An vergessenen Orten

Mittwoch, 09. Dezember 2015 von Lennart

Wie läuft die Zusammenarbeit zwischen Partnerorganisationen und dem Kindermissionswerk ab? Wie sehen die Projekte aus, für die es Mittel zur Verfügung stellt und wem kommen sie zugute? Genau in diese Themen habe ich acht Tage lang Einblick bekommen, als ich mit dem Länderreferenten Ralf Kresal durchs Land reiste und Projekte besichtigte. Ich lernte dabei einige Partner kennen und traf Menschen, die unter schwierigsten Bedingungen leben müssen. Dabei sah ich Armut, Resignation, aber auch Hoffnung.

Besuch bei altem Ehepaar

Besuch bei altem Ehepaar

Meine Aufgabe auf dieser Dienstreise war es, Fotos von Projekten und Partnern zu machen, teils fürdokumentarische, teils für private Zwecke. Ralfs Systemkamera, an die ich mich erst einmal gewöhnen musste, hing also stets um meinen Hals und gab mir den Anschein eines fleißigen Reporters. Oft zierte ich mich, sie zu benutzen, gerade, wenn wir „Hausbesuche“ bei den zumeist mittellosen Familien in extrem strukturschwachen Regionen unternahmen. Ich versuchte also, immer um Erlaubnis zu fragen, bevor ich Jemanden fotografierte, probierte, die Menschen miteinzubeziehen, indem ich ihnen die Fotos auf dem kleinen Kamera-Display zeigte oder sie sogar mal selbst fotografieren ließ.

Mit am Beeindruckendsten war für mich, mit wieviel Papierkram NGOs und kirchliche Organisationen täglich zu kämpfen haben. Egal, in welche Richtung sie agieren möchten, für jedes Bisschen gibt es eine  detaillierte Richtlinie. Die Kambodschanische Regierung musste irgendwann reagieren auf die Flut von NGOs, die ins Land strömten. Aufgrund kleinerer Skandälchen und Druck der Geldgeber hatte sie sich Überblick über deren Arbeit zu verschaffen und tat das in Form eines ziemlich deutsch anmutenden Bürokratie-Wahnsinns. Viele Spender verlangen mittlerweile Einblick in die Bücher, weswegen auch in ihrer genauen Ausarbeitung eine Menge Arbeit steckt. Wie diese administrativen Höchstleistungen gerade von NGOs zu stemmen sind, die sich ständig um ihre Finanzierung Sorgen machen müssen, ist mir unbegreiflich und ich meine, bei einigen Mitarbeitern so etwas wie „Leidenschaft“ gesehen zu haben.

Und überall lebt der Mensch mit dem Tier

Und überall lebt der Mensch mit dem Tier

Um sich von der Wirksamkeit der Arbeit einer NGO oder einer kirchlichen Organisation zu überzeugen, reicht es aber nicht, ihre Abrechnungen durchzulesen und sich von den Mitarbeitern von den Projekten erzählen zu lassen. Es ist wichtig, die Menschen zu besuchen, bei denen die Hilfe am Ende ankommt. Diese Besuche gehören für mich zu den verstörendsten Erlebnissen, die ich in meinem Leben gemacht habe. Ich betrat mit meinen „Vans“ und der teuren Kamera eine Realität, die mich in meinem vorherigen Leben nur flüchtig durch Fernseh- und Computer-Bildschirme angeflimmert hatte. Menschen am Existenzminimum, zusammengepfercht in Wellblech- oder wackligen Holzhütten, häufig ohne Land für die eigene Reisversorgung, in Dörfern, in welchen es an Infrastruktur und Erwerbsmöglichkeiten mangelt, und die nur über fast unbefahrbare kilometerlange Matschwege zu erreichen sind.

