Hilfe für die Schwächsten der Schwachen – auch nach der WM

Mittwoch, 23. Juni 2010 von Susanne Dietmann

„Da ist ein junge Mädchen auf einem Ball zu sehen. Sie sieht sehr traurig aus“, beschreibt Zandile das Poster. „Sie ist Opfer von Kinderhandel geworden“, spricht die Elfjährige weiter. „Es ist ein weißes Mädchen, aber jedem Kind kann das passieren, egal ob schwarz oder weiß, Junge oder Mädchen.“ Gemeinsam mit ihrer Schulklasse nimmt die Fünftklässlerin an einem Seminar zum Thema Kinderhandel teil, das die Kinder über das Thema aufklären und sie sensibilisieren soll.

„2010 sollte es um das (Fußball-)spiel gehen. Unterstützt den Sexhandel nicht, lasst uns gemeinsam gegen den Menschenhandel kämpfen“, ist außerdem in großen weißen Buchstaben auf dem Poster zu lesen. Landesweit soll es während der Fußballweltmeisterschaft auf das Thema Kinderhandel aufmerksam machen. Rund 5.000 Exemplare hat Schwester Melanie O’Connor mit Hilfe des Kindermissionswerks drucken lassen. Die irische Ordensschwester ist bei der südafrikanischen Bischofskonferenz für das Thema Menschen- und Kinderhandel zuständig. „Das Problem ist vor allem im Umfeld der Fußballweltmeisterschaft akut“, erklärt sie. Die Einreise nach Südafrika wurde zur WM liberalisiert und Kinder sind die größte Risikogruppe, Menschenhandel zum Opfer zu fallen, etwa als Prostituierte, Drogenkuriere oder Bettler. „Kirche am Ball“, heißt die WM-Kampagne der südafrikanischen Bischofskonferenz; mit eigener Website, einem Fußballgebetsbuch und Materialien zum Thema Menschenhandel.

Dawn Linder mit dem Plakat gegen Menschenhandel. Foto: Susanne Dietmann/Kindermissionswerk

Auch vor dem Johannesburger Dom hängt eines der Poster. Dawn Linder hat es dort aufgehängt. Zusammen mit vier Mitarbeitern betreibt sie hier das „Büro für Gerechtigkeit und Frieden“. „Das Wichtigste ist die Arbeit mit den Menschen vor Ort: in den Townships, in den Flüchtlingsunterkünften, auf der Straße. Dort kommen wir mit den Betroffenen direkt in Kontakt. Wir müssen ihnen dabei helfen, sich selbst zu helfen.“

Die ersten Mannschaften sind aus der WM ausgeschieden, die ersten Fans reisen wieder nach Hause. Auch meine Südafrikareise geht heute zu Ende. In rund zwei Wochen ist auch die WM vorbei. Die südafrikanische Kirche will jedoch am Ball bleiben, auch wenn Fans und Kamerateams längst wieder zu Hause sind. „Unsere Aufgabe ist es, den Schwächsten der Schwachen zu helfen“, sagt Dawn Linder zu Abschied, „auch nach der WM.“

 

Besser als nichts

Dienstag, 22. Juni 2010 von Susanne Dietmann

Michael im kleinen Gemeindegarten. Fotos: Susanne Dietmann/Kindermissionswerk

Vorsichtig streicht Michael mit seinen Fingern über den jungen Spinat. „Der wächst wirklich gut“, sagt er stolz. „Hier drunter wachsen Zwiebeln, das ist Kohl und dort drüben Karotten“, erklärt der Gärtner. Ich bin zu Besuch in einer informellen Siedlung nahe der Stadt Bronkhorststpruit, nordöstlich von Johannesburg. Eine Wellblechhütte reiht sich an die nächste. Dennoch haben viele der Bewohner liebevoll einen kleinen Garten angelegt. Die Menschen kommen von überallher: aus den angrenzenden Nachbarstaaten oder vom Land – auf der Suche nach einer gut bezahlten Arbeitsstelle in der Stadt. Die Menschen sind sehr arm, viele von ihnen haben gar nichts. „Durch den Anbau und Verkauf von Gemüse und Pflanzen können sie Geld verdienen und sich selbst versorgen, zumindest teilweise“, erklärt Schwester Elisabeth Schilling, Projektpartnerin des Kindermissionswerks.

