Das „Haus der Freunde“ – Ein Projekt für arbeitende Minderjährige in Sucre

Direkt neben dem Zentralfriedhof von Sucre liegt das „Haus der Freunde“, ein Projekt für arbeitende Kinder und Jugendliche. In der Einrichtung werden derzeit knapp 100 Jungen und Mädchen aus armen Familien betreut. Obwohl es gesetzlich verboten ist, arbeiten in Bolivien viele Minderjährige, um zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Die Zwillinge Iber (links) und Franklin gehören zu den Jüngsten, die täglich in die Einrichtung kommen. Versunken spielen die beiden Achtjährigen Memory. „Ich habe gewonnen“, sagt Iber und freut sich. „Komm, wir spielen noch eine Runde.“

Luis Gregorio Rojas Herrera arbeitet als Psychologe im „Haus der Freunde“. Außerdem leitet er die Theatergruppe der Einrichtung. Zwei Mal in der Woche stehen Theater und Tanz auf dem Programm. „Im Theater lernen die Kinder und Jugendlichen sich auszudrücken. Sie lernen Mimik, Gestik und Konversation“, erzählt Herrera. In den Theaterstücken geht es um Drogen, Alkoholmissbrauch oder das Leben auf der Straße – Themen, mit denen viele der Betreuten im Alltag konfrontiert werden.

Giftgrün sind die Kariesbakterien an der Wand, daneben ein kaputter Zahn und eine riesige Zahnpastatube. „Jeder dritte bis vierte Zahn der Kinder hier ist kariös“, erzählt Zahnarzt Jorge Ilzue. In einem kleinen Behandlungszimmer, das gleichzeitig als Apotheke dient, behandelt er morgens die Jungen und Mädchen, die in das Projekt kommen. Ein Hygienekurs soll außerdem dazu beitragen, dass sich die Kinder täglich die Zähne putzen.

Juan Rodrigo kommt seit einem halben Jahr zusammen mit seinen drei Brüdern und seiner Schwester regelmäßig in das „Haus der Freunde“. Acht Kinder hat die Familie insgesamt, da müssen auch schon die Jüngsten zum Lebensunterhalt beitragen. Wie seine Schwester Erlinda (12) arbeitet auch der Elfjährige einmal pro Woche als Touristenführer auf dem Friedhof. Die sogenannten Friedhofskinder erzählen den Touristen Geschichten über berühmte Persönlichkeiten, etwa den ehemaligen bolivianischen Präsidenten Aniceto Arce, der in dem Mausoleum im Hintergrund begraben ist. „Die Geschichten haben wir von den Älteren gelernt“, verrät Juan Rodrigo. Mit einer Tour verdient er 20 Bolivares – rund 20 Cent.

„In diesem Block sind die Kinder begraben, das sieht man an den Spielzeugautos und Puppen auf den Gräbern“, erzählt Mario Antonio. „Seit ich fünf Jahre alt war, habe ich auf dem Friedhof gearbeitet, die Grabnischen gesäubert, mich um die Blumen gekümmert und Touristen über den Zentralfriedhof geführt.“ Viele Jahre besuchte er außerdem das „Haus der Freunde“, wo er spielen und lernen konnte, psychologisch und medizinisch betreut wurde. Inzwischen ist Mario Antonio volljährig und studiert Psychologie.
E.T.I. – Inklusives Zentrum mit Schule und Werkstätten in Sucre

Seit 1996 gibt es das inklusive Zentrum E.T.I. in Sucre. Rund 300 Kinder mit und ohne Behinderungen werden hier betreut – vom Kindergarten bis zur achten Klasse. Jungen und Mädchen, die auf den Rollstuhl angewiesen sind, Blinde oder Gehörlose, Schüler mit einer geistigen Behinderung. Jeder wird nach seinen Fähigkeiten gefördert. Statt Hausaufgaben und Klassenarbeiten stehen das Miteinander, der gegenseitige Respekt und die Akzeptanz im Mittelpunkt. „Für die Kinder ist das keine normale Schule, es ist eine Schule fürs Leben“, erklärt Physiotherapeutin Rita Scheffler.

