Ausflug ins Nirgendwo

Freitag, 10. Mai 2013 von Magdalene Hengst
Frauen mit traditioneller Kleidung auf dem Viehmarkt

Frauen mit traditioneller Kleidung auf dem Viehmarkt

Am 1. Mai bin ich mit meiner Gastfamilie, Paulina und ihren Eltern, die gerade zu Besuch sind, in ein winzig kleines Dorf hoch in den Anden gefahren. Die etwa vierstündige Fahrt zu siebt in einem Landrover hat sich definitiv gelohnt (auch wenn so mancher Kopf nicht verschont blieb). Ich bin von El Alto und Umgebung eher trockene Landschaften gewöhnt, die schon fast an eine Steppe erinnern, so wenig wächst hier oben, so trocken und gelb ist alles. Aber auf diesem Ausflug bekam ich eine ganz andere Seite der Anden zu Gesicht: Wir fuhren durch eine grüne Landschaft mit riesigen Tälern und hohen Bergen, die ein bisschen an das Auenland aus „Herr der Ringe“ erinnerten. Ich konnte mich nicht sattsehen an den schneebedeckten Gipfeln, den vorbeiziehenden Lamaherden und immer wieder grün, grün, grün.

Als wir schließlich abends in Humanata ankamen, sahen wir einen Marktplatz, umgeben von einer Handvoll Häuser. Wir schliefen in einem verlassenen Haus, das der Kirche gehört, aber seit zwei Monaten leer steht, weil es im Moment keinen zuständigen Pastor für diesen Ort gibt.

Nur ab und zu komme eine Frau vorbei, um das Haushuhn zu versorgen. Chris meinte, vor etwa zehn Jahren hätte die Gemeinde noch nicht einmal Strom und fließendes Wasser gehabt. Diese Zeiten sind zum Glück vorbei und unser Haus besaß sogar eine kleine Heizung in der Küche, sodass es wärmer war als bei mir zu Hause in El Alto, trotz höherer Lage.

Am nächsten Morgen war Markttag. Zuerst gingen wir zu einer Viehwiese, wo um Lamas, Kühe und Esel gefeilscht wurden. Kinder sprangen zwischen den Tieren umher, Schafe blökten und die Bewohner handelten um ihre Ware. Man konnte von überallher sehen, wie vollgepackte Lamas mit großen Säcken aus den umliegenden Tälern in das Dorf kamen, um ihren Früchte, Gemüse und Tiere anzubieten.

Die Sprache, mit der gehandelt wird, ist Aymara, eine der größten indigenen Kulturen Boliviens. Seit der erste indigene Präsident Südamerikas Evo Morales an der Macht ist, muss jedes Kind in der Schule eine indigene Sprache lernen (meist sind es Aymara oder Quechua, Sprache der Inka, aber es gibt noch mehr als 36 andere weit verbreitete Sprachen, weshalb sich Bolivien auch als plurinationale Nation versteht) Nur wenige verstehen Spanisch und so war es schwer für meine Chefin, den Preis für eine Kuh herauszufinden.

Auch ist die Bevölkerung gerade in kleinen Gemeinden auf dem Land sehr alt. Junge Männer müssen nach ihrem Schulabschluss einen einjährigen Wehrdienst absolvieren und die meisten bleiben danach in den jeweiligen Städten, um dort ihre eigene Familie zu gründen, da sie auf dem Land keine Zukunftsperspektiven sehen.

Deshalb kommen auch viele meiner Projektkinder aus Dörfern wie Humanata, weshalb es für mich doppelt spannend war, einmal das Leben hier hautnah mitzuerleben. Auf dem Marktplatz konnte man zwar auch mit Geld bezahlen, aber die meisten tauschten ihre Ware!

Die Szene sah aus wie eines der unzähligen Bilder, die man in der Touristenstraße in La Paz kaufen kann: Frauen in typischen Cholitaröcken und –blusen und mit weißen Hüten, die für diese Region unverkennbar sind, knien vor ausgebreiteten Decken mit Kartoffeln oder Möhren, um sie gegen Bananen und Kokablätter einzutauschen.

Nachdem wir selbstgewebte Stoffe erstanden hatten, fuhren wir mit dem Auto bis zu einem Kamm der unzähligen Berge. Mitten im Schnee waren wir auf über 5.000 Metern.

Blick ins Tal

Nach nur etwa einer Stunde bot sich uns ein völlig anders  Bild. Jetzt säumten Bäume den Weg, man sah bunte Felder und als wir schließlich in einem Andental ankamen, das für seine Heilpflanzenkunde bekannt ist, wuchsen Palmen auf dem Marktplatz. Wir hatten mal eben 2.000 Höhenmeter zwischen uns gelassen. Nach einem ausgiebigen Picknick (Chris Kochkünste werde ich in Deutschland wirklich vermissen) fuhren wir nach Amarete.

Die Dorfbewohner leben dort quasi noch genauso wie vor 500 Jahren zu Inkazeiten. Natürlich gibt es auch hier mittlerweile Satellitenschüsseln und Internetzugang, aber die Straßen und Häuser sehen aus wie die Ruinen von Machu Pichu, nur dass es hier eben keine Ruinen sind, wo nur noch die Steinreste zu erkennen sind, sondern über der Steinmauer eine Lehmschicht gebaut ist und die Häuser Strohdächer haben. Chris und Isa, die sich beide sehr für antike andine Stoffe interessieren, fragten in der Straße Marktfrauen, ob sie eine bestimmte Tracht zu verkaufen hätten, die es nur in diesem Dorf gibt. Beim zweiten Haus hatten wir Glück und so bekamen wir die einmalige Gelegenheit, einmal ein Haus von innen zu sehen. Jedes Gebäude verfügt über einen Innenhof, in dem Hühner gehalten oder die Wäsche aufgehängt werden. Drumherum stehen die Wohngebäude im 2. Stock, zu denen man nur über Treppen und eine Veranda gelangt. Darunter befinden sich vermutlich Schuppen oder Ställe.

mit typischer Kopfbedeckung und Gewand der Bevölkerung in Amarete

Amarete

Leider ist es immer sehr schwierig, Fotos von persönlichen Gebäuden oder auch Menschen zu machen, da in vielen der indigenen Kulturen der feste Glaube verwurzelt ist, dass einem ein Stück der Seele genommen wird, wenn ein Foto von einer Person geschossen wird.

Das Dorf war seit jeher  sehr viel autarker als andere Dörfer, die noch weiter entfernt von Städten angesiedelt sind. Dies kommt daher, dass die Felder der Gemeinde so angelegt sind, dass man quasi alles anpflanzen kann. Unten im Tal werden tropische Früchte angebaut, oberhalb des Dorfes können Kartoffeln und Getreide wachsen. Deshalb hat dieses Dorf seine Traditionen sehr getreu beibehalten, was man auch an den Gewändern und am Kopfschmuck der Bevölkerung erkennen konnte. Sie sahen noch einmal ganz anders aus als beispielsweise bei Aymaras in El Alto.