Die Siedlung ist eines von drei Programmen, das die Ordensschwester ins Leben gerufen hat, mit täglichen Speisungen für die Kinder, medizinischer Versorgung und einem Freizeitprogramm. „Hier haben wir mit einer Handvoll Kindern angefangen, doch die Siedlungen wachsen rasend schnell“, sagt sie. „Inzwischen sind es rund 50 Jungen und Mädchen.“ Würstchen mit Kohl und Kartoffeln stehen heute auf dem Speiseplan. Drei Köchinnen rühren abwechselnd das Essen in den riesigen Kochtöpfen um. Strom gibt es in der Siedlung nicht. Für die Wasserversorgung gibt es zwei Wassertanks mit einem Volumen von je 500 Litern. Die müssen ganze zwei Wochen lang für rund 300 Familien reichen. Auch Michael muss daher im Gemeindegarten sehr sparsam mit dem Wasser umgehen. Zeitungsschnipsel, Mulch und Stroh hat er in den tieferen Erdschichten vergraben. Einige Pflanzen sind auch mit Stroh bedeckt. Maßnahmen, die das spärliche Wasser möglichst lange in der Erde speichern sollen. „Noch können die Bewohner nur einen kleinen Teil zur Ernährung beitragen“, sagt Schwester Elisabeth Schilling. „Aber das ist besser als nichts.“

In Zithabeni wird schon mit Schläuchen und Bewässerungsanlagen gearbeitet.

Während die Siedlung hier noch in den Kinderschuhen steckt, ist Zithabeni – nur einige Kilometer entfernt – schon einen großen Schritt weiter. Statt einer Wellblechhütte als Gemeindehaus und Speisesaal, steht hier bereits ein Steinhaus. Hier erhalten die Kinder täglich eine warme Mahlzeit und werden nachmittags betreut. Die Mütter treffen sich in dem Gebäude und arbeiten an kunstvollem Perlenschmuck, den sie später verkaufen. Eine Aktion, die den Frauen ein kleines Einkommen sichert. Auch der Gemeindegarten ist um ein Vielfaches größer, mit einem ausgeklügelten Bewässerungssystem, groß gewachsenen Kohlköpfen und vielen anderen Gemüsesorten. Bis zu 600 Rand – umgerechnet rund 60 Euro – nehmen die Frauen hier mit dem Verkauf des selbstgezüchteten Gemüses ein. „Das ist nicht viel, aber es reicht ihnen zum Leben“, sagt Schwester Elisabeth Schilling.

 

Die wirklich wichtigen Dinge

Montag, 21. Juni 2010 von Susanne Dietmann

Fotos: Susanne Dietmann/Kindermissionswerk

Mitten in der Johannesburger Neustadt liegt der Market Photo Workshop, eine Werkstatt für junge Nachwuchsfotografen. Riesige, eingerahmte Bilder schmücken die Wände – Fußballszenen, Landschaften, Aufnahmen aus einem Township. Während in einem Computerraum mehrere Studenten ihre Fotos auf großen Computerbildschirmen sortieren und bearbeiten, wird nebenan noch ganz altmodisch entwickelt, in der Dunkelkammer mit Entwickler und Fixierer.

Seit dem WM-Start am 11. Juni sind 15 junge Fotografen im ganzen Land unterwegs, in den großen WM-Städten Johannesburg, Durban, Kapstadt oder Port Elisabeth, aber auch in unscheinbaren ländlichen Siedlungen wie Emoyeni am Ostcap oder Sebokeng in der Provinz Gauteng. Mit ihren Kameras fangen sie das ein, was viele WM-Besucher nicht zu Gesicht bekommen werden. „Trolly pusher“ – Obdachlose in den großen Metropolen, die all ihr Hab und Gut in Einkaufswagen oder auf einem Rollbrett transportieren, oder arbeitslose Jugendliche, die in einem Millieu der Gewalt und Drogen aufwachsen. Auch am Tag des WM-Eröffnungsspiels haben die Fotografen ganz unterschiedliche Szenen festgehalten: Kinder in den Straßen von Soweto, Obdachlose, die sich bei Sonnenuntergang in Johannesburg einen Ball zuspielen.