Aus der privilegierten Ferne heraus neigt man mitunter dazu, Armut zu romantisieren und zu verklären. Auch ich habe das in der Vergangenheit  getan. Medial mit der Armut konfrontiert sagt man: „Die haben so wenig und sind doch zufrieden! Guck mal, wie fröhlich die lächeln! Hach, die sind soviel dankbarer als wir!“ Auf meiner Reise in die kambodschanische Provinz habe ich selten zufriedene Gesichter gesehen, häufiger waren es Gesichter mit Sorgenfalten und hastigem Blick, scheinbar gehetzt von existenziellen Nöten. Das Lächeln war da, ja, aber ich denke, das hat eher mit Gastfreundschaft zutun, und dem Umstand, dass Ralf als Vertreter des KMW Hoffnung auf ein besseres Leben symbolisierte. Und natürlich ist man dankbar, wenn man nicht weiß, wie man seine Familie ernähren soll und einen Sack Reis geschenkt bekommt. Wir wollen den Ethnien und Kulturen des globalen Südens bestimmte Eigenschaften zuordnen, wie Lebensfreude, Bescheidenheit, Dankbar- und Genügsamkeit. Meiner Ansicht nach ist das der Versuch, die eigene schmerzhafte Machtlosigkeit zu vernebeln. Wir geben uns selbst eine Absolution, indem wir sagen „Das ist schon alles nicht so schlimm“, damit wir nicht mehr hinsehen müssen. Ich finde aber, wir sollten die Augen offenhalten, damit wir nicht unempfänglich werden für die existenziellen Nöte Anderer. Denn Armut hat nichts Romantisches an sich.

Mittagessen

Mittagessen

Da war zum Beispiel eine alte Frau, die sich um ihre fünf Enkelkinder und ihren kranken Mann kümmerte. Die Tochter und Mutter der Kinder ging mit der Hoffnung auf Arbeit nach Thailand, fand aber keine. So musste die Großmutter ohne jegliche finanzielle Unterstützung sechs Mäuler stopfen und wirkte auf mich damit hoffnungslos überfordert. Der älteste Sohn, gerade neun Jahre alt, ging nachmittags auf die Reisfelder und sammelte häufig bis in die Nacht essbare Schnecken. Manchmal fand er zwei Kilo, verkaufte sie an den lokalen Markt und konnte 2000 Rial (umgerechnet 50 Cent) zum Familieneinkommen beisteuern.

Es sind Erfahrungen wie diese, die mir die Qualität des sozialen Sicherungsnetzes in Deutschland bewusst machen, welches ich bisher als „normal“ aufgefasst hatte. Ich würde sagen, dass sich weniger am Brutto-Inlands-Produkt, sondern genau an solchen bevölkerungssichernden Errungenschaften der Entwicklungsstand einer Nation ablesen lässt. Daran, wieviele vergessene Menschen an vergessenen Orten wohnen. Wenn man in einem Land lebt, in welchem ein staatliches Sicherungsnetz faktisch nicht existent ist, wird die Mittellosigkeit zur sozialen Abwärts-Spirale. Wir haben bspw. eine Mutter getroffen, die ihr Ackerland verkaufen musste, weil ein Angehöriger krank wurde und sie die Behandlungskosten nicht anders begleichen konnte. Familien, die sich selbst über Wasser halten, können durch den kleinsten Schicksalsschlag in die Armutsfalle geraten.

Ich denke, auch der deutsche Staat und seine Bürger müssen aufpassen, dass die Zahl der „vergessenen Menschen“ mit den momentanen Flüchtlingsbewegungen nicht steigt. Ich bekomme das alles leider (und manchmal Gottseidank!) nur aus der Ferne mit, wünsche mir aber sehnlichst, dass man statt rassistischer Parolen bald nur noch von fleißigen Unterstützern hört, welche die Löcher der staatlichen Krisenpolitik mit ihrem beherzten Engagement stopfen können.

Ich sende dahingehend einen herzlichen Gruß an alle Menschen in meinem Heimatland. Ihr schafft das! Und an jeden, der diese Zeilen liest: Ich bin weder promovierter Armutsforscher noch verfolge ich mit diesem Text irgendeine Agenda. Ich bin nur ein kleiner 22-jähriger, der von seinen Erfahrungen in einer fernen Kultur berichtet. Ich hoffe, der Eintrag hat euch gefallen. Bald wieder Neues!