Die Aachenerin Clara Debour arbeitet seit Juli 2010 als Freiwillige im Zentrum E.T.I. Morgens unterstützt sie die Lehrerin der zweiten Klasse beim Unterricht, nachmittags hilft sie im Kindergarten. „Heute haben wir im Unterricht den Körper und den Lebenszyklus durchgenommen“, erzählt sie. „Inklusion von behinderten Kindern funktioniert jedoch nur, wenn genügend Lehrer da sind.“ Um auf die Bedürfnisse der Kinder einzugehen, werden die jüngeren Schüler von jeweils zwei Lehrern betreut. Auch Pädagogikstudenten kommen oft für ein Praktikum in die Einrichtung und helfen im Unterricht.

Becher für Becher gießt José Luis Wasser über die frisch gepflanzten Setzlinge. Seit vier Jahren ist der Junge im Zentrum E.T.I.. José Luis leidet an zerebraler Kinderlähmung. Seine Beine kann er fast nicht bewegen, seine Arme nur sehr unkontrolliert. Trotzdem ist er mit großer Begeisterung und Konzentration bei der Sache: im Unterricht, beim Handwerken in der Werkstätte und auch bei der Gartenarbeit.

Beim Pflanzen der Setzlinge ist Teamarbeit gefragt: Hilaria bereitet mit einem langen Stock die Löcher vor und Betreuerin Felicia pflanzt die Setzlinge hinein. Auch im Gewächshaus arbeiten alle Hand in Hand: Blinde und Sehende, Gehörlose und Sprechende, Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderungen. Die Arbeit macht ihnen riesigen Spaß. Nur eins darf dabei nicht fehlen: die Musik aus Eliseos Radio.

Seit drei Jahren ist Noela im Zentrum E.T.I.. Morgens geht die Sechsjährige in die erste Klasse der Einrichtung, nachmittags bekommt sie verschiedene Therapieanwendungen. Vor allem die Hydrotherapie mit Physiotherapeut Roger macht dem Mädchen riesigen Spaß. Im warmen Wasser fallen Noela, die an zerebraler Kinderlähmung leidet, die Bewegungen viel leichter.

Carlito nennen die Betreuer und die Kinder den fünfjährigen Jungen liebevoll. „Er ist mit zwei Jahren zu uns gekommen und konnte damals gar nichts“, erzählt Physiotherapeutin Rita Scheffler. Carlito ist erblindet und in seiner Entwicklung stark zurückgeblieben. „Für ihn ist vor allem der Körperkontakt wichtig“, erklärt Rita Scheffler.

Nach dem Unterricht arbeiten viele der Betreuten in den Werkstätten von E.T.I. Hier wird jeder nach seinen Fähigkeiten gefördert. Während einige Jungen und Mädchen sticken, basteln andere Bilderrahmen, um die Räume zu verschönern. Ruben fädelt bunte Perlen auf einen Draht und befestigt sie mit Nägeln auf einem Holzbrett. So entsteht eine bunte Rechenmaschine.

Arminda ist 21 Jahre alt. Vor drei Jahren wurde sie beim Kampf zweier Jugendbanden von einer Brücke gestoßen, seitdem ist sie querschnittsgelähmt. „Dank meiner Freunde und Familie und dank E.T.I. komme ich inzwischen gut zurecht“, erzählt die junge Frau. Morgens verkauft sie in der Bäckerei der Einrichtung das selbst gebackene Brot. 2.400 Brote werden hier jeden Tag gebacken und Arminda hat alle Hände voll zu tun. Ist einmal kein Kunde da, dann strickt sie am liebsten oder macht ihre Hausaufgaben. Denn abends besucht Arminda die Schule.
Schule „El Zapallar“ in Monteagudo

Ina Urquidi und das Team von E.T.I. besuchen auch die Schule „El Zapallar“ in Monteagudo. Gemeinsam mit ihrer älteren Schwester Lovana (13) besucht Jolanda hier die siebte Klasse. „Ihr wisst, dass Jolanda einen Unfall hatte und schwer verletzt wurde. Sie wird langsam wieder gesund werden – Stück für Stück. Was könnt ihr denn tun, um ihr dabei zu helfen?“, fragt Ina Urquidi die Schüler. „Sie zu Hause besuchen.“ „Ihr bei den Hausaufgaben helfen“, antworten Jolandas Mitschüler. E.T.I. arbeitet nicht nur mit Menschen mit Behinderungen, sondern auch mit den Familien, der Dorfgemeinschaft oder Schulen. Sie alle sollen lernen, mit den Behinderungen umzugehen und sich gegenseitig zu unterstützen.

