„Das ist kein Kampf, das ist ein Friedenscup!”

Samstag, 19. Juni 2010 von Susanne Dietmann

Nur zehn Kilometer liegt das Township Atteridgeville vom Super Stadium entfernt, wohin die deutsche Nationalelf noch vor wenigen Tagen zum öffentlichen Training eingeladen hatte. Und auch das Loftus-Versfeld-WM-Stadion in Pretoria ist nicht weit entfernt. Von der Weltmeisterschaft sind die Menschen in Atteridgeville dennoch gänzlich ausgeschlossen: Die Tickets sind viel zu teuer und ohne Strom können sie die Spiele meist nicht einmal im Fernsehen verfolgen.

Dennoch kommen die Bewohner während der WM jeden Samstag in den Genuss von zwei spannenden Fußballpartien – und das umsonst und direkt vor der eigenen Haustüre. Am 5. Juni war Anpfiff für die erste Partie des südafrikanischen Friedenscup – mit 64 Spielern aus 16 Nationen, von Südafrika über Ruanda bis Burundi, von Mexiko, Türkei und Italien bis Amerika. Während ein Großteil der Spieler in den umliegenden Townships lebt und ausländische Wurzeln hat, sind einige Teams aus dem Ausland zum Friedenscup angereist. So auch Pater Bertrand und seine Kicker aus der Nähe von Toulouse. Viele von ihnen haben selbst afrikanische Wurzeln. Ihr heutiger Gegner: ein südafrikanisches Team aus Atteridgeville.

Statt auf gepflegtem Fußballrasen wird auf staubig-rotem Untergrund gespielt, die Linien wurden kurzerhand mit Asche aufgezeichnet und die Tore sind die Leihgabe eines Fußballvereins. Vor Spielbeginn stehen Spieler und Schiedsrichter gemeinsam auf dem Mittelkreis und beten. Erst dann folgt der Anpfiff. Ein fehlender Spieler in der französischen Mannschaft wird kurzerhand durch einen Südafrikaner ersetzt – beim Friedenscup gelten andere Regeln als auf dem WM-Rasen. „Wir wollen, dass Menschen verschiedener Klassen, Kulturen und Religionen sich beim Fußballspiel begegnen“, erklärt Antoine Soubrier die Idee des Friedenscups. Gemeinsam mit der Ordensschwester Aine Hughes, Caritas-Koordinatorin bei der südafrikanischen Bischofskonferenz, hat er das Turnier organisiert. Das Kindermissionswerk unterstützt das Projekt.

Fotos: Susanne Dietmann/Kindermissionswerk

„Das ist kein Kampf“, ermahnt der Schiedsrichter die Spieler, „das ist ein Friedenscup.“ Zwar gibt es am Ende auch zwei Verletzte, aber anders als bei der WM hagelt es in Atteridgeville keine roten und gelben Karten. Zahlreiche Bewohner – vom Kleinkind bis zum Greis – stehen am Spielfeldrand und feuern die Spieler mit Trommeln und Vuvuzelas an. Als Pausensnack gibt es Chips und Orangen. Eine ältere Frau singt und tanzt mit getrockneten Grasbüscheln für das Gelingen eines Elfmeters, bis der Linienrichter sie des Spielfelds verweist.

Viel zu schnell gehen die 60 Minuten Spielzeit um, und als der Applaus der Zuschauer nicht endet, legen die Spieler noch ein „Freundschafts-Elfmeterschießen“ drauf. Und während die WM-Zuschauer noch bis Dienstag zittern müssen, wer die Partie Südafrika-Frankreich gewinnt, steht in Atteridgeville der Sieger bereits fest: 2:1 schlägt die französische Elf die Südafrikaner, beim Elfmeterschießen gewinnen sie eindeutig mit 6:3. „Aber am Dienstag wird das anders, da gewinnen wir“, kommentiert mein Nachbar am Spielfeldrand das Ergebnis. „Vielleicht sollten wir unserer Nationalelf ein paar von unseren Spielern schicken”, schlägt Pater Bertrand vor, „damit sie diesmal ein besseres Ergebnis abliefern.”

