ich es hier schreibe ist es auch ganz amüsant, aber wenn man morgens um 7 einfach seine Runden beim Joggen drehen möchte und einem die Leute hinterherstarren und jeden Blickkontakt sofort nutzen, um mit einem zu flirten, dann bin ich schon manchmal genervt. (Und das ganze bevor ich eine Tasse Kaffee hatte!!)

Aber man kann halt nach wie vor, je nach Umfeld, die Unterschiede zwischen Weiß und Schwarz spüren und es ist unglaublich schwer, sich davon los zu machen. Auch wenn alle Seiten froh darüber sind, dass die Apartheid schon so lange zurück liegt, klammert man sich dann doch manchmal an die Unterschiede und manifestiert sie so (schließlich kann ich nicht auf die Straße gehen ohne angequatscht zu werden, nur weil ich weiß bin). So werde ich manchmal von meinen Kollegen vorgeschickt, wenn irgendetwas gefragt/besorgt werden soll, ich bin ja schließlich weiß und mir schlägt man vielleicht eine Bitte nicht so schnell ab.
Und so ist es eben einfach unnormal, dass eine weiße Frau durch die Straßen läuft. (Ich möchte erwähnen, dass dies ganz und gar nicht gefährlich ist und dass ich nicht einfach neue Gegenden auskundschafte, sondern lediglich die Straßen begehe, die auch wirklich sicher sind 😉 Ich hoffe jetzt sind alle beruhigt!)

Manchmal blitzen dann doch noch ein paar Vorurteile von beiden Seiten auf.
Aber man mag sich bitte daran erinnern, wie oft wir manchmal noch die Unterschiede zwischen Ossis und Wessis benennen und dies ist noch länger her als die Apartheid hier!!!

Na, jetzt bekomme ich das Gefühl, das ich eh schon erwartet habe, Außenseiter sein, was Besonderes sein, aufgrund der Hautfarbe! Ich kann sagen, dass dies ganz und gar kein schönes Gefühl ist!

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Ein Kommentar
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  1. Hey Sarah,
    war schon traurig das wir am Sternsingerwochenende nicht skypen konnten.
    Aber wir ham in Gedanken an dich “ein Fahrradlenker” gesungen! War schon lustig!
    Viele oder alle die dich kannten ham dich in Möllenbeck vermisst! Du warst da halt die bliebteste Betreuerin. Zumindest hatte ich das Gefühl!
    Viel Spaß noch in Südafrika
    Maurice

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