„Das war wirklich unglaublich“, berichtet Matthias, der eben von einer Fotoreise aus einem verschlafenen Dorf in der Provinz Mpumalanga zurückgekehrt ist. Auf seinen Bildern hat er Momente eines großen Fußballfestes eingefangen – mit traditionellen Tänzen in Fußballtrikots, Theater und einem riesigen Bettrost, der als Grill dient. Das Fußballspiel auf dem kleinen, batteriebetriebenen Fernseher scheint eher nebensächlich zu sein.

„Unsere Schüler beschäftigen sich mit den wirklich wichtigen Dingen in ihrem Leben, im Leben der Gemeinschaft, in der sie fotografieren und letzendlich im Leben unserer Gesellschaft“, sagte David Goldblatt, Gründer der Fotowerkstatt, anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der Fotoschule im vergangenen Jahr. World Cup Rural & Urban Photo Diary haben die Schüler ihr WM-Fotoprojekt genannt, in dem sie während der Weltmeisterschaft einen ganz besonderen Einblick ermöglichen.  –>

 

„Das ist kein Kampf, das ist ein Friedenscup!“

Samstag, 19. Juni 2010 von Susanne Dietmann

Nur zehn Kilometer liegt das Township Atteridgeville vom Super Stadium entfernt, wohin die deutsche Nationalelf noch vor wenigen Tagen zum öffentlichen Training eingeladen hatte. Und auch das Loftus-Versfeld-WM-Stadion in Pretoria ist nicht weit entfernt. Von der Weltmeisterschaft sind die Menschen in Atteridgeville dennoch gänzlich ausgeschlossen: Die Tickets sind viel zu teuer und ohne Strom können sie die Spiele meist nicht einmal im Fernsehen verfolgen.

Dennoch kommen die Bewohner während der WM jeden Samstag in den Genuss von zwei spannenden Fußballpartien – und das umsonst und direkt vor der eigenen Haustüre. Am 5. Juni war Anpfiff für die erste Partie des südafrikanischen Friedenscup – mit 64 Spielern aus 16 Nationen, von Südafrika über Ruanda bis Burundi, von Mexiko, Türkei und Italien bis Amerika. Während ein Großteil der Spieler in den umliegenden Townships lebt und ausländische Wurzeln hat, sind einige Teams aus dem Ausland zum Friedenscup angereist. So auch Pater Bertrand und seine Kicker aus der Nähe von Toulouse. Viele von ihnen haben selbst afrikanische Wurzeln. Ihr heutiger Gegner: ein südafrikanisches Team aus Atteridgeville.

Statt auf gepflegtem Fußballrasen wird auf staubig-rotem Untergrund gespielt, die Linien wurden kurzerhand mit Asche aufgezeichnet und die Tore sind die Leihgabe eines Fußballvereins. Vor Spielbeginn stehen Spieler und Schiedsrichter gemeinsam auf dem Mittelkreis und beten. Erst dann folgt der Anpfiff. Ein fehlender Spieler in der französischen Mannschaft wird kurzerhand durch einen Südafrikaner ersetzt – beim Friedenscup gelten andere Regeln als auf dem WM-Rasen. „Wir wollen, dass Menschen verschiedener Klassen, Kulturen und Religionen sich beim Fußballspiel begegnen“, erklärt Antoine Soubrier die Idee des Friedenscups. Gemeinsam mit der Ordensschwester Aine Hughes, Caritas-Koordinatorin bei der südafrikanischen Bischofskonferenz, hat er das Turnier organisiert. Das Kindermissionswerk unterstützt das Projekt.