Auch die Häuser sind nach einem ganz bestimmten System angelegt. Es gibt eine Oberstadt, die mit einer Unterstadt durch den Marktplatz verbunden wird (allerdings hat es nichts mit Reichtum oder sozialem Status zu tun, wo man wohnt, es wird nach Familien klassifiziert).

Auch die Straßen folgen einem ausgeklügeltem System, das sich schon zu Inkazeiten bewährt hat: Neben den gepflasterten Wegen verläuft eine kleine Rinne, die als Abwasserkanal dient. So hat die Bevölkerung nie Probleme mit Überschwemmungen.

Am nächsten Tag traten wir nach einer langen Pokernacht, in der Isa uns alle über den Tisch zog, unseren Heimweg an, mit dem Gefühl noch ein bisschen tiefer in die bolivianische Kultur eingetauscht zu sein. Ich bin unglaublich glücklich über diese bereichernde Erfahrung und die Chance, einer so ursprünglichen Lebensweise zu begegnen.

Alpacas mit Nachwuchs

 

Los Hilos de la Vida – Die Fäden des Lebens

Samstag, 13. April 2013 von Magdalene Hengst

Am Donnerstagabend ging für meine beiden Chefs ein lang gehegter Traum in Erfüllung. Grade für  Chris, der sich sehr für antike Stoffe und die Geschichte Boliviens begeistert, war dieser Tag ziemlich besonders: Die Ausstellung „Los Hilos de la Vida“ (Die Fäden des Lebens), die die Fundación Palliri in Kooperation mit dem hiesigen Spanischen Kulturzentrum erarbeite, hatte ihre Eröffnung.

Als Besucher begibt man sich auf eine Reise in die Welt der Trachten, Stoffe und traditionellen Kleidungsstücke, die vor 3.000 Jahren beginnt. Ich find es einfach nur unglaublich, wie lange sich Stoffe halten können, wenn sie keinem Regen, Feuchtigkeit und zu viel Sonne ausgesetzt sind. Deswegen gibt es hier auf dem Altiplano (aber beispielsweise nicht in Cochabamba, wo das Klima sehr viel feuchter ist) auch noch Ponchos, die wirklich aus der Zeit Jesu Christi stammen.

Es wird aufgezeigt, wie eng Religion und Glaube, Aufstände, Geschichte und Kultur im allgemeinen mit der Mode verknüpft sind und wie sehr die alten Stoffe ein Abbild der jeweiligen Gesellschaft sind.

Die Ausstellung fängt bei uralten Ponchos und Stoffen der vor-kolumbianischen Zeit an, zieht sich über die Kolonialzeit und endet schließlich bei gegenwärtigen bolivianischen Designern, die auch die Möglichkeit bekommen hatten, ihre Kollektionen oder Einzelstücke auszustellen.

Ein Label ist natürlich COCUNUT, unser Geschäft für Frauenbekleidung.

Ich glaube, dass die Ausstellung ein Riesenerfolg wird, unter anderem auch, um Palliri noch bekannter zu machen und die Menschen hier in La Paz dafür zu sensibilisieren, dass soziale Arbeit auch oft andere Gesichter hat.

Also, falls jemand die nächsten vier Wochen in La Paz sein sollte, es lohnt sich 😉

 

Endlich geht es wieder los…

Mittwoch, 06. Februar 2013 von Magdalene Hengst

Nach fast zwei Monaten Ferien für die Kinder werden am Montag wieder die Türen in Michme geöffnet!

Doch vorher musste das gesamte Projekt renoviert werden, weswegen ich die letzten Wochen damit zugebracht habe, Wände zu streichen, zu putzen und neue Möbel für die Büroräume und ein neues Spielzimmer auszuwählen. Außerdem wurden weitere Bäume gepflanzt, das Dach ausgebessert und ich habe den kompletten Spielehof nochmal neu übermalt, da dieser mit der falschen Farbe bemalt worden war und vom vielen Regen der letzten Zeit schon wieder abblätterte. Es hat wirklich Spaß gemacht zu sehen, wie Schritt für Schritt das Projekt im neuen Licht erstrahlt ist und man wusste, dass man selbst dazu beigetragen hat. Am meisten Spaß hat mir die Planung des neuen Spielzimmers gemacht. Ich habe mit meiner Chefin zusammen Spielzeug ausgesucht, mit dem die Kinder spielerisch Lesen oder Rechnen üben können und ich war wirklich überrascht, wie viel „gute“ Materialien  wir gefunden haben, weil ich hier sonst meistens doch nur billiges Plastikspielzeug und detailgetreue Maschinenpistolen gewohnt bin. Ich hatte die Idee, den gesamten Raum mit Bildern zu bemalen. Da in der kommenden Woche voraussichtlich noch nicht allzu viele Kinder das Projekt besuchen werden, weil viele noch bei Verwandten auf dem Land oder in einer anderen Stadt sind, werde ich dieses Projekt  ab Montag in Angriff nehmen.

Überhaupt war die letzte Zeit eine gute Möglichkeit für mich zu überlegen, was ich noch für Pläne habe und mit den Kindern realisieren möchte.

Es ist schon ein sehr komisches Gefühl, dass ich nun schon mehr Zeit in Bolivien bin, als mir noch bleibt… Dabei hab ich noch so viel vor!

Mal gucken, wie viel sich davon umsetzen lässt. Jetzt bin ich erst mal gespannt, wer von “meinen Kindern“ dieses Schuljahr wiederkommt und wie viele neue Kinder es gibt.

Außerdem hatte ich mich am Wochenende mal wieder mit den Vecarios aus unserem Projekt verabredet, um gemeinsam zu kochen. Optimistisch hatte ich vorher angekündigt, die Suppe machen zu wollen, während sich meine Mädels um das Hauptgericht kümmern wollten. Ich hatte schließlich schon einmal gesehen, wie man „sopa de maní“ macht und dachte,  dass es nicht so schwierig sein könne. Außerdem habe ich ein bolivianisches Kochbuch zu Hause, das mir zur Not weiterhelfen konnte. So zumindest mein Plan.  Also kaufte ich alle Zutaten auf dem Markt ein (das werde ich in Deutschland wirklich vermissen, dass es jegliches Gemüse, Obst, Nüsse… vor der Tür und frisch zu kaufen gibt) und bereitete alles vor.

Ganz so einfach war es dann aber doch nicht. Zum Glück ist eine meiner Freundinnen Maria, eine wirklich gute Köchin und als ich völlig verzweifelt am Herd stand und nicht wusste, was zuerst in den Topf muss und wie die Möhren aussehen müssen, damit sie auch genießbar sind, half sie mir aus der Patsche. Letztendlich hat die Suppe hervorragend geschmeckt, auch wenn das Zubereiten etwas länger gebraucht hat, als ich dachte. Da habe ich ml wieder gemerkt, wie viel Geduld man zum Kochen braucht, ich ess‘ immer alles schon vorher auf.

Das Tischdecken konnte ich dann aber wieder gut und es war wirklich ein schöner Abend.