 

„Afrika ist eure Familie”

Freitag, 18. Juni 2010 von Susanne Dietmann

Ein Fußballfeld aus Papier.

Es ist kalt an diesem Freitagmorgen – bitterkalt. Eingepackt in warme Jacken, Schals, Mützen und Handschuhe sitzen die Jungen und Mädchen in den Schulbänken. Einige der Lehrer haben den Unterricht auch nach draußen verlegt, in die wärmende Sonne. 

Während die Schüler des Sacred-Heart-College im Johannesburger Stadtteil Observatory ihre verlängerten Schulferien genießen, sind die rund 200 Jungen und Mädchen des „Three2Six“-Programms auch in der Ferienzeit hier. Ganz freiwillig pauken sie Englisch und Mathe.

Matheunterricht bei den Jüngsten.

Sie alle sind als Flüchtlinge nach Südafrika gekommen – aus Ruanda, Simbabwe und Sudan, aus dem Kongo oder Äthiopien. „Viele von ihnen haben keine Papiere, sprechen die englische Sprache nicht oder ihre Eltern können sich die Schulgebühren nicht leisten”, erklärt Elinor Kern, die Fundraiserin der Schule. Vom staatlichen Schulsystem sind die Kinder daher ausgeschlossen. In den Nachmittagsstunden (von 15 bis 18 Uhr, daher auch der Name des Programms) werden die Kinder am Sacred-Heart-College kostenlos unterrichtet - auch in den Ferien. Ziel ist es, die Jungen und Mädchen auf die staatlichen Schulen vorzubereiten. „Im vergangenen Jahr haben es leider nur sechs Kinder geschafft”, erzählt Elinor Kern. „Es ist sehr schwer, die nötigen Papiere zu bekommen, und der Staat scheint sich nicht für diese Kinder zu interessieren.” Neben dem Unterricht werden die Kinder auch psychologisch betreut, denn viele von ihnen haben Schlimmes erlebt, bevor sie nach Südafrika gekommen sind.

Doch auch hier werden sie oft mit einer großen Fremdenfeindlichkeit konfrontiert. Im Mai 2009 gab es in Johannesburg letztmals Übergriffe auf Flüchtlinge - seitdem werden die Kinder mit dem Bus zur Schule gebracht. In einem Comic-Workshop beschäftigen sich die älteren Schüler während des Ferienprogramms mit dem Thema und erzählen, warum sie selbst nach Südafrika gekommen sind. Am Ende soll ein Comicheft gedruckt werden, das auch an anderen Schulen verteilt wird. „Für die Integration der Kinder wird wenig getan, wir wollen wenigstens einen kleinen Teil dazu beitragen”, sagt Elinor Kern.

Gedicht: "Afrikanisches Kind". Fotos: Susanne Dietmann/Kindermissionswerk

Während die Jüngsten auf dem Sportgelände herumtoben und die Zweitklässer im Matheunterricht den Zahlenraum bis 20 erkunden, schreiben die Viertklässer im Englischunterricht ihre Fußballerlebnisse vom Vortag auf und zeichnen dazu. Die älteren Schüler verfassen frei Texte. Während einige Mädchen die Liedzeilen eines bekannten Popstars wiedergeben, hat Leratho (Name geändert) ihr eigenes Gedicht geschrieben: „Afrikanisches Kind”. „Ich bin stolz, ein afrikanisches Kind zu sein, und als afrikanisches Kind habe ich eine Verantwortung…”, heißt es darin. Und am Ende: „Deswegen, meine afrikanischen Mitbrüder, sage ich euch: liebt eure Familie. Afrika ist eure Familie.”

 

Das beste Spiel der WM…

Donnerstag, 17. Juni 2010 von Susanne Dietmann

Fotos: Susanne Dietmann/Kindermissionswerk

Ein WM-Spiel live im Stadion anschauen? Dieser Traum bleibt vielen Kindern in Südafrika verwehrt. Auch wenn die Stadien direkt vor der Haustüre liegen, für viele Eltern bleiben die Eintrittskarten unerschwinglich. 