Lennart

PS.: Sorry, dass ich euch so lang hab warten lassen… Ich versuche, demnächst knapper, aber dafür in kürzeren Abständen zu schreiben.

 

Lebensfreude auf Kambodschanisch

Mittwoch, 09. September 2015 von Lennart

Melinda und die Kids

Melinda und die Kids

Ein halbes Zentner Süßigkeiten

Ein halbes Zentner Süßigkeiten

Letzte Woche war eine Prinzessin des Kambodschanischen Königshauses bei uns in Wat Opot und machte den Kindern Geschenke. Sie kam mit zwei großen Tüten Süßigkeiten aus dem Jeep und Melinda rief: „Das ist ja viel zu viel!“. Ihre Bodyguards hievten weitere Tüten, Kartons und schlussendlich auch zwei riesige Säcke in die Küche. Wir fragten uns gemeinsam, was in den Säcken drin sein könnte; Mehl, Brot oder vielleicht Reis?

Falsch gedacht: MEHR Süßigkeiten! Über fünfzig Kilogramm Schokolade, Bonbons und andere Leckereien türmten sich zwischen uns auf und wir mussten alle herzhaft lachen, ob diesen skurillen Geschenks.

Da die Kinder von Wat Opot sowieso schon mehr Süßigkeiten bekommen als die restlichen im Dorf, dachten wir, es wäre eine gute Idee, Bonbons in ganz Sramouch He zu verteilen. Und so machten wir uns am nächsten Tag auf den Weg: Dreißig Kinder, fünf Weiße und ein Lastkarren mit Bergen von Bonbons und einem Baby obendrauf.

An jedem Haus wurde Halt gemacht und aus voller Kehle „Khmeeng ponman?!“ („Wieviele Kinder?!“) gerufen, woraufhin die Kids von Wat Opot jeweils eine Bonbon-Tüte in erstaunte Kinderhände drückten. Wir müssen ein kurioses Bild abgegeben haben: Kölner Karneval in Kambodscha minus Kostümierung. Die sonst seelenruhige Dorfstraße, auf der an heißen Tagen wie diesem eigentlich nur Kuhglocken zu hören sind, war einen ganzen Morgen lang erfüllt von Kinderlachen.

"Candy!"

"Candy!"

Das ist übrigens ein Tuktuk!

Das ist übrigens ein Tuktuk!

Am Wochenende trat ich gemeinsam mit dem Australier Manny, einem Mitfreiwilligen, meinen ersten Kurztrip mit dem Tuktuk nach Phnom Penh an. So wie ich es häufig und gerntue, stellte ich auf dem Weg mal wieder meine Verpeiltheit unter Beweis. Der primäre Grund für mich, nach Phnom Penh zu fahren, war, mein Visum zu verlängern. Nach einer halben Stunde Fahrt fiel mir auf, dass man dafür ja seinen Pass benötigt. Der arme Tuktuk-Fahrer musste umkehren, damit ich ihn holen konnte. Ich entschuldigte mich mehrmals, es haben schon Viele unter meiner vergesslichen, schusseligen Art leiden müssen. Der Fahrer aber winkte schmunzelnd ab; kein Zeitdruck, kein genervter Blick, kein gereizter Kommentar. Ich entspannte und dachte so bei mir: Na, das ist doch mal ein Land für mich…