Zum Nachkochen habe ich euch das Rezept einmal aufgeschrieben – wirklich super lecker (wenn man so wie ich Erdnüsse liebt).

Sopa de maní con fideos (Erdnusssuppe mit Nudeln)
(für 6 Personen)

Zutaten:

  • 500 g geschälte Erdnüsse
  • 4 Kartoffeln (in Würfel geschnitten)
  • 2 geschnittene Zwiebeln
  • 1 geschälte und geschnittene Tomate
  • 2 Knoblauchzehen
  • 2 geschnittene Möhren
  • 1 Tasse Bohnen
  • 1 Tasse Nudeln
  • klein geschnittene Petersilie
  • ½  Löffel Gemüsebrühe
  • Salz
  • Pfeffer
  • Oregano

1. Die Erdnüsse mit ein wenig Wasser in einen Mixer geben und gut pürieren.

2. Wasser mit de Gemüsebrühe in einem Topf zum Kochen bringen.

3. In einer Pfanne die Möhren, Tomaten und Bohnen anbraten, bis die Möhren glasig sind. Anschließend die Zwiebeln und den Knoblauch hinzugeben.

4. Das angebratene Gemüse in das kochende Wasser in den Topf geben und mit einem Deckel abdecken. Wichtig: Das Wasser muss die ganze Zeit köcheln.

5.In der Pfanne nun mit etwas Öl die Nudeln anrösten bis sie eine dunkelbraune Farbe angenommen haben.

6. Wenn die Suppe eine gelbliche Farbe angenommen hat (normalerweise wenn die Nudeln fertig angeröstet sind), die Nudeln, die Kartoffeln und das Erdnusspüree zu dem Gemüse in die Suppe geben.

7. Nun muss die Suppe so lange köcheln bis die Kartoffeln und Nudeln weichgekocht sind.

8. Kurz vor Schluss noch ein bisschen frische (!!!) Petersilie hinzugeben.

FERTIG! (Wer  mag, kann die Suppe mit noch mehr Petersilie garnieren)

Buen provecho!

(die Bolivianer essen diese Suppe nur als Vorspeise aber ich finde, dass es sich auch gut als Hauptmahlzeit eignet.)

PS: Fotos kommen bald nach!

 

Feliz navidad auf Bolivianisch

Sonntag, 30. Dezember 2012 von Magdalene Hengst

Ich glaube, Weihnachten war eines der Feste, auf das ich am meisten gespannt war, als ich noch zu Hause in Deutschland über meinen Auslandsaufenthalt nachgedacht habe. Und nun war plötzlich schon Mitte Dezember, es galt 1000 Weihnachtsgeschenke zu kaufen und sich ein bisschen in Weihnachtsstimmung zu bringen. So ganz hat das aber nicht geklappt. Es war einfach zu seltsam, dass ich mich im Garten sonnen konnte, aber gleichzeitig die Regenzeit angefangen hat und wir manchmal hier oben sogar etwas Schnee abkriegten.

Anfang Dezember habe ich in der Wohnung meiner Gastfamilie mitgeholfen, den Weihnachtsbaum zu schmücken und die riesengroße Krippe aufzustellen. Das Jesuskind fand  jedoch erst am 24. Dezember seinen Platz. Auch der Weihnachtsbaum sah etwas anders aus als in Deutschland. Hier wird traditionell eine Plastiktanne benutzt, die jedes Jahr aus dem Schuppen geholt wird und nach der Dekoration konnte man vor lauter Lichtern, Plastiksternen und Lametta die eigentlichen Zweige gar nicht mehr sehen.

Mit den Kindern habe ich Plätzchen gebacken und einen Adventskalender gebastelt, aber so richtig weihnachtlich fühlte ich mich immer noch nicht.

Der 24. Dezember sah dann folgendermaßen aus:

Nachdem Paulina und ich den Morgen mit einem Sonnenbad begonnen haben (im Nachhinein keine so gute Idee: meine ganzen Beine waren danach rot) sind wir nachmittags zu unserer Gastfamilie rüber gegangen und dann ging’s los: Es wurde gekocht, gebacken und jeder in der Familie hat etwas zum Abendessen beigetragen. Paulina und ich haben uns um den Nachtisch (natürlich typisch deutsch) und Glühwein gekümmert. Kurz vor dem Essen sind Isa, die Kleinen, Paulina und ich dann noch bei einigen Vecarios (die Stipendiaten Palliris) vorbei gefahren, um Geschenke vorbeizubringen und fröhliche Weihnachten zu wünschen.

Danach ging es zur Bescherung nach Hause zurück. Eigentlich ist es in Bolivien üblich, bis Mitternacht mit dem Geschenkeauspacken zu warten und vorher zu essen. Doch unsere Gasteltern waren der Meinung, dass es besser wäre, die Bescherung ein bisschen vorzuschieben, damit man nachher in Ruhe essen könne. Es war wirklich schön, wie unglaublich die Kleinen und auch der Rest sich über ihre Geschenke freuten.

Danach ging es ans große Fressen: Es gab Tapas, Käse- und Fleischfondue, Salate und 1000 andere Sachen, sodass wir uns nach dem Essen nach Hause kugelten.

Auch wenn es schon ein seltsames Gefühl war, Weihnachten auf eine ganz andere Art zu feiern als gewöhnlich, bin ich unglaublich glücklich darüber, diese Erfahrung mitnehmen zu dürfen.

 

Día de la no-violencia und hoher Besuch

Mittwoch, 05. Dezember 2012 von Magdalene Hengst

Weil am 25. November internationaler Tag der Gewaltlosigkeit ist, nahm ganz Michme am Freitag vorher an einem Umzug teil, der die Menschen El Altos aufrütteln und dazu animieren sollte, sich mit häuslicher Gewalt auseinanderzusetzen und sich dagegen zu wehren.

Am Tag vorher hatten wir Plakate gebastelt, die wir nun auf einen großen Bus klebten. Mit diesem nahmen wir dann mit allen Kindern und Pädagogen an der Prozession teil. Der Umzug war von einer anderen Nicht-Regierungsorganisation ins Leben gerufen worden worden und die verschiedensten Stiftungen nahmen mit großen Bussen daran teil. Zwischendurch gab es immer wieder Stopps, bei denen an verschiedenen Stationen Reden gehalten, Flyer verteilt und gesungen wurde.

In El Alto wurden 7 von 10 Frauen schon mal mit häuslicher Gewalt konfrontiert und auch die Kinder, die zu uns ins Projekt kommen, wurden oder werden oft geschlagen oder haben indirekt mit diesem Thema zu tun, wenn die Mutter gewalttätig behandelt wurde/wird.