Hunderte Johannesburger Schüler kamen heute dennoch in den Genuss – dank eines asiatischen Autokonzerns, der die Eintrittskarten an „besonders bedürftige Schüler“ verschenkt hatte.

Auch 215 Schüler und Lehrer des Sacred-Heart-College waren unter den 82.174 Zuschauern im Johannesburger Soccer-City-Stadion. Viele der Schüler sind Flüchtlingskinder aus Ruanda, Simbabwe, Sudan und anderen afrikanischen Ländern. Wegen ihres Flüchtlingsstatus’ können sie keine staatliche Schule besuchen. „Three2Six“ heißt das Programm, in dem die Kinder am Sacred Heart College nachmittags in Englisch, Mathe und anderen Fächern unterrichtet werden, um später in eine reguläre Schule wechseln zu können. Das Kindermissionswerk unterstützt das Projekt bereit seit mehreren Jahren.

Begeistert feuerten die Kinder bei der Partie Argentinien – Südkorea die 22 Kicker auf dem Spielfeld an.  „Natürlich bin ich ein Fan der südafrikanischen Mannschaft“, erklärt die 10-jährige Anita, „aber heute drücke ich Argentinien die Daumen.“ Doch auch die Koreaner, die am Ende mit 1:3 unterliegen, bekommen bei jeder Torchance einen anerkennenden Applaus von den Kindern. „Das war super!“ „Das beste Spiel der WM!“ „Argentinien wird Weltmeister!“, sind nur einige der Kommentare als das Spiel zu Ende ist. In fünf Schulbussen fahren Kinder und Betreuer wieder nach Hause – begeistert von diesem einmaligen Erlebnis, dass ihnen wohl noch lange in Erinnerung bleiben wird.

 

“Erschreckend, was sie diesen Menschen angetan haben“

Mittwoch, 16. Juni 2010 von Susanne Dietmann

Heute ist Nationalfeiertag in Südafrika. Landesweit wird der Tag der Jugend gefeiert, im Gedenken an rund 20.000 Schüler und Studenten, die am 16. Juni 1976 in Soweto (South Western Townships, südliche Wohngebiete) auf die Straße gingen, um gegen die Rassentrennung in Südafrika zu protestieren. 23 Demonstranten wurden damals getötet, als die Polizei das Feuer auf die Menge eröffnete. Die Unruhen breiteten sich aus und am Ende waren insgesamt fast 200 Tote zu beklagen.

Schwarz und Weiß getrennt – Eingang des Apartheidsmuseums.

Demokratie – Versöhnung – Vielfalt. Fotos: Susanne Dietmann/Kindermissionswerk

34 Jahre später: Die Fanparks füllen sich langsam und ganz Johannesburg fiebert gespannt dem zweiten Spiel der südafrikanischen Nationalelf entgegen. Ich bin sehr erstaunt über die Menschenmassen, die sich noch spätnachmittags durch die Gänge des Apartheidmuseums drängen. Fußballfans aus aller Welt nutzen die Zeit zwischen den Spielen, um einen Blick in die Geschichtsbücher Südafrikas zu werfen. Ein kolumbianisches Kamerateam dreht einen Fernsehbeitrag.

„Das gehört dazu, schließlich will auch noch etwas anderes sehen als nur die Stadien“, erklärt mir Theo aus Griechenland. „Es ist erschreckend, was sie diesen Menschen angetan haben.“ Unterschiedliche Eintrittskarten teilen die Besucher in “Schwarz” und “Weiß”. Die separaten Eingänge lassen jedoch nur erahnen, wie es für die Menschen während der Apartheid gewesen sein muss, unterschiedliche Verkehrsmittel zu nutzen, in getrennten Wohnsiedlungen zu leben und vom Wahlrecht ausgeschlossen zu sein – diskriminiert zu werden. Ein großer Teil der Ausstellung ist auch den Soweto-Aufständen von 1976 gewidmet.