Das bevorzugte Fortbewegungsmittel

Das bevorzugte Fortbewegungsmittel

Das wunderschöne Nationalmuseum

Das wunderschöne Nationalmuseum

Phnom Penh hat Charme. Durch das Tohuwabohu, die beengten Märkte, über die Gehsteige voller Straßenstände und vorbei an den hupenden Tuktuks, dringt Gelassenheit und Lebensfreude. Phnom Penh ist – zugespitzt – ein alter Mann, der in seiner aufgespannten Hängematte an einer lauten Straßenkreuzung schläft. In einer solchen Flut von Reizen erwartet man gestresste Menschen, doch wirklich hektisch habe ich Niemanden erlebt. Vor Motorrädern zerberstende Kreuzungen scheinen sich wie magisch aufzulösen, ohne, dass sich die Menschen gegenseitig anschreien oder den Mittelfinger zeigen. Einfach, weil man relativ langsam und bedacht unterwegs ist und sich gegenseitig wenig unter Druck setzt. Auf so einer überfüllten Kreuzung kann es einem dann sogar passieren, dass ein Vorbeifahrender dir ein kleines Lächeln schenkt. Das ist erfrischend, gerade, wenn man von einem Ort wie Berlin kommt, an dem es oft ziemlich ruppig zugeht.

Straße in Phnom Penh

Straße in Phnom Penh

Kambodschaner besitzen eine seltsam ungewohnte Art von Freundlichkeit. Wenn ich mit einem Khmer beispielsweise in einem Geschäft in Kontakt trete, schaue ich meist in helle, zugewandte Augen. Zusätzlich ein Lächeln, welches in Kambodscha als etablierte gesellschaftliche Norm erscheint (oder lediglich ein sich selbst reproduzierendes Klischee ist). Die Menschen, die ich treffe, tendierten dazu, zu lachen, wenn sie nicht ganz verstehen. Ich, der dieses Verhalten nicht gewöhnt ist, bezog das zunächst auf mich selbst, dachte, ich hätte etwas falsch gemacht und würde ausgelacht. Ständiges Lächeln als unbekannte Geste verführt dazu, etwas Gemeines dahinter zu vermuten. Als ich wiederholt in solche Situationen kam, wurde mir bewusst, dass das einfach ihre Form der Höflichkeit war, welche ich als „Neuer“ schlichtweg nicht verstanden hatte. Kein böser Wille, bei genauerem Hinsehen fast Schüchternheit.

Ich kann hier übrigens nur Vermutungen anstellen: die kambodschanische Kultur, ihre Werte, Sitten und Traditionen sind genauso komplex und undurchschaubar wie jede andere Kultur auch. Ich knibble gerade einmal an der Oberfläche, bin gierig darauf, dass sich mir ein klares, umfassendes Bild offenbart. Gleichzeitig weiß ich aber dauch, dass das wohl nicht passieren wird. Alles, worauf ich hoffen kann, sind die kleinen, nicht zu verallgemeinernden Beobachtungen. Die kurzen Blicke hinter den Vorhang, welche das Leben hier so spannend machen!

Lennart

Nudelsuppe im Neonlicht

Nudelsuppe im Neonlicht

 

Störung im System

Montag, 24. August 2015 von Lennart

Es begann alles mit den Schreien des Tokays, die mich in der ersten Nacht wachhielten. Zu der Zeit dachte ich noch, dass das die Balz-Rufe irgendeines komischen Vogels seien; mir war gar nicht bewusst, dass Geckos Geräusche machen können. Der Schrei des Tokay-Geckos besteht aus einem kurzen „Toktoktoktoktok“-Stakkato, gefolgt von mehrmahligem lauten „Tak-kooh“-Rufen, die so ulkig klingen, dass sie jeden unweigerlich zum Schmunzeln bringen. Zusätzlich noch der Gesang von Grillen oder der der Mönche aus dem benachbarten Tempel. Mir wurde bewusst, dass ich nicht mehr in meinem geräuschlosen abgedunkelten WG-Zimmer in Deutschland bin, in dem geschlossene Fenster jeden Laut fern halten. Nein, ich befand mich nun im Volunteer’s Dorm von Wat Opot. Im ländlichen Kambodscha. Sozusagen mitten in der Natur.