Die Frauen wurden dazu aufgefordert, sich zu wehren und sich an Institutionen zu wenden bzw. Hilfe anzunehmen und nicht passiv die Gewalt über sich ergehen zu lassen. Oft besteht das Problem in der Angst der Frauen, sich alleine ohne Mann sich und ihre Kinder nicht ernähren zu können, weshalb oft viel verschwiegen wird.

alle vor dem Bus

alle vor dem Bus

Da die Kinder seit Mitte November keine Schule mehr haben und die großen Ferien gekommen sind, unser Projekt aber noch geöffnet ist, gibt es im Moment viel Zeit für Freizeitangebote, da nicht so viel Zeit bei der Hausaufgabenhilfe „verlorengeht“. Jeden Tag gibt es andere Spielemöglichkeiten, wie zum Bespiel einen Karaokenachmittag oder ein Fußballtunier. Ich habe mit den Kindern einen Adventskalender gebastelt, da diese Tradition in Bolivien unbekannt ist und jetzt darf ab dem 1. Dezember jeden Tag ein anderes Kind sein Päckchen öffnen. Generell bin ich schon jetzt gespannt, wie hier die Weihnachtszeit und der große Tag selber zelebriert wird.

Am letzten Freitag gab es dann gleich zwei besondere Aktionen: Morgens wurde der Hof mit Spielen bemalt, wie zum Beispiel Hüpfekästchen oder Twister, damit dieser nicht mehr ganz so trist aussieht.

Die Kinder hatten viel Spaß beim Malen und das Ergebnis kann sich wirklich sehen lassen.

Worauf die meisten Kinder sich aber noch mehr freuten, war der Nachmittag: die bolivianische Fußballmannschaft BOLIVAR, die in der 1. Liga spielt und zu den besten ganz Boliviens gehört hatte sich angekündigt! Gerade die Jungs konnten ihren Augen nicht trauen, als plötzlich ihre Idole vor ihnen standen und Fragen beantworteten, bereitwillig Autogramme gaben und sogar mit den Kids Fußball spielten.

Auch wenn der Tag für uns sehr anstrengend war, da wir schon einen Tag vorher alles vorbereiten mussten, hat sich jede Minute dieser Arbeit gelohnt, wenn man sich nachher die glücklichen Gesichter der Kinder anschaute.

Witzig an diesem Tag war auch, als es plötzlich anfing zu schneien. Es ist einfach unglaublich, wie sich hier innerhalb eines Tages das Wetter ändern kann. Von 25 °C praller Sonne in Minusgrade und Frostwetter….

Eine ganz andere Art von „Arbeit“ bestand für mich und Paulina darin, dass wir an einen Morgen unsere Chefin und den Modedesigner unser Textilfabrik mit in das Fernsehstudio Boliviens bekanntestem Sender begleiten durften, da Alvaro (der bei uns für die Gestaltung der Kleidung zuständig ist) ein Interview in einer Sendung hielt. Außerdem begleiteten ihn die „Unicas“ ( La Paz‘ 15 schönste Frauen) die die neue Kollektion Coconuts (der Modemarke Palliris, die in einem Geschäft in La Paz verkauft wird) vorstellten. Für Palliri war dies eine gute Möglichkeit, noch mehr Werbung für Coconut zu machen. Durch den Verkauf der Kleidung kann sich Palliri nämlich zu 50 Prozent selbst finanzieren und ist somit nicht so spendenabhängig wie andere Stiftungen.

Eine wie ich finde sehr schöne Tradition Palliris ist, dass jede/r Freiwillige, der für Palliri arbeitet, im Laufe seines Dienstes einen Baum auf einem der Gelände der Fundación pflanzt. Paulina und ich machten uns also mit Schippen und Erde auf den Weg nach Michme, wo wir „unsere“ Bäume pflanzten. Es ist einfach unglaublich, wie sehr eine einzige Pflanze einen Platz oder Raum verändern kann. Mir war vorher nie bewusst, wie viel Wohlbefinden ein Baum bringt- bis ich nach El Alto gekommen bin, wo güne Plätze Mangelware sind. Palliri versucht mit den Pflanzaktionen (wir haben danach noch mehr Bäume in der Straße vor dem Projekt gepflanzt) das Bewusstsein der Leute für eine schönere Umwelt zu schärfen und sie dafür zu sensibilisieren, wie wichtig Pflanzen sind, diese aber auch gepflegt werden müssen.

Ein witziger Tag war der 21. November. Alle 10 Jahre wird nämlich in ganz Bolivien eine Volkszählung durchgeführt. An diesem Mittwoch war es also verboten, das Haus zu verlassen (auch für uns Freiwillige), was von der Polizei kontrolliert wurde. Diese Ausgangssperre dauerte von 21.00 Uhr des Vortags bis 18.00 am besagten Mittwoch. Dann musste man warten, bis eine Person des „Census 2012“-Komitees vorbeikam, um Fragen über das Haus und die jeweiligen Personen zu stellen. Am Tag zuvor gab es außerdem keinen Alkohol in Supermärkten zu kaufen, da die Regierung sicherstellen wollte, dass jeder Bolivianer fähig ist, die Fragen zu beantworten und den freien Tag nicht dazu nutzt, sich zu betrinken.

In Deutschland wäre es undenkbar, eine Volkszählung auf so einem Weg durchzuführen.

 

Día de los Muertos und ganz viel Schnee

Sonntag, 18. November 2012 von Magdalene Hengst

Am 25. und 26. Oktober stand im Projekt alles unter dem Motto Sport! Am ersten Tag ging es mit der gesamten Gruppe, und auch den anderen Projekten Palliris, in eine benachbarte Schule, die über den Luxus eines überdachten Fußballfeldes verfügt. Die Kinder wurden in Teams aufgeteilt und spielten jeweils zehn Minuten gegeneinander Fußball. Zuvor haben wir Pom-poms aus altem Zeitungspapier gebastelt, um die spielenden Sportler gebührend anzufeuern. Den ganzen Tag wurde gespielt, bis am Ende das Gewinnerteam feststand. Am nächsten Tag gab es dann die entsprechende Siegerehrung. Danach ging es in anderen Disziplinen weiter: Es standen Basketball und Volleyball auf dem Programm. Für die Kinder war es ein schöner Ausgleich, zur sonst eher anstrengenden Zeit für sie, da im Dezember das Schuljahr in Bolivien aufhört, vorher jedoch noch die Abschlussprüfungen in jedem Fach anstehen. Im bolivianischen Schulsystem gibt es drei dieser Examen pro Schuljahr und nur wer die benötigte Gesamtpunktzahl erreicht, wird versetzt.

Beim Sportfest

Beim Sportfest

Eine andere Besonderheit im Projekt war der „Diá de los muertos“, der, wie bei uns der Volkstrauertag, am 1. November gefeiert wird. In Bolivien besteht die Tradition Brot in Form von Verstorbenen zu backen und kleine Porzellangesichter in den Teig zu drücken. In den Wochen um diesen Tag herum gibt es in ganz El Alto kein Brot zu kaufen, da es sich für die kleinen Geschäfte nicht lohnen würde, da jede Familie ihr eigenes Brot backt. Auch wir haben mit den Kindern einen ganzen Tag Zutaten zusammengemixt, Teig geknetet und unsere Fantasie spielen lassen, als es ums Formen ging. Auch wenn dabei nicht nur verstorbene Personen herauskamen (oder vielleicht gerade deswegen), sondern am Ende Engel, Pferde und Herzen auf dem Backblech lagen, hat es viel Spaß gemacht, das Brot zu backen und natürlich war es noch viel schöner, es nachher zu probieren.