Fotos: Susanne Dietmann/Kindermissionswerk

„Das ist kein Kampf“, ermahnt der Schiedsrichter die Spieler, „das ist ein Friedenscup.“ Zwar gibt es am Ende auch zwei Verletzte, aber anders als bei der WM hagelt es in Atteridgeville keine roten und gelben Karten. Zahlreiche Bewohner – vom Kleinkind bis zum Greis – stehen am Spielfeldrand und feuern die Spieler mit Trommeln und Vuvuzelas an. Als Pausensnack gibt es Chips und Orangen. Eine ältere Frau singt und tanzt mit getrockneten Grasbüscheln für das Gelingen eines Elfmeters, bis der Linienrichter sie des Spielfelds verweist.

Viel zu schnell gehen die 60 Minuten Spielzeit um, und als der Applaus der Zuschauer nicht endet, legen die Spieler noch ein „Freundschafts-Elfmeterschießen“ drauf. Und während die WM-Zuschauer noch bis Dienstag zittern müssen, wer die Partie Südafrika-Frankreich gewinnt, steht in Atteridgeville der Sieger bereits fest: 2:1 schlägt die französische Elf die Südafrikaner, beim Elfmeterschießen gewinnen sie eindeutig mit 6:3. „Aber am Dienstag wird das anders, da gewinnen wir“, kommentiert mein Nachbar am Spielfeldrand das Ergebnis. „Vielleicht sollten wir unserer Nationalelf ein paar von unseren Spielern schicken“, schlägt Pater Bertrand vor, „damit sie diesmal ein besseres Ergebnis abliefern.“

 

„Afrika ist eure Familie“

Freitag, 18. Juni 2010 von Susanne Dietmann

Ein Fußballfeld aus Papier.

Es ist kalt an diesem Freitagmorgen – bitterkalt. Eingepackt in warme Jacken, Schals, Mützen und Handschuhe sitzen die Jungen und Mädchen in den Schulbänken. Einige der Lehrer haben den Unterricht auch nach draußen verlegt, in die wärmende Sonne. 

Während die Schüler des Sacred-Heart-College im Johannesburger Stadtteil Observatory ihre verlängerten Schulferien genießen, sind die rund 200 Jungen und Mädchen des „Three2Six“-Programms auch in der Ferienzeit hier. Ganz freiwillig pauken sie Englisch und Mathe.

Matheunterricht bei den Jüngsten.

Sie alle sind als Flüchtlinge nach Südafrika gekommen – aus Ruanda, Simbabwe und Sudan, aus dem Kongo oder Äthiopien. „Viele von ihnen haben keine Papiere, sprechen die englische Sprache nicht oder ihre Eltern können sich die Schulgebühren nicht leisten“, erklärt Elinor Kern, die Fundraiserin der Schule. Vom staatlichen Schulsystem sind die Kinder daher ausgeschlossen. In den Nachmittagsstunden (von 15 bis 18 Uhr, daher auch der Name des Programms) werden die Kinder am Sacred-Heart-College kostenlos unterrichtet – auch in den Ferien. Ziel ist es, die Jungen und Mädchen auf die staatlichen Schulen vorzubereiten. „Im vergangenen Jahr haben es leider nur sechs Kinder geschafft“, erzählt Elinor Kern. „Es ist sehr schwer, die nötigen Papiere zu bekommen, und der Staat scheint sich nicht für diese Kinder zu interessieren.“ Neben dem Unterricht werden die Kinder auch psychologisch betreut, denn viele von ihnen haben Schlimmes erlebt, bevor sie nach Südafrika gekommen sind.

Doch auch hier werden sie oft mit einer großen Fremdenfeindlichkeit konfrontiert. Im Mai 2009 gab es in Johannesburg letztmals Übergriffe auf Flüchtlinge – seitdem werden die Kinder mit dem Bus zur Schule gebracht. In einem Comic-Workshop beschäftigen sich die älteren Schüler während des Ferienprogramms mit dem Thema und erzählen, warum sie selbst nach Südafrika gekommen sind. Am Ende soll ein Comicheft gedruckt werden, das auch an anderen Schulen verteilt wird. „Für die Integration der Kinder wird wenig getan, wir wollen wenigstens einen kleinen Teil dazu beitragen“, sagt Elinor Kern.

