Schon so viel erlebt und noch so viel zu erleben!

Mittwoch, 06. Dezember 2017 von Lena Neuenhofer

Schon fast vier Monate in Uganda und erst einen Blogeintrag geschrieben. Meine einzige Ausrede ist, dass ich mehrmals gehört habe, dass wer sich wenig meldet, dem geht es gut. Es ist aber trotzdem Zeit, dass ihr wieder mal etwas von mir hört.

Es ist in den zwei Monaten seitdem ich mich zuletzt gemeldet habe schon wieder unglaublich viel passiert ich weiß überhaupt nicht wo ich anfangen soll.

Am besten fange ich dort an, wo ich auch die meiste Zeit verbringe: bei der Arbeit. Anfangs als ich noch keinen strukturierten Arbeitsplan hatte, hatte ich die Möglichkeit mir die verschiedenen Projekte anzuschauen und kennenzulernen bevor ich mich entscheiden musste, wo ich gerne mitwirken wollte. Doch meine Definition von „Kennenlernen“ und „Anschauen“ unterscheidet sich leicht von der Definition der Ugander. Ich wurde nämlich zu der Schule St. Jude gebracht, an der ich die Lehrer unterstützen sollte und da es mein erster Tag dort war, dachte ich, ich würde erstmal nur zuschauen wie es dort läuft. Doch nach 10 Minuten sollte ich schon eine Klasse in English unterrichten.  Mir wurde nicht gesagt was ich genau unterrichte sollte, auf welchem Niveau die Schüler waren,…. Das war eine kleine Überraschung für mich! Aber eigentlich hätte ich so etwas erahnen können, wenn es für sieben Klassen auch nur vier Lehrer gibt.

Muzungu! Muzungu! Muzungu! Das habe ich an meinem ersten Tag im Kindergarten Adrian Nursery and Day Care Centre den ganzen Tag gehört! 104 Kinder zwischen drei und sechs Jahren gehen zur Nursery School. Je nach Alter und Leistungsniveau sind die Kinder in drei Klassen, Baby Class, Middle Class und Top Class aufgeteilt. Ich helfe hauptsächlich in der Baby Class, wo ungefähr dreiviertel der Kinder sind. Ja, 75 drei bis vier Jährige in einer Klasse! CHAOS! Mit drei Jahren lernen die Kinder schon Englisch Lesen und Schreiben. Wenn ich mich richtig erinnere waren meine Gedanken in dem Alter wo ganz anders – auf dem Spielplatz, im Sandkasten, beim Basteln….

 

Meine Hauptaufgaben sind morgens und mittags das Essenverteilen und die Aufgaben die die Kinder zu erledigen müssen in die Hefte einzutragen. 75 Mal eine Aufgabe wie: „Verbinde das Bild mit dem zugehörigem Wort“ zu schreiben und zu malen kann auf Dauer lästig werden. Da wird mir bewusst was für eine Arbeit ein Drucker übernimmt und wie verwöhnt ich da bin! Es macht mir sehr viel Spaß mit den Kindern zu spielen, aber es ist nicht ganz einfach mit ihnen eine Beziehung aufzubauen, da ihre Englisch- und meine Lugandakenntnisse noch nicht auf dem besten Stand sind, so dass wir gut miteinander kommunizieren können.