Da diese Aktion schon am 31. Oktober durchgeführt wird, gab es danach eine Halloweenparty samt gruseligem Vampirschminken und „Thriller“-Video von Michael Jackson. Halloween wird in El Alto eigentlich nicht gefeiert, doch im reicheren Teil von La Paz, der Zona Sur, findet man kein Geschäft, das nicht für dieses nordamerikanisches Fest geschmückt ist. Auch Paulina, die neue deutsche Freiwillige, die seit November in Palliri arbeitet und mit mir zusammen wohnt, und ich waren deshalb nach der Party in Michme in La Paz unterwegs, um ein bisschen zu feiern. Wir hatten jedoch nicht an die beginnende Regenzeit gedacht. Innerhalb von einer halben Stunde strömenden Regens verwandelte sich ganz El Alto in einen reißenden Fluss und wir mussten uns einen Weg durch die größtenteils unbefestigten Straßen bahnen, um nicht komplett durchnässt in La Paz anzukommen (hat leider nicht geklappt).

In der letzten Woche habe ich zusammen mit meiner Chefin und Paulina bei Übersetzungen vom Spanischen ins Deutsche geholfen. Wir sollten angefertigte Karteikarten der Kinder Palliris übersetzen. Diese Texte enthielten sowohl Informationen über die Lebensverhältnisse und Hintergrundgeschichte der Kinder, als auch einen Steckbrief über ihre Wünsche, Lieblingsbeschäftigungen und Talente. Diese Aufgabe war zum einen super, um mein Spanisch nochmal zu verbessern und neue Worte aus verschiedenen Themenbereichen zu lernen, zum anderen gab es mir einen noch tieferen Einblick in das Leben der Kinder und die Arbeit Palliris.

Als ich vor dem Computer saß, musste ich manchmal fast losweinen, als ich die Geschichten las. Es ist einfach nur unglaublich, was die Kinder hier schon alles durchmachen mussten/müssen und wie sie leben. Viele habe für eine zehnköpfige Familie nur ein Zimmer zur Verfügung und müssen mit weniger als 50 Euro im Monat ihre Grundbedürfnisse bezahlen. Das Interessante ist, dass viele Kinder in den Steckbriefen geschrieben haben, dass sie später beispielsweise Arzt werden möchten, um armen Menschen helfen zu können. Sie sehen sich oft selber nicht als arm an. Oder auch wenn viele von ihnen schrieben, dass sie später Lehrer werden möchten, um Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen, oder Arzt, um die Krankheiten eines wichtigen Menschen heilen zu können, konnte man erkennen, wer den Kindern in ihrem Leben Hoffnung schenkt. In diesem Moment wurde mich auch noch einmal bewusst, wie wichtig die Arbeit Palliris ist, wenn sie psychologische und soziale Hilfe anbieten und die Familien finanziell unterstützen. Auch wenn ich natürlich vorher schon wusste, dass die Kinder keine einfache Vergangenheit haben, war es ein Schock, schwarz auf weiß zu lesen, was ihnen wiederfahren ist.

Ein Erlebnis der letzten Zeit war der ganz anderen Art. Ich machte für zwei Tage eine Bergwanderung, auf einen Berg ganz in der Nähe von El Alto, den Hayna Potosi. Dieser Berg ist stolze 6.088 Meter hoch und als wir mit dem Auto zum Anfangspunkt der Wanderung fuhren und ich zum ersten Mal El Alto von oben sehen konnte, wurde mir bewusst, wie hoch wir jetzt schon waren. Dann ging es für zwei Stunden zu einer kleinen Hütte mit Plumpsklo, die auf 5.100 Metern lag. Auch wenn ich mich so langsam an die dünne Luft in den Anden gewohnt habe, war es etwas ganz anderes, plötzlich noch einmal 1.000 Meter höher zu stehen. Nachdem wir mit unserem Bergführer noch ein bisschen unsere Schneeschuhe mit Metallsohlen, um im Schnee und auf Eis besser laufen zu können, ausprobiert hatten, ging es auch schon ins Bett um ausgeschlafen zu sein für die Nacht, da wir um zwölf Uhr nachts loslaufen mussten. An schlafen war dann aber nicht zu denken, weil die veränderten Sauerstoffbedingen mich doch ein bisschen umgehauen haben. Als ich dann unausgeschlafen und total fertig um halb zwölf am „Frühstückstisch“ saß, um wenigstens ein bisschen etwas zu essen, war ich mir sicher, keine halbe Stunde durchzuhalten. Und dann ging es los. Mit Stirnlampen ausgestattet, um den Weg zu erkennen, und angeseilt am Bergführer, ging es in die tiefe Nacht. Das einzige was man hörte, waren die Geräusche, die man verursachte, wenn man durch den Schnee lief und den eigenen Atem. Ich verlor jegliches Zeitgefühl und konnte nicht sagen, ob wir zehn Minuten gelaufen waren oder drei Stunden, als wir die erste Pause machten. Und da sah ich El Alto in seiner ganzen Pracht. Vor uns tat sich ein Lichtermeer am Abrund auf! Als es weiterging war ich inzwischen an einem Punkt angelangt, wo ich nicht mehr nachdachte. Einfach laufen, laufen, laufen. Meine Gefühle schwankten immer zwischen: Ich kann nicht mehr, noch 5 Minuten länger und ich breche zusammen, und einem totalen „Bei-mir-sein“, dieses Laufen in der Stille und der Dunkelheit, das war einfach meditativ.

Vorbei ging es an Gletscherspalten und an einigen Stellen musste man wirklich aufpassen, wo man seinen Fuß hinsetzt, so nah war der Abgrund. An einer Stelle musste ich sogar richtig klettern, weil der Weg so steil war. Da waren die Pickel nützlich, die wir bekommen hatten und uns einen sicheren Halt ermöglichten. Ab etwa halb fünf morgens veränderte sich plötzlich der Himmel. War vorher noch alles schwarz gewesen, so konnte man jetzt einen schmalen gelben Streifen am Horizont erkennen. Minute um Minute wurde dieser Streifen größer und als wir schon relativ weit gekommen waren, färbte sich der Himmel plötzlich orange und wurde immer heller. Da konnte ich die Bergspitze sehen und plötzlich wurde mir bewusst, dass ich es wirklich schaffen kann: Nach ganz oben kommen!

