“Hört uns Kindern zu!”
Pressekonferenzen sind bei Journalisten in der Regel recht unbeliebte Termine: langweilige, vorgekaute Statements und am Ende die große Frage: “Was um Himmels Willen soll ich darüber schreiben?”. Nicht jedoch, wenn Kinder zu einer Pressekonferenz einladen. In der Johannesburger Universität Witwatersrand traten heute Nachmittag 40 Kinder an die Öffentlichkeit, um den Medien ihre ihre Meinung, Wünsche und ihre Hoffnungen mitzuteilen.
„Heute ist ein ganz besonderer Tag“, begrüßt William Bird die Jungen und Mädchen am Morgen. „Zum ersten Mal in der Geschichte Südafrikas wird es eine Kinderpressekonferenz geben. Und ihr seid diejenigen, denen die Menschen zuhören werden.“ Doch die Zeit drängt, denn schon in drei Stunden werden sie da sein: Reporter, Fotografen, Kameraleute.
Gemeinsam überlegen die Kinder, was sie den Medienvertretern zur Fußballweltmeisterschaft sagen wollen, zum Thema Kinderhandel oder darüber, wie Kinder in den Medien dargestellt werden. „Kinderhandel ist nicht nur während der Weltmeisterschaft ein Problem. Die Medien müssen sicherstellen, dass auch nach der WM darüber berichtet wird”, fordert die zwölfjährige Khumo. Sie soll ihre Gruppe später auf dem Podium quasi als Expertin zum Thema Kinderhandel vertreten. Auf ihrem Block notiert sie weitere Statements, die sie den Medien präsentieren will. Auch die anderen Gruppen tragen ihre Aussagen zusammen.
Mikrofone werden verkabelt, Getränke bereitgestellt und Namensschilder verteilt. Dann kommen auch schon die ersten Journalisten. Dann gilt alle Aufmerksamkeit den sechs Kindern auf dem Podium. “Schließt Kinder nicht von der WM aus”, fordert Zahraa. “Wir können uns die teuren Tickets nicht leisten, dabei würden wir uns gerne auch ein Fußballspiel anschauen.” “Hört uns Kindern zu und lasst uns auch in den Medien zu Wort kommen”, formuliert Furqaan seine Forderung.
Die Journalisten schreiben fleißig mit und fragen mehrmals nach, wie sie nach Meinung der Kinder diese denn besser in ihre Berichterstattung mit einbeziehen können. “Lend a hand, take a stand” - “Helft uns, bezieht Stellung” haben die Kinder kurz und prägnant ihr Motto für die Pressekonferenz formuliert. Genau das fordern sie nun auch von den neun anwesenden Journalisten.
“Es war großartig, das so viele Journalisten gekommen sind und uns zugehört haben”, sagt Jead nach der Pressekonferenz. “Wir konnten unsere Meinung sagen, all das, was uns schon wichtig ist.” Während Furgaan direkt im Anschluss an die Pressekonferenz sogar noch live im Fernsehstudio auftritt, wollen alle anderen Journalisten schon in den nächsten Tagen berichten. “Wenn das veröffentlicht wird, wird jeder erfahren, was wir Kinder denken”, freut sich Khotso.
Anti-Mobbing-Poster und hundert Freikarten
Nichts scheint mehr normal an diesem Freitagmorgen, wenige Stunden vor dem Anpfiff des WM-Eröffnungsspiels im Soccer City Stadion von Johannesburg. Schon morgens um fünf werde ich von einem lauten Vuvuzela-Konzert geweckt. Auf dem Weg ins Büro sehe ich Menschen auf den Straßen tanzen, hupen und Fahnen in den südafrikanischen Landesfarben schwenken. Sogar Bankangestellte und die Kassiererinnen im Supermarkt sind heute mit Trikots und Fahnen ausgestattet.
Auch im Büro von Media Monitoring Africa sind alle in Fußballtrikots erschienen, schließlich wollen wir pünktlich um 16 Uhr gemeinsam die Nationalmannschaft anfeuern. Doch bis dahin gibt es noch viel zu tun. Die morgige Kinderpressekonferenz muss noch vorbereitet werden, außerdem haben wir für zehn Uhr eine Kindergruppe in die Troyeville Grundschule eingeladen. Mit ihnen wollen wir ausprobieren, was uns Kinderrechtsexpertin Glynis Clacherty gestern in einem Workshop beigebracht hat.