Aber man sagt das Beste kommt zum Schluss. Ich habe das Transitory Home kennenglernt und mich direkt wohl gefühlt. Dort kann ich nämlich das was mir bei in den anderen Projekten fehlt, eine Beziehung mit den Menschen aufbauen, erreichen. Ich gehe normalerweise vier Mal die Woche in das Internat. Dort lernen Mädchen unterschiedliche Fertigkeiten, wie z.B. Schneidern, Kochen, Landwirtschaft betreiben, Englisch, Luganda, Buisness culture und Nähen, damit sie die Grundlagen beherrschen, wenn sie später anfangen zu Arbeiten. Nach zwei Jahren Schule, machen sie ein Praktikum für drei Monate und haben danach Examen.  Zusammen mit Tatjana unterrichte ich „Buisness culture“, ein Fach das viel mit Finanzen, Buchhaltung und Kalkulation zu tun hat. Obwohl Mathe nie wirklich mein Lieblingsfach war und ich es manchmal für unnötig gehalten habe, merke ich wie wichtig die Grundlagen die man ab der Grundschule bis zur fünften oder sechsten Klasse lernt bzw. gelernt haben muss: Addition, Subtraktion und das Einmaleins.  Wenn ich einer 17 Jährigen frage was 3+1 ist und ich als Antwort „3“ bekomme (und nein das ist kein Scherz) bin ich kurz vor dem Verzweifeln. Aber das ist die Wahrheit. Die Mädchen, die auf das Internat gehen, haben alle die Schule frühzeitig abgebrochen, manche früher als andere und das Resultat ist, dass sie überhaupt kein Grundwissen besitzen. Aber gerade die Grundlagen sind so extrem wichtig und nicht nur in dem Fach Buisness culture, sondern auch in den anderen Fächern und im Alltag. Ich habe es nämlich selbst miterlebt wie die Lehrerin vom Schneiderkurs gefragt hat: „wenn du eine Schulterbreite von 46cm hast, wie viel ist die Hälfte? Wo muss die Naht sein?“ Das erste was alle Mädchen gemacht haben, ist sich das Maßband genommen und bei 46cm einmal halbiert und dann abgelesen. Und noch nicht mal das hat bei allen funktioniert. Sie haben leider überhaupt keine Vorstellung, ob das was sie gerechnet oder abgelesen haben realistisch sein kann. Obwohl mich dieses Mangel an Wissen sehr schockiert hat, habe ich jetzt auch ein Ziel das ich erreichen möchte bevor ich wieder abreise: dass sie die Grundlagen in Mathe beherrschen!!! Es wird mir viel Geduld kosten, aber bestimmt sowohl für die Mädchen als auch für mich ein sehr schönes Gefühl sein wenn wir das Ziel erreichen.

Um auch mal ein bisschen Spaß mit ihnen zu haben und nicht den ganzen Tag nur Zahlen zu sehen, spielen wir häufig nachmittags noch Fussball oder Volleyball oder tanzen zu Musik.

Arbeit auf dem Feld

 

 

 

 

 

In meiner Freizeit verbringe ich viel Zeit mit Tatjana, einer Freiwilligen aus der Gegend von Freiburg, die aber leider nur drei Monate hier in Uganda bleibt und deswegen schon bald abreist. Wir verstehen uns unglaublich gut und haben zusammen viele neue Freunde kennengelernt mit denen wir auch viel unternehmen. Wenn wir nichts Besonderes vorhaben, fahren wir häufig sonntags an den Strand zu Lake Nabugabo, der etwa eine halbe Stunde von Masaka entfernt ist und zu den wenigen Seen in Uganda gehört der bilharziosefrei ist. Diese Möglichkeit nutzen wir alle gerne aus um ein bisschen schwimmen zu gehen oder sogar anderen Schwimmen beizubringen denn, dass Jugendliche und Erwachsene schwimmen können ist nicht üblich.

Lake Nabugabo

„Wer nach Afrika reist, muss unbedingt auf eine Safari gehen“ wurde mir mehrmals gesagt und dies habe ich  in der Tat auch gemacht. Los ging das Abendteuer am Freitag um 6 Uhr morgens. Nach etwa 12 Stunden in einem Safaribus haben wir das Ziel Packach im Norden Ugandas erreicht. Eine lange Fahrt war sie, aber auf keinen Fall langweilig. Obwohl die Natur Ugandas nicht sehr abwechslungsreich ist, weil es eigentlich alles überall gibt, war die Fahrt, würde man denken, langweilig. Aber es war genau das Gegenteil. Kilometer weit nur grüne Landschaft, die sehr bewundernswert ist! Ja, GRÜN! Ein Vorurteil vieler: Afrika sei heiß, trocken und braun! Stimmt aber nicht. Jedenfalls nicht in Uganda. Momentan ist die Regenzeit und es regnet im Durchschnitt vier Mal die Woche. Nach der anstrengenden Anreise sind wir sehr früh morgens auf die erste Gamedrive gefahren  und hatten nach einer guten halben Stunde schon drei der fünf Großen gesehen: Giraffen, Elefanten und Büffel ohne Ende! Quer durch die größte Safari Ugandas durch den auch der längste Fluss der Welt fließt; das behaupten jedenfalls alle Ugander, dass ihr Fluss, der Nil, der längste Fluss sei und nicht der Amazonas. Laut vielen Interentquellen ist es auch noch sehr umstritten welcher Fluss jetzt tatsächlich länger ist. Während der Bootsfahrt, auf dem Weg zu den Murchison Falls, nach denen der Park auch benannt wurden ist, sind uns noch ein paar große Flusstiere begegnet. Da wir während dem Wochenende sowieso fast die ganze Zeit nur im Safaribus saßen, war es schön als wir hoch zu den Murchison Falls gewandert sind und von denen wir eine super Sicht über den National Park hatten. Abends ging es auf eine weitere Gamedrive und unsere Hoffnung noch ein weiteres der fünf Großen zu sehen war eigentlich schon gestorben…..doch plötzlich meinte der Safariführer „kommt schnell runter vom Dach!“ Und da haben wir vier Löwen gesehen. Dadurch wurde der Tag nur noch besser als er schon bereits war.