Tokay-Gecko

Tokay-Gecko

So wie vieles Anderes hier stellte das erstmal eine Störung im System für mich dar. Aber meinen bisherigen Beobachtungen zufolge kommen diese kleinen Irritationen in Kambodscha stets mit einer Menge Humor daher. In der zweiten Nacht war ich so durstig, dass ich quer über das fünf Hektar große Gelände lief, um meine Wasserflasche aufzufüllen. Lucy, einer der drei Hunde von Wat Opot, kannte mich anscheinend noch nicht und lief laut kläffend um mich herum. Ich versuchte, das Tier mit meiner Wasserflasche zu verscheuchen, wodurch das Kläffen aber nur noch lauter wurde. Der Wachmann auf dem Gelände leuchtete mir mit der Taschenlampe ins Gesicht und ich rief reflexartig: „I live here!“ Daraufhin schenkte er mir sein breitestes Grinsen und wünschte mir eine gute Nacht. („Ria-dtrey sua-sdey!“)

Junge in Schuluniform

Junge in Schuluniform

Die Kinder sind laut, stark und wild. Ihr Selbstbewusstsein scheint unerschütterlich und von Anfang an wurde ich ausgefragt und –getestet. Man muss ja erstmal schauen, ob der Neue auch reinpasst. Dabei sind sie entwaffnend ehrlich, mit frischem Witz ausgestattet und haben von Höflichkeitsfloskeln noch nie etwas gehört. Ihr Lieblingswitz ist: „Lenny! Lenny! Lenny!“ (Sie rufen mich „Lenny“, weil die Aussprache einfacher ist.) „What?“

„Wat Opot!“

Wat Opot, mit Blick auf den Girl's Dorm

Wat Opot, mit Blick auf den Girl's Dorm

Am letzten Samstag habe ich mit ein paar Jungs Krabben auf einem Matschfeld gesucht. Wir haben nach den schmalen Löcher Ausschau gehalten, die sie beim Graben hinterlassen, sie mit der Schaufel vergrößert und ich hab meinen Arm hinein gesteckt und gefühlt, ob ich einen Krabbenzange zu fassen bekomme. Wenn die Kinder dann einen großen Eimer Krabben zusammen haben, werden Selbige häufig abends im Girl’s Dorm gekocht und gemeinsam verspeist. In Deutschland würden erst dreiundzwanzig Bedenken geäußert, bevor sowas überhaupt in Erwägung gezogen würde; Ähnliches habe zumindest ich bisher erlebt. Hier scheint alles freier, ursprünglicher. Ich kann soviel lernen von den Kids, auf eine gewisse Art und Weise haben sie mir viel voraus.

Es gibt noch soviel mehr zu erzählen, z. B. von den Killing Fields oder meinem Ausflug zu dem nahegelegenen Phnom Chisor (ein nahegelegener  buddhistischer Tempel auf einem Hügel). Ihr könnt’s euch aber anschauen; Bilder sagen mehr als tausend Worte.

Das nächste Mal ein paar Infos darüber, was ich hier den ganzen Tag so mache!

Lennart

Im Restaurant in Phnom Penh

Im Restaurant in Phnom Penh

PS.: Im letzten Eintrag ist ein dicker Fehler. Die zweite Verantwortliche im Projekt, Melinda, kommt morgen aus Österreich und nicht aus Australien wieder. „Austria“ und „Australia“ klingen ähnlich; das müsst ihr mir zugestehen. Auf jeden Fall bin ich gespannt auf das Zusammenleben und –arbeiten mit ihr!

Phnom Chisor

Phnom Chisor

Der Himmel leuchtet jeden Abend in anderen Farben

Der Himmel leuchtet jeden Abend in anderen Farben

 

Flug ins Ungewisse

Samstag, 08. August 2015 von Lennart

Zunächst: Ich bin gut angekommen! Seit Mittwoch lebe ich nun in der Wat Opot Children’s Community zusammen mit anderen Freiwilligen, Mitarbeitern und circa fünfzig Kindern und versuche immer noch, mich an die Temperaturen und das nächtliche Grillen-Konzert zu gewöhnen. Ich bevorzuge es aber, ganz von vorn anzufangen…