Der Anblick war schon jetzt atemberaubend: Der ganze Himmel hatte sich orange-rot-gelb-rosa-lila-blau gefärbt, um uns herum der weiße Schnee und am Abgrund Wolken! Nichts und nichts als Wolken! Wie eine riesige Landschaft, durch die einige niedrigere Bergspitzen hervorguckten. Ich glaube, dieses Bild ist das Schönste, was ich je in meinem Leben gesehen habe. Mit neuer Motivation galt es, die letzten Meter zu besteigen. Jetzt, wo die Sonne herausgekommen war, wurde es mit einem Mal unglaublich heiß und meine eingefrorenen Finger begannen langsam wieder aufzutauen. Das letzte Stück war besonders schwierig, da es sich um eine Felswand handelte und wir noch einmal klettern mussten. Doch dann war es endlich geschafft: Ich stand ganz oben auf dem Hayna Potosi und konnte so viel Land um mich herum sehen! Noch einmal das unglaubliche Wolkengebilde, auf der anderen Seite riesige Gebirgsketten und Seen. Dieses Gefühl, eine Mischung aus Stolz, Anstrengung und Glückseligkeit, ist einfach unbeschreiblich! Dieser Moment, als ich das atemberaubende Panorama vor mir hatte und kaum realisieren konnte, dass ich wirklich geschafft hatte, was ich sechs Stunden vorher niemals für möglich gehalten hatte, war einfach magisch.

Nach einer kurzen Pause des Verschnaufens, essen und gucken, gucken, gucken, mussten wir uns jedoch ein bisschen beeilen wieder runter zu laufen, da die Sonne den Schnee schmelzen ließ und dieser immer weicher wurde. Wenn man zu spät heruntersteigt, kann man Gefahr laufen, in eine Lawine zu geraten. Also ging es den ganzen Weg wieder herunter. Die letzten Schritte zu unserem Refugio torkelte ich mehr als zu gehen, so müde war ich. Dort gab es für uns eine warme Suppe und nach einer kurzen Pause ging es die letzten Meter runter zum wartenden Auto, das uns wieder in die Stadt brachte.

Ich kann nur jedem, der nach Bolivien kommt, diesen Trip empfehlen. Man sollte nur genau gucken, mit welcher Agentur man den Ausflug macht, da es wichtig ist einen ausgebildeten Bergführer zu haben, der einem im Notfall das Leben retten kann. Viele Angebote sind sehr günstig, haben aber keine guten Bergführer. Gerade unerfahrene Wanderer sollten lieber etwas mehr bezahlen und dafür die Sicherheit haben, eine vertrauensvolle Agentur ausgewählt zu haben.

Ich für meinen Teil werde diese Bergwanderung nie vergessen.

...über den Wolken.

...über den Wolken.

 

Der ganz normale Alltag…

Samstag, 20. Oktober 2012 von Magdalene Hengst

Ihr Lieben, es wird mal wieder Zeit, dass ich mich melde…

Im Projekt läuft alles wie gehabt und weiterhin gut. Ich fühl mich gut aufgehoben und ernte immer seltener fragende Blicke, wenn ich probiere mich auszudrücken.

Aber ich merke auch manchmal, wie anstrengend es ist, acht Stunden am Stück mit Kindern zu arbeiten. Und meine Geduld wird jeden Tag aufs Neue herausgefordert, wenn ich bei Hausaufgeben helfe oder mit den Kleinen Lesen und Schreiben übe…

Letzte Woche gab es eine Versammlung, zu der Juan, unser Psychologe, aufgerufen hatte. Mit Mitarbeitern anderer Organisationen, die in El Alto tätig sind, besprachen wir die großen Probleme der Umweltverschmutzung in Bolivien und überlegten, wie man das Bewusstsein der Menschen durch gezielte Aktionen fördern kann. In zwei Wochen wird es ein erneutes Treffen geben, um die Pläne zu konkretisieren und ich bin wirklich gespannt, was dabei herumkommen wird. Ein großes Problem ist der Abfall, gerade in El Alto, aber auch auf dem Land. Jeglicher Müll wird einfach auf der Straße oder in der Natur entsorgt und niemand kümmert sich um Mülltrennung. Die Flüsse sind oft so verschmutzt, dass man das Wasser nicht trinken darf, weil Menschen ihre Wäsche oder ihre Autos darin waschen und einfach sämtlichen Abfall abladen. Das ist gerade bei der Wasserknappheit in den Anden ein zusätzliches Problem.

Am Wochenende war ich mit meiner spanischen Mitbewohnerin und einem bolivianischen Freund in Sorata, einer Stadt, die in den Yungas liegt. Die grünen Täler, die Bäume, die an einen Urwald erinnern und die vielen Blumen waren atemberaubend schön. Aber grade durch diese natürliche Schönheit fiel der Dreck noch viel mehr auf, als in einer Großstadt wie El Alto. Überall liegen Plastiktüten, Verpackungen oder Autoreifen herum – ein wirklich trauriger Anblick in diesem Paradies. Trotzdem war die Fahrt nach Sorata ein schönes Erlebnis. Wir sind zu einer Grotte gewandert, in der es einen unterirdischen See gab und ich habe sogar Fledermäuse gesehen.

Der Klimaunterschied ist immer wieder verrückt: Aus dem kalten La Paz ging es innerhalb von drei Stunden in eine 35 Grad heiße Region, in der alles blüht und wächst – kaum vorstellbar wenn man dann wieder zurückkommt und jeder Baum eine Seltenheit ist.

Was gibt es sonst noch Neues zu berichten?

Am Freitag war ich im Stadion von La Paz, um das Auswahlspiel Bolivien gegen Peru, für die Fußballweltmeisterschaften 2014, anzuschauen. Obwohl ich in Deutschland nicht der größte Fußballfan bin, war die Stimmung mitreißend und ich habe gemerkt, dass die Südamerikaner doch ein bisschen mehr Feuer haben und das Spiel dementsprechend emotional ablief.

Außerdem habe ich angefangen Tanzstunden zu nehmen. Der Stil heißt Tribal Fusion und ist eine Mischung aus Yoga und arabischen und afrikanischen Tanzstilen. Es ist ganz anders als das Tanzen, was ich von Deutschland aus kenne und auch ein bisschen gewöhnungsbedürftig, aber es macht Spaß!

Eine witzige Situation war auch, als ich vor ein paar Tagen Susanne, eine Mitarbeiterin des Kindermissionswerks, auf dem Prado, der Hauptstraße La Paz’s, getroffen habe. Diese Stadt ist trotz ihrer Millionen von Einwohnern ein Dorf, ständig trifft man irgendwen.

Außerdem gab es letzte Woche eine große Ausstellung in El Alto, für alle Organisationen die mit Kindern arbeiten. Bis zum späten Abend des Vortags haben wir gebastelt und Fotos aufgeklebt, bis wir ein riesiges Plakat gebaut hatten, auf dem sämtliche Projekte Palliris aufgeführt waren. Am nächsten Tag ging es dann zum Plaza Juana azurduy de padilla, wo jede Organisation ihren eigenen Informationsstand hatte, und zusätzlich Tänze und andere Darbietungen aufgeführt wurden. Es war interessant zu sehen, was es noch alles für soziale Arbeiten in El Alto gibt und der Tag war für Palliri ein voller Erfolg!

So, bis dann,

alles Liebe,

Maggi

 

Dia de Estudiantes

Montag, 24. September 2012 von Magdalene Hengst

Beim Schminken...

Beim Schminken...