 

 

 

Masaka! Masaka wird modern!! Jeden Tag wenn ich zur Arbeit fahre sieht Masaka ein bisschen anders aus. Die Hauptstraßen werden asphaltiert, Gebäude werden fertig gebaut, Straßenlaternen mit Solarplatten werden aufgestellt…. Und alles nur, weil der Präsident kommt (meinen viele) und von dem eigentlich nicht mehr viel gehalten wird. Würde Ehemalige jetzt nach Masaka kommen, würden sie die Stadt wahrscheinlich überhaupt nicht wiedererkennen. Ob modern oder nicht, fühle ich mich in meiner neuen Heimat sehr wohl und kann es kaum fassen, dass ein Drittel schon rum ist.

Masaka Town

Zuletzt möchte ich mich noch ganz doll bei Tatjana für die tollen Fotos bedanken. Sie hat sich nämlich immer die Zeit genommen von all dem was wir erlebt haben Fotos zu machen, die ich mit euch allen teilen darf.

Ich freue mich schon darauf euch bald neues erzählen zu können!

Bis dann!

Lena

 

Uganda – Luganda – Baganda – Buganda

Dienstag, 03. Oktober 2017 von Lena Neuenhofer

Hallo ihr Lieben! Endlich habe ich es geschafft mir etwas Zeit zu nehmen und euch ein bisschen über meine Eindrücke und Erfahrungen zu erzählen. Ich hoffe ich habe euch nicht zu lange warten lassen!J

Nach einer relativen langen Reise dafür, dass ich dachte, dass eine Reise um eine Zeitzone nach Osten nicht so weit sein kann, bin ich endlich in, „die Perle Afrikas“, Uganda angekommen. Ganz entgegen meinen Erwartungen verlief die Reise problemlos. Es gab keine Verspätungen, keine Schwierigkeiten bei der Einreise, …. Dies lag aber wahrscheinlich auch daran, dass Vreda (eine Mitfreiwillige von mir) fünf Tage vor mir geflogen ist und somit mein Versuchskaninchen war. Sonst hätte es gut sein können, dass ich den, ohne Vorwarnung, unerwarteten Zwischenstopp in Kigali, Rwanda als mein Ziel empfunden hätte und vielleicht einen etwas anderen Eindruck über mein Einsatzland gehabt hätte als meine Vorfreiwillige. Während des Fluges gingen mir so viele Fragen durch den Kopf zu denen ich immer noch keine Antwort gefunden hatte. Ich musste mir dabei immer wieder sagen „Lass dich überraschen. Die Antwort wird schon irgendwann kommen.“

Obwohl ich erst um drei Uhr morgens in Entebbe gelandet bin, hatten meine Mentoren mich mit offenen Armen empfangen und die Müdigkeit war schnell vergessen, weil ich das Gefühl hatte, jetzt fängt es richtig an! Anschließend sind wir von Entebbe in die Hauptstadt von Uganda gefahren und haben dort noch ein paar Stunden Schlaf nachgeholt.