16. Juni 2010, 22:37 Uhr, Jolly Cool Bar, Johannesburg, Stadtteil Parkhurst: Menschen aus aller Herren Länder – Europäer, Asiaten, Afrikaner – betrauern gemeinsam die 0:3 Niederlage der Bafana Bafana, „ihrer Jungs“. „Beim Fußball ist es egal, welche Hautfarbe du hast“, stellt Laura (29) aus Dublin treffend fest, „Hauptsache der Ball geht ins Netz.“ Leider hat das bei der südafrikanischen Nationalmannschaft heute nicht funktioniert.

 

Zakumi, Flamenco und Sauerkraut

Dienstag, 15. Juni 2010 von Susanne Dietmann

Südafrikanische Landesfarben... Foto: Eleanor Hough

Positiver Nebeneffekt der Fußball-WM: nicht nur das Ausland erfährt mehr über Südafrika und die unterschiedlichen Facetten des Landes, auch die Menschen in Südafrika lernen die teilnehmenden Länder ein bisschen besser kennen. Vielerorts haben im Vorfeld der WM auch die Schulen das Thema aufgegriffen und Brasilien, Australien oder Deutschland einmal genauer unter die Lupe genommen.

Die McAuley-Schule im Johannesburger Stadtteil Auckland Park hat sogar einen Weltmeisterschaftstag gefeiert: mit einem riesigen Fußballturnier, landestypischen Tänzen, Vorträgen und einer Lehrerin mit grüner Perücke, verkleidet als das offizielle WM-Maskottchen Zakumi.

Jede Klasse repräsentierte ein anderes Land und beteiligte sich mit eigenen Beiträgen an dem Fest: vom Zulu-Tanz bis hin zum argentinischen Tango oder spanischen Flamenco. Während die Jüngsten stolz die südafrikanische Flagge in die Aula der Schule trugen, erzählten die Siebtklässler ihren Mitschülern vom Mauerfall, Kanzlerin Merkel und dem Oktoberfest in München.

... und deutsche kulinarische Genüsse. Foto: Susanne Dietmann/Kindermissionswerk

Doch auch anderenorts scheinen die Südafrikaner die kulinarischen Vorlieben der deutschen Gäste genau recherchiert zu haben. So preist ein Essensstand auf dem bekannten “Dachmarkt” in Rosebank neben Bockwurst, Bratwurst und Käseknacker auch noch weitere Spezialitäten an: Weißkohlbeilage und “das typisch deutsche ‘Sauerkraut Topping’. Das ist nicht nur während der WM der absolute Renner”, versicherte mir der Verkäufer glaubhaft. Ich entscheide mich am Ende jedoch für das einheimische Pendant: eine “typisch südafrikanische” Boerewors mit Zwiebeln und Tomaten.

 

Eine Hoffnungswerkstatt fernab der WM-Stadien

Montag, 14. Juni 2010 von Susanne Dietmann

Foto: Susanne Dietmann/Kindermissionswerk

Weit entfernt von den südafrikanischen Millionenstädten und den großen WM-Stadien liegt die Diözese Aliwal. Von dem großen Sportereignis bekommen die Menschen hier nur wenig mit. Von seiner Schattenseite dagegen schon. “Die Leute kommen mit schönen Autos aus Johannesburg und versuchen, Kinder mit Jobangeboten in die Stadt zu locken”, erzählte Bischof Michael Wüstenberg. Die vermeintliche Arbeit sei, sich in den Spielstädten zu prostituieren.

Mit einem Fußball- und Sportprogramm möchte der deutschstämmige Bischof den Kindern eine Alternative bieten und ihnen zeigen, wie sie sich und andere vor Kinderhandel schützen können. 450 Jungen und Mädchen werden ab heute drei Wochen lang ihre Ferien zusammen verbringen und vor allem eins tun: Fußball spielen. Pastorale Mitarbeiter, zwei Freiwillige des deutschen weltwärts-Programms und ein Fußballtrainer betreuen die Kinder in drei einwöchigen Freizeiten mit jeweils 150 Kindern auf der Farm Mount Carmel. Das Kindermissionswerk unterstützt das Ferienprogramm.