Tebongo (rechts) und Fortune im Gespräch mit Kinderrechtsexpertin Glynis Clacherty. Fotos: Susanne Dietmann/Kindermissionswerk
„Mir ist jetzt schon langweilig“, beschwert sich der 11-jährige Fortune bei der Begrüßung. Dabei haben die verlängerten Schulferien gestern erst begonnen. Doch während die Kinder die nächsten fünf Wochen zu Hause sind, müssen ihre Eltern auch während der WM arbeiten – eine Tatsache, die die Regierung im Vorfeld nicht bedacht hat. Eltern, Lehrer und auch Projektpartner sind in diesen Tagen umso besorgter, dass die Jungen und Mädchen nicht wissen, was sie mit der zusätzlichen Freizeit anfangen sollen. Einige Projektpartner des Kindermissionswerks haben deswegen eine Vielzahl an Kinderferienprogrammen entwickelt, so auch Media Monitoring Africa.
Mithilfe von Spielen, Zeichnungen und Diskussionen beschäftigen wir uns in einer Kleingruppe mit den Berufswünschen und –chancen der Mädchen. Eine Jungengruppe behandelt das Thema Mobbing in der Schule. „Ich werde oft wegen meiner großen Nase gehänselt“, erzählt Tebogo. „Ich fühle mich schlecht, wenn ich daran denke, wie oft ich schon andere gehänselt habe“, gesteht Fortune. Um Lehrer und Mitschüler auf das Thema aufmerksam zu machen, entwerfen die Jungen kunterbunte Anti-Mobbing-Poster für die Klassenräume und Lehrerzimmer. Dann heißt es schnell zusammenpacken, damit alle rechtzeitig zum Anpfiff wieder zu Hause sind.
Und während heute alle das Eröffnungsspiel in den Straßen oder zu Hause verfolgen, freut sich Tebogo schon auf die Partie Argentinien – Südkorea am 17. Juni. Ein asiatischer Autokonzern hat seiner Schule hundert Tickets für das Spiel geschenkt. „Und ich bin dabei“, verrät er stolz. Kein Wunder, dass der Zwölfjährige bei der WM neben der südafrikanischen auch die argentinische Mannschaft anfeuern wird.
Wer hat die schönste Vuvuzela?
In ganz Südafrika preisen Händler schon seit vielen Wochen ihre Vuvuzelas an: am Straßenrand, im Supermarkt, in der einfachen Plastikausführung, mit Stoffüberzug in den Farben der teilnehmenden Nationen, oder in der „Edelvariante“, verziert mit kunstvollen Perlenmustern.
Einige unverkäufliche Muster sind in diesen Tagen in der Bibliothek der McAuley-Schule im Johannesburger Stadtteil Auckland Park zu sehen. Im Kunstunterricht haben die Acht- und Neuntklässler ihre Vuvuzelas liebevoll verziert: mit Bändern, Blumen und bunten Mustern, mit Fußbällen, “Bafana Bafana”-Sprüchen und sogar mit einer Sonnenbrille.
Stolz präsentieren die Schülerinnen ihre Kunstwerke, mit denen sie es sogar bis ins Fernsehen geschafft haben. Der staatliche Sender SABC hatte im Vorfeld der WM einen Vuvuzela-Wettbewerb ausgerufen. “Viele unserer Schüler kommen aus sehr schwierigen Familienverhältnissen”, erklärt Schulleiterin Eleanor Hough. “Es freut mich riesig, dass solche tollen Arbeiten entstanden sind und die Kinder damit sogar im Fernsehen waren.” Ob sie den Vuvuzela-Wettbewerb gewonnen haben, werden die Kinder allerdings erst in fünf Wochen erfahren. Denn heute haben landesweit die verlängerten Ferien begonnen, die eigens wegen der WM vorgezogen wurden.
Auf dem Schulhof hingegen laufen seit den Morgenstunden die Arbeiten auf Hochtouren. Mit Unterstützung des Kindermissionswerks wird während der Ferien das Spiel- und Sportgelände der McAuley-Schule saniert. Was heute noch wie ein rissiger Wüstenboden mit rostiger Umzäunung aussieht, soll bis zum Schulstart am 13. Juli wieder das sein, was es ursprünglich war: ein Fuß- und Basketballplatz, auf dem sich die Kinder nicht nur im Sportunterricht austoben können.
Vuvuzela-Tag und ein Chef ohne Socken
Wer ihn ins Leben gerufen hat, konnte am Ende keiner mehr sagen, doch alle haben ihm schon seit Tagen entgegengefiebert: dem Vuvuzela-Tag, der heute in ganz Südafrika stattfand. Auch im Johannesburger Büro von Media Monitoring Africa standen schon früh morgens 25 dieser bunten Tröten in den Farben der südafrikanischen Flagge aufgereiht – für den offiziellen Startschuss um Punkt zwölf Uhr.