Am Sonntagmittag hatte ich endlich die Möglichkeit Kampala bei Tageslicht zu sehen und mir auch ein Bild von der Stadt und den Menschen zu schaffen. Zum Glück hatten meine Mentoren mich zu Beginn an die Hand genommen, damit ich meine neue Umgebung bewundern konnte, ohne von einem BodaBoda (Motorrad) oder Taxi im ungewohnten Linksverkehr umgefahren zu werden. Meine ersten Eindrücke waren Chaos und Lärm.

Nach meinen ersten Stunden in Kampala hatten meine Mentoren mich zu meiner Gastfamilie nach Mpererwe, im Norden Kampalas, gebracht. Die Familie besitzt viele Tiere, u.a. über 200 Hühner (die mir das Ausschlafen am Wochenende nicht einfach gemacht haben), drei Kühe und 20 Schweine. Dort habe ich gewohnt während ich die Grundlagen der Sprache Luganda gelernt habe. Luganda ist leider überhaupt nicht mit den schon bekannten Sprachen Deutsch, Englisch, Französisch oder Spanisch zu vergleichen, weshalb es mir sehr schwer fällt diese neue Sprache zu lernen aber es macht trotzdem sehr viel Spaß. Die Ugander meinen nämlich, dass die „Weißen“,  oder auch „Muzungus“ genannt, nur Englisch können. Wenn ich aber meine bisherigen Kenntnisse mal anwende und z.B. den Taxifahrer bitte an der nächsten Ecke zu halten, sind alle überrascht und fangen an zu lachen, weil sie nicht davon ausgegangen sind, dass ich, als Muzungu, Luganda kann. Leider führt das dazu, dass viele der Meinung sind, dass ich jetzt fließend Luganda sprechen kann und muss sie deswegen schnell enttäuschen und sagen, dass ich erst seit ein paar Wochen Luganda lerne.

Hier in Uganda ist es sehr typisch zwei Namen zu haben: einmal den Namen, der von den Eltern gegeben wird und dann noch den bagandischen Namen, der von den Großeltern gegeben wird. Meine Gastfamilie meinte zu mir, dass ich erst eine richtige Uganderin bin, wenn ich auch einen bagandischen Namen besitze. Deswegen habe ich direkt an meinem ersten Tag den Namen „Nakimuli“, der übersetzt „Sonnenblume“ heißt, bekommen und stelle mich auch seitdem immer als Nakimuli Lena vor. Ob ich diesen Namen wegen meinen roten Haare bekommen habe…..

Außerhalb von der Sprachschule habe ich die verschiedensten Seiten von Kampala gesehen. Ich war zusammen mit Vreda auf dem Bahai Tempel von dem wir eine super Sicht über ganz Kampala hatten.

Sicht auf Kampala vom Bahai Tempel

Seitdem ich in Uganda angekommen bin, gab es schon ein Paar Umstellungen auf die ich mich zum Teil vorbereitet hatte bzw. über die ich mir Gedanken gemacht hatte. Die erste Umstellung, die direkt am ersten Tag auf mich zu kam war, dass ich nach zwei Jahren wieder Fleisch und Fisch gegessen habe… und nicht nur am ersten Tag, sondern seit meiner Ankunft gefühlt jeden Tag! Aber es schmeckt sehr gut! Eine weitere ist, dass sich jüngere Kinder aus Respekt vor mich hinknien, wenn sie mir hallo sagen oder mir etwas zu essen oder zu trinken bringen. Als ein Kind sich das erste Mal vor mich hinkniete, war ich sehr schockiert und wusste überhaupt nicht wie ich reagieren sollte. Meine Gastmutter hat mir dann aber erklärt, dass das Hinknien vor Übergeordneten oder Gästen, vor allem vor den Großeltern, zur Kultur gehört und ich es nicht als unangenehm empfinden soll.

Ich habe in meinen ersten paar Wochen schon viel über das Land Uganda und insbesondere die Region Buganda gelernt, wo ich mein Jahr verbringen werde. Dabei werde ich viel über die Kultur der Baganda, die Einwohner Bugandas, und hoffentlich die Sprache Luganda lernen.

Diese vier Begriffe Uganda, Baganda, Buganda und Luganda habe ich für meine Überschrift gewählt, weil sie meine ersten Erfahrungen und Eindrücken umfassen und mich das ganze Jahr hier in meiner neuen Heimat begleiten werden.