Doch auch wenn am 11. Juli in Johannesburg das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft abgepfiffen wird, will Bischof Wüstenberg weitermachen: “In Mount Carmel soll eine Hoffnungswerkstadt entstehen. Wir wollen den Kindern und Jugendlichen neue Möglichkeiten bieten und einen Ort schaffen, an dem sie auch ihre Freizeit und Ferien verbringen können.”

 

Weltmeisterschaftssonntag

Sonntag, 13. Juni 2010 von Susanne Dietmann

Fotos: Susanne Dietmann/Kindermissionswerk

Fotos: Susanne Dietmann/Kindermissionswerk

Was haben zwei Fußballtore, Bälle und Flaggen am Kircheneingang verloren? Auf den ersten Blick rein gar nichts. Doch heute, am offiziellen Weltmeisterschaftssonntag, waren viele Gotteshäuser in Johannesburg ganz im Zeichen der WM dekoriert. Die südafrikanische Bischofskonferenz hatte zum WM-Sonntag eingeladen, um gemeinsam für ein “friedliches und sicheres Gelingen, ohne Verbrechen und Ausschreitungen” zu beten.

Südafrika, Brasilien, England, USA, Argentinien - auch in der Kirche der Unbefleckten Empfängnis im Stadtteil Rosebank erschienen viele Gottesdienstbesucher im Trikot ihrer Lieblingsmannschaft. “Hello, Salut, Guten Tag, Goeden dag, Binjour, ¡Bienvenido!, Benvenuta”, empfing sie der Pfarrer gleich in mehreren Sprachen, gekleidet in einer Stola in den Flaggen aller teilnehmenden Mannschaften. Und zum Abschluss betete er: “Lasst uns alle positiv an der Weltmeisterschaft mitwirken, um Verbrechen und Korruption, Hooligans und jegliche Art von Ausbeutung und Missbrauch zu verhindern. … Möge dein Geist der Fairness, Gerechtigkeit und des Friedens sich unter allen Spielern und Beteiligten durchsetzen.” Einzig die Vuvuzelas hatten an diesem Weltmeisterschaftssonntag in den Kirchen “Hausverbot”.

Auf dem Kirchhof diskutierten die Besucher nach dem Gottesdienst bei einer Tasse Tee oder Kaffee über die bereits absolvierten Spiele und spekulierten über einen möglichen Sieg der deutschen Nationalelf am Abend. Mittendrin: eine Gruppe Jugendlicher, die versuchte das WM-Fieber zu ihren Gunsten zu nutzen. Für den stattlichen Preis von knapp vier Euro verkauften sie Glückslose. Die Hauptgewinne: ein handsigniertes Trikot der südafrikanischen Nationalmannschaft, ein Fußball und Vuvuzelas. Doch ihr Engagement war für einen guten Zweck: Mit den Einnahmen der Aktion wollen sich die jungen Männer und Frauen die Teilnahme am Weltjugendtag 2011 in Madrid finanzieren.

Impressionen vom “Weltmeisterschaftssonntag” gibt es auf der Internetseite der südafrikanischen Bischofskonferenz >>

 

“Hört uns Kindern zu!”

Samstag, 12. Juni 2010 von Susanne Dietmann

Pressekonferenzen sind bei Journalisten in der Regel recht unbeliebte Termine: langweilige, vorgekaute Statements und am Ende die große Frage: “Was um Himmels Willen soll ich darüber schreiben?”. Nicht jedoch, wenn Kinder zu einer Pressekonferenz einladen. In der Johannesburger Universität Witwatersrand traten heute Nachmittag 40 Kinder an die Öffentlichkeit, um den Medien ihre ihre Meinung, Wünsche und ihre Hoffnungen mitzuteilen.

„Heute ist ein ganz besonderer Tag“, begrüßt William Bird die Jungen und Mädchen am Morgen. „Zum ersten Mal in der Geschichte Südafrikas wird es eine Kinderpressekonferenz geben. Und ihr seid diejenigen, denen die Menschen zuhören werden.“ Doch die Zeit drängt, denn schon in drei Stunden werden sie da sein: Reporter, Fotografen, Kameraleute.