… die letzten Wochen vor der Abreise waren die schwierigsten! Im Grunde erfreute ich mich gerade des Lebens; lag häufig in der Sonne, ging abends mit Freunden ins Restaurant und verbrachte sehr viel Zeit mit meinem Freund. In der Gewissheit, dass das alles bald vorbei sein würde, klammerte ich mich an jeden Moment und versuchte, die Zeit bis zum letzten Moment auszukosten. Häufig verdrängte ich die baldige Abreise gar und mein Umfeld wunderte sich, warum ich mir so wenig anmerken ließ. Die Zeit bis zum 4. August verging rasend schnell und erst in der Hektik der letzten Wochen mischte sich auch Aufregung und Vorfreude dazu. Am Samstag vor der Abreise fand dann die Abschiedsparty statt, inklusive Grillfleisch, Sekt und Mini-Pool, welcher stets voll besetzt war. Ich bekam nochmal die Möglichkeit, alle meine Berliner Freunde auf einen Haufen zu schmeißen und kaputtzuknuddeln.

Die Meisten verewigten sich noch in meinem kleinen Büchlein mit guten Wünschen und herzigen Liebesbekundungen, welches ich versprach, erst in Kambodscha zu lesen. Und eh’ ich mich versah, stand ich schon mit Handgepäck und Trekking-Rucksack (fast so groß wie ich) am Flughafen.

Der kleine Lenny und die große weite Welt…

Ein Satz meiner Mutter („Das wird alles gut, wir sind doch alle Weltenbürger!“) und das gute Zureden meiner beiden Lieblingsmenschen vermochten es, meine Aufregung zu stillen. Im Flieger war ich dann der heimliche Star, weil selbige – für alle sichtbar auf der Aussichtsplattform – gemeinsam ein Herz aus ihren Armen bildeten. Eine Gruppe junger Frauen huldigte dieser rührenden Geste mit lauten „Oh, süß!“-Rufen, mein Herz machte einen Sprung und das Flugzeug hob ab.

Nach 23 Stunden hatte ich den Flug-Marathon hinter mir, allerdings nicht ohne mich mit meinem Sitznachbarn, dem sonnigen Sonny, anzufreunden. Der Deutsch-Vietnamese besucht seine 85-jährige Mutter in Saigon und hat mich für den nächsten Sommer zu geschmortem Schweinebauch in seine Wohnung in Berlin eingeladen. Es tut gut, nach meinem Freiwilligendienst schon Pläne zu haben!

Angekommen in Phnom Penh lernte ich noch meine Projekt-Leiterin Melinda kennen. Diese musste aber direkt weiter wegen eines zweiwöchigen Aufenthalts in Australien. Mit zwei anderen Frewilligen, Jackie aus Neuseeland und Linda aus den USA, fuhr ich im Jeep die eine Stunde in die Provinz Takeo nach Wat Opot. Auf dem Weg prasselte ein dichter Bilderregen auf mich herab:

Lebenspraktisch

Lebenspraktisch

Meine ersten Eindrücke waren gelber Staub, der von den vielen Motorrollern aufgewirbelt wurde, Palmen über Reisfeldern, knochige Wasserbüffel am Straßenrand, Menschen, die unter ihren Stelzenhäusern in der Hängematte lagen. Unzählige Straßenstände mit Souvenir-Buddhastatuen, frittiertem Hühnchen, Tropenfrüchten und allem, was das Herz begehrt. Autos, aus deren Kofferräumen Motorräder herausragten oder zwanzig junge Arbeiter, die auf der Ladefläche eines Lastwagens in den Feierabend fuhren, hatte ich bisher noch nicht gesehen und erzeugten eine Gänsehaut bei mir. All diese Dinge rauschten so schnell an mir vorbei, dass ich gar nicht genug Zeit hatte, alles zu verarbeiten. Sie machten die Neugierde größer, was mich wohl in Wat Opot erwarten würde…

… aber davon mehr beim nächsten Mal!

Lennart