Aus sämtlichen Büros, der Schule, dem Supermarkt und aus dem gegenüberliegenden Lampengeschäft – von überall her strömten die Menschen ins Freie. Auch Zeitungsverkäufer, Müllmänner und Passanten stimmten in das dumpfe, ohrenbetäubende Trötkonzert ein. Autofahrer antworteten mit lautem Hupen. Viele Menschen schwenkten die Landesfahne, fast so, als habe Südafrika die WM schon gewonnen. “Am Vuvuzela-Tag kommen alle Südafrikaner zusammen, egal wie alt sie sind, egal welche Rasse sie haben. Gemeinsam unterstützen wir Bafana Bafana, unsere Mannschaft”, erklärt mir ein Mann auf der Straße.
Ich jedenfalls muss bis zum Eröffnungsspiel am Freitag noch kräftig üben, denn während andere ihren Vuvuzelas Laute von bis zu 120 Dezibel entlocken, hört sich mein Getröte eher wie das Resultat einer mittelprächtigen Magenverstimmung an. Viele Menschen befürchten übrigens, das laute Tröten könnte ausländische Mannschaften auf dem Spielfeld irritieren. Man munkelt hier sogar, einige der Mannschaften hätten im Vorfeld der WM mit Vuvuzela-Geräuschen über Kopfhörer trainiert, um sich daran zu gewöhnen.
Und noch etwas habe ich heute gelernt…
“Jemand hat meine Socken geklaut”, rief William Bird, Direktor von Media Monitoring Africa, heute morgen ganz entrüstet, als er das Büro betrat. Irritiert schaute ich auf seine Füße, aber nein, Schuhe, Socken - alles da. Noch am Nachmittag klärte sich das Missverständnis auf, als die “Socken” wieder auftauchten - und zwar an den Außenspiegeln von Williams’ Auto. Diese hatte er - wie unzählige andere Südafrikaner - mit Überzügen in den Landesfarben dekoriert, mit “Socken”.
Akrobatik im Rollstuhl
Eigentlich sind die Artisten des Zirkus Zip Zap es gewohnt, selbst auf der Bühne zu stehen und ihre Kunststücke zu präsentieren. So auch heute, wo sie vor rund 50 Kindern in Sizanani, einem Projekt für behinderte Kinder auftraten.
“Willst du ihnen deinen Trick nicht zeigen?”, fragt Betreuer Zoltan einen jungen Mann im Rollstuhl nach der Zirkusshow. Die Zirkusartisten wissen noch nicht, was sie erwartet.
Dann geht alles ganz schnell: Zoltan hilft Thabiso dabei, seine 
schweren Schuhe auszuziehen und in Sekundenschnelle hat sich der 18-Jährige auf den Armlehnen seines Rollstuhls hoch gestemmt. Einige Sekunden verharrt er im Handstand, die Zirkuskünstler beobachten ihn mit großen Augen und applaudieren laut. “Ich verwende nur meine Kraft”, erklärt Thabiso stolz, “auch bei anderen Sachen”.
Da ist es nicht verwunderlich, dass der selbstbewusste Akrobat auch Fußball spielt: “Ich kann zwar meine Füße nicht bewegen, aber wir krabbeln beim Fußballspielen einfach auf dem Boden.” Bei der Weltmeisterschaft setzt Thabiso übrigens auf Ghana. “Die haben schon den Afrika-Cup gewonnen, die holen auch den Weltmeistertitel.”
Fast verpasst
Ratlose Blicke und Kopfschütteln erntete Busfahrer Louis, als er 22 Artisten der Kapstadter Zirkusschule Zip Zap vor dem Loftus Versveld Stadion in Pretoria abliefern wollte. “Das Training der deutschen Nationalmannschaft soll hier stattfinden? Nein, nicht dass ich wüsste”, antwortet eine junge Polizistin auf Louis’ Frage. Doch das Missverständnis ist schnell geklärt und eine halbe Stunde später stehen die Kinder und Jugendlichen im richtigen Stadion, mitten unter 3.000 jubelnden Fans mit Fahnen, Tröten und bunten Perücken.