Gedicht: "Afrikanisches Kind". Fotos: Susanne Dietmann/Kindermissionswerk

Während die Jüngsten auf dem Sportgelände herumtoben und die Zweitklässer im Matheunterricht den Zahlenraum bis 20 erkunden, schreiben die Viertklässer im Englischunterricht ihre Fußballerlebnisse vom Vortag auf und zeichnen dazu. Die älteren Schüler verfassen frei Texte. Während einige Mädchen die Liedzeilen eines bekannten Popstars wiedergeben, hat Leratho (Name geändert) ihr eigenes Gedicht geschrieben: „Afrikanisches Kind“. „Ich bin stolz, ein afrikanisches Kind zu sein, und als afrikanisches Kind habe ich eine Verantwortung…“, heißt es darin. Und am Ende: „Deswegen, meine afrikanischen Mitbrüder, sage ich euch: liebt eure Familie. Afrika ist eure Familie.“

 

Das beste Spiel der WM…

Donnerstag, 17. Juni 2010 von Susanne Dietmann

Fotos: Susanne Dietmann/Kindermissionswerk

Ein WM-Spiel live im Stadion anschauen? Dieser Traum bleibt vielen Kindern in Südafrika verwehrt. Auch wenn die Stadien direkt vor der Haustüre liegen, für viele Eltern bleiben die Eintrittskarten unerschwinglich. 

Hunderte Johannesburger Schüler kamen heute dennoch in den Genuss – dank eines asiatischen Autokonzerns, der die Eintrittskarten an „besonders bedürftige Schüler“ verschenkt hatte.

Auch 215 Schüler und Lehrer des Sacred-Heart-College waren unter den 82.174 Zuschauern im Johannesburger Soccer-City-Stadion. Viele der Schüler sind Flüchtlingskinder aus Ruanda, Simbabwe, Sudan und anderen afrikanischen Ländern. Wegen ihres Flüchtlingsstatus‘ können sie keine staatliche Schule besuchen. „Three2Six“ heißt das Programm, in dem die Kinder am Sacred Heart College nachmittags in Englisch, Mathe und anderen Fächern unterrichtet werden, um später in eine reguläre Schule wechseln zu können. Das Kindermissionswerk unterstützt das Projekt bereit seit mehreren Jahren.

Begeistert feuerten die Kinder bei der Partie Argentinien – Südkorea die 22 Kicker auf dem Spielfeld an.  „Natürlich bin ich ein Fan der südafrikanischen Mannschaft“, erklärt die 10-jährige Anita, „aber heute drücke ich Argentinien die Daumen.“ Doch auch die Koreaner, die am Ende mit 1:3 unterliegen, bekommen bei jeder Torchance einen anerkennenden Applaus von den Kindern. „Das war super!“ „Das beste Spiel der WM!“ „Argentinien wird Weltmeister!“, sind nur einige der Kommentare als das Spiel zu Ende ist. In fünf Schulbussen fahren Kinder und Betreuer wieder nach Hause – begeistert von diesem einmaligen Erlebnis, dass ihnen wohl noch lange in Erinnerung bleiben wird.

 

„Erschreckend, was sie diesen Menschen angetan haben“

Mittwoch, 16. Juni 2010 von Susanne Dietmann

Heute ist Nationalfeiertag in Südafrika. Landesweit wird der Tag der Jugend gefeiert, im Gedenken an rund 20.000 Schüler und Studenten, die am 16. Juni 1976 in Soweto (South Western Townships, südliche Wohngebiete) auf die Straße gingen, um gegen die Rassentrennung in Südafrika zu protestieren. 23 Demonstranten wurden damals getötet, als die Polizei das Feuer auf die Menge eröffnete. Die Unruhen breiteten sich aus und am Ende waren insgesamt fast 200 Tote zu beklagen.

Schwarz und Weiß getrennt – Eingang des Apartheidsmuseums.

Demokratie – Versöhnung – Vielfalt. Fotos: Susanne Dietmann/Kindermissionswerk

34 Jahre später: Die Fanparks füllen sich langsam und ganz Johannesburg fiebert gespannt dem zweiten Spiel der südafrikanischen Nationalelf entgegen. Ich bin sehr erstaunt über die Menschenmassen, die sich noch spätnachmittags durch die Gänge des Apartheidmuseums drängen. Fußballfans aus aller Welt nutzen die Zeit zwischen den Spielen, um einen Blick in die Geschichtsbücher Südafrikas zu werfen. Ein kolumbianisches Kamerateam dreht einen Fernsehbeitrag.