Gemeinsam überlegen die Kinder, was sie den Medienvertretern zur Fußballweltmeisterschaft sagen wollen, zum Thema Kinderhandel oder darüber, wie Kinder in den Medien dargestellt werden. „Kinderhandel ist nicht nur während der Weltmeisterschaft ein Problem. Die Medien müssen sicherstellen, dass auch nach der WM darüber berichtet wird”, fordert die zwölfjährige Khumo. Sie soll ihre Gruppe später auf dem Podium quasi als Expertin zum Thema Kinderhandel vertreten. Auf ihrem Block notiert sie weitere Statements, die sie den Medien präsentieren will. Auch die anderen Gruppen tragen ihre Aussagen zusammen.

Fotos: Susanne Dietmann/Kindermissionswerk

Mikrofone werden verkabelt, Getränke bereitgestellt und Namensschilder verteilt. Dann kommen auch schon die ersten Journalisten. Dann gilt alle Aufmerksamkeit den sechs Kindern auf dem Podium. “Schließt Kinder nicht von der WM aus”, fordert Zahraa. “Wir können uns die teuren Tickets nicht leisten, dabei würden wir uns gerne auch ein Fußballspiel anschauen.” “Hört uns Kindern zu und lasst uns auch in den Medien zu Wort kommen”, formuliert Furqaan seine Forderung.

Die Journalisten schreiben fleißig mit und fragen mehrmals nach, wie sie nach Meinung der Kinder diese denn besser in ihre Berichterstattung mit einbeziehen können. “Lend a hand, take a stand” - “Helft uns, bezieht Stellung” haben die Kinder kurz und prägnant ihr Motto für die Pressekonferenz formuliert. Genau das fordern sie nun auch von den neun anwesenden Journalisten.

“Es war großartig, das so viele Journalisten gekommen sind und uns zugehört haben”, sagt Jead nach der Pressekonferenz. “Wir konnten unsere Meinung sagen, all das, was uns schon wichtig ist.” Während Furgaan direkt im Anschluss an die Pressekonferenz sogar noch live im Fernsehstudio auftritt, wollen alle anderen Journalisten schon in den nächsten Tagen berichten. “Wenn das veröffentlicht wird, wird jeder erfahren, was wir Kinder denken”, freut sich Khotso.

 

Anti-Mobbing-Poster und hundert Freikarten

Freitag, 11. Juni 2010 von Susanne Dietmann

Nichts scheint mehr normal an diesem Freitagmorgen, wenige Stunden vor dem Anpfiff des WM-Eröffnungsspiels im Soccer City Stadion von Johannesburg. Schon morgens um fünf werde ich von einem lauten Vuvuzela-Konzert geweckt. Auf dem Weg ins Büro sehe ich Menschen auf den Straßen tanzen, hupen und Fahnen in den südafrikanischen Landesfarben schwenken. Sogar Bankangestellte und die Kassiererinnen im Supermarkt sind heute mit Trikots und Fahnen ausgestattet.

Auch im Büro von Media Monitoring Africa sind alle in Fußballtrikots erschienen, schließlich wollen wir pünktlich um 16 Uhr gemeinsam die Nationalmannschaft anfeuern. Doch bis dahin gibt es noch viel zu tun. Die morgige Kinderpressekonferenz muss noch vorbereitet werden, außerdem haben wir für zehn Uhr eine Kindergruppe in die Troyeville Grundschule eingeladen. Mit ihnen wollen wir ausprobieren, was uns Kinderrechtsexpertin Glynis Clacherty gestern in einem Workshop beigebracht hat.

Tebongo (rechts) und Fortune im Gespräch mit Kinderrechtsexpertin Glynis Clacherty. Fotos: Susanne Dietmann/Kindermissionswerk

„Mir ist jetzt schon langweilig“, beschwert sich der 11-jährige Fortune bei der Begrüßung. Dabei haben die verlängerten Schulferien gestern erst begonnen. Doch während die Kinder die nächsten fünf Wochen zu Hause sind, müssen ihre Eltern auch während der WM arbeiten – eine Tatsache, die die Regierung im Vorfeld nicht bedacht hat. Eltern, Lehrer und auch Projektpartner sind in diesen Tagen umso besorgter, dass die Jungen und Mädchen nicht wissen, was sie mit der zusätzlichen Freizeit anfangen sollen. Einige Projektpartner des Kindermissionswerks haben deswegen eine Vielzahl an Kinderferienprogrammen entwickelt, so auch Media Monitoring Africa.