Am 21. September ist in Bolivien Tag der Schüler und gleichzeitig Frühlingsanfang. Schon Tage vorher konnte man sehen, wie wichtig dieses Datum den Bolivianern ist. Überall an den Straßen gab es Blumen zu kaufen und Plakate, die Feste und Umzüge ankündigten. Unseren Kindern im Projekt zu Ehren gab´s deswegen am Freitag eine große Kostümfeier. Am Tag zuvor schon sind Elena, meine Pädagogin, mit der ich zusammen meine Gruppen leite, und ich auf einem riesigen Markt in El Alto gewesen, um Zutaten für die Pizza, die es am darauffolgenden Tag geben sollte, zu kaufen. Für mich war dieser „Mercado“ noch einmal etwas ganz anderes als einer der Märkte in meinem Viertel oder in La Paz. Die Straßen sind nach bestimmten Lebensmitteln unterteilt, so gibt es beispielsweise eine Ständerreihe nur mit Gemüse und in einer anderen Gasse bieten Fleischverkäufer ihre Ware an. Das ist wirklich schon etwas anderes als in Deutschland, wenn auf dem Boden ganze, aufgeschlitzte Schweine liegen oder Schafshufe und –köpfe als besondere Delikatesse angeboten werden. Auch beschränkt sich das Angebot nicht nur auf Lebensmittel, man kann so ziemlich alles kaufen – vom Kinderfahrrad bis zum Karnevalskostüm. Diese Märkte sind so riesig, bunt und voller Menschen, dass ich mich immer frage, wie man sich hier orientieren kann.

Am nächsten Tag wurde dann unser ganzes Projektgebäude geschmückt, wir haben die Pizza vorbereitet und als die Kinder kamen, wurden sie in Gruppen eingeteilt und mussten in verschiedenen Disziplinen gegeneinander antreten, wie zum Beispiel Sackhüpfen oder Dreibeinlauf. Für die Gewinnerteams gab es anschließend Preise und auch das beste Kostüm wurde gekürt. Außerdem haben wir die Kinder, die ohne Kostüm gekommen waren, geschminkt und verkleidet.

...und das Ergebnis!

...und das Ergebnis!

Ich glaube, dass den Kleinen der Tag viel Spaß gemacht hat und auch wir Pädagogen und ich als Freiwillige hatten viel Spaß bei den Vorbereitungen und der Durchführung der Feier.

Ein neues Vorhaben in „Michme“ ist auch die Gestaltung von Kinderrechten. So wird seit letzter Woche jeden Mittag vor dem Mittagessen ein Kinderrecht, das von den Vereinten Nationen festgelegt wurde, vorgestellt und mit den Kindern besprochen, was diese Vorgabe konkret für sie bedeutet.

Außerdem habe ich angefangen, meiner Nachmittagsgruppe zweimal die Woche Englischunterricht zu geben. Auf die Idee war ich gekommen, weil ich ständig gefragt wurde, was dieses oder jenes Wort auf Englisch bedeutet. Die Kinder sind immer total stolz, wenn sie schon bestimmte Begriffe kennen und gerade die Jungs, die immer am meisten Chaos veranstalten und keine Hausaufgaben machen wollen, waren total bei der Sache und haben super mitgemacht, das war wirklich schon ein kleines Erfolgserlebnis.

So, das war´s mal wieder,

Maggi

Sackhüpfen

Sackhüpfen

 

Der Titicacasee und die ersten Tage im Projekt…

Donnerstag, 06. September 2012 von Magdalene Hengst

Vor 2 Wochen war ich nach Ende meines Sprachkurses zum ersten Mal im Zentrum „Michme“, eine von vielen Projektstellen Palliris, indem ich von nun an arbeiten werde.

Dieses Zentrum ermöglicht 4-18-jährigen Kindern und Jugendlichen außerschulische Bildung  bzw. Hausaufgabenbetreuung und Verpflegung. Jeder  Tag fängt um 9 Uhr mit einem Frühstück an. Anschließend betreue ich zusammen mit einer Pädagogin (Elena, eine Bolivianerin, die vor einem Jahr als Freiwillige für ein Jahr in Deutschland in einer Schule tätig war) 10-12-jährige Kinder. Es werden Hausaufgaben gemacht, es gibt Sportangebote und Zeit zum Spielen. Nach dem Mittagessen müssen die Kinder, die vormittags „Michme“ besuchen, zur Schule (normalerweise erhält die eine Hälfte der Kinder einer Schule vormittags, die andere nachmittags Unterricht, da die Raumkapazitäten anders nicht ausreichen würden) und ich betreue eine Gruppe von etwa 6-10-jährigen bis 5 Uhr. Soviel zu meinem Tagesablauf.

Es ist wirklich schön, wie offen die Kinder hier auf einen zugehen, Fragen haben und sich mit einbeziehen lassen. Da ist es doppelt erschreckend wenn man erfährt, mit welchen Hintergründen die Kinder oft belastet sind. Viele werden zu Hause von ihren Eltern geschlagen und ich habe von einem Jungen erfahren, dessen Mutter schon mit 13 schwanger wurde. Es gibt Eltern, die auf der Straße wohnten, bevor sie von Palliri unterstützt wurden und auch Vergewaltigungen spielen eine Rolle. Das Schöne an Palliri ist, das die Organisation sich nicht nur um die Kinder kümmert, die hier angemeldet sind, sondern auch die Probleme der Familienangehörigen einbezieht. Dafür Lösungen zu finden ist jedes Mal eine Herausforderung und ich bewundere die Mitarbeiter dafür, wie sie es immer wieder schaffen, Wege zu finden, die den Betroffenen eine verbesserte Situation bieten. Auch wenn ich noch nicht immer alles verstehe, sind solche Gespräche total interessant und geben einen tiefen Einblick über die komplexe Arbeit meiner Organisation.

Ein besonderer Tag war auch mein Geburtstag. Die Kinder haben total süß für mich gesungen und nach bolivianischer Tradition hatte ich abends die halbe Torte im Gesicht, die ich nach einem Essen von meiner Gastfamilie und den anderen Freiwilligen mit denen ich momentan noch zusammen wohne, geschenkt bekommen habe.

Chris pequeño, mein sechsjähriger Gastbruder und ich auf dem Boot auf dem Titicacasee.

Am darauffolgenden Wochenende  ging es dann mit meinen Gasteltern und den beiden Kleinsten zu einem abgelegenen Dorf am Titicacasee. Dort haben wir eine andere Organisation besucht, die von italienischen Padres geleitet wird. Vorab hatten Isa und ich für einen gefühlten Monat Lebensmittel eingekauft, die danach ins Auto verfrachtet wurden.

Am Abend kochten wir dann gemeinsam ein riesiges Essen, jeder wollte in der kleinen Küche helfen und bereitete irgendetwas zu und es war ein riesiges Durcheinander da wir Spanier, Bolivianer, Italiener, ein Kanadier, eine Polin und ich als Deutsche mehr oder weniger erfolgreich versuchten uns auf Spanisch zu verständigen und sämtliche Sprachen und Dialekte hin- und herflogen. Diese Art von Gastfreundschaft hat mich wirklich sehr berührt und es wurde ein lustiger Abend.