„Das gehört dazu, schließlich will auch noch etwas anderes sehen als nur die Stadien“, erklärt mir Theo aus Griechenland. „Es ist erschreckend, was sie diesen Menschen angetan haben.“ Unterschiedliche Eintrittskarten teilen die Besucher in „Schwarz“ und „Weiß“. Die separaten Eingänge lassen jedoch nur erahnen, wie es für die Menschen während der Apartheid gewesen sein muss, unterschiedliche Verkehrsmittel zu nutzen, in getrennten Wohnsiedlungen zu leben und vom Wahlrecht ausgeschlossen zu sein – diskriminiert zu werden. Ein großer Teil der Ausstellung ist auch den Soweto-Aufständen von 1976 gewidmet.

16. Juni 2010, 22:37 Uhr, Jolly Cool Bar, Johannesburg, Stadtteil Parkhurst: Menschen aus aller Herren Länder – Europäer, Asiaten, Afrikaner – betrauern gemeinsam die 0:3 Niederlage der Bafana Bafana, „ihrer Jungs“. „Beim Fußball ist es egal, welche Hautfarbe du hast“, stellt Laura (29) aus Dublin treffend fest, „Hauptsache der Ball geht ins Netz.“ Leider hat das bei der südafrikanischen Nationalmannschaft heute nicht funktioniert.

 

Zakumi, Flamenco und Sauerkraut

Dienstag, 15. Juni 2010 von Susanne Dietmann

Südafrikanische Landesfarben... Foto: Eleanor Hough

Positiver Nebeneffekt der Fußball-WM: nicht nur das Ausland erfährt mehr über Südafrika und die unterschiedlichen Facetten des Landes, auch die Menschen in Südafrika lernen die teilnehmenden Länder ein bisschen besser kennen. Vielerorts haben im Vorfeld der WM auch die Schulen das Thema aufgegriffen und Brasilien, Australien oder Deutschland einmal genauer unter die Lupe genommen.

Die McAuley-Schule im Johannesburger Stadtteil Auckland Park hat sogar einen Weltmeisterschaftstag gefeiert: mit einem riesigen Fußballturnier, landestypischen Tänzen, Vorträgen und einer Lehrerin mit grüner Perücke, verkleidet als das offizielle WM-Maskottchen Zakumi.

Jede Klasse repräsentierte ein anderes Land und beteiligte sich mit eigenen Beiträgen an dem Fest: vom Zulu-Tanz bis hin zum argentinischen Tango oder spanischen Flamenco. Während die Jüngsten stolz die südafrikanische Flagge in die Aula der Schule trugen, erzählten die Siebtklässler ihren Mitschülern vom Mauerfall, Kanzlerin Merkel und dem Oktoberfest in München.

... und deutsche kulinarische Genüsse. Foto: Susanne Dietmann/Kindermissionswerk

Doch auch anderenorts scheinen die Südafrikaner die kulinarischen Vorlieben der deutschen Gäste genau recherchiert zu haben. So preist ein Essensstand auf dem bekannten „Dachmarkt“ in Rosebank neben Bockwurst, Bratwurst und Käseknacker auch noch weitere Spezialitäten an: Weißkohlbeilage und „das typisch deutsche ‚Sauerkraut Topping‘. Das ist nicht nur während der WM der absolute Renner“, versicherte mir der Verkäufer glaubhaft. Ich entscheide mich am Ende jedoch für das einheimische Pendant: eine „typisch südafrikanische“ Boerewors mit Zwiebeln und Tomaten.

 

Eine Hoffnungswerkstatt fernab der WM-Stadien

Montag, 14. Juni 2010 von Susanne Dietmann

Foto: Susanne Dietmann/Kindermissionswerk

Weit entfernt von den südafrikanischen Millionenstädten und den großen WM-Stadien liegt die Diözese Aliwal. Von dem großen Sportereignis bekommen die Menschen hier nur wenig mit. Von seiner Schattenseite dagegen schon. „Die Leute kommen mit schönen Autos aus Johannesburg und versuchen, Kinder mit Jobangeboten in die Stadt zu locken“, erzählte Bischof Michael Wüstenberg. Die vermeintliche Arbeit sei, sich in den Spielstädten zu prostituieren.