Schrill tönt der Gong zur großen Pause. Aus allen Klassenzimmern strömen die Jungen und Mädchen auf den Pausenhof. Auch Luz Clarita, Lissette und Maribí aus dem Internat „Vila Maria“ gehen hier zur Schule. Mit einem Brot und Trinkjoghurt stärken sich die drei Mädchen für die nächste Schulstunde. Und auch der kleine Mischlingshund, der mit auf dem Schulgelände wohnt, bekommt ein Stückchen Brot ab.

Auf dem Sportplatz können sich die Schüler in den Pausen austoben. Mehrere Bälle fliegen durch die Luft – Fußbälle, Basketbälle, Tennisbälle. Trotz ihrer langen Schuluniformen und dem etwas unpassendem Schuhwerk, treten die Mädchen im Fußball auch gegen die Jungs an und stehen diesen beim Kicken kein bisschen hinterher.
Zu Besuch bei Kindern mit Behinderungen
- Verwalten

- Um die Menschen besuchen zu können, brauchen die Mitarbeiter von E.T.I. gutes Schuhwerk. Ihre Wege führen über matschige Pfade, kleine Flüsse oder steile Geröllhänge – fernab der befestigten Straßen. Menschen ohne körperliche Beeinträchtigungen können diese Wege ohne größere Probleme zurücklegen, nicht jedoch Menschen mit Behinderungen. Physiotherapeut Alan nimmt seine gehbehinderte Kollegin Isvel daher kurzerhand Huckepack, als sie die kleine Guadalupe besuchen. Bald schon soll das Mädchen zur Schule gehen. Die Organisation kümmert sich darum, dass das Mädchen sicher dorthin kommt.

- Zwei Mal in der Woche trainiert Physiotherapeut Alan mit der sechsjährigen Guadalupe. Wegen einer Knochenerkrankung in der Hüfte ist das Mädchen auf den Rollstuhl angewiesen. Doch mit Hilfe kann das Mädchen schon einige Schritte gehen. Zusammen mit ihrer Mutter und ihren drei Schwestern wohnt Guadalupe in einem kleinen Haus. „Ich kümmere mich um die Tiere und den Garten, dafür dürfen wir hier kostenlos wohnen“, erzählt Mutter Maria (23). Dank E.T.I. hat das Haus nun auch eine kleine Rollstuhlrampe, dank der sich Guadalupe frei bewegen kann.
- Schnell steckt Ina Urquidi den zotteligen Teddybären in eine Plastiktüte. „Ich will nicht, dass er seinen Geruch verliert“, erklärt sie der Mutter. Das Plüschtier gehört ihrer Tochter Mónica, die aufgrund ihrer Behinderung seit einigen Wochen im Zentrum von E.T.I. in der bolivianischen Hauptstadt Sucre behandelt wird. Rund acht Stunden Busfahrt liegen zwischen Mutter und Tochter. Das Plüschtier soll der Siebenjährigen ein bisschen von ihrem Heimweh nehmen. „Es ist wichtig, dass Mónica auch während der Behandlung Kontakt zu ihrer Familie hat“, erklärt Ina Urquidi weiter. „Aber sie macht schon große Fortschritte und am liebsten ist sie im Schwimmbad.“

- Riesige Narben sind auf Jolandas kurz geschorenem Kopf zu sehen. Sie erinnern an den schweren Unfall, den das Mädchen im Januar hatte: Der betrunkene Fahrer war schuld, dass die 12-Jährige vom Bus gestürzt ist und sich dabei schwerste Hirnverletzungen zugezogen hat. Nun muss das Mädchen alles wieder mühsam lernen: Sprechen, Schreiben und vieles mehr. Beim Hausbesuch macht Physiotherapeutin Rita Scheffler einige Übungen mit dem Mädchen und zeigt der Familie, wie sie Jolanda auch in die täglichen Arbeit mit einbeziehen können: etwa beim Hühner füttern oder Mais schälen.