Der Deutsche Fußballbund höchstpersönlich hat die Zirkuskünstler zum Training eingeladen, schließlich sind sie keine Unbekannten. Noch vor wenigen Tagen beim Benefizspiel Deutschland - Malta haben Kicker und Artisten gemeinsam auf dem Aachener Tivoli gestanden. Nationalspieler Marcell Jansen hatte Claus und Xolani damals einen Scheck über 10.000 Euro für das Zirkusprojekt überreicht. Kein Wunder, dass die beiden im Super Stadium in Atteridgeville nahe der südafrikanischen Hauptstadt Pretoria den blonden Nationalspieler sofort wiedererkennen. Auch auf die Frage eines Journalisten, wer denn ihr liebster deutscher Fußballer sei, antworten sie einstimmig: “Marcell Jansen”. Doch trotz ihrer Begeisterung für die deutsche Elf haben die beiden bei der bevorstehenden WM in Südafrika andere Favoriten. “Ich werde auf jeden Fall Portugal anfeuern”, verrät Claus. “Und ich Bafana Bafana, die südafrikanische Nationalmannschaft”, sagt Xolani.
“Vor denen müssen wir uns in Acht nehmen” - Das Training der deutschen Nationalmannschaft in Bildern >>
Fußball-Nationalmannschaft spendet 10.000 Euro für Zirkusprojekt >>
Nationalhymne im Sonntagsgottesdienst
Nichts scheint so kurz vor der Fußballweltmeisterschaft normal in Johannesburg – auch nicht im Sonntagsgottesdienst in der Kirche der Unbefleckten Empfängnis im Stadtteil Rosebank: Vor dem Gotteshaus parken buntbeflaggte Autos, einige Gottesdienstbesucher sind im Fußballtrikot erschienen und in den Fürbitten wird für das Gelingen der WM gebetet.
Nach dem Schlusssegen bittet der Gottesdiensthelfer die Gemeinde, noch kurz zu verweilen. Zum Erstaunen vieler stimmt er die südafrikanische Nationalhymne an, schließlich soll diese bis zum Eröffnungsspiel am kommenden Freitag sitzen. „Herr, segne Afrika. Gepriesen sei dein Ruhm. Erhöre unsere Gebete. Herr, segne uns, deine Familie“, heißt es in der ersten Strophe, in Zulu, einer der Sprachen, die in Südafrika gesprochen wird. Etwas irritiert, doch zunehmend begeistert, greifen die Besucher nach den gelben Notenzetteln, die in allen Bankreihen ausliegen und stimmen in seinen Gesang ein. „Dieses Lied passt doch eigentlich wunderbar in den Gottesdienst“, kommentiert meine Banknachbarin das außergewöhnliche Kirchenlied zum Schluss.
Für kommenden Sonntag, den 13. Juni, hat die südafrikanische Bischofskonferenz übrigens landesweit den “Weltmeisterschaftssonntag” ausgerufen, mit besonderen Gebeten und Gesängen passend zur WM.
Nachhaltiger Kampf gegen Kinderhandel
Fader Beigeschmack der Fußball-WM: der Kinderhandel hat im Vorfeld des großen Sportereignisses in Südafrika stark zugenommen. Rund 247.000 Minderjährige arbeiten laut Unesco in der Regenbogennation in ausbeuterischer Kinderarbeit, viele von ihnen als Prostituierte. In Medienworkshops wollen William Bird und sein Team von Media Monitoring Africa Kinder für das Thema sensibilisieren und ihnen zeigen, wie sie sich und andere schützen können.
„Vorsicht vor Kinderhandel während der Weltmeisterschaft“, lautet die Überschrift eines Artikels, den die Kinder im Seminar analysieren. Mit Unterstützung des Kindermissionswerks sind zwei weitere Seminartage geplant, außerdem produzieren die Kinder eigene Radiosendungen zum Thema Kinderhandel, die landesweit ausgestrahlt werden sollen. “Wir sind fest davon überzeugt, dass dieses Projekt einen positiven und nachhaltigen Einfluss haben wird und dazu beiträgt, den Kinderhandel in Südafrika zu bekämpfen”, sagt Projektleiter William Bird.
Letzte WM-Vorbereitungen in luftiger Höhe
O.R. Tambo Flughafen Johannesburg, Samstagmorgen, 4.37 Uhr: Während die Passagiere der Maschine EY 602 sich noch etwas verschlafen zur Passkontrolle anstellen, sind um sie herum die letzten Vorbereitungen für die Fußball-WM in vollem Gange. Kamerateams und Fotografen aus aller Welt fangen erste Bilder ein, an kleinen Verkaufsständen preisen Händler Trikots, Fußbälle und Tröten an und in luftiger Höhe werden die letzten Plakate mit lebensgroßen Fußballspielern angebracht. “Lass uns aufbrechen, Afrika”, ist darauf zu lesen, oder “Afrika united - vereintes Afrika”. Zum ersten Mal findet die Fußballweltmeisterschaft auf dem afrikanischen Kontinent statt – ein einmaliges Sportereignis, das viele Hoffnungen und Wünsche weckt.