Mit einem Fußball- und Sportprogramm möchte der deutschstämmige Bischof den Kindern eine Alternative bieten und ihnen zeigen, wie sie sich und andere vor Kinderhandel schützen können. 450 Jungen und Mädchen werden ab heute drei Wochen lang ihre Ferien zusammen verbringen und vor allem eins tun: Fußball spielen. Pastorale Mitarbeiter, zwei Freiwillige des deutschen weltwärts-Programms und ein Fußballtrainer betreuen die Kinder in drei einwöchigen Freizeiten mit jeweils 150 Kindern auf der Farm Mount Carmel. Das Kindermissionswerk unterstützt das Ferienprogramm.

Doch auch wenn am 11. Juli in Johannesburg das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft abgepfiffen wird, will Bischof Wüstenberg weitermachen: „In Mount Carmel soll eine Hoffnungswerkstadt entstehen. Wir wollen den Kindern und Jugendlichen neue Möglichkeiten bieten und einen Ort schaffen, an dem sie auch ihre Freizeit und Ferien verbringen können.“

 

Weltmeisterschaftssonntag

Sonntag, 13. Juni 2010 von Susanne Dietmann
Fotos: Susanne Dietmann/Kindermissionswerk

Fotos: Susanne Dietmann/Kindermissionswerk

Was haben zwei Fußballtore, Bälle und Flaggen am Kircheneingang verloren? Auf den ersten Blick rein gar nichts. Doch heute, am offiziellen Weltmeisterschaftssonntag, waren viele Gotteshäuser in Johannesburg ganz im Zeichen der WM dekoriert. Die südafrikanische Bischofskonferenz hatte zum WM-Sonntag eingeladen, um gemeinsam für ein „friedliches und sicheres Gelingen, ohne Verbrechen und Ausschreitungen“ zu beten.

Südafrika, Brasilien, England, USA, Argentinien – auch in der Kirche der Unbefleckten Empfängnis im Stadtteil Rosebank erschienen viele Gottesdienstbesucher im Trikot ihrer Lieblingsmannschaft. „Hello, Salut, Guten Tag, Goeden dag, Binjour, ¡Bienvenido!, Benvenuta“, empfing sie der Pfarrer gleich in mehreren Sprachen, gekleidet in einer Stola in den Flaggen aller teilnehmenden Mannschaften. Und zum Abschluss betete er: „Lasst uns alle positiv an der Weltmeisterschaft mitwirken, um Verbrechen und Korruption, Hooligans und jegliche Art von Ausbeutung und Missbrauch zu verhindern. … Möge dein Geist der Fairness, Gerechtigkeit und des Friedens sich unter allen Spielern und Beteiligten durchsetzen.“ Einzig die Vuvuzelas hatten an diesem Weltmeisterschaftssonntag in den Kirchen „Hausverbot“.

Auf dem Kirchhof diskutierten die Besucher nach dem Gottesdienst bei einer Tasse Tee oder Kaffee über die bereits absolvierten Spiele und spekulierten über einen möglichen Sieg der deutschen Nationalelf am Abend. Mittendrin: eine Gruppe Jugendlicher, die versuchte das WM-Fieber zu ihren Gunsten zu nutzen. Für den stattlichen Preis von knapp vier Euro verkauften sie Glückslose. Die Hauptgewinne: ein handsigniertes Trikot der südafrikanischen Nationalmannschaft, ein Fußball und Vuvuzelas. Doch ihr Engagement war für einen guten Zweck: Mit den Einnahmen der Aktion wollen sich die jungen Männer und Frauen die Teilnahme am Weltjugendtag 2011 in Madrid finanzieren.

Impressionen vom „Weltmeisterschaftssonntag“ gibt es auf der Internetseite der südafrikanischen Bischofskonferenz >>