- „Deine Freundinnen in der Schule vermissen dich schon“, erzählt Rita Scheffler Jolanda. „Sie freuen sich, dich wiederzusehen.“ Das Mädchen strahlt. „Aber ich habe jetzt ganz kurze Haare.“ Die ungewohnt kurze Frisur, eine Deformierung und die großen Narben an ihrem Kopf sind dem Mädchen unangenehm. „Dann besorgen wir eben einen schicken Hut für dich“, verspricht Rita Scheffler und wenige Sekunden später hat Jolanda bereits den Strohhut der Mutter auf dem Kopf. Auch die ist froh, dass es ihrer Tochter wieder besser geht: „Gott sei dank, sie kann schon wieder selbst essen und schreibt sogar schon wieder SMS.“
Internat „Vila Maria“ in Monteagudo

„Wir sind das Kochteam“, rufen die fünf Mädchen im Chor. Stolz stellen sie sich vor die offene Feuerstelle, in der noch die letzten Aschereste verglimmen. 21 Mädchen zwischen sieben und 14 Jahren leben in dem Internat „Vila Maria“ nahe Monteagudo. Jeden Tag bereiten die Schülerinnen abwechselnd das Frühstück und das Abendessen für die ganze Gruppe vor. Ihr Lieblingsgericht? „Milchreis!“, ertönt es laut aus allen Mündern. In der hauseigenen Bäckerei stapeln sich derweil die vollen Bleche: Hier lernen die Mädchen, wie man Brot herstellt.
Inklusives Zentrum E.T.I. in Monteagudo

Stolz hält Jorge (26) die kleinen Wachsfiguren in den Händen: einen original bolivianischen Kampfhahn. In mühevoller Kleinarbeit haben er und sein Bruder Miguel (21) die Figuren angefertigt – eine von vielen Aktivitäten im inklusiven Zentrum E.T.I. in Monteagudo. Die beiden leiden an einer genetischen Muskelerkrankung. Gemeinsam mit Physiotherapeut Alan trainieren die Brüder auch regelmäßig ihre Stimme. Schließlich soll diese schon bald zum Einsatz kommen: Ein Radiomoderator will gemeinsam mit den beiden jungen Männern eine Radiosendung starten. So wollen sie auch die Öffentlichkeit über die Situation von Menschen mit Behinderungen informieren.

Auch Isvel (36) wurde früher im Zentrum E.T.I. betreut. Aus dem schüchternen Mädchen von einst ist inzwischen eine selbstbewusste Frau geworden. Im Auftrag von E.T.I. besucht Isvel in der Region Monteagudo Menschen mit Behinderungen. Diese sollen lernen, ein möglichst eigenständiges Leben zu führen und ihre Fähigkeiten zu nutzen – genauso wie Isvel. „In der Schule war ich das einzige Mädchen mit Behinderung“, erzählt sie. Inzwischen ist sie sogar Vizepräsidentin des Vereins für Menschen mit Behinderungen in der Region Monteagudo.
Kinderheim in Santa Cruz

In Santa Cruz, im Tiefland Boliviens, liegt das Kinderheim der Salesianer Don Boscos. Rund 200 Jungen zwischen sechs und 17 Jahren leben in der Einrichtung. „Einige Kinder sind Waisen. Viele Eltern gehen aber auch ins Ausland um zu arbeiten“, erklärt Pater Octavio Sabbadin (rechts im Bild). „Die Kinder bleiben bei den Großeltern oder sind sich selbst überlassen. Viele landen auf der Straße, schließen sich Banden an oder nehmen Drogen.“

Sobald der Unterricht vorbei ist und die Hausaufgaben gemacht sind, gibt es bei den Jungs nur noch ein Thema: Fußball. Zwei Plastikteller dienen als Torpfosten, die Sandalen werden kurzerhand zu Torwarthandschuhen umfunktioniert und fertig ist Torwart David (10) für die nächste Partie. Was er später mal werden möchte? Profifußballer, was sonst!

Stolz präsentiert José seine ersten Schreinerwerke: ein handgeschnitztes Bild und einen selbstgemachten Bilderrahmen. Spielerisch können sich die älteren Jungs im Handwerk probieren: beim Schreinern, Schweißen, Backen oder beim Kunstdruck. Noch sind die Ausbildungswerkstätten im Bau, doch schon bald sollen die Jugendlichen hier die Möglichkeit haben, in mehrmonatigen Kursen ein Handwerk zu erlernen.

Eine weitere beliebte Freizeitbeschäftigung bei den Jungen im Kinderheim Don Boscos: Tischkicker. Eine riesige Menschentraube drängt sich um die beiden quietschbunten Fußballtische. Schließlich will keiner das Spiel verpassen. Während die einen gebannt auf den kleinen Ball starren, der blitzschnell über den Tisch fegt, feuern die anderen lautstark ihre Mannschaft an.