"Anti-Mobbing-Poster"

Anti-Mobbing-Poster

Mithilfe von Spielen, Zeichnungen und Diskussionen beschäftigen wir uns in einer  Kleingruppe mit den Berufswünschen und –chancen der Mädchen. Eine Jungengruppe behandelt das Thema Mobbing in der Schule. „Ich werde oft wegen meiner großen Nase gehänselt“, erzählt Tebogo. „Ich fühle mich schlecht, wenn ich daran denke, wie oft ich schon andere gehänselt habe“,  gesteht Fortune. Um Lehrer und Mitschüler auf das Thema aufmerksam zu machen, entwerfen die Jungen kunterbunte Anti-Mobbing-Poster für die Klassenräume und Lehrerzimmer. Dann heißt es schnell zusammenpacken, damit alle rechtzeitig zum Anpfiff wieder zu Hause sind.

Und während heute alle das Eröffnungsspiel in den Straßen oder zu Hause verfolgen, freut sich Tebogo schon auf die Partie Argentinien – Südkorea am 17. Juni. Ein asiatischer Autokonzern hat seiner Schule hundert Tickets für das Spiel geschenkt. „Und ich bin dabei“, verrät er stolz. Kein Wunder, dass der Zwölfjährige bei der WM neben der südafrikanischen auch die argentinische Mannschaft anfeuern wird.

 

Wer hat die schönste Vuvuzela?

Donnerstag, 10. Juni 2010 von Susanne Dietmann

Foto: Susanne Dietmann/Kindermissionswerk

In ganz Südafrika preisen Händler schon seit vielen Wochen ihre Vuvuzelas an: am Straßenrand, im Supermarkt, in der einfachen Plastikausführung, mit Stoffüberzug in den Farben der teilnehmenden Nationen, oder in der „Edelvariante“, verziert mit kunstvollen Perlenmustern.

Einige unverkäufliche Muster sind in diesen Tagen in der Bibliothek der McAuley-Schule im Johannesburger Stadtteil Auckland Park zu sehen. Im Kunstunterricht haben die Acht- und Neuntklässler ihre Vuvuzelas liebevoll verziert: mit Bändern, Blumen und bunten Mustern, mit Fußbällen, “Bafana Bafana”-Sprüchen und sogar mit einer Sonnenbrille.

Foto: Eleanor Hough

Stolz präsentieren die Schülerinnen ihre Kunstwerke, mit denen sie es sogar bis ins Fernsehen geschafft haben. Der staatliche Sender SABC hatte im Vorfeld der WM einen Vuvuzela-Wettbewerb ausgerufen. “Viele unserer Schüler kommen aus sehr schwierigen Familienverhältnissen”, erklärt Schulleiterin Eleanor Hough. “Es freut mich riesig, dass solche tollen Arbeiten entstanden sind und die Kinder damit sogar im Fernsehen waren.” Ob sie den Vuvuzela-Wettbewerb gewonnen haben, werden die Kinder allerdings erst in fünf Wochen erfahren. Denn heute haben landesweit die verlängerten Ferien begonnen, die eigens wegen der WM vorgezogen wurden.

Auf dem Schulhof hingegen laufen seit den Morgenstunden die Arbeiten auf Hochtouren. Mit Unterstützung des Kindermissionswerks wird während der Ferien das Spiel- und Sportgelände der McAuley-Schule saniert. Was heute noch wie ein rissiger Wüstenboden mit rostiger Umzäunung aussieht, soll bis zum Schulstart am 13. Juli wieder das sein, was es ursprünglich war: ein Fuß- und Basketballplatz, auf dem sich die Kinder nicht nur im Sportunterricht austoben können.