Der Titicacasee

Der Titicacasee

Am nächsten Tag wanderten wir dann einen riesigen Berg hoch, auf dessen Spitze vor mehr als 1000 Jahren eine Kirche erbaut worden war. Auch konnte man in Felswänden noch uralte Zeichnungen von Indianerstämmen erkennen, die Jahrzehnte vor den Inka oder Maya gelebt haben. Auch der Ausblick war atemberaubend: Wir sahen  Ausläufe des Titicacasees und wieder einmal konnten wir die riesigen Berge der Anden bewundern.

Das Leben auf dem Land ist wirklich ein Kontrast zur Großstadt  El Alto. Es gibt winzige Dörfer, Häuser denen Dächer, Fenster oder ganze Wände fehlen, Kühe, Schweine und Schafe werden die Straßen entlanggetrieben und viele Familien leben vom Fischfang im Titicacasee. Generell lässt sich sagen, dass dieses Leben sehr viel härter ist und die Menschen um einiges ärmer sind.

Da hoch oben auf dem Altiplano die klimatischen Bedingungen für Landwirtschaft jeglicher Art sehr schlecht sind und Wasserknappheit herrscht, geben die Felder nicht viel her und man sieht auch den Tieren die Nahrungsnot an: Sie sind sehr dünn und klein im Vergleich zu deutschem Vieh und oft sieht man die Rippen und Knochen hervorstehen.

Die folgende Nacht verbrachten wir zu Gast bei einer anderen Organisation, die ebenfalls ein Gästehaus direkt am See besaß. Nachts konnte man das Wasser rauschen hören und am Morgen fuhren wir mit einem kleinen Schiff zu einer nahegelegenen Insel. An sich ist der See sehr gefährdet da er jedes Jahr mehr verschmutzt, doch da wir in keiner touristischen Gegend, sondern in einem ländlichen Gebiet waren, zeigte sich der See von seiner besten Seite und schillerte in den schönsten Blautönen.

So, morgen geht’s wieder ins Projekt, deswegen mach ich Schluss, bis bald,

Maggi

 

Meine Ankunft in einer anderen Welt

Montag, 20. August 2012 von Magdalene Hengst

Kurz vor der Abreise. Foto: Steffi Knoor / Kindermissionswerk

Vor etwa einer Woche hieß es noch in Deutschland Abschied zu nehmen und sich von der Familie und  Freunden für 10 Monate zu verabschieden. Mittlerweile kommt mir dieser Schritt vor wie eine Ewigkeit, obwohl seither erst 9 Tage vergangen sind. Doch in dieser Zeit habe ich schon so viele Eindrücke mitgenommen, Menschen kennengelernt, bin von einer anderen Sprache umgeben und habe schon ein bisschen in eine völlig andere Kultur reingeschnuppert.

Aber wo fang ich an? Zum Anfang lässt sich sagen, dass die neue Luft mich am Anfang ein bisschen umgehauen hat, doch man gewöhnt sich sehr schnell daran. Nur das Treppensteigen lässt einem immer noch die Luft wegbleiben.

Als ich also am Samstag vor 8 Tagen übermüdet von einer 24-stündigen Reise am Flughafen von El Alto ankam, wurde ich dort schon total lieb erwartet und zu meinem zukünftigem Zuhause gefahren. Da mein Flugzeug um 1 Uhr morgens gelandet war, bekam ich direkt die nächtliche Kälte El Altos zu spüren und war froh, an einen Schlafsack gedacht zu haben, der mich vor Minusgraden bei wenig isolierten Wänden schützt.

Am nächsten Tag nahm meine Chefin Isa (die zugleich ein wenig die Funktion einer Gastmutter für mich einnimmt da sie nur ein Haus weiter wohnt) mich direkt mit zu einem Trip nach Coroico, einer Stadt die zwar mit dem Auto in nur etwa 2 Stunden zu erreichen ist, jedoch sehr viel weiter unten liegt. Der Wandel der Vegetation ist einfach unglaublich! Wachsen in El Alto nur spärlich Baume und Blumen, so wurde der Straßenrand grüner und üppiger, je weiter wir gen Corico fuhren. Auch die Aussicht war einfach atemberaubend! Ich sah riesige Täler, die einem Urwald glichen und gigantische Berge, die aus dieser Landschaft emporkamen!

Eins von vielen Kreuzen am Rande der Strasse

Eines von vielen Kreuzen am Rande der Straße

Waren wir auf dem Weg nach unten noch die neu gebaute Umgebungsstraße gefahren, ging es nun, als wir wieder zurück nach El Alto wollten, die berühmte „Camino de la muerte“ (Todesstraße) hoch. Früher war sie der einzige Wirtschaftsweg, der Coroico und La Paz miteinander verband. Somit fand sämtlicher Verkehr auf einer Straße statt, die an manchen Stellen nur Platz für ein Auto bietet. Auch wenn der Hauptverkehr seit 2006 auf die längere Umgebungsstraße umgeleitet wird, wird sie immer noch als gefährlichste Straße der Welt angesehen. Am Rand konnte man an manchen besonders schmalen Stellen ganze Wälder von Kreuzen sehen und  mir wurde erzählt, dass man in so manchen Abgrund noch Autowracks erkennen kann.

So viel zu meinem ersten Wochenende in Bolivien. Am Montag fing dann direkt mein zweiwöchiger Sprachkurs an, für den ich jeden Tag etwa 1 1/2 Stunden mit verschiedenen Minibussen (meist „Bullis“ mit 9 Sitzplätzen) nach La Paz fahre. Am Anfang konnte ich mir nicht vorstellen, mich je in diesem Chaos von Bussen zurechtzufinden, die ihr Ziel hinaus rufen oder in der Scheibe stehen haben. Hat man den Wagen gefunden, der einen ans Ziel bringen soll, hält man die Hand raus, um den Bus auf sich aufmerksam zu machen und kann auch an jeder beliebigen Stelle wieder aussteigen. Bushaltestellen gibt es nicht. Mittlerweile komme ich aber schon ganz gut zurecht und verfahre mich immer seltener.

Die Aussicht macht aber jedesmal alles wieder wett! Wenn man von El Alto aus die Autobahn nach La Paz fährt, tut sich ein Tal mit einer RIESIGEN Stadt vor einem auf, von der man nicht erkennen kann, wo ihr Anfang und Ende ist. Im Hintergrund strecken sich zudem die gigantischen Anden mit schneebedeckten Gipfeln empor, einfach atemberaubend!

Zu meinem Alltag lässt sich sagen, dass ich mich mit dem Spanischen noch ein bisschen schwer tue aber es von Tag zu Tag besser wird. Mit meiner Gastfamilie zu kochen (der Mann Von Isa, Chris, ist ein begnadeter Koch), Filme zu gucken und sich einfach nur zu unterhalten hilft mir, immer besser hinter die Geheimnisse der spanischen Grammatik zu blicken (und sie auch anzuwenden).

So, das war’s für den Anfang,
bis bald,

Maggi